December, 2012:

How to: Erstellen klugscheißerischer Popbestenlisten für Anfänger

Platz eins: die Königsdisziplin. Kriterien: CD ist nicht im Handel erhältlich, bisher nur auf Pitchfork in einem Nebensatz erwähnt. dafür unanhörbar. “die beste platte des neo-$genre”, wobei $genre vorzugsweise erfunden ist. textlich nach zwei Kriterien abzuhandeln: arrogant (“ein muss”) und exkludierend (“nichts für Ö3-Hörer “)

Platz zwei: ironisches Zugeständnis an den Mainstream. “Das eigentlich beste Album des Jahres kam von Lady Gaga, weil sie so ekelerregend kommerziell ist, dass es eine Faszination des Schreckens hervorruft”

Platz drei: unbekannte österreichische Band, vorzugsweise mit dem Autor befreundet.

Platz vier: siehe Platz eins.

Platz fünf : Aus internationalem Musikmagazin abgeschrieben.

Der Trend zum Mietbuch

Nein, Kindle hab ich mir noch keinen gekauft. Remotes Bücherlöschen? Kommt überhaupt nicht in frage. Sonst aber geht mir die Diskussion um Besitz von Ebooks weitestgehend am Bücherregal vorbei. Beziehungsweise: es ist mir eigentlich völlig egal, wenn ich “meine” Bücher (oder auch Musik) nicht besitze. Welches Gut ist besser für Miete geeignet als ein Roman? Die paar, die ich öfter lese als ein Mal, kaufe ich mir halt als Papier. Ob ich den Rest aber am Reader rumliegen habe oder nicht, kümmert mich nicht. Keiner wird bewundernd meinen Reader durchsuchen und toll finden, was für gescheite Texte ich lese. Der Reader ist kein Bücherregal, Bücher sind da kein Pseudoausstellungsstück. Mit dem Papierbuch ließ es sich herrlich angeben. Mit dem Ebook nicht. Und das ist eigentlich ein Vorteil.

Die Kulturrevolution ist gescheitert

We were promised unicorns, and all we got is Gangnam style.

Oder, in anderen Worten: Die Online-Kulturrevolution, von der wir uns alle so viel versprochen haben, ist großflächig gescheitert.

Ja, das tut mir auch weh. Es hat alles so gut geklungen. Aber nüchtern betrachtet hat sich keine der großen Versprechungen der revolutionären Kampfrhetorik (ja, ich bin an der mitschuldig) bewahrheitet. Im Gegenteil.

Was hätte nicht alles passieren sollen mit der Kultur im Internet, in den sozialen Medien. Geld kommt direkt zu den Künstlern, der direkte Draht zum Publikum macht es guten Acts leichter, Kommunikation und nicht Geld macht künftig Karriere.

Bollocks.

Die Realität ist eine ganz andere.

Was hat die Verfügbarkeit von Kulturprodukten an der Kultur besser gemacht?

Den meisten Künstlern geht es finanziell weiter dreckig. Ja, Verlage in jeder Hinsicht – CD-Labels, Film- und TV-Studios, Buchverlage – wurden durch legale und nicht so legale Onlineangebote recht großflächig entmachtet, Kündigungswellen inklusive. Zu einer kulturellen Blüte – „die bösen Konzerne nützen die Künstler aus, in direktem Kontakt zum Publikum wird die Kunst freier“ – hat dies nicht geführt. Wo sind die tollen jungen Acts, die jetzt plötzlich von uns allen entdeckt werden? Wer von uns hat schon in nennenswertem Ausmaß Indie -Musik geflattert, gekickstarted, wer hat neue Autoren entdeckt, auch nur irgendeinen Kunstschaffenden irgendwie unterstützt, wie es früher nicht möglich gewesen wäre?

Wer von uns hat die freiwerdenden Mittel aus dem nicht mehr nötigen Kulturkauf wieder in Kultur investiert? Wer von uns hat kreativen Umgang mit Kultur gepflegt, der früher nicht möglich gewesen wäre? Nein, wir sind nicht alle DJs, Videokünstler oder sonstwas geworden. Die meisten hören Musik – und aus.

Warum, weiters, sind in der offenen neuen Internetkulturwelt „Gangnam Style“ und Justin Bieber-Irgendwas die meistgesehenen Videos?

Wenn überhaupt irgendwas, ist Pop noch feiger geworden. Investitionen müssen sich in der Krise noch sicherer auszahlen, und das heißt: Anbiederung an die Hörer, die noch Musik kaufen, und Anbiederung ans Werbeumfeld. Die besten Voraussetzungen für mutigen Pop.

Bei der Literatur – das selbe Spiel. Jeder kann nun Texte veröffentlichen und verlegen lassen – größter Hit bei Amazon? „50 Shades of Grey“. Na danke.

Ausnahmen bestätigen etc. Natürlich gibt’s eine Amanda Palmer, einen Cory Doctorow, einen (hüstel) Paulo Coelho, die das neue Umfeld für sich nützen. Ausreichende Gegenbeispiele sind die noch keine.

Was hat die Verfügbarkeit von Kulturprodukten an der Kultur besser gemacht?

Und bitte hörts jetzt auf mit „es fehlt an legalen Onlineangeboten, wenn es das zu beziehen gebe, zahlat ich eh dafür“. Einen Scheiß tun wir. Es gibt wahrlich keinen großen Engpass bei DVDs, die kann man sich sogar aus USA schicken lassen; und trotzdem kauft’s keiner. „Weil das nur den großen Konzernen nützt!“, twittern die Leute vom Apple-Computer. Geh bitte.

All you can eat-Streamingdienste kosten Peanuts, kauft trotzdem keiner.

Genützt hat all das bisher nur dem Konsumenten. Der spart sich wahnsinnig viel Geld dadurch, dass alles gratis zu bekommen ist. Das ist auch echt super so. Nur die Mär eines kulturellen Aufbruches brauchen wir nicht mehr erzählen. Den hat es nicht gegeben.

Ganz ähnliches gilt übrigens für die Medien. Mehr dazu ein andermal.