October, 2008:

E-Books – Die “ersten” Lesegeräte

So funktioniert die Berichterstattung über technische Entwicklungen: Ungefähr ein Jahrzehnt nach den ersten portablen E-Book-Readern wurden die derzeitigen Geräte auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert und somit an die Kulturredakteure herangetragen – und gelten nun allen Ernstes als erste Lesegeräte.

E-Books vs. Papierbücher – Argumentationsfutter für die Gedankenfehler

Am Feedback auf die eignen Ablaichungen ist lustig, dass man erst draufkommt, wie viel Erklärungsbedarf es bei den eigenen Postings gibt – denn der Vergleich zwischen Papierbüchern und Vinyl war eigentlich genau gegenteilig gemeint. Immer mehr Leute, die Musik wirklich wichtig nehmen, spielen wieder LPs, so gut wie alle hochklassigen Veröffentlichungen gibts auch als LP und Plattenspieler sind sehr preisgünstig zu haben. Ich wollte damit sagen, dass das Buch nie sterben wird, so wenig wie die LP durch die CD ersetzt wurde.

Dennoch: Viele Argumente, die gegen E-Books gebracht werden, sind überholt (dass sie auch irrational sind, ist schön, finde ich – das zeigt wie wichtig den Menschen das Lesen ist). Das mit dem Flimmern hat vor fünf Jahren noch gestimmt, ist aber mittlerweile nur noch ein Vorurteil, da die Displays der E-Book-Reader ganz anders funktionieren als Computerbildschirme (mal abgesehen davon, dass ohnehin die meisten Menschen auch nach der Arbeit in ein flimmerndes Kastl schauen, ohne sich darüber zu beschweren). E-Ink-Displays flimmern nicht.

Ich glaube, es macht auch keinen großen Unterschied, ob man an den Strand neben ein bis zwei Handys, MP3-Player und Digicam auch noch statt des Papierbuches ein E-Book mitnimmt- deswegen gibt es auch nicht mehr Kabeln. Und wie viel praktischer ist es, statt zehn Zeitungen und fünf Büchern nur einen E-Book-Reader für den Urlaub einzupacken… da ist noch ein Ladegerät locker drinnen, oder die Hersteller schaffen es endlich, alle auf USB umzustellen. Bei mir gehen übrigens auch alle Bücher kaputt (die sind dann ganz süß wellig und picken zusammen), die ich in die Badewanne mitnehm…

Und so viel ich das beobachte, geht es den Zeitungen zumindest in den USA schon ordentlich schlecht – das Blöde ist, dass sowohl im Print- als auch im Online-Bereich die Werbeeinahmen zurückgehen. Warum, ist klar: Der Medienkonsum verändert sich grundlegend, und schafft so einen Teufelskreis – Online nimmt den Zeitungen Werbeeinnahmen weg, und andererseits verwenden die Leute auch im WWW dann andere Quellen als auf Papier. Blöde Geschichte, die sicher zum Teil dadurch begründet ist, dass es halt viel mehr Wege gibt, Nachrichten zu bekommen (und dass die Menschen ja auch überhaupt keinen Geschmack darin zeigen, wie sie sich über die Welt informieren – wenn ich in der U-Bahn sehe, was für Dreck die Leute in sich reinstopfen, wundert mich nichts mehr in Österreich).

Und eigentlich ist es auch egal, ob es Zeitungen weiter gibt, wie der New York Times-Herausgeber sagt: Große Nachrichtenlieferanten liefern Nachrichten und keine Zeitungen. Ebenso schreiben Autoren Texte und keine Bücher – oder? In welcher Form die erscheinen, ist meiner Meinung nach nebensächlich. Wir haben heute auch keine Pergamentrollen mehr.

Die wahren Probleme sehe ich darin, dass die Reader lächerlich teuer und noch dazu viel zu eingeschränkt sind, und dass die deutschsprachigen Verlage mal wieder alles verschlafen. Was ist so schwer daran, einen wachsenden Markt zu bedienen?

Naja, ich bin jedenfalls froh, dass ich meine Bibliothek zuhause von geschätzten 3.000 Büchern auf 500 reduziert habe. Sonja Harter hat recht, das Vernichten ist lustig gewesen – aber jetzt freu mich mich vor allem über den Platz, und räume lieber meine Festplatte mit Texten voll als mein Zimmer.

Gegenposition: Papierbücher

Autorin und Kollegin Sonja Harter ist in Hinblick auf die Zukunft des Papierbuches ganz anderer Meinung als ich und hat einen Kommentar gepostet, der hiermit prominenter platziert werden soll:

“menschen unter vierzig in zehn jahren: sprich – leute, die heute nicht älter sind als 29. beinhaltet also bereits literate menschen in einer spanne von fast 23 jahren (6 bis 29 also). übrig bleiben all jene, die entweder noch nicht eingeschult, oder überhaupt noch gar nicht geboren sind. sprich: die sind in zehn jahren dann zwischen null und – ähm… 15 oder so. gemessen an der alterung der bevölkerung also ein eher geringer teil der menschheit, aber experiment bleibt gedankenexperiment.

gedankefehler no. 1: um vinyl abspielen zu können, braucht man plattenspieler. plattenspieler sind heutzutage kaum leistbar, schallplatten im gewünschten spektrum größtenteils nicht erhältlich.

zum lesen in büchern braucht man allerdings nur zwei dinge: augen und hände.

bereits vor 10 jahren herrschte großer pessimismus: die zeitungen würden angesichts des internets aussterben. nun. was ist passiert? nix. vielleicht holt man sich heute tagesaktuelle nachrichten oder einzelne artikel aus dem netz – zeitung gelesen wird dennoch (mehr denn je, möchte man glauben, wenn man am späten vormittag die u-bahn benützt). und der qualität im journalismus geschadet hat’s (in eingen fällen) auch nicht.

gedankenfehler no. 2 – das horten von medien. ob es nun platten, kassetten oder cds sind: sie verstauben in unseren regalen ebenso wie es mp3s auf den festplatten tun. warum sollte man bücher, die man nur einmal gelesen hat, wegwerfen? vom e-book löschen?

gedankenfehler no. 3 – bücher – je billiger sie werden, desto besser – kann man wirklich überall hin mitnehmen. in die badewanne, zum arzt, in die u-bahn, ins flugzeug. abgesehen davon, dass seiten-umblättern was spannendes hat – liegen menschen in zehn jahren total verkabelt im wasser? wartezimmer? flugzeug?

gedankenfehler no. 4 – den ganzen tag vorm bildschirm und dann in der freizeit auf ein flimmerndes kasterl schauen? stets das ladegerät mit im gepäck?

und überhaupt: auch bücher kann man herrlich vernichten: wegwerfen oder herschenken. aber lesen wird man sie immer :-)

so long, einstichspuren”

Prognose: Papierbücher sind das Vinyl von morgen

Ich versuche mal mein Glück an einer Prognose. In zehn Jahren hat das Buch bei den Unter-Vierzigjährigen den Status erreicht, den derzeit Vinyl hat und die CDs immer mehr bekommen: Wo wirklich Emotionen dranhängen, will man einen Gegenstand besitzen. Aber die Musik mit Ablaufdatum wird nur noch elektronisch konsumiert und steht nicht mehr im Zimmer rum. Das heißt, übertragen aufs Buch: All jene Bücher, von denen man sicher ist, dass man sie nur einmal liest, werden als E-Book gekauft werden. Das ist wahrscheinlich ohnehin der Großteil.

Und übrigens: Das derzeitige Angebot an deutschsprachiger Hochliteratur in E-Book-Form ist für die Verlage nur eines – beschämend.

Abschied vom Schleppen – E-Book-Experiment

Ich gebe auf. Nachdem ich nun den 900-Seiten-Ziegel “Anathem” durch ganz Wien geschleppt habe (Neal Stephensons neuer Roman war mit mir in der Staatsoper, im Theater an der Wien, in x Cafes und, nicht zuletzt, in zahlreichen U-Bahnen), starte ich ein Experiment: Ich werde als bekennender Vielleser nur noch E-Books konsumieren. Scheint kein Problem zu sein mit englischen Büchern, aber ich fürchte, außer dienstlicher Lektüre, wo ich wohl nicht an dem einen oder anderen “echten” Buch vorbeikommen werde, wird kaum was Deutschsprachiges dabei sein.

Auch wenn, nach der Frankfurter Buchmesse, die beiden weitest verbreiteten Reader endlich ihren Weg gnädigerweise nach Europa finden – das Angebot an neuen deutschsprachigen Belletristik-E-Books ist stark beschränkt. Ich stimme ab jetzt mit meinem Konsumverhalten ab: Was nur als Papierbuch und als Software für proprietäre Hardware verfügbar ist, les ich halt nicht.

Und nein, mir geht die Haptik des Papiers beim Lesen überhaupt nicht ab.

Für mich ist hiermit nicht das E-Book tot, sondern das Papierbuch.

Gedankensammlung 2: IT-Berichterstattung wie sie ist, sein sollte und nicht sein sollte

[Erster Teil]

  • Microsoft-Bashing, Linux-Euphorie: Interessiert die Menschen nicht. Wer würde eine TV-Seite lesen wollen, die immer und immer wieder aufzählt, warum irgendein Fernsehsender (oder eine TV-Serie, oder ein Nachrichtensprecher…) besser ist als der andere? BItte, liebe IT-Journalisten, get over it! Ein Betriebssystem ist ein Betriebssystem. Zeit, weiterzudenken.
  • Technikverliebt: Ein Kulturjournalist, der nicht kritisch zwischen guten und schlechten Inszenierungen, Büchern, CDs etc. differnzieren kann, macht sich lächerlich. Ein IT-Journalist, der Computern, Gadgets oder Webseiten nichts anderes entgegenbringt als bewunderndes Staunen, auch.
  • Detail-Fetischismus:IT-Berichterstattung ist Wirkungs-Berichterstattung: Interessant ist nicht, wie etwas genau funktioniert und welche Treiber man updaten muss, sondern was sich dadurch ändert: Youtube hat den Medienkonsum geändert, Google den Umgang mit Information, und kleine Internettablets verändern potenziell die Art, wie man unterwegs vernetzt ist. Und genau da hört die IT-Berichterstattung derzeit auf. Aber sie müsste dort anfangen.
  • Kompetenz: Wer auf Youtube immer noch nur die Katzenvideos findet, hat die Plattform nicht verstanden. Und sollte nicht darüber schreiben.

[und nun zurück zu Anathem ;-)]

Neu auf meinem Schreibtisch

Eben angekommen – Neal Stephenson, “Anathem”. Wer Stephenson nicht kennt – der Autor von u.a. “Snow Crash” und “Cryptonomicon” macht das, was IT-Berichterstattung auch sollte: Geek-Themen spannend, intelligent, nicht eindimensional und mit “guten Geschichten” für eine breite Leserschaft aufzubereiten. Die Hoffnung lebt auf ein Interview in rund zwei Wochen – viel zu lesen bis dahin, das Ding hat mehr als 900 Seiten.

Gedankensammlung 1: Wie IT-Berichterstattung ist, was fehlt und wie sie nicht sein sollte

Also, drauf los: Das stört mich an der IT-Berichterstattung, wie sie derzeit ist, bzw. fehlt mir in den Massen-Medien. Denn genau die sind es, die sich mit dem kulturellen Phänomen IT auseinandersetzen sollen – denn das geht vor allem die Durchschnittsleser an. Was sich hingegen in der derzeitigen IT-Berichterstattung wiederfindet und meiner Meinung nach falsche Ansätze sind, markiere ich durch Durchstreichen.

  • Produkttests: Ja, das ist einfach und schnell zu schreiben, und jeder bekommt gerne Geschenke, aber nein: IT-Berichterstattung braucht mehr Tiefgang, mehr Feuilleton, mehr kritischen Geist, mehr Reflexion über Inhalte und kulturelle Veränderungen. Produkttests haben Service-Charakter und müssen hin und wieder sein. IT-Berichterstattung ist das noch lange nicht, so wie Plasma-TV-Tests keine Medienberichterstattung sind.
  • Spiele-Kritiken, die den Namen verdienen: Computergames sind Popkultur und sollen auch so behandelt werden – als kulturelles Phänomen, als narratives Medium, das Geschichten erzählt, als Nachfolger des Films. Es fehlt an Kritikern, die mehr können als fps zählen, die wissen, wie man Text und Story kritisiert, was für eine Rolle die optische Umsetzung wirklich spielt, wo die anspruchsvollen Nischenprodukte sind, die die Games aus der Klischee-Ecke holen.
  • Mitdenken und mitleben: IT verändert das kulturelle Umfeld. Wer nicht der Generation zuhören kann, die diese Veränderungen lebt, ist genauso am falschen Weg wie der Popkritiker, der musikalisch in den 80er Jahren hängen geblieben ist. IT-Berichterstatter müssen das technische Basisverständnis haben, um unter die bunten Oberflächen zu schauen, und eine kulturelle Bildung, um neue Zusammenhänge zu verstehen und aufzeigen zu können.
  • IT ist ein Lebensstil: Man muss nicht mehr Geek sein, nicht mehr männlich und Single, um mit Technologie zu leben. Ja, es gibt die rosa Ipods und Laptops als Mode-Accessoires, und ja, viele junge Leute, die ein durchaus erfülltes Privatleben haben, tummeln sich auch auf den bekannten Webseiten, ohne deshalb gleich Stubenhocker oder Außenseiter zu sein. Das ist alles längst ein Massenphänomen wie Fernsehen und Kino. Und ja, das ist alles eine kulturelle Veränderung.

Land der mangelnden Medienkompetenz

Eine deutsche Zeitung (Hinweise erbeten, habe das Zitat nicht mehr gefunden) hat einst geschrieben, Österreich sei das einzige europäische Land ohne nennenswerte Tageszeitung. Zu ergänzen ist: Österreich ist auch in der Medienkompetenz der breiten Öffentlichkeit noch lange nicht im 21. Jahrhundert angekommen: Zeitungskonsum auf Leberkäs-Semmerl-Niveau allüberall, und sowohl von Rezipienten- als auch von Medienmacher-Seite herrscht eine undurchdringliche Ignoranz gegenüber den Entwicklungen bei den neuen Medien (wo man, dementsprechend, ein gutes Jahrzehnt hinterherhinkt). Berichterstattung auf dem notwendigen Niveau über die wirklichen Medienfragen von heute (ja, da gehts um das WWW, den veränderten Medienkonsum, die Aufgaben und Chancen von Tageszeitungen und TV im Online-Zeitalter) muss man mit der Lupe suchen, und die Ahnungslosigkeit blüht ungehindert. Man liest im dumpfen Schweigen allmorgendlich, was vor der Haustür liegt.

Und so kommt es, dass – während international allüberall die Studenten der Medienwissenschaften als künftige Meinungsführer gesehen werden, die einen immer wichtiger werdenden Wirtschaftszweig vorantreiben werden – die heimischen Publizistik-Studenten als Schmarotzer, Titel-Erschleicher und künftige Arbeitslose diffamiert werden. Nein, ich habe nicht Publizistik studiert, und ja, an der Uni gibt es dort einige Probleme.

Dennoch: Die “disdain for knowledge, education, experience”, die die New York Times in einem Kommentar Sarah Palin zuschreibt, der Österreicher gegenüber dem Mediensektor ist erschütternd. Liebe Maturanten, lasst euch nicht abschrecken – geht Publizistik studieren, kommuniziert mit Technikern und Medienmenschen und bringt, bitte, irgendwann auch Österreich ins Licht der Medienwelt des 21. Jahrhunderts: Helft dabei, aus Boulevard-Süchtigen aktive Nachrichten-Suchende zu machen, schafft die Hörigkeit nach den immergleichen Meinungs-Medien aus der Welt, die in Familien vererbt werden wie Philharmoniker-Abos, und macht den Menschen klar: Gesunder Medienkonsum ist lebensnotwendig – und Kompetenzen darin, wie man an ausgewogene Information kommt, um sich in der Welt zurechtzufinden, werden immer wichtiger werden.