May, 2012:

Und dann wird das Urheberrecht halt reformiert worden sein

Jahrelang freut man sich darauf, dass die Kombination von Kunst und Internet endlich als hochpolitisches Thema erkannt wird, und dann ist es so weit – und man hält es kaum im Kopf aus, auf welchem Niveau diskutiert wird.

Künstler und Kommentatoren, die 15 Jahre Urheberrechtsrevolution verpennt haben und jetzt auf Experten tun. Ein politischer Apparat, dem als Reaktion auf eine offenbar in eine politische Lücke einfahrende Partei nur das Wort Protestwähler einfällt (warum hatten die Yogiflieger, die Autofahrerpartei, der Lugner, die Kommunisten nie diesen plötzlichen Zulauf?); ein politischer Apparat eben, der die Brisanz abtut und, selber am Boden liegend, die Chuzpe hat, auf Snob zu machen (die Piraten sind eine Chaostruppe, okay. GANZ im Gegensatz natürlich zu den anderen Parteien!). Internet-Meinungsbildner, die in der ewigpubertären Anti-Bonzen-Propaganda von vor 10 Jahren verharren. Lobbyisten, Apparatschniks, Weiterbildungsunwillige, Beleidigte, Selbstgerechte auf allen Seiten.

Und dann beißen sich auch alle gemeinsam im Urheberrecht fest. Ausgerechnet im unwichtigsten Teil der Debatte. Was da für Ressourcen verschwendet werden, für Energien gebündelt, die in einem großen Dialog über Künstlerentlohnung weit, weit, weit besser aufgehoben wären.

Na bitte, dann halt ein kurzes Fast Forward in die Zukunft, die – hurra, hurra – ein neues, reformiertes, glitzerndes Urheberrecht hat. Kunst hat (neues) Recht bekommen. Und dann?

Dann wird es, zu Recht, ein bisserl mehr pauschales Geld für Künstler geben, Festplatten werden eine Spur teurer, die Provider dürfen ein bisserl überwachen (aber! nur! die! Uploader!). Die Verwertungsgesellschaften haben ein neues Einnahmengebiet (zusätzlich zu Radio, Fernsehen,Fernsehgebühren, Tonträgerverkäufen, Konzerten, Lesungen, Friseurläden, Gasthäusern, Kopierern, Satellitenschüsseln, Faxgeräten (haha, genau die) and whatnot).

Und dann ist alles gut?

Schmecks.

Es wird im Großen und Ganzen genauso schwierig sein, als Künstler zu überleben, wie jetzt. Es wird weiter keine Vielfalt an legalen Angeboten zum Kulturkauf geben, insbesondere nicht für österreichische Musik oder Filme.Es wird immer noch pro Land unzählige Verwertungsgesellschaften geben, statt ein paar europaweit arbeitende, und damit immer noch nicht die Möglichkeit, paneuropäische innovative Kulturangebote zu errichten. Es wird weiter keine einheitliche Rechteabklärung in Europa geben und damit kein europäisches Hulu, kein europäisches Netflix, kein europäisches iTunes, nur kleinstaatliche Lösungen.

Folgerichtig werden die mit Kultur ermöglichten (Werbe-)Einnahmenanteile weiter in die Taschen von Google, Facebook und Co fließen, empörend, dass die jetzt für ihre Innovationen belohnt werden, nicht? Das neue Urheberrecht wird ermöglichen, sich gegen diese großen Player zu stellen – Alternativen (und damit Geld aus dem Internet) gibt es deshalb noch lange nicht. Künstler werden durch das neue Urheberrecht keinen Cent mehr aus dem Internet bekommen, als jetzt auch schon möglich wäre (etwa durch zielführende Verhandlungen vom GEMA/AKM mit Google (YouTube)).

Die Menschen werden  (rechtlich ein bisschen besser abgesichert) weiter kopieren, denn der einst unumstößliche Akt des Kulturkaufens ist unwiederbringlich dahin. Man wird sich trotz neuem Urheberrecht daran gewöhnen müssen, dass Kulturschaffen ab sofort, nein seit Jahren mischfinanziert werden muss, das wird sich durch ein Recht nicht ändern. Die Künstler, die jetzt schon gut mit dem Internet leben, werden dies weiter tun; jene, die sich schon derzeit ins Gesicht gepinkelt fühlen, werden auch das weiter tun.

Dass die legalen Download-Angebote wachsen, wird man als Erfolg des neuen Rechts argumentieren – und nicht mit der ohnehin längst zu spürenden Verschiebung zum Online-Kauf (wo dies halt möglich ist).

Recht rasch wird man draufkommen, dass die pösen kommerziellen Uploader gar nicht in Österreich sitzen, so hinterlistig sind die, dass denen das österreichische Urheberrecht wurscht ist. Vielleicht könnte man ja doch bei den Downloads…? Ein paar werden sich dann vom Download abschrecken lassen, werden einen Bruchteil dessen, was sie jetzt downloaden, kaufen, und insgesamt mit weniger Kultur auskommen. Ziel erreicht, liebe Künstler!

Der kreative Online-Umgang mit Kultur wird rechtlich ein bisschen besser abgesichert sein – was auch wurscht ist, denn der läuft soundso. Künstler können erwartungsgemäß ihre Werke dem neuen Urheberrechtsgesetz nach für bestimmte Formen der Nutzung im Internet freigeben oder sperren (a la creative commons), und immer mehr werden sie völlig freigeben, weil ihre Kunst sonst nur bei alten Menschen stattfindet. Stimmt aber auch nicht, denn selbst wer die Kunst für das Internet sperrt, findet trotzdem statt – denn auch diese Regelung wird ignoriert werden. Viel Spaß mit der Durchsetzung des neuen Rechts – Klagen gegen Teenager werden nicht bessere Publicity, wenn sie sich auf ein neues Recht beziehen.

Einzelne Künstler werden voller Erstaunen feststellen, dass trotz allem ihre Werke nicht (mehr) gekauft werden, und dann ganz ohne  Schuldigen dastehen – immerhin wurde ja das Urheberrecht reformiert! Die Urheberrechtsreform wird aber ohnehin bei der Festschreibung der technischen Entwicklung schon wieder hinterherhinken, der große Urheberrechtsdialog von vorne anfangen.

Und dann?