March, 2012:

Ansatzpunkte für eine brauchbare Kunstentlohnungsdiskussion

Na, da hat “Kunst hat Recht” doch noch Erfolg gehabt: jetzt schwappen wirklich wieder Diskussionen über das Urheberrecht durch das Netz.

Bitte nicht.

Wenn es eine Diskussion gibt, die völlig fehl am Platz ist, dann ist es diese. Das Urheberrecht ist ein emotional aufgeladener und zugleich superlangweiliger Nebenschauplatz, eine Themenverfehlung, die in der entscheidenden Frage mehr schadet als nützt. Und wenn überhaupt, dann am Schluss einer breiten Diskussion stehen sollte.

Es geht nämlich bei der Entlohnung von Kulturschaffenden genau überhaupt nicht um das Urheberrecht, es geht auch nicht um Schutz geistigen Eigentums. Wer seinem Kunden mit dem Gesetzespapierl winken muss, damit dieser zahlt, hat mit diesem eine völlig verhunzte Geschäftsbeziehung, in einfachen Worten: wer nur über Klagen Bewusstsein schaffen kann, dass man ihn doch bitte bezahlen soll, bietet ein Produkt an, das dem Konsumenten nichts wert ist.

Bei Kultur ist das Gegenteil der Fall. Es gibt kaum ein Produkt, das so sehr im Mittelpunkt des Lebens von so vielen Menschen steht.  Künstler müssen daher nicht um Geld betteln. Sondern eines endlich klarstellen: Künstler und Publikum sind in einer Online-Beziehung. Und man muss keine Frauenzeitschriften lesen um zu erkennen: an einer Beziehung muss man arbeiten. Beide Seiten. Auch wenn’s kompliziert ist.

Ganz wirklich toll wäre es, wenn alle Beteiligten dann auch noch endlich realistisch an die Diskussion herangehen. Und statt sich in Worthülsen einzubunkern (“Raubkopierer!”, “Sharing-Kultur”, “Diebstahl”, “Kunst muss frei sein”) vielleicht mal argumentative Ehrlichkeit walten lassen.

Und vor allem: Es gibt ganz viele Aspekte, die man bitte nicht mehr diskutieren sollte. Sondern die als gemeinsamer, als Konsens etablierter Ausgangspunkt für eine sinnvolle Kunstentlohnungsdiskussion dienen müssen. Darunter:

  • Es gibt auf Künstlerseite Verlierer, die mit der neuen Situation nicht umgehen können und herbe Einkommenseinbußen erleben. Das heißt aber nicht, dass sie schlechte Kunst machen oder es verdienen, dadurch zu Feindbildern zu werden, dass sie in fundierter Form darauf hinweisen.
  • Es gibt ein riesiges technologisches Wissensdefizit auf Künstlerseite, das durch nichts zu entschuldigen ist: wer immer noch nicht verstanden hat, dass jede verschärfte Form der Rechtsdurchsetzung im Internet einen Rattenschwanz an Grundrechtsproblemen nach sich zieht, muss sich weiterbilden, bevor er kampagnisiert.
  • Bezahlungspflicht für bestimmte Formen der Kulturproduktion – hier insbesondere die populärsten wie Popmusik und TV-Serien – wird nie wieder lückenlos durchsetzbar sein. Es wird sich die Diskussion um Opt-In-Systeme drehen müssen, die so viele Menschen wie möglich erreichen müssen. Es wird um Mischformen zwischen direkter Abgeltung, Querfinanzierungen (Werbung), neuen Verdienstmöglichkeiten, Flatrates und pauschalen Abgaben gehen. Es wird eine Publikumsschicht geben, die davon permanent keinen Gebrauch machen, sondern gratis Kultur konsumieren wird.
  • Es gibt weit, weit mehr als genug Geld sowie ein stark ausgeprägtes Zahlungsbedürfnis für Kultur. Kulturschaffende sind in der privilegierten Position, dass sie – bei Erfolg – Menschen emotional oder intellektuell berühren und daher eine immens wichtige Rolle in deren Leben spielen. Der bei weitem überwiegende Teil des Publikums ist bereit, dafür zu bezahlen.
  • Es ist dank des Webs für junge Künstler um ein Vielfaches leichter, erfolgreich zu sein. Es war in den glorifizierten Prä-Internet-Zeiten für österreichische Künstler unermesslich viel schwerer, ein Publikum zu erreichen. Und es war genauso unmöglich wie heute, von Rechteabgeltungen zu leben.
  • Es wird österreichisches Kunstschaffen keineswegs großflächig illegal kopiert. Nicht jeder Karriereeinbruch erklärt sich durch das Internet.  Die Zerstrittenheiten der einzelnen heimischen Kulturszenen (Film, Pop…) führen dazu, dass legale Online-Angebote fehlen.
  • Nur die wenigsten Online-Gratiskulturkonsumenten führen die Sharing-Kultur zu Recht im Munde. Wer Kultur nur gratis konsumiert ohne Mehrwert zu schaffen, weil er zu geizig ist, dafür zu bezahlen, ist argumentativ im Eck: dafür gibt es keinen vernünftigen Grund außer Geiz. Kulturkonsum kann und sollte in jenen Fällen, wo selbiger bereichert hat, zumindest im Nachhinein abgegolten werden.
  • Und, mit lieben Grüßen an “Kunst hat Recht”: Es gibt gute Gründe, Kulturschaffen gratis ins Netz zu stellen. Diese Diskussion ist endlich abzuschließen: in gewissen Kontexten profitiert man davon, etwa, wenn man eine Message unter’s Volk bringen will. Siehe die Videos von “Kunst hat Recht”, die ich aus mehrlei Gründen hier nicht verlinke.