February, 2011:

Schlechte Nachrichten für die Botox-Industrie

Also eines war “Tron Legacy” sicher nicht: Unterdiskutiert. Überraschend dabei war nicht der heiße Geek-Eifer. Sondern dass (zumindest meiner Medienwahrnehmung nach) ein extrem spannender Aspekt völlig unterbeleuchtet blieb: der computergenerierte junge Jeff Bridges.

Der war nämlich extrem glaubwürdig. Und ein proof of concept: demnächst dürften computeraninmierte Schauspieler wirklich glaubwürdig sein. Mit weitreichenden Folgen.

Der erste Einsatzbereich: alternde Diven. Statt sich mit Botox das Gesicht zur Monster-Maske zu spritzen, werden Meg Ryan und Co künftig wohl ewig Mitte 20 sein. Das Rezept dafür hat Tron vorgezeigt.

Und dann werden wohl bald einige alte Hollywood-Stars wieder auferstehen: Völlig computeranimiert spielen Monroe, Bogart, Grant wieder auf. Da klingelt die Kinokassa.

Ja, der Computer-Jeff war ein bissi gesichtslahm. Aber, mal ehrlich, das sind viele Schauspieler sonst auch. Der Harry-Potter-Typ etwa.

Jedenfalls: Hollywood-Agenten werden bald wohl um Rechte an virtuellen Lebensaltern von Stars verhandeln. “Julia Roberts” von 21 bis 30, vertreten durch Agent XYZ, spielt in “Pretty Woman 7” mit Humphrey Bogart. Dann übrigens hör ich auf, Kinofilme zu schauen.

Die wahre Online-Revolution: Ungeduld

Hurra, auch die Ägypter haben Facebook-Accounts. Und, nein!, sie haben auch Twitter. Und sie haben diese Tools auch, Überraschung, genutzt, sogar noch während der ausbrechenden Proteste. Dass dort dann tagelang das Internet abgedreht wurde, hält die euphorisierten SMler und pflichtschuldige Zeitungsberichter nicht davon ab, wieder über eine $BeliebigeSocialMediaPlattform-Revolution zu jubilieren.  Das ist vor allem eines: Bemüht. Und fad. Und Themenverfehlung. Und zwar nicht nur in Hinblick auf die purzelnde Altherren-Riege im Nahen Osten.

Denn auch wir haben unsere ganz eigene Verkrustung. Die eigentlich spannende Frage ist: Warum hat das Web 2.0 so wenig Erneuerungs-, Entkrustungs-, ja zumindest Auflockerungs-Potenzial – vor allem im Land der Zwerge? Was hat uns denn, um mit Monty Python zu sprechen, das Web 2.0 wirklich gebracht? #unibrennt war genauso ein Strohfeuer wie die Grassermovies. Eh lustig, eh irgendwie heutig. Aber Österreich bleibt Österreich.

Wenn die österreichischen Politiker nicht so wären, wie sie sind, dann könnte man fast an ein perfides Spiel der Politik glauben: Überlasst der jungen Tech- und Fortschritt-Restelite im Web eine Feelgood-Spielwiese zur stillen Beschäftigung, dann gehen uns die nicht auf den Wecker mit diesen “Ideen” von Politik als Serviceeinrichtung, die sich vielleicht Gedanken über die längerfristige Zukunft machen könnte. Anstatt mit Altherren-Sicht auf die Welt Scheinprobleme totzudiskutieren.

Ohne jetzt den Wolfgang Lorenz geben zu wollen, aber: Guy Fawkes-Masken als Twitter-Bild haben noch nix verändert hierzulande. Es wird Zeit, dass das Web 2.0 sich auf reale Resultate fokussiert, es wird Zeit, dass die neue Online-Welt die alte Offline-Welt nicht nur mit Selbstbestärkungs-Dauergeschwätz begleitet, sondern wirklich demokratisch beeinflusst.

Zu lernen hätte die Politik viel von den Möglichkeiten der neuen Plattformen: die offene, schnelle  Diskussion aktueller Themen. Einen datenbasierten, vernetzten Zugang zu politischen Fragen ohne den an Geisteskrankheit grenzenden Tunnelblick  vererbter politischer Überzeugungen. Die spontane Bildung neuer Initiativen.

Ups. Da ist mir jetzt kurz der Idealismus durchgegangen. Eh sind die Online-Menschen um nix besser als die realen. Aber zumindest sind sie ungeduldiger. Wären wir auch so ungeduldig mit den endlos zähen Reformverzögerungen der heimischen Politiker, und würden sie das in jenen Kanälen spüren lassen, die die Politiker verstehen, dann wären auch  in Österreich eine Menge kleiner Schritte in Richtung Fortschritt möglich. Und dann, ja dann wäre das Geschwätz von der SM-Revolution nicht nur eine Online-Ente.