Dem zurückhaltenden Urteil von Volker Weber über Nokias N900 (“do you want an N900? Probably not. Not yet.”) könnte man auch vier Monate später noch vorbehaltlos zustimmen. Wer will schon ein Smartphone mit einem Betriebssystem (Maemo), das “permanent beta” (copyright Martin Leyrer) ist und noch dazu von Nokia selbst bald durch ein anderes ersetzt wird, ohne bisherige fixe Zusage, dass das dann auch am N900 läuft? Wo viele essentielle Sachen nur über Umwege funktionieren und es kaum Anreize für Fremdhersteller gibt, Apps zu schreiben? Das dreimal so dick ist wie ein iPhone und dessen Akku dennoch genauso schnell leer ist?
Die Antwort ist eindeutig: Ich.
Denn Nokia macht hier als einziges Unternehmen etwas sehr Grundlegendes richtig und bekommt dafür viel zu wenig Anerkennung. In der Aufmerksamkeitsökonomie zwischen iPhone und Android in die Bedeutungslosigkeit zerrieben, ist das N900 dennoch das einzige “free phone”. Nein, damit meine ich nicht gratis (Disclaimer: Ganz im Gegenteil, ich habe echt viel Geld dafür gezahlt; sprich: ich habe kein Testgerät von Nokia bekommen). Sondern es ist das einzige Handy, wo man als Besitzer alle Freiheiten hat. Während Apple beginnt, sich mit seinem geschlossenen Software-System lächerlich zu machen, und man wahrlich genug gute Gründe finden kann, sich Google (=Android) nicht auch noch am Handy einzutreten, bin ich am N900 “root”. Wo jede Funktion, die man benützen darf, anderswo einen Gnadenakt darstellt, vertraut Nokia dem Benutzer.
Dabei ist es ja gar kein Telefon. Sondern ein tragbarer Linux-Minicomputer, was ich durchaus als die Zukunft des mobilen Computings sehe.Wenn man diesen Gedanken wirklich mitlebt, dann dürfen Akku-Laufzeiten bei heavy use (Dauersurfen, Programme Installieren, Spielen, WLAN) von 4 oder 5 Stunden nicht verwundern: Die meisten Laptops laufen nicht länger. Denkt man ein bisschen mit (WLAN abdrehen, wenn nicht in Gebrauch, Refresh-Zeiten für Email und RSS auf vernünftige Intervalle stellen), kommt man locker über eineinhalb Tage, ohne neu aufzuladen, ein ziemlich typischer Wert für Smartphones. Zu den Standard-Fragen: Das N900 ist sauschnell und responsive, es lässt beim Multitasking erstaunliche Muskeln spielen, es fungiert als Radio-Sender für lange Autofahrten und lässt sich ganz einfach an Fernseher anschließen, es hat einen umwerfenden Bildschirm und ausreichende Telefoniefunktionen.
Dennoch: Der Kanten sind viele. Umwege zum Bearbeiten von Kontakten, handgestrickte Sync mit Exchange-Servern, ein – freundlich gesagt – nicht ganz lückenfreies Software-Angebot (für das eben die Community verantwortlich ist und kein Konzern), nur zwei Ringtone-Profile… – man kann genügend Fehler finden, die dem Kauf widersprechen. Und ich bin bis jetzt nicht draufgekommen, wie ich das Menü umordnen kann.
Wer den Kauf eines N900 überlegt, muss ganz, ganz genau wissen, was er will. Vieltelefonierer sind ebenso falsch wie Angeber (die tausend Apps und überdesignte Benutzeroberflächen herzeigen wollen) und jene Businesskunden, die nahtlose Integration mit bestehenden IT-Ökologien brauchen. Wer aber einen Computer mit vollwertigem Browser immer dabei haben will, wer viele Medien konsumieren will (das N900 kann Flash, viele Audio-und Videoformate, Video-Streaming vom Heim-Server auf den TV oder auch Web-Radio unterwegs), sein Telefon nach den eigenen Vorstellungen nutzen will, Fern-Zugriff auf andere Computer verwenden will und auch Emulatoren (C64) laufen lassen will, ist hier goldrichtig.
Vor allem aber alle, die sich nicht von Mobiltelefon-Herstellern bevormunden lassen wollen. Dieses Telefon ist meines, ohne Einschränkungen. Und das alleine ist ein ausreichender Grund, mit dem Börsel abzustimmen: Dorthin soll die Entwicklung gehen.