October, 2009:

Ich habe eine neue Spezies entdeckt – den Protestabonnierer

Gerade noch rechtzeitig, bevor das Darwin-Jahr aus ist: Ich habe eine neue Spezies entdeckt. Ich nenne sie mal nach mir, irgendwas mit leyreriennsis, muss noch überlegen. Aber zur Spezifikation: Der Protestabonnierer ist Facebook-“Fan” und Twitter-Follower jeder Protestbewegung, die Social Media-Plattformen verwendet. Dabei scheinen der Inhalt, die geografische Entfernung und auch eine etwaige Abstrusität der betreffenden Bewegung keine Rolle zu spielen, so lange sie gegen Obrigkeiten jedweder Art gerichtet ist. Der am stärksten ausgeprägte Charakterzug scheint die Aneignung fremder Konflikte zu sein, gepaart mit der Gewissheit, dass Protest per se immer angebracht ist. Sei es gegen böse Plattenlabels, Saufverbote, echte und empfundene Diktaturen oder Änderungen an Webpage-Designs.

In der Fülle der Protestabos herrscht dabei streng positiv rückkoppelnde Aufmerksamkeits-Ökonomie: Je aktiver der Online-Protest ohnehin ist, desto euphorischer steht der Protestabonnierer hinter diesem betreffenden Anliegen. Ist jedoch der Schwung der Bewegung stagnierend oder gar sinkend, wird rasch zum nächsten Protest-Potenzial übergewechselt. Jedenfalls ist der Protestabonnierer immer für dagegen und befindet sich in permanentem Plebiszit.

Bemerkenswert ist daran

  • dass der Protestabonnierer zunehmend Gehör findet. So wie früher (bzw. von manchen Nachzüglern leider auch heute noch) versucht wurde, die Relevanz eines Themas an der Anzahl der Google-Treffer abzulesen, wird heute recht unreflektiert die Anzahl an Fans bzw. Followern als Gradmesser für Protestrelevanz genommen. Dies scheint mir stark hinterfragenswert, denn nicht alles, was in den Social Media starke Unterstützung erfährt, ist auch ein wirklich gesellschaftlich relevantes Anliegen, und umgekehrt: Wirklich essentielle soziale Fragen schaffen es wegen ihrer Allgegenwärtigkeit nie, auf eine nennenswerte Online-Protestwucht zu kommen.
  • dass es daher eher die (derzeit schön zu beobachtende) Ausnahme ist, dass Online- und Offline-Protest Hand in Hand gehen. Sonst jedoch weist der Online-Protest oft einen ähnlichen Grad an Aufruhrpotenzial auf, wie es früher die an die Jeansjacke gepinnten Anti-Atom-Anstecker hatten: Mehr als ein paar alte Spießer schrecken ist schwierig. Allzuvieles bleibt gegenseitige Online-Bestätigung von Menschen, die ohnehin der gleichen Meinung sind, ohne dadurch etwas zu verändern. Oder, wie schon viel schöner, gesagt wurde: “This calls for immediate discussion.”

Wenn sich das Protestpotenzial der Social Media – das jeder weltoffene Mensch willkommen heißen muss und das keinesfalls unterschätzt werden darf – jedoch anhaltende Glaubwürdigkeit aufbauen will, sollte damit sorgsamer umgegangen werden. Sich mit allen Konflikten anderer solidarisch erklären, ist schön und gut. Doch wer auf jeden Zug aufspringt, sagt insgesamt recht wenig über die betreffenden Anliegen aus und mehr über sich selber. Damit macht man sich angreifbar.

Und damit verspielen wir u.U. die neue Chance, die Social Media-Protest bietet: Nämlich jenen Gehör zu schaffen, die früher keine Stimme hatten. Wenn alle jetzt bei jeder Gelegenheit online laut durcheinander schreien, werden ausgerechnet die Schwächsten und auch die tiefgreifendsten Anliegen untergehen. Der Protestabonnierer sollte die Evolution nicht scheuen – Online-Protest muss sich weiterentwickeln.

Buchfetisch im Bilderrahmen: Neuer Einsatz für ein Gadget

So da, ich gebe es zu: ich lese derzeit ein Papierbuch, so ein echtes, kein E-Book. Übrigens durchaus empfehlenswert für alle jene, die die Kulturkampf-Hetze gegen Migranten schon nicht mehr hören können: Philippe Legrain- “Immigrants. Your Country Needs Them”. Das kommt bald ins Bücherregal.

Und ich überleg, dorthin noch etwas anderes zu stellen: Einen digitalen Bilderrahmen. Nicht für Fotos, sondern für Fetischisten, Buch-Fetischisten nämlich. Denn eigentlich stehen Papierbücher in der Hauptsache dafür rum, dass Besucher die Titel bewundernd lesen können. So mancher fühlt sich geistig entblößt, wenn man nicht auf den ersten Blick sieht, wie viele tolle Bücher er schon gelesen gekauft hat.

Daher mein Vorschlag für ein neues Einsatzgebiet für die digitalen Bilderrahmen: RSS-Feed-Anzeigedings installieren, und über den Bildschirm dann die Titel aus der E-Book-Bibliothek streamen.

Bildungsprotzen ganz ohne Bücherregal.