Bill Gates hat gesprochen, und alle freuen sich: Das Web wird künftig “die beste Quelle für Bildung” sein. (Naja, zumindest fast alle freuen sich.)
Ich bezweifle, dass hier das originale “Education” absonderlich glücklich mit “Bildung” übersetzt wird. Lectures von weltweiten Kapazundern online anzusehen ist toll, und die Möglichkeiten der Gegenwart und Zukunft hätte ich als Student gerne gehabt. Bildung ist das noch keine, das ist Informationensammeln. Bildung ist weit mehr als Lern-Ressourcen a) zur Verfügung zu haben und b) diese individuell zu nützen.
a) und b) zusammen == Ausbildung.
Da muss man kein verkopfter Geisteswissenschafter sein oder so was Weltfremdes wie Philosophie studiert haben: Mit dem sprichwörtlichen Werkmeister egal welches Faches kann man einen Beruf ausüben. Ein gebildeter Mensch ist, ganz dünkelfrei, etwas anders. Der braucht nichteinmal studiert zu haben: Bei Bildung geht es um umfassendes, oft und gerade unnützes Wissen, das im besten Fall keiner Zweckmäßigkeit untergeordnet ist – außer der, sich selber & die umgebenden Sozialsysteme (nur eines davon ist die Berufswelt) zu formen, zu schärfen und zu hinterfragen. Bildung ist Konflikt, Suchen, Fragen (Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann hat in seiner “Theorie der Unbildung” viel Provokantes und manch’ Plakatives dazu zu sagen).
Das geht natürlich auch online, heißt aber mehr als irgendwelche Fern-Kurse zu absolvieren. Es gibt viele ungebildete Uni-Absolventen und viele gebildete Studienabbrecher. Gebildet zu sein ist eigentlich nicht erlernbar.
Auch und gerade in der IT-Welt sollte unterschieden werden zwischen Ausbildung (FH) und Bildung (Universitär). Für die Geeks: Ein gebildeter Mensch ist Captain Picard (der fundiert reflektierend entscheidet) und nicht Data (der zwar alles kann, aber nichts Neues schafft).
Kurz gesagt: Bildung ist das Heraustreten aus jenen Verwertungszusammenhängen, die die Ausbildung erst ermöglicht.
Das Web spielt hierbei eine sekundäre Rolle: Es ist Quelle für beides. Ob man sich aber bildet oder ausbildet, das ist eine Entscheidung, die es vor dem Studium zu treffen gilt. Und jeden Tag aufs Neue. Das Web ist nicht die eine beste Quelle für Bildung. Die ist man selbst. Hochklassige Information online zusammenzutragen ist super, und macht jeden Tag euphorisch. Bildung fängt nach diesen Informationen an: Sie ist die Fähigkeit, über diese zu urteilen.
Übrigens: Kürzlich kursierte (ich glaube in Deutschland) die Idee, angehende Mediziner im ersten Studienabschnitt Geisteswissenschaften studieren zu lassen, damit sie lernen, was der Mensch, den sie tagtäglich wieder zusammenflicken, noch mehr ist außer einem Körper. Das wäre bitter nötig.
Genauso im IT-Bereich, der immer mehr Schnittstelle zur Kultur wird: Der sollte immer mehr mit Menschen durchsetzt werden, die von außerhalb der IT-Bedeutungsblase kommen. Denn IT-Entwicklungen sind längst kein Minderheiten-Angelegenheit mehr. Und sollten als Kulturphänomen breit gesellschaftlich diskutiert werden. Dazu braucht es ein paar IT-Experten. Und ganz viele Menschen-Experten. Gebildete Menschen werden also dringend gesucht und kommen nicht von selbst aus dem Web.