Wo Kunst nicht völlig Unrecht hat

Ja, das ist mal ein Schocker-Titel, gell? Aber es stimmt, ich habe uns Netzmenschen schon wieder Unliebsames von der Schnittstelle Technologie und Kultur zu verkünden.

Denn so sehr “Kunst hat Recht” auch daneben ist, so schlechte Berater die haben, so wenig Ahnung von Internetüberwachungsbestrebungen, so katastrophal die offenbar untereinander kommunizieren, so weit sie hinter dem aktuellen Diskurs über Sharing und Kulturkompensation hinterherhinken, so wenig Einblick sie in  ihr eigenes Marktumfeld haben, so vehement, wie sie sich immer weiter selbst reinreiten – in einem haben sie wirklich Recht: es ist Zeit für einen Dialog.

Nicht über rechtliche Mittel gegen Online-Urheberrechtsverstöße. Nicht über Providerhaftung. Nicht über das Scheiß-Internet, wo den Künstlern alles geklaut wird. Diese Diskussionen sind alle durch, und es wird allerhöchste Zeit, dass das auch von einer Mehrheit der Künstler überrissen wird. Ich habe kein Mitleid mit jenen Kunstschaffenden und Verbänden, die jetzt im Zuge von “Kunst hat Recht” erst draufkommen, was alles an diversen Online-Forderungen problematisch sein könnte. Die haben ihren Job nicht getan.

Eigentlich ist gerade das zentrale Thema von “Kunst hat Recht”, das Urheberrecht, ausdiskutiert.

Aber eine Diskussion hat noch nicht einmal begonnen. Ich habe beruflich jeden Tag mit Künstlern zu tun, und um das Banale festzuhalten: das ist eine unglaublich heterogene Gruppe an Menschen. Einige davon sind vehement online, andere gar nicht, ich würde mal schätzen: im Durchschnitt ähnlich wie die Gesamtbevölkerung.

Aber auf eines muss die geschätzte Aufmerksamkeit gelenkt werden: wir alle lieben Kunst von Menschen, die völlig ungeeignet sind, unter den derzeitigen Web-Dogmen zu agieren. Und es ist ebenfalls allerhöchste Zeit, dass wir Netzmenschen vom hohen Ross runtersteigen und diesen Künstlern wieder entgegenkommen.

Mei, was hatten wir alle für einen Spaß bei der Revolte unserer Generation: dem Entdecken der Sharing-Kultur. Ich meine das ganz ernst: im letzten Jahrzehnt fand soetwas ein Erweckungserlebnis statt, vor allem bei jenen, die Popkultur fanatisch lieben. Kunst wurde frei, gewollt oder nicht, und die früher unberührbaren Stars mussten sich zu uns normalen Menschen herabbücken und von gleich zu gleich mit uns kommunizieren. Es steht außer Frage, dass die Sharing-Kultur eine der grundlegendsten kulturellen Revolutionen seit langem ist.

Aber genau deshalb darf sie nicht zum Dogma werden. Es ist nun an der Zeit, den pubertären Impetus abzustellen, mit dem die Trotzrevolte gegen die Pop-Labels unterfüttert war. Nicht alle Zwischenhändler sind böse, nicht alle Künstler hassen ihre Labels, nicht alle Kunstschaffenden wollen sich um den wirtschaftlichen Aspekt ihrer Arbeit selber kümmern.

Und das sollen sie auch leben können: Wir Netzmenschen sind gefragt, uns gewissen Kompensationsmechanismen zu öffnen. Ich schreibe jetzt absichtlich keines der Reizwörter hin, aber: ich finde es ganz allgemein mindestens genauso ärgerlich, wenn sich Kunst von Werbung bezahlen lassen muss, wenn wir die Liebe zu Popmusik in Geld für Google und nicht Geld für die Kunst umwandeln, wenn alte Strukturen zerhauen werden und die Bonzen von früher durch mindestens ebenso bonzenhafte Gecken – nunmehr aus dem Silicon Valley – ersetzt werden. Ich verehre Innovation, ich bin vehement für die Freiheit von Kultur im Web – aber die Diskussion, wie es damit weitergehen soll, ist keineswegs beendet. Es braucht eine Pluralität an Ansätzen, wie Kunst entlohnt werden kann. Und nachdem viele Künstler genau davon leider wenig Ahnung haben, wird es Zeit, sie zu unterstützen.

Eines hat “Kunst hat Recht” wieder gezeigt: One Size Fits None. Aus der Initiative dringt ein auf Konsens zusammengedämpftes Stimmengewirr unterschiedlichster Interessen. Verwertungsgesellschaften, die gerne neue Geschäftsfelder eröffnen würden (denn, man darf nicht vergessen, viele der Geldquellen – etwa Radiolizenzen, Aufführungsvergütung, Print-Vervielfältigung – sind völlig unberührt bzw. profitieren vom Internet). Künstler, die ihre Verkaufskarriere längst so gut wie beendet haben und nun um das Einkommen früherer Leistungen bangen (ich möchte nicht mit ihnen tauschen). Junge Neo-Stars, die noch kurz zuvor für eine Lockerung des Urheberrechts hätten sein müssen, um bekannt zu werden, wenig später aber dann für eine Verschärfung sind, um nicht unterzugehen. Es gibt nach menschlichem Ermessen keine Form von Urheberrecht, die all diesen Bedürfnissen entspricht, und möge es noch so scharf sein.

Aber es gibt unermessliches kreatives Potenzial im Web. Dies ist nun in den Dienst der Künstler zu stellen. Wegen der Liebe zur Popkultur, die wir alle teilen. Denn Künstler, die etwas unmittelbar verdienen wollen, werden allzugerne ins böse Eck gestellt. Und das ist eigentlich lächerlich. Daher ist ein Dialog zu beginnen: Wie wäre es, wenn wir einmal die Künstler fragen, wie sie künftig zu ihrem Geld kommen wollen? Ich wette, in so einem Dialog kommen gescheitere Antworten zu Stande, als beide Seiten derzeit zu liefern vermögen.

 

2 Comments

  1. fatmike182 says:

    Dieser Dialog beginnt dann am Besten ganz an der Basis. Am Boden zu dem sonst ungern hinabgeschaut wird. Dort steht kleinlaut “Was ist Kunst und wer ist KünstlerIn?”.

    UrheberIn ist man ja bald einmal. Du erwartest dir keine finanzielle Gegenleistung von den Konsumierenden für den Blogbeitrag, ich nicht für den Kommentar. Ein Gutteil der derzeit häufig auifgerufenen immateriellen Konsumgüter basieren auf dem Prinzip: kreative Bild-Schaffungen auf 4chan/9gag, in Film-Form auf Youtube/Vimeo, als inhaltliche Textkomponente auf Wikipedia, als Musik bei Soundcloud,… Die Erwartungshaltung der freiwilligen Bereitstellung lässt aber keine
    Rückschlüsse auf die Qualität zu. Es gilt schlicht der Grundsatz für gutes Benehmen im Netz, auf Urhebende zu referenzieren.

    Wendet man sich der “fairen Entlohnung” von KünstlerInnen zu, verlassen wir aber schnell den Pfad. Es geht nicht mehr darum was wir Konsumierende als gut/kunstvoll/kreativ/.. betrachten, sondern darum, was obere Instanzen — Verwertungsgesellschaften, die häufig hohe Budgets in Werbung stecken um uns einzureden was gut/beachtenswert/.. ist — dazu meinen. Restliche “Kunstschaffende” (ist das dann Kunst?) bleiben auf der Strecke und decken den Sterotypen des armen brotlosen Künstlers ab.
    (ein Ausweg wäre das ein Micropayment-System um den Vorgang der Bezahlung zu demokratisieren)

    Ich bin mal gespannt wie/wann/mit wem der ernsthafte Dialog um Kunst komplett ohne Polemik fortgesetzt werden kann und was dabei rauskommt.

  2. Siehe auch Mercedes Echerer, Initiatorin. Zusammengefasst ist man auf der Suche nach Wertschöpfungsmöglichkeit in einer Welt die Künstler möglicherweise etwas überfordert. Die Suche nach einem Dialog mit Regierung und Gesellschaft zur Problemlösung.

    http://www.politisieren.at/urheberrechte_kunst_hat_recht_interview_initiatorin_mercedes_echerer.php