March, 2010:

Nokias N900: Zwischen iPhone und Android wird die Zukunft übersehen

Dem zurückhaltenden Urteil von Volker Weber über Nokias N900 (“do you want an N900? Probably not. Not yet.”) könnte man auch vier Monate später noch vorbehaltlos zustimmen. Wer will schon ein Smartphone mit einem Betriebssystem (Maemo), das “permanent beta” (copyright Martin Leyrer) ist und noch dazu von Nokia selbst bald durch ein anderes ersetzt wird, ohne bisherige fixe Zusage, dass das dann auch am N900 läuft? Wo viele essentielle Sachen nur über Umwege funktionieren und es kaum Anreize für Fremdhersteller gibt, Apps zu schreiben? Das dreimal so dick ist wie ein iPhone und dessen Akku dennoch genauso schnell leer ist?

Die Antwort ist eindeutig: Ich.

Denn Nokia macht hier als einziges Unternehmen etwas sehr Grundlegendes richtig und bekommt dafür viel zu wenig Anerkennung. In der Aufmerksamkeitsökonomie zwischen iPhone und Android in die Bedeutungslosigkeit zerrieben, ist das N900 dennoch das einzige “free phone”. Nein, damit meine ich nicht gratis (Disclaimer: Ganz im Gegenteil, ich habe echt viel Geld dafür gezahlt; sprich: ich habe kein Testgerät von Nokia bekommen). Sondern es ist das einzige Handy, wo man als Besitzer alle Freiheiten hat. Während Apple beginnt, sich mit seinem geschlossenen Software-System lächerlich zu machen, und man wahrlich genug gute Gründe finden kann, sich Google (=Android) nicht auch noch am Handy einzutreten, bin ich am N900 “root”. Wo jede Funktion, die man benützen darf, anderswo einen Gnadenakt darstellt, vertraut Nokia dem Benutzer.

Dabei ist es ja gar kein Telefon. Sondern ein tragbarer Linux-Minicomputer, was ich durchaus als die Zukunft des mobilen Computings sehe.Wenn man diesen Gedanken wirklich mitlebt, dann dürfen Akku-Laufzeiten bei heavy use (Dauersurfen, Programme Installieren, Spielen, WLAN) von 4 oder 5 Stunden nicht verwundern: Die meisten Laptops laufen nicht länger. Denkt man ein bisschen mit (WLAN abdrehen, wenn nicht in Gebrauch, Refresh-Zeiten für Email und RSS auf vernünftige Intervalle stellen), kommt man locker über eineinhalb Tage, ohne neu aufzuladen, ein ziemlich typischer Wert für Smartphones. Zu den Standard-Fragen: Das N900 ist sauschnell und responsive, es lässt beim Multitasking erstaunliche Muskeln spielen, es fungiert als Radio-Sender für lange Autofahrten und lässt sich ganz einfach an Fernseher anschließen, es hat einen umwerfenden Bildschirm und  ausreichende Telefoniefunktionen.

Dennoch: Der Kanten sind viele. Umwege zum Bearbeiten von Kontakten, handgestrickte Sync mit Exchange-Servern, ein – freundlich gesagt – nicht ganz lückenfreies Software-Angebot (für das eben die Community verantwortlich ist und kein Konzern), nur zwei Ringtone-Profile… – man kann genügend Fehler finden, die dem Kauf widersprechen. Und ich bin bis jetzt nicht draufgekommen, wie ich das Menü umordnen kann.

Wer den Kauf eines N900 überlegt, muss  ganz, ganz genau wissen, was er will. Vieltelefonierer sind ebenso falsch wie Angeber (die tausend Apps und überdesignte Benutzeroberflächen herzeigen wollen) und jene Businesskunden, die nahtlose Integration mit bestehenden IT-Ökologien brauchen. Wer aber einen Computer mit vollwertigem Browser immer dabei haben will, wer viele Medien konsumieren will (das N900 kann Flash, viele Audio-und Videoformate, Video-Streaming vom Heim-Server auf den TV oder auch Web-Radio unterwegs), sein Telefon nach den eigenen Vorstellungen nutzen will, Fern-Zugriff auf andere Computer verwenden will und auch Emulatoren (C64) laufen lassen will, ist hier goldrichtig.

Vor allem aber alle, die sich nicht von Mobiltelefon-Herstellern bevormunden lassen wollen. Dieses Telefon ist meines, ohne Einschränkungen. Und das alleine ist ein ausreichender Grund, mit dem Börsel abzustimmen: Dorthin soll die Entwicklung gehen.

In drei Jahren sind Laptops irrelevant

Von ganzem Herzen nicht zustimmen kann ich dem Google-Europa-Chef John Herlihy und seiner Prognose, dass in drei Jahren “Desktops irrelevant” werden. Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass in naher Zukunft Laptops und die vielgehypten Netbooks stark an Bedeutung verlieren werden, zugunsten von Smartphones.

Und ich wage jetzt dann mal das Experiment (das in Teilen Asiens ohnehin schon Mainstream ist): Laptopfrei zu leben und die digitale Existenz über ein Handy abzuwickeln, und zwar auf dem Nokia N900 (full disclosure: ich kriege kein Geld und auch kein Gerät von Nokia; ich bin aber überzeugt, dass Nokia zu wenig Credit dafür kriegt, seit Jahren Linux-basierte und damit offene Internet-Tablets zu erzeugen). Und ich bin sicher: Das geht jetzt schon, und wird immer leichter.

Meine Haupt-Tätigkeiten am Laptop: Surfen, Medien Konsumieren, Kommunizieren. Das geht alles auch am Handy, und zwar überall und ohne Gerätewechsel. Daten transportiere ich auf einer tragbaren Festplatte, zum Spielen fehlt mir leider oft die Zeit.

Das einzige Problem mittlerweile: Produktion großer Textmengen. Dafür sind aber auch die wirklich praktischen, ergo kleinen Laptops, meist ungeeignet, und Netbooks überhaupt. Sei’s drum, lange Texte schreibe ich weiter am Stand-PC, den ich übrigens kaum jemals durch einen Laptop ersetzen werde. Stand-PCs haben einen klaren Kosten- und Leistungsvorteil gegenüber Laptops, das sollte man nicht vergessen, ebenso kann mit Backup-Einrichtung eine gewisse Verlässlichkeit geschaffen werden, sie sind ergonomischer und durch größere Displays auch besser für die Arbeitsleistung. Meist werden nur einzelne Teile kaputt, die leicht ersetzbar sind.

Was ist also im Zwischenfeld zwischen PCs und Smartphones der einzigartige Nutzen, den mir ein Laptop bietet und der die Kosten und auch die Größe rechtfertigt? Mir fällt schon jetzt kaum etwas ein. Und je besser Smartphones werden, desto schwieriger wird die Antwort.

Warum können PCs nicht sein wie… Rollenspiele

Nicht erst seit dem Blogpost der New York Times ist es ein hübscher Volkssport geworden,die Bedienbarkeit von PCs mit jener von iPhone, Mac OS oder auch einem Toaster zu vergleichen. Meine 2 Cent: Ein Betriebssystem der Zukunft für Arbeits- bzw. Privat-PCs (im Gegensatz zu Medienkonsum-Maschinen wie iPad, Netbooks, etc) sollte sein wie ein Rollenspiel. Und ich hielte es für eine Selbstverständlichkeit, dass Betriebssysteme endlich lernen, mit ihren Usern umzugehen, nicht umgekehrt.

Gemeint ist damit: User sollten anfangs nichts tun dürfen, das sie nicht verstehen, und sich erst nach und nach das Recht dazu erwerben, abstraktere Dinge mit dem Computer anzustellen. Und, ebenso wichtig: Das Betriebssystem sollte aktiv je nach Skillset nur jene Optionen anbieten, die der User meinen könnte.

Also kein komplizierter Formwandelzauber anfangs, sondern eher nur Kerzenanzünden mit Feuer-Spell. Oder, auf den Computer umgelegt: Wer Level 1 hat und das Partitions-Tool von Windows 7 aufruft, sollte nicht am Ende (nach allerlei magischen Vorgängen) mit einer 100 MB-Partition enden, die vor der Systempartition liegt und in die dann originellerweise auch noch versucht wird, hineinzubooten. Gerade eben erst gesehen, und es war kein Spaß das zu richten.

Die Frage bleibt: Wieso funktioniert das überhaupt? Welcher Anwender kann das jemals brauchen? Diese Option sollte erst bei Level 150 auftauchen. (Und übrigens: Dass das BIOS dann beim Booten zwar penetrant melden kann, dass der Bootmanager fehlt, aber nicht gleich ein kleines Tool gestartet wird, das selbiges Problem behebt, ist ein Witz.)

Ich plädiere für einen Character Sheet für jeden User, den man bei Computermigrationen mitnimmt (der also idealerweise irgendwo in der Cloud gespeichert wird). Der sich nach und nach nach oben hin adaptiert und damit immer mehr Optionen freischaltet. Die superguten Computerauskenner dürfen natürlich gleich alles. Ein derartiges System sollte idealerweise auch nichts mit der Benutzerverwaltung bei Windows und Linux zu tun haben. Denn es geht nicht darum, DAUs zu fragen, ob sie etwas jetzt wirklich machen wollen. Darauf haben die meisten keine Antwort, weil sie schlicht die Frage nicht verstehen. Sondern es geht darum, unterstützend und pädagogisch an den User angepasst das Betriebssystem für alle auf deren höchsten Niveau verwendbar zu machen.

Eine extreme Peinlichkeit für die ganze Branche ist übrigens das Unvermögen, auf den User zuzugehen. Ja, zugestanden: Viele Menschen sind unerträglich denkfaul und stur. Dennoch: Betriebssysteme sind eine Serviceeinrichtung und haben sich an den User anzupassen. Wenn dieser zehnmal das Netzwerktool in der Systemsteuerung aufruft, dann sollte das Betriebssystem fähig sein zu erkennen: Es gibt ein Netzwerkproblem, das der User offensichtlich nicht beheben kann. Wie schwer kann es sein, dass das Betriebssystem dann selbstätig erkennt, was das Problem ist? Bei einem Bekannten war kürzlich im Browser ein Proxy eingestellt, der ins Nichts führte. Niemand kann mir sagen, dass nach einem Vierteljahrhundert Entwicklungszeit Windows 7 einen nicht genau darauf hinweisen könnte.

Der Rollenspielcharakter von Betriebssystemen hätte übrigens noch einen Vorteil: Es würde Motivation geben, sich zu verbessern und sich mit Kollegen/Mitschülern/Pensionistenclubmitgliedern zu vergleichen. Etwa: “Ich darf schon 100 Mb-Partitionen erstellen, wann und wo ich will. Aber ich bin zu gescheit es zu tun.”