September, 2012:

Livetickerbuchkritik oder: Wie der Journalismus abgeschafft wird

Kinder, nennt mich humorlos, aber dass der Spiegel einen Liveticker zur Redakteurserstlektüre des neuen Rowling-Buches (http://m.spiegel.de/kultur/literatur/a-858087.html) macht, zeigt erschreckend, was im Onlinejournalismus falsch läuft: Die Diktatur der Page Impressions frisst nun auch die Literaturkritik, wo ohne Gelegenheit zum kontemplativen Urteil jedweder journalistische Mehrwert flöten geht. Ich prangere das an.

Grundlegende ökonomische Absurditäten des Onlinejournalismus sind immer noch ungelöste, aber wesentliche Fragen. Da hilft auch kein Schönreden: ein ökonomisch echtzeitüberwachtes Klickgeneratorfließband ist nicht die Art von Journalismus, die im Internet überbleiben darf.

Die Informationsverlierer

Was sich in der Uausschuss-Debatte niemand so recht zu sagen traut: das ganze unwürdige Schauspiel ist nicht nur eine Ansammlung von Skandalen und die Selbstabschaffung der Parteien, sondern ein Einblick in ein dunkles Eck der heimischen Realitäten: Wahlen werden in Österreich von den Informationsverlierern entschieden. Wer heute noch ORF, Heute, Österreich und die Krone als einzige Medien konsumiert und sich davon das Weltbild formen lässt, ist der Extremfall eines Fortschrittsverlierers – er nimmt nicht Teil an der Informationsgesellschaft.

Dass von dieser Gruppe aber das Land regiert wird, ist raschestmöglich zu ändern, wenn Österreich nicht den Ubahnslogan “zurückbleiben, bitte” endgültig zur Staatsräson machen will. Natürlich haben die Parteien daran kein Interesse. Dennoch: die heutige politische Bruchlinie zieht sich längst nicht mehr zwischen Arbeitern und Bürgerlichen, zwischen reich und arm – sondern zwischen Informationsverlierern und denen, die im Internet-Zeitalter angekommen sind. Diese beiden Seiten beäugen einander mit jenem unüberbrückbaren Unverständnis, das früher Arbeiter und Bürger trennte. Es wird Zeit, dass die Generation Online das Land regiert. Dann erledigt sich dieser Inseratennonsens von selbst. Fehlt nur noch eine Partei.

Immer noch underwhelmed

Ich habe wirklich versucht, ein braver Onlinebürger zu sein, aber ich bin gescheitert: entgegen dem Avantgarde-Mainstream der Hauruck-Revolutionsfreude bin ich immer noch voll nicht dafür, den Journalismus noch abhängiger von der Werbewirtschaft zu machen. Das ist aber leider, was online im wesentlichen passiert: statt Journalismus von pösen Zwischenhändlern zu befreien (RIP Music Labels) wird der Journalismus nach der derzeitigen Onlinemarktlogik noch fester an die Werbung verkauft. Einnahmengenerierende Klickhurerei und gesellschaftlich relevantes Reporting sind, hüstel, nur ganz selten das selbe.

Onlinejournalismus ist die einzige Zukunft für die Branche. Geschichten müssen online leben, sonst leben sie gar nicht. Aber wenn sich ausnahmslos alle Onlinemedien gezwungen sehen, einen Berichtwirbelsturm über das iPhone 5 (bis hin zum Liveticker, unglaublich eigentlich) loszulassen, um die inhaltlich irrelevanten Page Impressions abzugreifen, und gleichzeitig wichtige, aufwendige Geschichten sterben gehen, weil sie online verhungern, dann läuft was falsch. Sehr falsch.