April, 2009:

Flexible Flatrate: Mehr Angebote bringen mehr Geld für Kultur und Medien

Was ist an folgendem Satz falsch: “Kultur und Medien brauchen eine Flatrate, also eine Gebühr, die pauschal die Nutzung von Musik, Film, Nachrichten im WWW abdeckt”? Viele würden sagen, der Inhalt als Ganzes ist falsch. Ich bin anderer Meinung: Ich sehe eine derartige Flatrate, die etwa der Internet-Provider mit seiner Gebühr einhebt, als einzige und faire Lösung, die gesellschaftlich und kulturell notwendige Entlohnung von Medien und Künstlern im Zeitalter der Online-Kopierbarkeit aufrecht zu erhalten.

Falsch ist meiner Meinung nach nur ein Wort daran: Ich glaube, dass es nicht eine, sondern ein ganzes Spektrum an Flatrate-Möglichkeiten geben soll, die der Kunde auswählen kann. Viele Argumente gegen derartige Flatrates – etwa, dass auch Konsumenten etwas zahlen, die den Internetzugang nur dienstlich verwenden – können entkräftet werden, wenn man das Angebot auffächert. Ein rudimentärer Vorschlag wäre ein dreistufiges Modell:

  • Das klassische Pauschal-Modell: Je nach Bandbreite des Internetzugangs werden monatlich ein paar Euro auf die Internetgebühr aufgeschlagen. Das Problem daran ist die Verteil-Gerechtigkeit, wie auch hier nachzulesen ist. Der Vorteil daran: Dem User sollte dann wirklich freistehen, unbeschränkt allen Content zu nutzen.
  • Das Data-Mining-Modell: Hier kann der User bestimmen, wie seine Pauschalgebühr aufgeteilt wird, indem er seine Nutzung transparent macht. Das wäre bei News schwer, bei Musik und Filmen recht leicht: Nach Vorbild etwa von Last.fm oder dem (noch sehr alpha-haften, aber offen lizensiertem) Nachahmer Libre.fm installiert man ein Plug-In im Medienplayer, das – anonymisiert – die Nutzungsdaten an die Abrechnungsstelle (etwa Verwertungsgesellschaften) liefert. Dort werden die Daten der User akkumuliert und die eingenommenen Pauschalen-Gelder dann anteilsmäßig verteilt. Problem sind berechtigte Datenschutzbedenken, da müsste eine vertrauenswürdige Anonymisierungs-Stelle zwischengeschaltet sein (und durchaus auch die Möglichkeit, die Nutzungsdaten-Erfassung gezielt auszuschalten, wenn man doch mal nicht widerstehen kann und sich geschwind ein Elton John-Lied zu Gemüte führt, denn das sollte wirklich niemand wissen). Dieses System würde auch eine weitere Kritik an Pauschalgebühren zumindest mindern: Dass eine pauschale Abgeltung den Wettbewerb unter den Content-Anbietern beenden würde.
  • Und den “Put Your Actions Where Your Mouth Is”-Zugang: Für all jene, die die Idee empört zurückweisen, den Musiklabels oder anderen $InsertNameOfCapitalisticEvilDoers Geld in den Rachen zu werfen (“ich höre keine schlechte Musik”), gibt es die Möglichkeit, gar keine Pauschalgebühr zu zahlen. Dann aber muss man auch dazu stehen: Wer diesen Zugang wählt und dennoch urheberrechtlich geschützten Content ohne zu zahlen nützt, sollte mit empfindlichen Strafen zu rechnen haben. Also, entweder man ist wirklich unbefleckt vom Bedürfnis, Britney Spears und Co zu hören. Oder man zahlt eben dafür.

Update: Eine Sammlung spannender Ideen und Ansätze zum Thema Flarate gibt es hier.

Computergames brauchen Erwachsenen-taugliche Bezahlmöglichkeiten

Nein, damit meine ich nicht, dass man Computerspiele auf Kredit kaufen soll. Sondern, dass die Game-Schmieden bei der Preisgestaltung ganz offenbar nur jene Jugendlichen im Visier haben, die wirklich viel Zeit zum Spielen haben. Aber wer diese Zeit aus Altersgründen nicht mehr hat, steigt in zweierlei Hinsicht schlecht aus:

Bei Online-Games ist das Verhältnis von monatlicher Gebühr zu Spielzeit weit schlechter als bei den Kids – für fünf Stunden spielen 15 Euro im Monat zu zahlen ist was anderes als für 50 Stunden. Und bei umfangreichen Nicht-Online-Rollenspielen zahlt man 50 Euro für 50 Stunden potenzielles Gameplay- als arbeitender Mensch mit Privatleben sieht man davon aber höchstens einen Bruchteil.

Ja, eh sind die Casual Games genau für diese Gelegenheitsspieler, zu dem man mit fortschreitendem Alter wird, gedacht. Aber: Die meisten Casual-Games sind eher für Leute, die keine wirklichen Gamer sind – bunt, kurz unterhaltsam, aber keineswegs vollwertige Spiele, soetwas wie das Vormittags-Fernsehprogramm der Computergames. Aber es müsste mittlerweile eine große Gruppe an Mitt-Zwanzigern bis Mitt-Vierzigern geben, die in ihrer Jugend viel Zeit mit Computerspielen verbracht haben, daher für seichte Games nicht zu haben sind, aber andererseits auch keine 50 Stunden in ein Rollenspiel investieren können, da sie Beziehung, Arbeit, weitere Interessen und noch keine senile Bettflucht haben.

Ich glaube, dass Game-Firmen insgesamt mehr Geld machen würden, wenn sie zusätzlich zu den derzeitigen Bezahlsystemen

  • bei Offline-Rollenspielen wie “Fallout 3” die Engine plus rund 5-8 Stunden Spielzeit für 20 oder 25 Euro verkaufen und
  • man dann zusätzliche Spielzeit (also Quests etc) als Zusatzmodul erwerben kann, für je 5 oder 8 Euro 5 bis 8 Stunden. Wer also den Grundpack durchhat, kann sich eine weitere Quest kaufen (Hauptquest teurer, Nebenquests billiger), und daran weiterspielen, bis er es durch hat. Und die Zeit dazu kann man sich selbst einteilen.
  • und bei Online-Games verschiedene Abo-Modelle anbieten, in etwa: Das “normale” Abo ohne Spielzeitlimit für 10-15 Euro im Monat, dann “pay per hour”, “pay per day”, “pay per quest”, “pay per level”. Überschlagsmäßig würde ich bei realistischer Einschätzung der möglichen monatlichen Spielzeit besser aussteigen, wenn die Stunde weniger als 90 Cent kostet (mehr als zehn Stunden im Monat komme ich selten zum Spielen), oder ein Tag weniger als zwei Euro, ein Level-Gewinn für meinen Rollenspiel-Avatar vier Euro etc.

Das muss doch möglich sein. Expansion-Packs zu vollwertigen Games wie “Fallout 3” sind zwar nett, aber wer ohnehin keine Chance hat, das ursprüngliche Spiel jemals durchzuspielen, wird diese Packs nicht kaufen, und es ist auch weniger wahrscheinlich, dass man 50-60 Euro für ein Game hinblättert, das man nur anspielen kann. Und bevor ich monatliche Gebühren zahle, die ich nicht ausnütze, abonniere ich kein Online-Game.

Wie auch im Popmusik-Business ist es bei den Computergames mittlerweile ein schwerer Fehler, nur die Unter-20-Jährigen bedienen zu wollen. Die haben zwar mehr Zeit zum Spielen. Aber wir Alten haben dafür mehr Geld.

Update: Abschied vom Schleppen machte vieles leichter – leider auch die Texte

In einem akuten Anfall von Unlust, Papierstapel mit mir rumzuschleppen, habe ich mich vor einiger Zeit vom Papierbuch abgewandt, um nur noch elektronisch verfügbare Texte zu lesen. Zeit für ein Resümee:

Die Textverfügbarkeit für E-Book-Reader ist bei deutschsprachigen Büchern nach wie vor katastrophal, zumindest wenn man keinen Zugriff auf den Kindle hat (über Amazons Angebot an E-Books kann ich aus mangelnder Erfahrung wenig sagen). Insbesondere das, womit man wirklich Geld machen könnte (wie uns die Musikindustrie mit dem Mediums-Wechsel auf die CD und den folgenden Rekordeinnahmen gezeigt hat), fehlt komplett: Eine vernünftige Aufarbeitung des “Backkataloges”. Wer mehr für’s Hirn braucht als Bestseller, ist verloren: Literarische Klassiker des 20. Jahrhunderts, die noch Copyright-geschützt sind, sind ebensowenig erhältlich wie etwa brauchbare Philosophie und jede Art von geisteswissenschaftlicher Primärliteratur des 20. Jahrhunderts. Klingt nach Minderheitenprogramm, ist es aber meiner Einschätzung nach nicht: Auch im Musikbereich verkaufen sich die “Must Haves” gut. Der Schwenk hin zu E-Books hat meine Tasche leichter gemacht, aber leider auch die Texte, die mir zur Verfügung stehen, weniger anspruchsvoll.

Offene Wünsche gibt es auch noch bei der Hardware, etwa bei jenem Reader, den ich ausführlich testen konnte. Amazon hat sich mit dem im Kindle integrierten Mobilfunkvertrag den Weg ins Roaming-affine Europa verbaut. Ein E-Book-Reader, der sowohl zeitgemäße Prozessorleistung als auch Basics wie RSS-Reader und die von mir sehnlichst erwartete Möglichkeit für modulare Zeitungsabonnements bietet, ist derzeit nicht zu haben. Leider.

Gelesen habe ich daher nicht auf einem E-Ink-Schirm, sondern auf einem normalen hintergrundbeleuchteten Bildschirm eines portablen Gerätes, was ich persönlich auch nicht so schlimm finde. Ein offenes Problem ist nach wie vor der Formatkrieg (das mit dem DRM wird sich schon von selbst lösen) – ich habe E-Books in vier Formaten gekauft, eines davon ist schon wieder unlesbar auf meinem Gerät geworden.

Anderseits: Beim Auflesen der englischsprachigen Klassiker und auch für einige Schmankerln der zeitgenössischen Geek-Literatur, die alle gratis zu bekommen sind, hab ich mir sicher ein paar Dutzend Euro gespart (im Vergleich zum Kauf auf Papier).

Derzeitiges Fazit: Es gibt eine einfache Antwort auf die hier leider völlig missformulierte Frage: Es geht nicht darum, ob man noch Bücher lesen muss. Wer beim ausschließlichen Konsum von Info-Bissen aus dem Online-Bereich nicht eine gewisse Kopfleere fühlt, dem werden Bücher nicht abgehen. Es ist aber eine völlig andere Frage, wie man Bücher lesen muss. Und derzeit muss man, leider, einige noch auf Papier lesen.

“Monsters vs. Aliens”: Game schlägt Film dort, wo es weh tut

Eher unauffällig hat Wired in einer Game-Review etwas geschrieben, das ich persönlich mit Spannung erwartet habe: “Monsters vs. Aliens: The Videogame Outdoes the Movie for Fun“, also dass das Wii-Spiel zum neuen Animations-Film lustiger ist als der Streifen selbst. Wenn’s stimmt, dann sollte dies nicht unterschätzt werden: Hier steht nicht weniger als die letzte Bastion auf dem Spiel, die Filmproduzenten im Wettstreit der Unterhaltungs-Genres noch halten konnten, nämlich die Vorherrschaft in der Regie: Bis jetzt schien es schwer, den emotionalen Ablauf (also Humor, Gefühle, Tränendrücker) eines Filmes überzeugend in die doch durchaus andersartigen medialen Umgebungsvariablen eines Games zu übertragen. Oder, anders gesagt, Spiele zu Filmen waren meistens soetwas wie die hässlichen, doofen Cousins der Filme.

Den Journalisten prognostiziert man immer, dass sie in Zukunft gleichberechtigt für alle medialen Verwertungsformen (Video, Ton, Text) arbeiten können müssen (und dies auch gleichzeitig machen werden). Ich glaube, dass ähnliches auch im Filmmetier passieren wird: Irgendwann werden Film und Game gleichzeitig und gleichberechtigt entstehen, und auf gleichem Niveau.

Musik-Filesharer sind keine Piraten… sondern Konformisten

Wer genug hat von der beidseitigen Propaganda im Streit um unlizensierte Musikdownloads, findet hier eine ausgewogene, wissenschaftliche Sicht der Dinge, die so manches in die richtige Perspektive rückt: Studien, die von beiden Seiten als Argumentationsfutter verwendet werden, werden hinterfragt, interessante Ansätze verfolgt.

Mit persönlich gehen die selbstgerechten Musikdateienkopierer ja genauso auf den Wecker wie klagswütige Starrköpfe, die die Chancen der Online-Verbreitung von Musik nicht erkennen wollen (obwohl die Anzahl letzterer meinem Eindruck nach eher am Schwinden ist). Obwohl im Wettstreit darum, wer sich lächerlicher macht, ja doch diejenigen gewinnen, die im Herunterladen von Popmusik soetwas wie heldenhaftes Einstehen für Informationsfreiheit sehen.

Nein, liebe Leute, man wird nicht der Maskenheld aus “V wie Vendetta”, wenn man Kunstwerke konsumiert, ohne den Künstler zu entlohnen. Ja, es gibt eine unglaubliche Ansammlung von Musikmüll, die keinen Cent wert ist. Wirklich subversiv wäre dann wohl aber, das Zeug einfach nicht anzuhören anstatt zu sagen: Ich saug mir das runter aber, ätsch, zahlen tu ich für so einen Scheiß nix. Wer so abhängig ist von Popmusikmüll, dass er das alles runtersaugen muss, ist kein Pirat, sondern ein Konformist.

Auch im immanenten Marktpartizipations-Versprechen jener, die etwas differenzierter an die Sache herangehen, nämlich im Versprechen, sich die Musik gratis herunterzuladen, dafür aber dann brav zu Konzerten zu gehen und T-Shirts zu erwerben und so den Künstler an den “bösen” Labels vorbei zu entlohnen, kann ich nichts revolutionäres erkennen, sondern allenfalls einen Mangel an Freiheit.

Ich weiß, ich brauch nicht blöd reden (kriege zahlreiche Promo-Cds und hab daher wahrlich keinen Musikmangel). Aber dennoch: Eigentlich befreit man sich von den Zwängen der “bösen” Musikindustrie am nachhaltigsten, wenn man denen zu verstehen gibt, dass einen schlechte Musik nicht interessiert. Auch nicht, wenn sie gratis zu bekommen ist.

Wie wäre es mit: Verzicht statt Datensammeln – und die Sachen, die es wert sind, kaufen, so wie man alles andere, das einem Freude macht, auch kauft.

Zeitungen europäischen Maßstabs als einziger Hoffnungsschimmer im Zeitungssterben

Es gibt vieles, das ich – persönlich und beruflich – beunruhigend (einiges auch schlicht erschreckend) finde an der derzeitigen Krise, die die Digitalisierung und die Werbungseinbrüche in den Old Media ausgelöst haben. In einer speziellen Frage fehlt mir auch jene Hoffnung, die viele Analysten und Zeitungsmacher haben: Lokalisierung ist das Zauberwort, auf das vermehrt gesetzt wird – stark lokalisierte Nachrichten, bis in jeden Kuhstall hinein, sollen die Leser an die Zeitungen binde.

Es liegt sicher an mir, aber das ist genau das, was ich von einer Zeitung nicht will. Mit allen Vorbehalten (ich halte jede Zeitung, die aus Wirtschaftskrisengründen eingestellt wird, für einen schweren Verlust mit fatalen Folgewirkungen): Vielleicht ist das der einzige blasse Lichtblick im Zeitungssterben – dass es irgendwann weniger lokalen Schmus (und damit meine ich insbesondere auch politische Kasperliaden in unserem lieben Heimatland) in der Berichterstattung gibt, und vielleicht irgendwann einmal ein, zwei echte europäische Zeitungen. Die eine viel höhere Schwelle dafür haben, was berichterstattenswert ist. Und damit lokalpolitischen Hickhack in all seiner Lächerlichkeit einfach ignorieren. Damit meine ich nicht irgendwelche Bezirkskaiser, die über Hundstrümmerln streiten. Sondern jene unprofessionelle Kaste an Dauerstreitern, die das wenige Wichtige, das in Österreich noch entschieden wird, durch Verbohrtheit, Trägheit und Rücksichtnahme auf Parteibefindlichkeiten nicht auf die Reihe kriegen.

Vielleicht müsste die Taktik so sein wie bei einem pubertierenden Kind: Wenn gewisse ewig pubertäre österreichische Verhaltensmuster weniger mediale Aufmerksamkeit bekommen, vielleicht wird es dann auch den Ausübenden zu blöd. Und vielleicht wird dann Politik gemacht, wo es nicht um Befindlichkeiten von Ewiggestrigen, von veralteten Stände-Vertretern, der Modernisierungsverlierer, von Ausgrenzern, Raunzern, Giftversprühern geht, sondern um jene Angelegenheiten, um die sich die Bevölkerung in einem Staat des 21. Jahrhunderts wirklich kümmern sollte. In Kooperation mit den Nachbarländern, ohne Rücksicht auf nationale Mythen und Feindseligkeiten, ohne internationalem DSW.

So eine europäische Zeitung, die ohne Verortung in einem bestimmten Land soetwas wie eine überregionale Zeitung der EU ist, würde ich sofort abonnieren. Von Österreich will ich nur wissen, was sein muss. Aber ich will auch keine französische, deutsche, britische Perspektive. Ich will eine europäische Perspektive. Oder, im Idealfall, mehrere Perspektiven. Mehrere Zeitungen, die in der ganzen EU gleichberechtigt erscheinen. Wo internationale Politik jene Aufmerksamkeit findet, die ihr gebührt, und nationale jene Ignorierung, die ihr zusteht. Wo EU-Angelegenheiten nicht als Außenpolitik gelten.

Und es ist eine Schande, das jenes Blatt, das dieser Hoffnung am nächsten kommt, ein US-amerikanisches ist.