May, 2013:

Google soll für Nachrichten zahlen

Okay, ich hätte auch nicht geglaubt, dass ich das jemals schreiben werde.

Aber ich tu’s: Google soll für Nachrichten zahlen.
Und zwar so viel wie möglich.

Das hat nichts mit Printler sein, Fortschrittsfeindlichkeit, Subventionsempfängertum, Alterung oder sonstwas zu tun. Ich lebe mehr online als viele Meinungsfachkräfte des Internets.

Die Diskussion aber, die um news.google.$$$, “Leistungsschutzrecht” und VÖZ geführt wird, ist von so einer fassungslos machenden Kurzsichtigkeit, dass mir das Schaudern kommt. Ein in seiner schamlosen Offensichtlichkeit betrüblicher Kampf einzig und alleine um Kanalhoheit, der zur absurden Situation führt, dass sogar eine große Gruppe an Journalisten abseits aller wirtschaftlichen Zusammenhänge ungefiltert Großkonzernpropaganda nachbetet und sich dabei auch noch im Recht fühlt.

Ein Trauerspiel.

Ja, ich weiß: Google schaltet keine Werbung zu den Nachrichten.
Ja, ich weiß: Mit einem Stückchen Code kann man Google davon abhalten, Nachrichtenportale zu listen.
Ja, ich weiß: Google stiehlt keine Nachrichten.
Ja, ich weiß: Die Medien profitieren von den Links.

Na und?
Die Diskussion ist eine ganz andere, und Google selbst hat nun die einzig wichtigen Argumente geliefert. Denn Google stiehlt zwar keine Nachrichten, aber Google ist auch nicht im Recht.

Denn Google handelt bei den Nachrichten durchaus parallel zu seinen Steuergeschichten. Auch hier tut Google nichts Unrechtes, im Gegenteil: Die zuletzt bekannt gewordene und viel kritisierte Konstruktion ist völlig rechtmäßig. Und trotzdem für mich jener Moment, an dem Google allen Wohlwollen verspielt hat.

Die BBC berichtet ausführlich: Google macht Millardenumsätze und zahlt, nach einem Spinnennetz an Geldtransferen, einen lächerlichen Steuersatz. Ein paar Auszüge: “Amazon, which had sales in the UK of £3.35bn in 2011, only reported a “tax expense” of £1.8m. And Google’s UK unit paid just £6m to the Treasury in 2011 on UK turnover of £395m.” Das Geld wird über Irland, Bermuda und die Niederlande verschoben, intern gegenverrechnet. Eine Briefkastenfirma in den Niederlanden hat keinen Mitarbeiter – und setzt Hunderte Millionen um.

Business as usual für internationale Konzerne? Klar. Konzerne müssen ja eigenartigerweise nicht zurücktreten, wenn Steuertricksereien auftauchen. Im Gegenteil: Das gehört so. Aber Hauptsache, über das Bankgeheimnis wird debattiert.

Aber Google zeigt sich als Konzern, der sich ohne Skrupel hunderte Millionen aus Ländern als Gewinn absaugt. Und hier sind wir beim Punkt: Google saugt ab. Steuergelder, sprich letztlich: sozialen Zusammenhalt hier, Fremdleistungen da.

Denn das Argument funktioniert natürlich auch in die andere Richtung: Warum schmeißt Google die Nachrichten, die so viel Ärger machen, nicht einfach aus dem Index? Die Antwort ist banal: Weil Google mindestens ebenso viel von den Nachrichten profitiert wie die Portale von den Links. Hier wird der Index um hochwertigen Content erweitert, den sich Google zu produzieren erspart. Genauso übrigens, wie bei den eingescannten, natürlich durchwegs mit öffentlichen Geldern gesammelten Nationalbibliotheken.

Google transferiert öffentliche Leistungen in Gewinn. Und das gehört geändert. Ich habe überhaupt kein Problem damit, hier bei den Nachrichten anzufangen: Google soll zahlen. Ich bin sicher, man kann einen Gesetzestext schreiben, der nicht das Internet ruiniert und der trotzdem dafür sorgt, dass Google für Nachrichten zahlt. Von mir aus sollen die eingehobenen Gelder nicht dem VÖZ, sondern einer Stiftung für Qualitätsjournalismus zugeführt werden. Das wäre dann ein kleiner Ausgleich dafür, dass Google öffentliche Leistungen der Vergangenheit und Gegenwart zu seinen macht – und letztlich natürlich damit Geld verdient.

Eins noch: Die Verlogenheit der Debatte in Österreich ist erschreckend. Im postpubertären Eifer sitzen da die “Onliner” und pochen auf ihr gefühltes Recht, Nachrichten gratis zu konsumieren. Wie gut diese Ökonomie funktioniert, sieht man längst in der Kultur: Auch hier wurde in einem fehlgeleiteten Klassenkampf ein Unsympathlerhaufen gegen einen anderen getauscht. Die bösen Lables wurden durch heroisches Musikkopieren niedergerungen. Und jetzt verkaufen halt Apple und Google Musik. Was das besser macht, entzieht sich mir. Genauso bei den Nachrichten: Böser VÖZ, fortschrittfeindliche Zeitungsmenschen! Was es aber besser macht, wenn die Nachrichten zwar frei verbreitet, die Nachrichtenproduktion nicht mehr finanzierbar ist (wer jetzt Flattr sagt, soll mich bitte vergessen), entzieht sich mir auch.

Und dann gibt es noch den eigentlichen Kern der Medien-Debatte: Es ist, wie oben erwähnt, nichts anderes als ein Diskurs über Kanalhoheit. Die vehement ausgerufene Medienzukunft nützt jenen, die sich im Mediengefüge sozial übervorteilt fühlen. Eigentlich pocht in dieser Diskussion jeder – alte Journalisten-Schule (VÖZ), neue J-Schule und Googlejünger – nur auf die Entmachtung der anderen. Und das ist der eigentliche Grund, warum man an der Zukunft des Medienwesens (ver)zweifeln kann.