May, 2010:

Die Medienlücke 2.0

Ein kleiner Tipp zur Unterhaltung: Bei Mediengeschichten über IT-Themen immer “Handy” statt dem derzeitigen Schlagwort (Facebook, Google, Twitter…) einsetzen – und die absurden Ergebnisse genießen. An der Lächerlichkeit und Biederheit, die die Beitrags-Themen dann gleich bekommen, merkt man schnell: Der allergrößte Teil stellt die völlig falschen Fragen und erzählt die völlig falschen Geschichten.

Trotzdem mache ich mir eigentlich keine Sorgen um den Journalismus, auch nicht angesichts der geballten Ladung Unsinn, die derzeit über die Zukunft der Branche kursiert. Denn es gibt eine ganz eindeutige Marktlücke.

Der Crowd Journalismus auf Twitter und Co ist im konstanten Kommentarmodus gefangen und hat daraus kein Entkommen: Wer nicht polarisiert, wird ignoriert. Also gut geeignet für Boulevard 2.0. Hingegen: Gefühlte 99,9 Prozent der News, die mir über Twitter bekannt werden und die mich wirklich interessieren, verweisen auf Old Media-Webseiten.

Aber die gemeinte Marktlücke ist eine andere: Wir Journalisten (insbesondere die heimischen) müssen an der Verführungskraft arbeiten, die gut erzählte, originelle Geschichten haben. Deswegen ärgert mich das eingangs erwähnte Phänomen so: Wenn Stories entweder so bieder, banal und übersimpel erzählt werden, wie man sonst nur mit der leicht dementen Oma redet, oder man andererseits zwischen den Zeilen davon bedrängt wird, dass der Autor die Welt permanent auf sein kleines Experten-Ego reduziert, dann schafft sich die Medienlandschaft selbst ab. Und es ist dann auch kaum schade darum.

Wenn wirkliche Medien aber Geschichten über die digitale Welt von Heute erzählen, klingt das ganz anders. Dann steht die Geschichte im Vordergrund, wird der Leser mitgenommen und ihm klar gemacht, warum es ihn etwa interessieren sollte, dass die Parallel-Strukturen von Facebook ein Problem sein könnten.

Auf den Punkt gebracht: Es geht längst nicht mehr darum, einen staunenden Reporter-Blick des Unwissens auf unverständliche neue Welten zu werfen. Und ebensowenig darum, der größte unter den Auskenner-Zwergen zu sein. Es geht um die Basics des Journalismus: Geschichte so zu erzählen, dass sie verstanden werden und berühren. Und genau darin muss Journalismus nichts mit dem Zusatz “2.0”, nichts “Soziales” und keine Werbungskrise fürchten.

Das Internet macht dumm… und klug

Was der Menschheit fehlt: Ein Wiki für Streitthemen, die alle paar Jahre wieder groß diskutiert werden und eigentlich schon längst geklärt sein müssten. Da könnte man dann etwa eintragen: Nein, die nächste Generation ist nicht dümmer/lauter/ungehobelter/unbelesener als die vorige; nein, vor (Zeitpunkt-20 Jahren) war nicht alles besser. Und nein, neue Medienformen machen nicht dümmer als alte.

Stating the obvious: Das Internet macht dumm. Da braucht man sich gar nicht drüber aufregen, wie es kürzlich die Twittergemeinschaft in selbstgerechter Empörung während einer Fernsehdiskussion getan hat (ernsthaft, Leute: das war eine Fernsehdiskussion, wen kümmert das?) Eine Woche Urlaub vom Datenstrom haben mir wieder klar gemacht: Im sozialen Online-Leben schüttet sich mit Stumpfsinn zu, hört unerträglich kleingeistigem Brustselbstgeklopfe zu, wird eingeengt von den Grenzen in den Köpfen der anderen.

Stating the obvious: Das Internet macht klug. Man kann den Wissenszuwachs, die Inspiration, den Lerneffekt der andauernden Auseinandersetzung mit Inhalten gar nicht überschätzen. Das merkt man in einer Woche Urlaub vom Datenstrom: Da kann man eben nicht mal schnell was nachschauen, und dann weiß man es eben nicht.

Wie man über derartige Offensichtlichkeiten so ausdauernd diskutieren kann, bleibt mir ein Rätsel, bzw. nein eigentlich nicht. Es ist dieselbe Mischung aus pubertärem Minderwertigkeitsgefühl und peinlichem Standesdünkel, die in allen Mediendiskussionen bisher vorherrschte.

Das Internet reiht sich nahtlos in die lange Liste an Medien ein, bei denen es genauso binär ist: Fernsehen macht dumm, sagten uns damals in den 80ern aufgeregt die Psychologen. Jetzt ist das Fernsehen mit den Konsumenten mitgealtert und macht plötzlich weniger dumm als das Internet, weil die 50plus-Generation es halt schon so gewöhnt ist. Bücher machen klug, keine Frage – zumindest manche. Das Ausmaß an strunzdummen Machwerken, die dennoch gelesen werden, ist genauso unermesslich. Zeitungen können ein Weltbild ausdifferenzieren und für Frischluft im Kopf sorgen. Die meisten wählen aber jene, die das nicht tun.

Was eigentlich gefragt sein sollte: Wie wird man mündiger Medienkonsument? Der wichtigste Ansatz: Nicht immer nur Bestätigung der eigenen Vorurteile suchen. Das Wertvolle ist die andere Meinung. Solange die nicht strunzdumm ist.