Google soll für Nachrichten zahlen

Okay, ich hätte auch nicht geglaubt, dass ich das jemals schreiben werde.

Aber ich tu’s: Google soll für Nachrichten zahlen.
Und zwar so viel wie möglich.

Das hat nichts mit Printler sein, Fortschrittsfeindlichkeit, Subventionsempfängertum, Alterung oder sonstwas zu tun. Ich lebe mehr online als viele Meinungsfachkräfte des Internets.

Die Diskussion aber, die um news.google.$$$, “Leistungsschutzrecht” und VÖZ geführt wird, ist von so einer fassungslos machenden Kurzsichtigkeit, dass mir das Schaudern kommt. Ein in seiner schamlosen Offensichtlichkeit betrüblicher Kampf einzig und alleine um Kanalhoheit, der zur absurden Situation führt, dass sogar eine große Gruppe an Journalisten abseits aller wirtschaftlichen Zusammenhänge ungefiltert Großkonzernpropaganda nachbetet und sich dabei auch noch im Recht fühlt.

Ein Trauerspiel.

Ja, ich weiß: Google schaltet keine Werbung zu den Nachrichten.
Ja, ich weiß: Mit einem Stückchen Code kann man Google davon abhalten, Nachrichtenportale zu listen.
Ja, ich weiß: Google stiehlt keine Nachrichten.
Ja, ich weiß: Die Medien profitieren von den Links.

Na und?
Die Diskussion ist eine ganz andere, und Google selbst hat nun die einzig wichtigen Argumente geliefert. Denn Google stiehlt zwar keine Nachrichten, aber Google ist auch nicht im Recht.

Denn Google handelt bei den Nachrichten durchaus parallel zu seinen Steuergeschichten. Auch hier tut Google nichts Unrechtes, im Gegenteil: Die zuletzt bekannt gewordene und viel kritisierte Konstruktion ist völlig rechtmäßig. Und trotzdem für mich jener Moment, an dem Google allen Wohlwollen verspielt hat.

Die BBC berichtet ausführlich: Google macht Millardenumsätze und zahlt, nach einem Spinnennetz an Geldtransferen, einen lächerlichen Steuersatz. Ein paar Auszüge: “Amazon, which had sales in the UK of £3.35bn in 2011, only reported a “tax expense” of £1.8m. And Google’s UK unit paid just £6m to the Treasury in 2011 on UK turnover of £395m.” Das Geld wird über Irland, Bermuda und die Niederlande verschoben, intern gegenverrechnet. Eine Briefkastenfirma in den Niederlanden hat keinen Mitarbeiter – und setzt Hunderte Millionen um.

Business as usual für internationale Konzerne? Klar. Konzerne müssen ja eigenartigerweise nicht zurücktreten, wenn Steuertricksereien auftauchen. Im Gegenteil: Das gehört so. Aber Hauptsache, über das Bankgeheimnis wird debattiert.

Aber Google zeigt sich als Konzern, der sich ohne Skrupel hunderte Millionen aus Ländern als Gewinn absaugt. Und hier sind wir beim Punkt: Google saugt ab. Steuergelder, sprich letztlich: sozialen Zusammenhalt hier, Fremdleistungen da.

Denn das Argument funktioniert natürlich auch in die andere Richtung: Warum schmeißt Google die Nachrichten, die so viel Ärger machen, nicht einfach aus dem Index? Die Antwort ist banal: Weil Google mindestens ebenso viel von den Nachrichten profitiert wie die Portale von den Links. Hier wird der Index um hochwertigen Content erweitert, den sich Google zu produzieren erspart. Genauso übrigens, wie bei den eingescannten, natürlich durchwegs mit öffentlichen Geldern gesammelten Nationalbibliotheken.

Google transferiert öffentliche Leistungen in Gewinn. Und das gehört geändert. Ich habe überhaupt kein Problem damit, hier bei den Nachrichten anzufangen: Google soll zahlen. Ich bin sicher, man kann einen Gesetzestext schreiben, der nicht das Internet ruiniert und der trotzdem dafür sorgt, dass Google für Nachrichten zahlt. Von mir aus sollen die eingehobenen Gelder nicht dem VÖZ, sondern einer Stiftung für Qualitätsjournalismus zugeführt werden. Das wäre dann ein kleiner Ausgleich dafür, dass Google öffentliche Leistungen der Vergangenheit und Gegenwart zu seinen macht – und letztlich natürlich damit Geld verdient.

Eins noch: Die Verlogenheit der Debatte in Österreich ist erschreckend. Im postpubertären Eifer sitzen da die “Onliner” und pochen auf ihr gefühltes Recht, Nachrichten gratis zu konsumieren. Wie gut diese Ökonomie funktioniert, sieht man längst in der Kultur: Auch hier wurde in einem fehlgeleiteten Klassenkampf ein Unsympathlerhaufen gegen einen anderen getauscht. Die bösen Lables wurden durch heroisches Musikkopieren niedergerungen. Und jetzt verkaufen halt Apple und Google Musik. Was das besser macht, entzieht sich mir. Genauso bei den Nachrichten: Böser VÖZ, fortschrittfeindliche Zeitungsmenschen! Was es aber besser macht, wenn die Nachrichten zwar frei verbreitet, die Nachrichtenproduktion nicht mehr finanzierbar ist (wer jetzt Flattr sagt, soll mich bitte vergessen), entzieht sich mir auch.

Und dann gibt es noch den eigentlichen Kern der Medien-Debatte: Es ist, wie oben erwähnt, nichts anderes als ein Diskurs über Kanalhoheit. Die vehement ausgerufene Medienzukunft nützt jenen, die sich im Mediengefüge sozial übervorteilt fühlen. Eigentlich pocht in dieser Diskussion jeder – alte Journalisten-Schule (VÖZ), neue J-Schule und Googlejünger – nur auf die Entmachtung der anderen. Und das ist der eigentliche Grund, warum man an der Zukunft des Medienwesens (ver)zweifeln kann.

Du musst nicht eifersüchtig sein

Lieber Blog,

ich mag dich immer noch! Ich werd dich auch weiter befüllen.

Aber ich habe auch einen neuen Blog gestartet, drüben, beim Kurier. Über Kulturrevolution. Schau doch mal vorbei!
bussi
g

… und auch manchmal freuen

Eine Fortsetzung des IMHO besten Rollenspiels vor der Jahrtausendwende, Planescape: Torment, ist offenbar in Arbeit, wie ich erst jetzt entdeckt habe.

Nicht immer nur schimpfen

sondern mal was richtig schönes zum anhören. das ist der einzig richtige soundtrack für count zero- und neuromancer-lektüre.

Man muss Disney nicht mögen

Aber Infinity klingt schon sehr spannend. Das Spiel “will allow players to mix and match characters and props from Disney and Pixar movies, including the “Pirates of the Caribbean” series and “The Incredibles.””, schreibt die New York Times.

Heißt konkret: Man muss “echte” Actionfiguren kaufen, die in eine Basisstation stecken und kann dann auf XBOX etc in diese Rollen schlüpfen.

Geldbörselzugriff galore.

Mein Twitter, mein Space

Twitter macht wieder Spaß!

Was für eine großartige Sache. Ich habe Österreich in eine Liste verpackt. Alle Parteigänger, alle “Meinungsbildner” im Land der Zwerge, alle Proporzgläubige und politisch Festgezimmerten, alle jene, deren Horizont an den Alpen endet (und einige andere, die ich aus verschiedenen anderen Gründen nicht in der Timeline haben wollte).

Ich habe sie entfolgt und in eine Liste gesteckt, wo sie außerhalb meiner Timeline DSWs abhalten können, so viel sie wollen. Und dort schau ich nur noch rein, wenn die mentale Verfasstheit es zulässt. Wenn ich gerade über Österreich lachen kann, es nicht ernst nehme. Wenn im Fernsehen nicht gerade irgendeine Politdiskussion läuft, die dann auf Twitter überschwappt, wo man dann prompt mit dummdreister Politproporzpropaganda belästigt wird.

Und siehe da: Twitter (das bei mir schon am Punkt des Desinteresses angelangt war) atmet wieder, macht Spaß, die Timeline bietet Witz, Inspiration und dieses kohlensäureprickelnde Hirngefühl von ganz vielen kleinen bereichernden Gedankenblitzen.

Twitter ist mein.

Und übrigens social media: Auch Myspace hab ich mir zurückerobert, in der schönpolierten neuen Version. Dort geht es um Musik, nicht um wisecracking, self shots oder österreichische Proporzhahnenkämpfe. Eine Erleichterung. Wenn auch manches noch hatscht (etwa bei den Songs, an denen Myspace keine Rechte hat und die es nur in Snippets abspielt), das neue Myspace kann was.

How to: Erstellen klugscheißerischer Popbestenlisten für Anfänger

Platz eins: die Königsdisziplin. Kriterien: CD ist nicht im Handel erhältlich, bisher nur auf Pitchfork in einem Nebensatz erwähnt. dafür unanhörbar. “die beste platte des neo-$genre”, wobei $genre vorzugsweise erfunden ist. textlich nach zwei Kriterien abzuhandeln: arrogant (“ein muss”) und exkludierend (“nichts für Ö3-Hörer “)

Platz zwei: ironisches Zugeständnis an den Mainstream. “Das eigentlich beste Album des Jahres kam von Lady Gaga, weil sie so ekelerregend kommerziell ist, dass es eine Faszination des Schreckens hervorruft”

Platz drei: unbekannte österreichische Band, vorzugsweise mit dem Autor befreundet.

Platz vier: siehe Platz eins.

Platz fünf : Aus internationalem Musikmagazin abgeschrieben.

Der Trend zum Mietbuch

Nein, Kindle hab ich mir noch keinen gekauft. Remotes Bücherlöschen? Kommt überhaupt nicht in frage. Sonst aber geht mir die Diskussion um Besitz von Ebooks weitestgehend am Bücherregal vorbei. Beziehungsweise: es ist mir eigentlich völlig egal, wenn ich “meine” Bücher (oder auch Musik) nicht besitze. Welches Gut ist besser für Miete geeignet als ein Roman? Die paar, die ich öfter lese als ein Mal, kaufe ich mir halt als Papier. Ob ich den Rest aber am Reader rumliegen habe oder nicht, kümmert mich nicht. Keiner wird bewundernd meinen Reader durchsuchen und toll finden, was für gescheite Texte ich lese. Der Reader ist kein Bücherregal, Bücher sind da kein Pseudoausstellungsstück. Mit dem Papierbuch ließ es sich herrlich angeben. Mit dem Ebook nicht. Und das ist eigentlich ein Vorteil.

Die Kulturrevolution ist gescheitert

We were promised unicorns, and all we got is Gangnam style.

Oder, in anderen Worten: Die Online-Kulturrevolution, von der wir uns alle so viel versprochen haben, ist großflächig gescheitert.

Ja, das tut mir auch weh. Es hat alles so gut geklungen. Aber nüchtern betrachtet hat sich keine der großen Versprechungen der revolutionären Kampfrhetorik (ja, ich bin an der mitschuldig) bewahrheitet. Im Gegenteil.

Was hätte nicht alles passieren sollen mit der Kultur im Internet, in den sozialen Medien. Geld kommt direkt zu den Künstlern, der direkte Draht zum Publikum macht es guten Acts leichter, Kommunikation und nicht Geld macht künftig Karriere.

Bollocks.

Die Realität ist eine ganz andere.

Was hat die Verfügbarkeit von Kulturprodukten an der Kultur besser gemacht?

Den meisten Künstlern geht es finanziell weiter dreckig. Ja, Verlage in jeder Hinsicht – CD-Labels, Film- und TV-Studios, Buchverlage – wurden durch legale und nicht so legale Onlineangebote recht großflächig entmachtet, Kündigungswellen inklusive. Zu einer kulturellen Blüte – „die bösen Konzerne nützen die Künstler aus, in direktem Kontakt zum Publikum wird die Kunst freier“ – hat dies nicht geführt. Wo sind die tollen jungen Acts, die jetzt plötzlich von uns allen entdeckt werden? Wer von uns hat schon in nennenswertem Ausmaß Indie -Musik geflattert, gekickstarted, wer hat neue Autoren entdeckt, auch nur irgendeinen Kunstschaffenden irgendwie unterstützt, wie es früher nicht möglich gewesen wäre?

Wer von uns hat die freiwerdenden Mittel aus dem nicht mehr nötigen Kulturkauf wieder in Kultur investiert? Wer von uns hat kreativen Umgang mit Kultur gepflegt, der früher nicht möglich gewesen wäre? Nein, wir sind nicht alle DJs, Videokünstler oder sonstwas geworden. Die meisten hören Musik – und aus.

Warum, weiters, sind in der offenen neuen Internetkulturwelt „Gangnam Style“ und Justin Bieber-Irgendwas die meistgesehenen Videos?

Wenn überhaupt irgendwas, ist Pop noch feiger geworden. Investitionen müssen sich in der Krise noch sicherer auszahlen, und das heißt: Anbiederung an die Hörer, die noch Musik kaufen, und Anbiederung ans Werbeumfeld. Die besten Voraussetzungen für mutigen Pop.

Bei der Literatur – das selbe Spiel. Jeder kann nun Texte veröffentlichen und verlegen lassen – größter Hit bei Amazon? „50 Shades of Grey“. Na danke.

Ausnahmen bestätigen etc. Natürlich gibt’s eine Amanda Palmer, einen Cory Doctorow, einen (hüstel) Paulo Coelho, die das neue Umfeld für sich nützen. Ausreichende Gegenbeispiele sind die noch keine.

Was hat die Verfügbarkeit von Kulturprodukten an der Kultur besser gemacht?

Und bitte hörts jetzt auf mit „es fehlt an legalen Onlineangeboten, wenn es das zu beziehen gebe, zahlat ich eh dafür“. Einen Scheiß tun wir. Es gibt wahrlich keinen großen Engpass bei DVDs, die kann man sich sogar aus USA schicken lassen; und trotzdem kauft’s keiner. „Weil das nur den großen Konzernen nützt!“, twittern die Leute vom Apple-Computer. Geh bitte.

All you can eat-Streamingdienste kosten Peanuts, kauft trotzdem keiner.

Genützt hat all das bisher nur dem Konsumenten. Der spart sich wahnsinnig viel Geld dadurch, dass alles gratis zu bekommen ist. Das ist auch echt super so. Nur die Mär eines kulturellen Aufbruches brauchen wir nicht mehr erzählen. Den hat es nicht gegeben.

Ganz ähnliches gilt übrigens für die Medien. Mehr dazu ein andermal.

In Österreich ist Fortschritt immer ein Problem

Jö, der Herbst ist da, und nein, ich freue mich nicht auf die kommende Kunstentlohnungsdebatte. Der Auftakt wird wohl am 17. Oktober sein: Künstler wollen für die Festplattenabgabe demonstrieren.

Das ist ungefähr so sexy wie Journalisten, die für das Leistungsschutzrecht auf die Straße gehen. Auch wenn ich prinzipiell für die Festplattenabgabe – überhaupt für gescheite Pauschalmodelle - bin: das kann doch nicht die Art sein, wie die Kunstentlohnungsdebatte geführt wird. Einen diffizilen, im Wesentlichen noch überhaupt nicht begonnenen, aber dringend notwendigen Dialog über Entlohnungsformen für Kunstschaffende mit einer Demo für einen emotional aufgeheizten Nebenaspekt zu konterkarieren – das betrübt mich, denn so werden die Fronten verhärtet, und das ewige Hickhack ist eh schon kaum auszuhalten.

Es passiert derzeit ein weit wesentlicherer Kulturwandel als die Frage, ob Festplatten jetzt 10 Euro mehr oder weniger Kosten. Mit Konzepten von vor 25 Jahren wird man dem nicht beikommen. Darauf das öffentliche Hauptaugenmerk zu richten wird die von beiden Seiten auf erbärmlichem Niveau geführte Diskussion keinen Schritt weiter bringen.

Fortschritt dürfte aber eh nicht das äußerste Ziel aller Beteiligten sein: Die IG Autorinnen Autoren fordert den Rücktritt der Nationalbibliotheksdirektorin. Weil diese irgendwann einmal nur noch Ebooks sammeln will.

Wie unglaublich österreichisch: Die Zukunft muss genauso bleiben wie das Heute, Veränderungen sind böse und wer für noch so zarten Fortschritt steht – auch wenn es erst um 2025 geht – ist suspekt, ja muss ausgetauscht werden.

Genau darum schaut es in unserem Land so aus, wie es aussieht.

Künstler haben eigentlich – so glaube ich immer noch – die vulgärkonservative Gesellschaft vor sich herzutreiben. In der Kunstentlohnungsdebatte ist das Gegenteil der Fall.

Und nein, die Gegenseite hat auch nicht Recht. Die Kunst darf nicht dem Onlinedarwinismus ausgeliefert werden, auch wenn der noch so glänzt. Die Bringschuld von uns Onlinern: Es gilt, Chancen für das finanzielle Überleben von Künstlern in mindestens dem Ausmaß zu schaffen, dass der Ausfall der zerschlagenen Strukturen mindestens kompensiert wird, im Idealfall  aber mehr Geld in die Kultur fließt. Da gibt es noch gewaltigen Nachholbedarf. Und eine Festplattenabgabe, auch eine Internetpauschale ist eine jeweils ausreichend geeignete Übergangslösung, die niemanden umbringt.