Bashing Back: Bessere Medienkonsumenten braucht das Land

Jetzt haben wir’s wieder abgekriegt, wir Journalisten. Mit fast unheimlicher Freude hauen die Poster drauf, wenn es darum geht, die Journaille als unfähig hinzustellen, und ebensolcher unheimlicher Kitzel begleitet die Prognose, dass Journalisten sich als Online-Marke etablieren müssen, denn künftig wird deren Arbeit “höchstens die Lebenskosten zahlen”. Journalisten-Bashing produziert offenbar Glücksgefühle. Daher bin ich jetzt mal tapfer, und bashe zurück.

Ja, das österreichische Medienwesen hat viele Probleme, die jeder kennt, politischen Einfluss etwa, verkrustete Netzwerke, Geldgeber mit gesellschaftspolitischen Missionierungstendenzen. Was niemand gerne sagt: Eines der Probleme ist sicher auch der Leser. Man macht es sich viel zu leicht, sich auf das schlechte Angebot an Zeitungen und Fernsehen auszureden – denn es gibt, zum Geier nochmal, auch eine Bringschuld des Sich-Bildens, die staatsbürgerliche Pflicht, sich nicht mit voller Wucht in den Dreck einzugraben, den es in Österreich, wie in jeder Medienlandschaft weltweit, gibt. Sondern Qualität zu suchen, zu verlangen, zu fordern.

Aber die Österreicher schimpfen lieber auf TV-Gebühren und schlingen allmorgendlich Gratiszeitungen herunter, denn sie sind kaum bereit, ein paar Euro in ein differenziertes Bild der Welt zu investieren. Aus Gründen der Ausgewogenheit vielleicht zwei, drei Zeitungen zu lesen? Eine internationale gar? Eine, die mehr Zeichen pro Seite hat als das durchschnittliche Comic-Heft? Oder vielleicht ohne politische Linie auskommt? Fehlanzeige. Lieber die tägliche Dosis Vorurteilsbestätigung. Anstatt eine bessere Medienlandschaft zu verlangen, fallen immer mehr auf die dümmsten Wahlplakate der Welt herein, und auf Medien, die die selben Inhalte transportieren, wann immer es ihnen in den Kram passt. Und an diesem Problem ändert sich auch nichts, wenn die Zeitungen eingehen. Wer Medienkonsum nur betreibt, um vorgefasste Meinungen bestätigt zu sehen und sich durch geschürten Hass stärker zu fühlen, wird nicht plötzlich im WWW zum hochintelligenten Medienkritiker.

Aber dann, kaum wittert man Probleme in der Journaille, wird kräftig draufgehaut. Und da, leider, gibt es einen – hoffentlich unwillentlichen – Schulterschluss zwischen denen, die es besser wissen sollten, und jenen, die es nicht besser wissen wollen. Zwischen jenen erzreaktionären, von Angst und Neid getriebenen Geistesverschließern, die am liebsten überhaupt keine Bemühungen in den Medien hätten, unabhängig, ausgewogen, desinteressiert an den österreichichen Klientelgruppen zu berichten. Und jenen eigentlich weltoffenen, zumindest im Umgang mit dem WWW geschulten und daher Zugang zu aller Information der Welt habenden jungen Männern, die glauben, dass Old-School-Journalisten von jedem Blogger mit einer Meinung und einem zu großen Ego ersetzt werden können.

Beide rufen das Ende des Journalismus in seiner bisherigen Form aus, beide freuen sich ganz unheimlich darüber, und beide haben keine Ahnung davon, was das eigentlich ist. Wer an den völlig außerhalb aller Zwänge agierenden, heldenhaften Reporter glaubt, der bei einer Pressekonferenz nur die richtige Frage stellen muss, und schon stürzen Politiker oder fiese Unternehmen in sich zusammen, kann genausogut an den Weihnachtsmann das Christkind glauben. Ebenso weltfremd sind die, die überzeugt sind: Wenn wir alle online unseren Senf abgeben, dann kommt im Endeffekt Journalismus heraus. Journalismus ist kein George Clooney-Streifen und auch kein endloses Ranten in meinungsdurchtränkten Miniansichten der Welt, sondern, in einem Karl Popper’schen Sinne, kleinteilige Arbeit: Ein tägliches Drücken, Schieben, Zerren in Richtung einer offenen Gesellschaft, mit herben Rückschlägen, viel Routine und seltenen Glücksmomenten. Journalismus ist ein ganz realer Job, für den man ganz bestimmte Talente braucht, die – wie beim Nationalmannschaftstrainerposten – jeder Österreicher für sich in vermehrten Ausmaß in Anspruch nimmt. Nein, nicht jeder kann das. Journalismus ist nicht an Print gebunden, aber an Professionalität, an die Chance, Tag für Tag nichts anderes zu machen, es ist keine Nebenbeschäftigung und keine Plattform für Eitelkeiten. Journalismus ist eine Notwendigkeit, und hat eines notwendig: Einen Leser, der unterscheiden kann zwischen Information und Verkürzung, zwischen Berichterstattung und Vorurteilsbestätigung, zwischen Medien, die es wert sind gelesen zu werden, und solchen, die es nicht sind.

Eins noch: Nun, da es unheimlich leicht ist, die qualitätsvollsten Medien der Welt online gratis zu konsumieren, was tun die Österreicher? Man braucht sich nur die Webseiten-Nutzungsstatistiken anschauen.

“Traurige Tropen”, titelt der Online-Standard im oben verlinkten Artikel. Wenn schon Claude Lévi-Strauss, dann fällt mir eigentlich ein anderer Titel ein: Es wird Zeit, dass auch hierzuland “Das Wilde Denken” ersetzt wird. Vielleicht sogar durch verantwortungsbewussten Medienkonsum.

2 Comments

  1. sirrobyn says:

    bin grundsätzlich bei dir, wenn du für alle journalisten sprechen könntest. stefan niggemeyer schreibt hier sehr gut, dass man dieses ethos leider nicht von allen, wahrscheinlich nicht mal von der mehrheit erwarten kann: http://ff.im/-36Y2W

  2. apaley says:

    ja, stimmt voll, dass man immer von idealfällen ausgeht. ich glaube aber, dass da oft auch unrealistische maßstäbe mitspielen – in keinem anderen bereich der welt geht man ursprünglich davon aus, dass alle, die darin arbeiten, super sind und alles richtig machen. überall gibt’s jene, die lieber “solitaire” spielen als sich in ihr metier zu vertiefen, diejenigen, die schlecht, untalentiert, gelangweilt, überfordert etc sind – und sicher auch im journalismus.

    bei der diskussion um das ende des journalismus wird dann halt nur das kind mit dem bade ausgeschüttet – viele geben sich einem reinen zirkelschluss mit ihren eigenen falschen bildern von der arbeit des journalisten als basis hin: Nach dem Motto “Wenn die Journalisten gar nicht so gut sind, wie wir glauben, dass sie sind, dann sind sie unnötig”…