October, 2010:

Ein sexy Titel: Strukturprobleme

Jaja, ich weiß: “Strukturprobleme” klingt nach eingeschlafenen Füßen. Wer dennoch zu Ende liest, kriegt ein Zuckerl!

Hierarchische Strukturen haben ein Lag-Problem: Rund zwei Jahrzehnte nach der entscheidenden persönlichen Prägung (zumeist im Alter von 15 bis 25 Jahren) kommen die Menschen in Führungspositionen. Und dann versuchen sie die Welt so zu formen, wie es ihnen gut scheint: Nach einem 20 Jahre alten Maßstab, der den Aufgaben übergestülpt wird.

Heißt was?

Heißt: Die Politik verwaltet eine Welt, die es nicht mehr gibt. Die meisten Medien berichten über eine Welt, die es nicht mehr gibt. In der Schule lernt man über eine Welt, die es nicht mehr gibt. Die Leute bilden sich eine Meinung über eine Welt, die es nicht mehr gibt.

Heißt auch: Die Politik hat keine Ahnung von den Problemen, die es derzeit gibt. Und schon gar nicht von jenen, die in Zukunft drohen. Viele Medien stellen die falschen Fragen an die Gegenwart. Schüler können mit Schulwissen wenig anfangen. Und die Menschen bleiben ihr ganzes Leben lang in ihren Vorurteilen gefangen, und wählen Politiker, die geistig ebenso veraltete Einbahnstraßen einschlagen wie sie selber.

Heißt weiters: Pffff.

Jetzt kommen gleich die Twitteranten einher und sagen, wir wenigstens sind am Puls der Zeit, wir bilden die Welt so ab, wie sie jetzt ist. Dazu ein herzhaftes: Na und? Darum geht es nicht.

Sondern darum, wie man die Institutionen so durchlässig machen könnte, dass der Lag auf dem Weg zur Führungsposition minimiert wird. Es müssen die richtigen Menschen innerhalb der Institutionen gefördert werden, jene, die geistig im Heute leben.

Über Twitter schafft man das nicht. Siehe #unibrennt.

Online bin ich längst emigriert

Buenos Aires. London. Hongkong. Kanada. Spanien. Ziele und Gründe zum Emigrieren gibt’s genug. Zum Beispiel die unerträgliche Dumpfheit und Dummheit, mit der in Österreich die Migrationsfrage diskutiert wird. Wie mit Inbrunst in Fragen gewühlt wird, die einer Welt gelten, wie es sie vor einem Vierteljahrhundert zuletzt gegeben hat. Auf Arten und Weisen, die eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen sind.

Das Gute an der Sache? Es ist mir zunehmend wurscht. Online bin ich längst emigriert.

Ihr könnt eure dumme, nationalistische, ahistorische, antihumanistische, ressentimentgeprägte, bestialische Niedertracht-Suppe künftig ohne mich kochen. Österreich wird sich im realistischen worst case nie öffnen, wird den politischen Stillstand und die Prägung durch Nationalismus und Proporz nie überwinden. Banalste Notwendigkeiten wie Bildung, Verwaltungsreform, Medienpolitik, Infrastruktur, die Hoffnung auf Zukunft machen könnten, werden jahrzehntelang diskutiert. Das muss man sich mal vorstellen: die Schulreform wird in Österreich seit 40 jahren angedacht. Festgekrallt an die Vergangenheit bleibt alles schlechter.

Na und? Ihr Giftverspritzer seid längst nicht mehr mein soziales Netzwerk, meine Kultur, meine Zugehörigkeit. Die ist online, postnational, transkulturell, offen. Und macht Emigration gar nicht mehr so nötig: ich lebe anderswo. Da, wo Luft zum Atmen und Denken ist. Wo keine ausgefressenen Provinzpolitiker jede Innovation totstempeln. Konsumiere Medien, die mein Weltbild erweitern. Wo man äffische Volltrotteln einfach wegklickt und Debatten hin und wieder auch mit Argumenten geführt werden. Und wo es keine eingelernte Schein-Normalität gibt, deren minimale Änderung gleich die Massen zu den Heugabeln greifen lässt. Ein Besuch auf 4chan heilt endgültig die Kulturkampf-Hysterie bei jedem Kopftuch in Wien.

Idealistisch? Sicher. Man kann noch so online sein, die inneren Grenzen bleiben. Dann liest man halt online den selben Schund wie sonst. Kaum einer nützt die neue Medienrealität in vollem Umfang. Und ja, die Trotteln sind auch online. Aber dort sind auch jene Menschen, die Zukunft denkbar machen. Und bis auf weiteres lebe ich mit den Füßen in Wien. Und mit dem Kopf in der Zukunft.