July, 2009:

Als ich jung war, gab es noch keine “Sims”

Da gab es das Little Computer People Art Project… Selbes Prinzip, Old-School-Grafik, und innovatives Interfaceverhalten: Denn wenn man die Texteingabe am oberen Bildschirm Rand mitliest, lässt sich nachvollziehen, dass der kleine Sch***kerl nur selten das gemacht hat, was man ihm aufgetragen hat. Sturer Hund. Aber wirklich unterhaltsam!

Die gegenstandslose Welt und das dynamische Schweigen

Nein, mit Zitaten belegen kann ich es nicht, aber: Bei allen drei Konzerten der deutschen Band Kraftwerk, die ich bisher gesehen habe, fiel mir auf, dass die deutschen Herrschaften kräftig von Kasimir Malewitsch beeinflusst worden sind. Wer’s nicht kennt: Russe, hat Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Namen “Suprematismus” fantastische abstrakte Gemälde gemacht, die auf ungefähr eines hinauslaufen: Malewitsch wollte die Welt vom Ballast der Gegenständlichkeit befreien.

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. In starker Anlehnung an Arthur Schopenhauer hat Malewitsch durch etwa sein “Schwarzes Quadrat” (eine Ikone der abstrakten Kunst) ausgedrückt, dass die gegenständliche Welt soundso nur Täuschung ist, und dass der Kern der Sache nicht über die Abbildung von einzelnen Gegenständen erreicht werden kann, sondern nur, wenn man aufhört, sich mit derartigen Blendwerken zu beschäftigen. Kurz gesagt: Wenn ich mir Menschen, Obstkörbe oder röhrende Hirsche anschauen will, brauch ich kein Bild betrachten. Die Wahrheit über die Welt finde ich darin jedenfalls nicht.

Also hat Malewitsch die Malerei für eine zeitlang bewusst darauf reduziert, mit der Grundform des Quadrats (gedreht wird daraus ein Kreis, halbiert ein Dreieck) zu arbeiten und reine emotionale Aussagekraft über die Relationen zwischen diesen gemalten Quadratformen auf der Leinwand empfindbar zu machen.

Was das mit IT und Kultur zu tun hat? Sehr viel.

Nicht nur den Bezug zu Kraftwerk, siehe oben. Auch nicht nur seine utopischen Architekturentwürfe von Städten, die nicht bewohnbar sein sollen, sondern Räumlichkeit empfindbar machen (vergleiche hier).

Sondern auch, dass analog zur “gegenstandslosen Welt”, die Malewitsch hinter der realen empfindbar machen will, sich aus dem unaufhörlich rauschenden Quasselstrom im Internet wohl auch eine hinter die Individualität blickende Essenz des Menschlichen destillieren ließe.

WTF?

Soll heißen: Online rauscht und rauscht und rauscht ein Monolog des Menschen mit sich selbst. Jeder glaubt, etwas wichtiges zu sagen zu haben. Und jeder glaubt, dass die meisten anderen nichts wichtiges zu sagen haben. Wenn man ehrlich ist, ergibt sich daraus: Mit guter Wahrscheinlichkeit hat so gut wie niemand von uns wirklich etwas zu sagen, das wichtig ist. Wichtig im Sinne, dass es niemand anderer genausogut sagen könnte.

Menschen sind Meinungsmixe, wobei das Konglomerat an Meinungen zwar durchaus individuell ist, die einzelnen Ansichten aber höchst austauschbar. Auch wenn wir unsere eigenen Meinungen noch so ernst nehmen und noch so vehement ins Netz hinausblasen: Wir sind Klischee. Für jedes a, das ich mag, gibt es Millionen andere, die das auch mögen, jedes b, das ich blöd finde, finden Millionen andere auch blöd.

Daher macht es wenig Sinn, diesen Meinungen im einzelnen zu vertrauen, oder auch nur aufmerksam zuzuhören.

Sondern es ist einen Versuch wert, das Wortgewusel zum inneren Online-Monolog des Menschen zu abstrahieren: Also aufzuhören, den Meinungen per se zuzuhören, sondern auf diesen universellen Dick Size War gleichsam von außen zu schauen. Und so aus diesem ständigen Absondern von Gegenpositionen herauszudestillieren, was die Menschen essentiell verbindet. Denn Meinung und Gegenmeinung, die Individuen heftig vertreten, heben einander ohnehin auf. Was bleibt aber hinter diesen Zufälligkeiten über?

Crowdsourcing goes Philosophy.

Als Meditationsübung empfehle ich ein Kunstprojekt, das ich vor Jahren auf der Ars Electronica kennengelernt habe und das mich nicht mehr losgelassen hat: Den “Listening Post”. Der klinkt sich in Chaträume ein und liest mit, was die Menschen über sich schreiben. Seien wir ehrlich: Das ist zumeist zum Speiben stupide, von “I’m a hot girl” über “I’m proud of not being British” bis “I’m still used to Windows”. Aber der “Listening Post” greift diese Zitate auf und macht daraus großes minimalistisches Kunst-Kino, er gibt diesem Rauschen eine Stimme. Anhören:

Die erste Erkenntnis daraus: Malewitsch sagt, wenn die Gegenständlichkeit überwunden ist, dann wird der ganze Erdball eingehüllt “in den Rhythmus der kosmischen Unendlichkeit eines dynamischen Schweigens.” Das täte gerade dem Internet oft gut.

Daher: Over and out.

Ich hab einen E-Reader zur Matura bekommen

Nein, nicht zu meiner Matura. Aber egal:Ich freu mich! Endlich ein eigenes E-Book-Lesegerät. Gadget +1.

Da war auch der Preis ein Grund zur Freude. Wenn auch mehr für mich (bzw. die liebe Beschenkende :) als für Thalia. Denn dort wurde Anfang April mit großem Getöse der Verkauf von Sonys E-Reader “PRS-505” gestartet – für heftige 299 Euro. Nicht einmal drei Monate später ist das Ding nun um ein Drittel (bzw. 100 Euro) billiger (zusätzlich zum Sommer-Aktionsverkaufspreis von 249 Euro gibt es auch einen 50 Euro Buchgutschein, de facto also gibt es das Gerät derzeit um 199 Euro).  Ein derartiger Nachlass ist dann doch eher ein untrügliches Zeichen, so lässt sich leicht spekulieren, dass sich das Ding nicht rasend gut verkauft. Mir egal – ich hab eines, und das freut mich. Erstes Leseobjekt: Cory Doctorows Little Brother.

Apropos Brother: Der große Bruder (ach wie passend zur Kindle-Geschichte) sieht in E-Books immer noch den direkten Weg in die Zensur. Daher eine kleine Replik:

Also die Amazon-Geschichte ist dermaßen großartig – Orwell hätte es nicht besser erfinden können. Die wird Amazon sicher auf Jahre hinaus vorgehalten, finde ich super!
Dass Amazon den Kindle so strikt unter Kontrolle hält, hat mit E-Books aber nix zu tun, und auch nix mit DRM, sondern mit Paranoia. Ein Gerät, auf das ich nichtmal meine eigenen Dateien kostenfrei spielen kann, ist kein Gerät, sondern ein Witz. Wer soetwas kauft, braucht sich über gar nichts wundern.

Trotzdem: Bedrucktes Papier ist nicht das selbe wie ein Buch, und ich kann immer noch nicht verstehen, warum Literatur der einzige Bereich sein soll, in dem man nicht stolz auf sein Gadget sein darf.

Und: Daran, dass es Rechte an geistigen Werken gibt, ist nicht zu rütteln. Geräte sollten offen sein, aber Künstler (und auch Nachrichtenersteller) sollten adäquat bezahlt werden. Sonst ist die ganze Propaganda über Informationsfreiheit bald Propaganda für die Freiheit (bzw. das Fehlen) von Information.

Fremdschämen gibt’s gratis: Online-Content darf etwas kosten

Okay, okay, “fremdschämen” zu sagen ist auch schon lange wieder Grund für selbiges. Dennoch: Ein besseres Wort gibt es nicht für jenes Gefühl, das mich im immer skurriler werdenden Online-Diskurs um Gratisinhalte im Netz beschleicht.

Denn wenn man die beiderseitige Propaganda beiseite räumt, die in der Diskussion freihändig und mit peinlicher Selbstgerechtigkeit versprüht wird, bleibt eine Frage für mich völlig ungeklärt (und auch eigentlich auffällig unbeachtet): Was denn eigentlich so schlimm daran ist, für Information zu zahlen?

5 Dollar im Monat – das ist jener Betrag, den die New York Times laut Bloomberg offenbar als Gebühr für ihren Online-Auftritt einführen will. Und schon geht das Geheule wieder los, das sich um freien Informationsfluss, Zensur und ähnliche Schlagworte wickelt, die durch die unreflektierte Anwendung nicht eben an Gewicht gewinnen.

Doch halt, Überraschung: Wenn man genau hinsieht, gibt es auch eine Staunen machend große Anzahl an Blogs, die der Idee der New York Times zustimmen. Auch von mir gibt es völlige Zustimmung zu den Plänen der Zeitung – und darüber hinaus auch zum NiemanJournalismLab, das (mit vielen anderen Webites, die einen wortidenten Text veröffentlichen) die richtige Forderung aufwirft: Der Zugang sollte nicht gratis und nicht billiger, sondern teurer sein als 5 Dollar. Denn das ist absurd wenig.

5 Dollar gibt man für einen Kaffee bei einer US-Kette aus, für ein Zehntel eines Autotanks, ein Burger-Menü oder auch ein Packerl Tschick (glaub ich zumindest, bin rauchfrei). Aber wenige sind bereit, das im Monat (!) in die eigene Sicht der Welt zu investieren – immerhin das, was einen als Mensch, Weltbürger, Nicht-Vollidiot auszeichnet.

Und nein, wenn Information kostenpflichtig ist, hat das nichts mit Zensur zu tun. Zensur macht es unmöglich, an gewisse Informationen heranzukommen, Informationsfreiheit ist im Gegenteil dazu das Recht, sich jede Information zu holen. Aber mit Kosten hat das nichts zu tun, ganz im Gegenteil: Zensur hat geschichtlich immer mehr jene Informationsquellen (Zeitungen, Verlage) getroffen, die ihre Produkte gegen Geld weitergegeben haben. It goes to show: Dort kommt auch die wirklich wertvolle Info her, und nicht aus der Gerüchteküche.

Die Menschmaschine spricht

Wie lange schon Technologie und Pop-Kultur ganz wunderbare Schnittstellen haben, dafür steht exemplarisch natürlich die deutsche Band Kraftwerk: Da trifft sich Popmusik, technophile Ästhetik und viel Hirnschmalz.  Und noch dazu verweigern sie jede Bewegung auf der Bühne, wofür alleine man sie schon lieben muss (sollte man zumindest glauben). Umso netter, wenn es dann wieder einmal neue Wortspenden gibt. Für Interessierte und solche, die es noch werden wollen: Frische Interviews im Guardian und im Telegraph. Schade, dass meine Interviewanfrage für’s Urban Art Forms nicht gefruchtet hat…

Und wer nicht weiß, was ihn an Kraftwerk interessieren sollte, der findet viel interessante Info genau hier.