Individueller Online-Medienkonsum als Vorurteilsbeförderungsspirale

Dass das Internet als Medium nicht wirklich ernst zu nehmen sei, postuliert nun auch Armin Thurnher (bereits zum zweiten Mal in Folge) im Falter. Hauptargument: Die allgemeine gesellschaftliche Verständigung darüber, was wichtig ist, geht verloren. Ob das so richtig wichtig ist (und ob es diese Verständigung in der Form je gegeben hat), interessiert mich eigentlich weniger. Ich glaube, jenen hochinformierten und gepflegt verantwortlich-staatsbürgerlichen Medienkonsum, von dem ausgehend derzeit allerorten der Verfall der Medien beklagt wird, hat es in weiten Teilen der Bevölkerung nie gegeben, insbesondere nicht in Österreich. Und eigentlich sollte gerade aus dieser Argumentation heraus ein aktiver Medienkonsument, der sich nichts vorsetzen und aufzwingen lässt, doch eigentlich begrüßt werden.

Hoch problematisch ist für mich jedoch jene Feedbackschleife, die die fortschreitende Abwendung von Old Media auf der individuellen Ebene mit sich bringt: Medienkonsum erzeugt im Idealfall Reibungshitze – nichts ist so wichtig beim Nachrichtenlesen wie jenes Gefühl an Widerspruch, das sich dann regt, wenn das konsumierte Medium eine Sicht transportiert, die eben nicht der eigenen entspricht.

Was aber passiert nun, wenn ich mir über meinen Feed-Cocktail jenen Medienmix zusammenstelle, der meine Interessen, meine Meinungen und mein Weltbild möglichst ideal bedient? Vor allem eines: Die Sicht auf die Welt verengt sich, denn sie wird nicht mehr auf die Probe gestellt – es entsteht eine Vorurteilsbeförderungsspirale. Zuletzt geht es einem so wie jenen Politikern, die sich nur mit Ja-Sagern umgeben: Man sieht nur noch, was man sehen will, und ist zuletzt überrascht, wenn die Welt nicht mehr mit dem eigenen Bild zusammenpasst.

Insofern wäre jenes insbesondere bei fleißigen Forenkommentatoren ausgeprägte Gefühl, dass jeder alles besser weiß als wir Journalisten, den Massenmedien eigentlich als positiver Effekt zuzuschreiben: Wirklich aktiver Medienkonsument ist nicht jener, der sich die eigenen Vorurteile bestätigen lässt. Sondern jener, der aktiv danach sucht, sie widerlegen zu lassen.

Vorsatz für 2009: Mehr Medien, egal wie, konsumieren, die eigentlich jemanden anderen bedienen wollen als mich.

One Comment

  1. sonja says:

    (Noch) ohne den Falter-Artikel gelesen zu haben, erinnert mich dieses Thema sehr an eine Aussage von ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz, der das Internet offensichtlich auch nicht besonders gern hat. (siehe Link am Ende des Textes). Was dabei besonders ironisch ist, ist die Verbreitung und Kommentierung seines Sagers (“Scheiß Internet”) über das verteufelte Medium selbst und noch mehr die mediale Rezeption in “anerkannten Medien” und die Reflexion darauf wiederum in einem Blog. Dass es sich teilweise um Studierende der Journalismus-FH handelt, ist entweder ein kleines Manko in der Argumentationskette oder aber auch das Gegenteil: Denn schließlich und endlich sind das die Journalisten von Morgen, egal ob sie nun in einem “richtigen” Medium arbeiten werden oder im Web 2.0.

    Der ausschließliche Konsum von Online-Medien ist sicherlich fragwürdig (zum Beispiel ist auf der Website des ORF heute kein Sterbenswörtchen mehr über Harold Pinter zu finden…). Was diverse Blogs allerdings leisten, ist das, was Zeitungen mit der Einführung des leidigen “Leserreporters” nie geschafft haben. Eine breite Abdeckung von Ereignissen, die sonst fernab der medialen Öffentlichkeit stattfinden. Den Übergang von solchen Blog-Berichten in die Medien (in diesem Fall “derstandard.at”), die dann die Möglichkeit haben, die handelnden Personen auch zur Rede zu stellen, finde ich ganz wunderbar. Wo wir wieder bei einem deiner Einträge zur Glaubwürdigkeit ff. wären. Nich jeder Blogger wird beispielsweise Wolfgang Lorenz anrufen können, um ihm die Möglichkeit zur Gegendarstellung/Bestätigung des Zitierten geben zu können.

    Eine solche Verschränkung ist mir noch selten untergekommen. Und ich hoffe, dass der Journalismus diese Möglichkeiten bald anerkennt. Nur so sind die jungen Leser zurück zu den Medien zu bekommen. Und besagte immanente Breite ist hier nicht zu leugnen.

    So long, Sonja

    http://lehofer.at/blog/2008/11/orf-programmdirektor-schei-internet.html