IT und Kultur

SOPA, PIPA, ACTA, LMAA

Liebe Leute, wappnet euch – ich habe Unliebsames zu verkünden: An der kommenden Zensur des WWW sind wir alle selber schuld. Denn abseits des hyperempörten Twitterns, Bloggens, Souppens geben wir den Amok laufenden Lobbyisten und den nichtsahnenden, aber instinktiv die Chance auf Kontrollzuwachs witternden Politikern täglich die Macht dazu in die Hand, das Web zu ruinieren. Und es ist höchste Zeit, dass wir damit aufhören.

Die Banalitäten vorweg, damit es zu keinen Unklarheiten kommt: Nein, die Medienunternehmen haben nicht das Recht dazu, die Rechte aller zu beschneiden, und ja, die drohenden Zensurabkommen sind die größte Einschränkung der Bürgerrechte, die wir uns seit ever gefallen lassen haben werden. Dass demnächst im Namen der Kultur die Zensur in Österreich Einzug halten wird, ist schlichtweg zum Speiben. Und ja, die Politiker wissen letztlich ganz genau, was sie tun.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: SPÖ, ÖVP und alle anderen mitstimmenden Parteien werden das Leitmedium des 21. Jahrhunderts zensieren, indem sie ACTA zustimmen werden.

Man lasse sich dies auf der Zunge zergehen: Wochenlang brüllen alle Medien wegen des Dann-doch-nicht-Büroleiters eines in der Bedeutung rasant abnehmenden Medienhauses. Die andere, wirklich verheerende Entwicklung bleibt fast unbemerkt.

Jedenfalls: Die Politiker freuen sich, sie haben nur keine Ahnung, warum sie in der glücklichen Lage dazu sind, plötzlich derart und ohne Medienwirbel in die Medienfreiheit eingreifen zu können. Ist auch egal: Die Zensur ist argumentierbar. Denn mit jenem (kleinen) Teil ihrer Argumente für SOPA, PIPA, ACTA, den Politiker so gerade noch verstehen können, haben die Film- und Musiklobbyisten schlicht und ergreifend Recht – es wird in gewaltigem Ausmaß kopiert.

Ja, ich kenne all die guten Argumente dafür, warum Kopieren von Kulturgut gut ist. Und ich finde, die sind alle richtig. Bis auf eines: Wenn Kopieren nur dazu da ist, aktuellen und eigentlich leicht über offizielle Kanäle verfügbaren medialen Mainstreamscheißdreck gratis zu konsumieren, dann wird es argumentativ eng. Das hat nichts mit Kulturfreiheit oder Social Media Revolution oder sonstwas zu tun – das ist kleingeistige Kostenvermeidung und, im schlechtesten Fall, Pseudorevoluzzertum. Denn einerseits Hollywood und die großen Musiklabels für das Grundübel der Kulturwelt zu halten, aber gleichzeitig wie der elendste Süchtige dauernd deren Produkte konsumieren zu müssen, ist, nun ja, kein Zeichen für persönlichen Reifegrad.

Es gibt kein gutes Argument dafür, Filme herunterzuladen, die eh gerade im Kino laufen oder sechs Monate später auf DVD 9.90 Euro kosten. Denn wer “den Bonzen kein Geld zukommen lassen will”, soll dann aber auch die Größe haben, deren Dreck nicht zu konsumieren.

Also, machen wir es kurz: Die Umsetzung von ACTA in österreichisches Recht muss, so es noch irgendwie möglich ist, verhindert werden.

Aber gleichzeitig ist es an der Zeit, damit aufzuhören, Mainstreamkulturprodukte zu kopieren, die – sagen wir mal – jünger als 3 Jahre sind. Denn die sind leicht gegen ein wenig Geld zu bekommen, und das kann und sollte es einem auch Wert sein.

Und vor allem: Wir sollten nicht für jene 10 Euro, die “Puss in Boots”, “Verblendung” oder “Die Muppets” im Kino kosten, den Zensurargumenten die Türe öffnen.

Wenn etwas wirklich nicht (oder nicht mehr) auf legalem Weg zu bekommen ist, dann sind die Rechteanbieter selber schuld, wenn kopiert wird. Damit meine ich auch insbesondere alle die tollen TV-Serien, die es derzeit gibt – und die immer Monate, manchmal auch Jahre (!!) später ins europäische Fernsehen kommen. Noch dazu durch Synchronisierung ruiniert. Die sind auf legalem Weg nicht zu bekommen. Aber selbst da kann man dann (später) die DVD-Boxen nachkaufen – ich will, dass die Macher von “Big Bang Theory” oder “Lost” oder “Weeds” auch wissen, dass ich ihr Zeug mag.

Noch besser wäre allerdings etwas anderes: Den Produkten all dener, die für die Zensurabkommen eintreten, nie wieder auch nur ein Gramm Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Weder gegen Geld noch gratis. All jenen, die für ACTA, SOPA, PIPA eintreten, ein herzliches LMAA.

Liebe Wutbürger, bitte lasst die Heugabeln im Schuppen

Okay, eine Woche häppchenweises Dauer-Fernsehen (weil krankheitsbedingt zu nichts anderem fähig) ist schon eine besondere Prüfung. Beim Bingo glaubt eine Kandidatin, in Österreich herrscht “Monarchie”, und das war bei weitem nicht der Tiefpunkt an Dummheiten, an empörenden Beispielen der Minimalverbalisierung, an himmelschreienden Begrenztheiten, die ernsthaft als Meinung diskutiert werden.

Den Vogel abgeschossen aber hat, leider, Roland Düringer.

Nichts gegen Düringer, und ich neide auch niemandem das persönliche Erweckungserlebnis. So sympathisch er ist, so lustig seine Filme und so gut seine Kabaretts sind: Seine Wutbürger-Rede zum Abschluss des Donnerstalks hat alles verkörpert, was dieses Land so klein macht, wie es ist.

Denn was Österreich genau nicht braucht, ist Wut, sind Bürger, die ihren Zorn zur politischen Bewegung erklären.

Seit Jahrzehnten ist Österreich das Land der Dauerbeleidigten, gelähmt im gegenseitigen Proporz-Hass der Roten und Schwarzen. Jeder Anhauch der Bewegung wird vom Gegenüber niedergegiftet. Die Österreicher sind wütend auf “die EU”, die Besserverdienenden, die Armen, die Reichen, die Zuwanderer, die Arbeitslosigkeit, den Sozialschmarotzer, den Rot- bzw. Schwarzfunk, die anderen Medien, den Nachbarn, die Nachbarländer, die lärmenden Kinder, die Erbtante, den Fortschritt – das Zorngefühl des Dauer-Zukurzgekommenseins, des Dauer-Übervorteilten ist in Österreich die politische Währung.

Und genauso wird sie auch verwendet: Österreich positioniert sich immer wieder gerne als das Schmuddelkind der EU, stellt sich mit Inbrunst gegen die EU-Annäherung der Türkei, und auch im Inneren kann man sich über ein reines Zornprogramm ganz offenbar zum Kanzler schreien. Kein Wunder, dass bei Düringers Rede der Applaus aus der falschen Ecke kommt: Die FPÖ lebt alleine und ausschließlich vom Wutbürger.

Denn leider grenzt Wut auch immer an vormoderne Impulse, an das Einschwören auf eine vermeintliche Ur-Gemeinschaft, die es dank der durchgelüfteten Komplexität des heutigen Lebens – zum Glück – nicht mehr gibt.  Da hat die Krone ausnahmsweise mal Recht, wenn sie ihre Leserbreifschreiber als Vorläufer des Wutbürgers lobpreist: Wer wütend ist, ist irrational, reduziert Komplexität (der größte Schaden für eine Gesellschaft), nimmt seine unerfüllten Partikularinteressen zum Anlass, an den ohnehin tönernen demokratischen Institutionen in Österreich zu rütteln. Noch dazu an der falschen Stelle.

Pauschalisierung (“Hamsterrad”) ist die Einstiegsdroge zur Verschwörungstheorie, und irgendwelche Systeme für beendet zu erklären, klingt revolutionär – viel Substanz hat das nicht. Gerade in demokratischen Systemen hat Protest immer auch einen Erklärungsbedarf, den weder die Occupy-Bewegung (mit Absicht) noch die Wutbürger (wegen mangelnder Verkürzbarkeit) erfüllen: Dabei geht es einerseits um eine (nicht ausformulierte) gesellschaftliche Alternative, über die immanente Einigkeit suggeriert wird – die aber letztlich unbestimmt bleibt. Düringer und viele am revolutionären Stammtisch reden vom Weißwählen – das umstürzlerische Potenzial ist beschränkt, und außerhalb des demokratischen Spektrums will man sich hoffentlich nicht bewegen. Andererseits fehlt den Wutbürgern auch eine Perspektive: Was macht Wut besser? Wut sorgt für Konfrontation. Danke, davon haben wir in Österreich schon mehr als genug.

Und wenn dann noch der Begriff Philosophie ins Spiel geworfen wird, dann stellts mir schon ein bisschen die Zehennägel auf.

Bitte, liebe gutmeinende Österreicher, lasst die Heugabeln im Schuppen. Nicht jeder internationale Trend ist übertragbar. Wut tut dem arabischen Frühling gut, auch der Grande Nation oder dem verspießerten Deutschland.

Was Österreich braucht, ist eine innere Abkühlung. Das ist kein Plädoyer gegen Protest, ganz im Gegenteil: Gerade Datenpolitik, Social Mining, gutes Vergleichsmaterial mit anderen Ländern geben uns nun erstmals die Tools in die Hand, eine faktenorientierte Politik an die Stelle des Geschreies zu setzen.

Österreich muss sich auf politischer und gesellschaftlicher Ebene endlich die Wut abgewöhnen, muss aus dem pubertären Fußgestampfe herauskommen. Da nützt es niemandem, wenn jetzt auch noch jeder Kleingartenbesitzer sich zum Wutbürger umdefiniert. Gerade wer wütend ist, ist hierzulande ein Systemtrottel. Lasst uns lieber Datenbürger werden.

(Sorry, dass ich so spät über das eh schon gut abgehangene Thema blogge – wie gesagt, krank. Und sorry, dass ich außer Niko Alm und stadtbekannt niemanden verlinke, habe keine Blogrecherche gemacht)

Warum ich gegen die Haushaltsabgabe, aber für eine pauschale Rechtevergütung bin

Ja, ich weiß eh: die Haushaltsabgabe wird kommen, egal, wie sehr ich mich aufrege. Schätzungsweise nach dem Wahljahr 2013 werden wir keine GIS-Gebühr mehr zahlen. Sondern pro Haushalt fürs Fernsehen zur Kassa gebeten werden. Das hat nur einen Sinn: Leute wie mich zu melken.

Hab ich schon mal erwähnt, dass ich keine Fernsehgebühr zahle? Obwohl ich einen Fernseher habe? Ja, das geht, kein Empfang möglich, weil alter Fernseher und SAT ohne ORF-Karte. Die GIS war extrem freundlich und professionell dabei. (Lustig ist, dass man zwar kein Fernsehentgelt, aber eine “Fernsehgebühr” von 1,16 Euro zahlt. Irgendwie lol.)

Jedenfalls: Da könnten ja noch mehr Leute draufkommen. Etwa jetzt, beim notwendigen Smartcard-Tausch. Denn was passiert, wenn man einfach keine neue holt (und keinen DVB-Empfänger hat)? Nicht viel. ORF kann man halt nicht schauen. Oje! Oder man schaut DVDs und anderen (Festplatten- und Online-)Content am Monitor via Media Player-Kastl und verzichtet auf den Fernseher. Auch das: Schlecht für den ORF. Beziehungsweise für die Argumentation für Gebühren. Ich glaube auch, dass das Pay-TV-Urteil aus GB wegweisend für die Gebührenfrage werden könnte.

Voila: Enter Haushaltsabgabe. Die – siehe Deutschland –  hängt nicht mehr am Fernseher bzw. an der Empfangsmöglichkeit von TV-Programm. Irgendwer im ORF ist draufgekommen, dass das vielleicht irgendwann doch überholt ist. Schließlich bemüht sich der ORF ja auch seit Jahren, das Programm online zu bringen. Derzeit machen sie eine Machbarkeitsstudie, ob man TV-Programm streamen kann. Ernsthaft! 2011.

Jedenfalls Nummer 2: Haushaltsabgabe fürs Fernsehen wird kommen. Ich wiederhole: Fürs Fernsehen. Und das ist extrem ärgerlich.  Mir ist wurscht, ob die privaten TV-Sender dann was davon kriegen oder nicht. Ich bin dagegen. Denn der ORF hat im September 2011 genau noch 34,1 Prozent Marktanteil in Österreich. 34,1!

Das ist fast nur noch ein Drittel der österreichischen Haushalte. Und zahlen sollen alle österreichischen Haushalte. Das ist absurd. 34,1 Prozent. Jetzt ernsthaft!

Und ich wette hiermit öffentlich: Damit hat der ORF weniger Marktanteil als Online-Medien. Aber das passt nicht in die Köpfe der Politiker hinein. Die glauben: Fernsehen=wahlentscheidende Medienplattform=wichtig. Ich sage dazu: Schmecks. Das hat vor 10 Jahren noch gestimmt, jetzt gilt es nur noch für die Parteien, die die Pensionisten zum Überleben brauche. Nur die Politiker wissen noch nicht, dass sich die Medienwelt gerade völlig ändert.

Ich bin für ORF-Pay-Per-View, und sonst soll mich das in Ruhe lassen. Nicht, weil ich mir zu geizig bin. Sondern weil Fernsehen jetzt 40 Jahre lang das Leitmedium war, und so lange war es gut und wichtig, dass es öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegeben hat. Das ist nun zu Ende.

Umso wichtiger ist, dass sich jemand was anderes überlegt: Nämlich, wie man einen fairen Deal zwischen Konsumenten und Medienproduzenten erzielt. Ich will hochklassigen Online-Content schauen können und denen, die den erstellen, etwas zahlen, ohne dass ich mich groß drum kümmern muss. Für mich zählt etwa US-Fernsehen mittlerweile zum Online-Content, den ich im Original schauen können will, zeitnah zur dortigen Ausstrahlung. Und ich will, verdammt nochmal, dafür bezahlen können.

Ich will, dass die, die Serien wie Big Bang Theory, Community und Lost machen, was von mir haben. Auch für Musik, die ich über Internet höre, möchte ich Geld verteilen. Ich finde gerade im Kulturbereich Geiz extrem ungeil.  Ich will für Medienkonsum Geld zahlen. Und sei es von mir aus eine monatliche Pauschale, die über Verwertungsgesellschaften verteilt wird. Oder die ich im Idealfall selber verteile. Von mir aus auch Pay-Per-Download-Modelle. Aber ohne künstliche Grenzen (“This content is available in your area”). Das würde um ein Vielfaches mehr der heutigen Medienrealität entsprechen, als die verzweifelten und peinlichen Versuche, irgendwie doch an Geld für das österreichische Kindergarten-Fernsehen zu kommen.

Abschied vom Linux-Handy

Tja, das war’s dann mit uns: Nach eineinviertel Jahren hab ich mich von meinem Nokia N900 verabschiedet. Und eigentlich tut es mir ziemlich leid, weniger um das Gerät als um das Ideal, das ich damit aufgegeben habe. Vom offenen Linux- zum Google-Handy, das tut schon weh. Alternative gab es keine.

Vorausgeschickt: Ich finde die Kritik an Nokia geht völlig an der Realität vorbei. Nokia ist in der Windows Vista-Falle: Die Diskussion über die Interface-Mängel hat sich so verselbstständigt, dass die wahrgenommenen Mängel viel schwerer wirken, als es tatsächlich gerechtfertigt ist. Das Maemo-Interface ist genauso wie Symbian schon ganz in Ordnung. Viele Medien und Blogger fallen da gerne auf sehr geschicktes Negativmarketing der Konkurrenten herein.

Der Grund für den Abschied vom N900 war, dass aus einer Insider-Schiene (Linux am Handy!) eine Sackgasse geworden ist, als Nokia sich von Maemo/Meego losgesagt hat. Ich brauche keine tausend Apps und keine monatlichen Betriebssystem-Updates. Aber null Support ist im Servicebereich Software untragbar. Gerade bei den Powerusern, die das N900 gekauft haben.

Ewig schade drum, Nokia hat da wirklich ein einzigartiges, netzpolitisch immens wichtiges Angebot gehabt – kein Bewegungsdatensammeln, kein heimliches Ausspionieren, keine App-Zensur. Und sie haben es mit Totalschaden fallengelassen.

Medien-Utopie (2) – Senf ist der neue Spam

Also gut, zweiter Teil. Wenn Medien jetzt neu erfunden würden, dann würden sie sich in einer Sache negativ definieren, mit der sie sich auch jetzt negativ definieren: Medien würden sich dadurch von (Micro-)Blogs unterscheiden, dass sie nicht nur aus Senf bestehen.

So im Sinne der schlechten alten Blogger-Weisheit: “Ich blase zu jedem Thema möglichst viel Senf ins Internet”. Ohne, dass ich da jetzt mal nachrecherchiere. Sondern einfach, weil ich so gescheit bin.

Medien wären die Ent-Senfung. Denn Senf ist der neue Spam.

Medien wären Senf-Destillate oder auch jene Zutaten, aus denen die Blogger dann den Senf anrühren. Und damit gar nicht anders als jetzt: Medien wären die Orte, wo recherchiert wird. Ob gegen Geld oder gratis, ist da egal.

Und das ist ein so wesentlicher Unterschied, dass hier jetzt mal nichts hinzuzufügen ist.

Medien-Utopie (1) – Reboot

Klischee: Journalisten schreiben gerne in abgelutschten Metaphern. Also, hier eine von mir: Das mit der Medienrevolution ist ein zweischneidiges Schwert (brrrr). Eh sind wir nicht mehr zeitgemäße Dinosaurier, aussterben, Evolution, Gratisinternet, Social Media, blabla.

Nur: Schade ist es halt um die wohlerkämpfte Pressefreiheit. Die hat nämlich nicht so viel mit der allgemeinen Meinungsfreiheit zu tun. Sondern mit rechtlichem Schutz vor den Großkopferten, die unliebsame Aufdecker etc. gerne mundtot machen. Wo jeder Blogger in die Knie geht, haben Zeitungen etc. doch noch mehr Handhabe gegen gerichtliche Versuche der Mundtotmachung. Und diese Pressefreiheit lässt sich nicht so leicht auf die heutige Medienlandschaft ausweiten.

Sie ist damit soetwas wie der traurige Zwilling des Urheberrechts: Eine veraltete Rechtsstruktur, deren Anwendung sich an allen Ecken und Enden nicht mehr wirklich ausgeht. Im Gegensatz zum Urheberrecht wär es aber um die Pressefreiheit schad. Ein Kollateralschaden der selbstertwitterten Pseudo-Mündigkeit, wenn alle Zeitungen mal eingegangen sind und sich auch anderswo mit der bedrohten Spezies Qualitätsjournalismus nicht genug Geld machen lässt, um große Institutionen zu erhalten. Das tut mir im Herz weh.

Egal. Aber hier mal ein ungewöhnlicher Ansatz von mir: Ich verschreibe mich hiermit in einer losen Serie der Medien-Utopie. Thema: Wie würden Medien ausschauen, wenn sie sich nicht in der derzeitigen Devolutions-Spirale neu erfinden müssten, sondern jetzt gerade entstehen würden, ganz ohne die bisherigen Ausformungen zu beachten. Wenn quasi die Medienlandschaft einen Reboot machen würde.

Ein erster Gedanke: Es braucht eine rechtlich geschützte Form der Äußerung für Content-Ersteller, eine Art Leo für Kontroversielles, wo Klagen oder auch gezielter Druck von Mächtigen abprallt. Der Preis, der vom Content-Ersteller für dieses Gütesiegel zu zahlen ist, darf aber nicht trivial sein. Ich denke da etwa an den Einsatz von mühsam erarbeitetem sozialen Kapital (Reputation), das man für die Geschichte einsetzen muss (wie Chips im Casino) und dessen Verlust schmerzhaft ist. Vielleicht ein Kampf um limitierte Slots auf hoch reputierten Medien-Portalen: Wer wiederholt auf gute Geschichten setzt bzw. diese selber erstellt, bekommt eine Aufmacher-Story.

Ein Problem: Blogger haben, wenn sie Glück haben, einmal alle heiligen Zeiten eine wirklich gute Story. Mhm.

Schlechte Nachrichten für die Botox-Industrie

Also eines war “Tron Legacy” sicher nicht: Unterdiskutiert. Überraschend dabei war nicht der heiße Geek-Eifer. Sondern dass (zumindest meiner Medienwahrnehmung nach) ein extrem spannender Aspekt völlig unterbeleuchtet blieb: der computergenerierte junge Jeff Bridges.

Der war nämlich extrem glaubwürdig. Und ein proof of concept: demnächst dürften computeraninmierte Schauspieler wirklich glaubwürdig sein. Mit weitreichenden Folgen.

Der erste Einsatzbereich: alternde Diven. Statt sich mit Botox das Gesicht zur Monster-Maske zu spritzen, werden Meg Ryan und Co künftig wohl ewig Mitte 20 sein. Das Rezept dafür hat Tron vorgezeigt.

Und dann werden wohl bald einige alte Hollywood-Stars wieder auferstehen: Völlig computeranimiert spielen Monroe, Bogart, Grant wieder auf. Da klingelt die Kinokassa.

Ja, der Computer-Jeff war ein bissi gesichtslahm. Aber, mal ehrlich, das sind viele Schauspieler sonst auch. Der Harry-Potter-Typ etwa.

Jedenfalls: Hollywood-Agenten werden bald wohl um Rechte an virtuellen Lebensaltern von Stars verhandeln. “Julia Roberts” von 21 bis 30, vertreten durch Agent XYZ, spielt in “Pretty Woman 7” mit Humphrey Bogart. Dann übrigens hör ich auf, Kinofilme zu schauen.

Die wahre Online-Revolution: Ungeduld

Hurra, auch die Ägypter haben Facebook-Accounts. Und, nein!, sie haben auch Twitter. Und sie haben diese Tools auch, Überraschung, genutzt, sogar noch während der ausbrechenden Proteste. Dass dort dann tagelang das Internet abgedreht wurde, hält die euphorisierten SMler und pflichtschuldige Zeitungsberichter nicht davon ab, wieder über eine $BeliebigeSocialMediaPlattform-Revolution zu jubilieren.  Das ist vor allem eines: Bemüht. Und fad. Und Themenverfehlung. Und zwar nicht nur in Hinblick auf die purzelnde Altherren-Riege im Nahen Osten.

Denn auch wir haben unsere ganz eigene Verkrustung. Die eigentlich spannende Frage ist: Warum hat das Web 2.0 so wenig Erneuerungs-, Entkrustungs-, ja zumindest Auflockerungs-Potenzial – vor allem im Land der Zwerge? Was hat uns denn, um mit Monty Python zu sprechen, das Web 2.0 wirklich gebracht? #unibrennt war genauso ein Strohfeuer wie die Grassermovies. Eh lustig, eh irgendwie heutig. Aber Österreich bleibt Österreich.

Wenn die österreichischen Politiker nicht so wären, wie sie sind, dann könnte man fast an ein perfides Spiel der Politik glauben: Überlasst der jungen Tech- und Fortschritt-Restelite im Web eine Feelgood-Spielwiese zur stillen Beschäftigung, dann gehen uns die nicht auf den Wecker mit diesen “Ideen” von Politik als Serviceeinrichtung, die sich vielleicht Gedanken über die längerfristige Zukunft machen könnte. Anstatt mit Altherren-Sicht auf die Welt Scheinprobleme totzudiskutieren.

Ohne jetzt den Wolfgang Lorenz geben zu wollen, aber: Guy Fawkes-Masken als Twitter-Bild haben noch nix verändert hierzulande. Es wird Zeit, dass das Web 2.0 sich auf reale Resultate fokussiert, es wird Zeit, dass die neue Online-Welt die alte Offline-Welt nicht nur mit Selbstbestärkungs-Dauergeschwätz begleitet, sondern wirklich demokratisch beeinflusst.

Zu lernen hätte die Politik viel von den Möglichkeiten der neuen Plattformen: die offene, schnelle  Diskussion aktueller Themen. Einen datenbasierten, vernetzten Zugang zu politischen Fragen ohne den an Geisteskrankheit grenzenden Tunnelblick  vererbter politischer Überzeugungen. Die spontane Bildung neuer Initiativen.

Ups. Da ist mir jetzt kurz der Idealismus durchgegangen. Eh sind die Online-Menschen um nix besser als die realen. Aber zumindest sind sie ungeduldiger. Wären wir auch so ungeduldig mit den endlos zähen Reformverzögerungen der heimischen Politiker, und würden sie das in jenen Kanälen spüren lassen, die die Politiker verstehen, dann wären auch  in Österreich eine Menge kleiner Schritte in Richtung Fortschritt möglich. Und dann, ja dann wäre das Geschwätz von der SM-Revolution nicht nur eine Online-Ente.

Ein sexy Titel: Strukturprobleme

Jaja, ich weiß: “Strukturprobleme” klingt nach eingeschlafenen Füßen. Wer dennoch zu Ende liest, kriegt ein Zuckerl!

Hierarchische Strukturen haben ein Lag-Problem: Rund zwei Jahrzehnte nach der entscheidenden persönlichen Prägung (zumeist im Alter von 15 bis 25 Jahren) kommen die Menschen in Führungspositionen. Und dann versuchen sie die Welt so zu formen, wie es ihnen gut scheint: Nach einem 20 Jahre alten Maßstab, der den Aufgaben übergestülpt wird.

Heißt was?

Heißt: Die Politik verwaltet eine Welt, die es nicht mehr gibt. Die meisten Medien berichten über eine Welt, die es nicht mehr gibt. In der Schule lernt man über eine Welt, die es nicht mehr gibt. Die Leute bilden sich eine Meinung über eine Welt, die es nicht mehr gibt.

Heißt auch: Die Politik hat keine Ahnung von den Problemen, die es derzeit gibt. Und schon gar nicht von jenen, die in Zukunft drohen. Viele Medien stellen die falschen Fragen an die Gegenwart. Schüler können mit Schulwissen wenig anfangen. Und die Menschen bleiben ihr ganzes Leben lang in ihren Vorurteilen gefangen, und wählen Politiker, die geistig ebenso veraltete Einbahnstraßen einschlagen wie sie selber.

Heißt weiters: Pffff.

Jetzt kommen gleich die Twitteranten einher und sagen, wir wenigstens sind am Puls der Zeit, wir bilden die Welt so ab, wie sie jetzt ist. Dazu ein herzhaftes: Na und? Darum geht es nicht.

Sondern darum, wie man die Institutionen so durchlässig machen könnte, dass der Lag auf dem Weg zur Führungsposition minimiert wird. Es müssen die richtigen Menschen innerhalb der Institutionen gefördert werden, jene, die geistig im Heute leben.

Über Twitter schafft man das nicht. Siehe #unibrennt.

Online bin ich längst emigriert

Buenos Aires. London. Hongkong. Kanada. Spanien. Ziele und Gründe zum Emigrieren gibt’s genug. Zum Beispiel die unerträgliche Dumpfheit und Dummheit, mit der in Österreich die Migrationsfrage diskutiert wird. Wie mit Inbrunst in Fragen gewühlt wird, die einer Welt gelten, wie es sie vor einem Vierteljahrhundert zuletzt gegeben hat. Auf Arten und Weisen, die eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen sind.

Das Gute an der Sache? Es ist mir zunehmend wurscht. Online bin ich längst emigriert.

Ihr könnt eure dumme, nationalistische, ahistorische, antihumanistische, ressentimentgeprägte, bestialische Niedertracht-Suppe künftig ohne mich kochen. Österreich wird sich im realistischen worst case nie öffnen, wird den politischen Stillstand und die Prägung durch Nationalismus und Proporz nie überwinden. Banalste Notwendigkeiten wie Bildung, Verwaltungsreform, Medienpolitik, Infrastruktur, die Hoffnung auf Zukunft machen könnten, werden jahrzehntelang diskutiert. Das muss man sich mal vorstellen: die Schulreform wird in Österreich seit 40 jahren angedacht. Festgekrallt an die Vergangenheit bleibt alles schlechter.

Na und? Ihr Giftverspritzer seid längst nicht mehr mein soziales Netzwerk, meine Kultur, meine Zugehörigkeit. Die ist online, postnational, transkulturell, offen. Und macht Emigration gar nicht mehr so nötig: ich lebe anderswo. Da, wo Luft zum Atmen und Denken ist. Wo keine ausgefressenen Provinzpolitiker jede Innovation totstempeln. Konsumiere Medien, die mein Weltbild erweitern. Wo man äffische Volltrotteln einfach wegklickt und Debatten hin und wieder auch mit Argumenten geführt werden. Und wo es keine eingelernte Schein-Normalität gibt, deren minimale Änderung gleich die Massen zu den Heugabeln greifen lässt. Ein Besuch auf 4chan heilt endgültig die Kulturkampf-Hysterie bei jedem Kopftuch in Wien.

Idealistisch? Sicher. Man kann noch so online sein, die inneren Grenzen bleiben. Dann liest man halt online den selben Schund wie sonst. Kaum einer nützt die neue Medienrealität in vollem Umfang. Und ja, die Trotteln sind auch online. Aber dort sind auch jene Menschen, die Zukunft denkbar machen. Und bis auf weiteres lebe ich mit den Füßen in Wien. Und mit dem Kopf in der Zukunft.