IT und Kultur

Buchfetisch im Bilderrahmen: Neuer Einsatz für ein Gadget

So da, ich gebe es zu: ich lese derzeit ein Papierbuch, so ein echtes, kein E-Book. Übrigens durchaus empfehlenswert für alle jene, die die Kulturkampf-Hetze gegen Migranten schon nicht mehr hören können: Philippe Legrain- “Immigrants. Your Country Needs Them”. Das kommt bald ins Bücherregal.

Und ich überleg, dorthin noch etwas anderes zu stellen: Einen digitalen Bilderrahmen. Nicht für Fotos, sondern für Fetischisten, Buch-Fetischisten nämlich. Denn eigentlich stehen Papierbücher in der Hauptsache dafür rum, dass Besucher die Titel bewundernd lesen können. So mancher fühlt sich geistig entblößt, wenn man nicht auf den ersten Blick sieht, wie viele tolle Bücher er schon gelesen gekauft hat.

Daher mein Vorschlag für ein neues Einsatzgebiet für die digitalen Bilderrahmen: RSS-Feed-Anzeigedings installieren, und über den Bildschirm dann die Titel aus der E-Book-Bibliothek streamen.

Bildungsprotzen ganz ohne Bücherregal.

Pure bliss – Antony and the Johnsons, Knocking on Heaven’s Door

Nettes Konzept – mit einem kleinen Verbesserungsvorschlag

Eine nette Idee gibt’s hier: Kleine, baumähnliche Geräte mit Photovoltaik-Zellen, die man u.a. an den Strand mitnehmen kann, um dort Laptop, Mp3-Player etc. mit Sonnenenergie aufzuladen. Klingt ziemlich praktisch, wenn da mal wirklich die nötige Energie gewonnen werden kann und das richtig tragbar ist. Eine Zusatzidee hätte ich: Warum nicht gleich einen Sonnenschirm drauß machen, der PV-Zellen drauf hat und unten Schatten spendet. Ich bin sicher nicht der einzige in der Zielgruppe, der es hasst, in der Sonne zu liegen – und so schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe.

Hohe Dosis IT und Kultur

Ab Donnerstag bei der Linzer Ars Electronica, heuer zum Thema “Human Nature”. Das wird das nebenstehende Arbeitsprotokoll tüchtig füllen.

Computerspiele und Barrierefreiheit

Ein schöner Artikel über Zugänglichkeit von Games für blinde Menschen findet sich hier (via Martin)

Ergebnis der Gedankensammlung: PR und die Social Networks

Die Diskussion bei OTSconnect gibt es hier nachzuhören.

Gedankensammlung: PR und die Social Networks

Okay, morgen also diskutiere ich mit vielen jungen PR-Leuten im Radiokulturhaus zum Thema Social Networks – Fluch oder Segen für die PR?. Höchste Zeit, für eine Gedankensammlung mit Nine Inch Nails als Soundtrack (wer nicht weiß, warum: bitte hier gucken).

  • Das Wichtigste zuerst: Ja kein “Fashion Victim” von Online-Trends werden. Vor zwei Jahren hätten wir wohl diskutiert, ob Second Life Fluch oder Segen für PR ist, und das Resultat aus heutiger Sicht: Second Life ist irrelevant für PR. Genauso kann es mit Facebook, Twitter,Youtube und Co bald sein. Man sollte jedenfalls Trends rechtzeitig als tot erkennen. Aber nun zum Inhaltlichen:
  • Social Networks sind ein Fluch für langweilige PR und ein Segen für innovative PR. Wer glaubt, mit ungelenken und kaum verhohlenen Werbebotschaften und “Informationen” eine Marke propagieren zu können, hat schon verloren – da gehen die Filter beim Rezipienten sofort zu. Schöne Beispiele neben Trent Reznors Online-Puzzlespiel: Die Sommerkampagne der NBA auf Facebook. Während der basketballlosen Monate gab es einen ständigen Strom an Videos aus den Archiven im Facebook-Newsfeed, an die man sonst kaum herankommt – ein gefundenes Fressen für die Fans, und ein perfektes Mittel, Interesse aufrecht zu erhalten. Daraus lässt sich lernen:
  • Man muss den Rezipienten in einer Kampagne auf diesen Plattformen etwas geben, das sie wollen, und nicht krampfhaft versuchen, aktuelle Messages zu deponieren. Wer 95 Prozent der Zeit freihändig etwas hergibt, bringt dann 5 Prozent Botschaft viel leichter unter. Am Geschicktesten finde ich jene offiziellen Facebook-Feeds, die Links (ja, auch zur Konkurrenz), Infos zum Produktumfeld, Goodies – sprich: jene Sachen bieten, an denen der mögliche Rezipient wirklich interessiert ist. Ich als Kulturredakteur und als Privatperson friende ganz sicher kein Plattenlabel per se auf Facebook – aber wenn eine meiner Kontaktpersonen (=Pressebetreuer) aus den Labels sich dort mit der Situation des Tonträgerverkaufes, unbekannten Acts oder sonstigen Umgebungs-Informationen auseinandersetzt, dann les ich das gerne. Direkten Nutzen hat der Labelmensch von mir dann keinen, aber eine Aufmerksamkeit, die nicht entstehen würde, wenn ich den Eindruck habe, dass man mir was reinwürgen will.
  • PR-People haben mit gelungener Arbeit die Chance, uns Journalisten am falschen Fuß zu erwischen – im positiven Sinn. Facebook strebt nicht umsonst an, ein zum offenen Internet paralleles, semigeschlossenes Netz aufzubauen: Auf Facebook kommuniziere ich vorwiegend mit Leuten, die ich kenne und denen ich vertraue. Wenn die mir innerhalb dieses Trust Networks eine Info weiterschicken, dann gehe ich an die mit einer ungleich höheren Aufmerksamkeit heran als an die x-te Presseaussendungs-Email des Tages.
  • Wer es nicht schafft, sich online glaubwürdig zu bewegen, verliert mehr als er gewinnt. Pressetexte unverändert in Facebook “reinstellen” ist peinlich, genauso wie offensichtlich “dienstliche” Profile, die nur dazu dienen, immer wieder Marketing-Speak zu verbreiten. In den Social Networks muss PR vom Verbreiter persönlich gemeint sein. Die meisten Social Network-Benutzer bemerken die feinen Unterschiede zwischen einer Person und Kunstfiguren (Kampfposts bzw. Status-Änderungen nur zwischen 9.00 und 17.00 Uhr, und dann nach dem Motto: “Heute habe ich meinen Softdrink wieder wirklich genossen”) sofort.
  • Viel Unsicherheit begleitet den Kontrollverlust – Vorsicht, die Konsumenten können jetzt Kritik üben! Meine Meinung: Unternehmen machen sich endlos glaubwürdiger, wenn sie nicht Orwell imitieren. Propaganda-Blogs zu eigenen Produkten machen sich lächerlich und rufen scharfe Reaktionen von Auskennern hervor. Viel interessanter ist ein selbstkritischer und menschlicher Zugang – offensiv auf diverse Lapsi eingehen, die Diskussion suchen, versteckte Features/Aspekte/Ideen ans Licht holen, Kommunikation in beide Richtungen zulassen, auch schon in der Produktentwicklung. Niemand glaubt ernsthaft, das Produkt X die beste Erfindung seit geschnittenem Brot ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, auch in der PR aufzuhören so zu tun, als ob es das wäre. Das ist die große Chance für soziale PR, und sollte nicht die große Angst sein.
  • PR-Leute sollten sich eigentlich freuen: Wenn sie eine gelungene virale Kampagne starten, machen die Rezipienten für die PR-Leute die ganze Arbeit. Ist doch super! Dass auf einen gezündeten PR-Virus wohl 1.000 kommen, die in den Weiten von Facebook und YouTube versickern, ist halt die andere Seite. Herkömmliche PR hat viel mit der Macht der Kanäle zu tun, über die sie verbreitet wird. Bei viraler PR dagegen müssen die Zuständigen lernen, diese Macht aus den Händen zu geben und sich dann am meisten zu freuen, wenn sich eine Kampagne so entwickelt, dass ihre Erschaffer keinen Einfluss mehr auf sie haben.
  • Und, leider: Online-PR funktioniert am besten, wenn sie nicht von PR-Leuten gemacht wird. Wer wirkliche Info will, ist etwa mit dem Blog des Chefentwicklers oder dem Twitter-Feed eines Bandmusikers besser bedient als mit den Marketingphrasen, die vom PR-Department abgesegnet und dann publiziert wurden.
  • In Österreich herrscht eine verheerende Ignoranz darüber, wie tiefgreifend das Online-Leben in den menschlichen Alltag eingegriffen hat. Die Ars Electronica will heuer sogar zeigen, dass die Vernetzung eine von mehreren grundlegenden Veränderungen der menschlichen Natur ist. Ob das stimmt oder nicht – jedenfalls: Es erstaunt mich zutiefst, wie wenig und wie ungeschickt diese neuen Orte von österreichischen Unternehmen genützt werden.
  • Natürlich sind Social Networks eine Infoquelle, weil dort, simpel, ein großer Aspekt des Lebens abgeht. Gute Journalisten entdecken überall dort die besten Geschichten, wo Menschen interagieren.
  • Wäre ich PR-Mensch, würde ich in den Social Networks vor allem eine Chance sehen: Spaß zu haben und innovativ zu sein. PR muss sich in diesem Umfeld neu erfinden. Meine persönliche Meinung: Vieles von dem vergessen, was man gelehrt bekommt. Selber überlegen, was wirklich die Rezipienten interessieren könnte – und was glaubwürdig ist. Alles andere weglassen.

Das (verteilte) Wissen der Welt

Gerichtsakte, parlamentarisches Geschehen, Momentaufnahmen aus dem Privatleben: Immer mehr Daten entstehen nur noch digital. Und analoge Daten werden zunehmend digitalisiert (siehe Google Book Search und die Digitalisierungsbestrebungen der Bibliotheken). Ein Problem ist jedoch ungelöst – das der Langzeitarchivierung. So recht weiß keiner, wie die digitalen Daten aufbewahrt werden sollen (Festplatten geben allzu gerne den Geist auf, DVDs sind überhaupt nur ein paar Jahre haltbar etc).

Da kam mir doch bitte eine Idee: Was spricht dagegen, die Digitalisierungs-Daten öffentlicher Bibliotheken auf den PCs der Welt nach dem (lange bekannten) Prinzip der verteilten Datenspeicherung dezentral zu verteilen? So in einem peer-to-peer-Verfahren als kleine, verschlüsselte Dateneinheiten von ein, zwei Megabyte, die an und für sich keinen Sinn ergeben und nicht nutzbar sind (wegen Privacy- und Urheberrechts-Bedenken), aber zusammengefügt wieder zB das Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek ergeben.

Wenn von jeder dieser Dateneinheiten ein paar hundert idente Kopien auf verschiedenen Privatrechnern liegen, dann lässt sich sicher ausrechnen, wieviele derartige Kopien nötig sind, um einen Totalausfall statistisch ausreichend unwahrscheinlich machen. Wenn eine Kopie verschwindet (Platte kaputt etc), dann erstellt die zentrale Verwaltung der Daten eine neue Kopie auf einem anderen Rechner. So werden reduntante Kopien auf vielen, vielen Harddisks gespeichert, und diese Kopien migrieren auf immer wieder aktuellste Hardware, ohne dass die Bibliotheken ihr knappes Geld investieren müssen.

Ich glaube, die Computernutzer sehen dabei den gesellschaftlichen Mehrwert leicht ein, und stellen in ausreichender Zahl ein paar Megabyte auf der Platte zur Verfügung. Und jeder PC-Nutzer kann bestimmen, wieviel Speicherplatz er dem verteilten Wissen der Welt zugesteht.

Vielleicht wird das in den betreffenden Forscherkreisen eh schon angedacht, das weiß ich nicht. Als Idee find ich’s mal eigentlich ganz einleuchtend. Ein anderes Problem wird damit aber nicht gelöst: Wie diese Daten dann lesbar gehalten werden, sprich, wie die Daten selbst immer wieder für neuere Software-Versionen verständlich bleiben.

Als ich jung war, gab es noch keine “Sims”

Da gab es das Little Computer People Art Project… Selbes Prinzip, Old-School-Grafik, und innovatives Interfaceverhalten: Denn wenn man die Texteingabe am oberen Bildschirm Rand mitliest, lässt sich nachvollziehen, dass der kleine Sch***kerl nur selten das gemacht hat, was man ihm aufgetragen hat. Sturer Hund. Aber wirklich unterhaltsam!

Die gegenstandslose Welt und das dynamische Schweigen

Nein, mit Zitaten belegen kann ich es nicht, aber: Bei allen drei Konzerten der deutschen Band Kraftwerk, die ich bisher gesehen habe, fiel mir auf, dass die deutschen Herrschaften kräftig von Kasimir Malewitsch beeinflusst worden sind. Wer’s nicht kennt: Russe, hat Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Namen “Suprematismus” fantastische abstrakte Gemälde gemacht, die auf ungefähr eines hinauslaufen: Malewitsch wollte die Welt vom Ballast der Gegenständlichkeit befreien.

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. In starker Anlehnung an Arthur Schopenhauer hat Malewitsch durch etwa sein “Schwarzes Quadrat” (eine Ikone der abstrakten Kunst) ausgedrückt, dass die gegenständliche Welt soundso nur Täuschung ist, und dass der Kern der Sache nicht über die Abbildung von einzelnen Gegenständen erreicht werden kann, sondern nur, wenn man aufhört, sich mit derartigen Blendwerken zu beschäftigen. Kurz gesagt: Wenn ich mir Menschen, Obstkörbe oder röhrende Hirsche anschauen will, brauch ich kein Bild betrachten. Die Wahrheit über die Welt finde ich darin jedenfalls nicht.

Also hat Malewitsch die Malerei für eine zeitlang bewusst darauf reduziert, mit der Grundform des Quadrats (gedreht wird daraus ein Kreis, halbiert ein Dreieck) zu arbeiten und reine emotionale Aussagekraft über die Relationen zwischen diesen gemalten Quadratformen auf der Leinwand empfindbar zu machen.

Was das mit IT und Kultur zu tun hat? Sehr viel.

Nicht nur den Bezug zu Kraftwerk, siehe oben. Auch nicht nur seine utopischen Architekturentwürfe von Städten, die nicht bewohnbar sein sollen, sondern Räumlichkeit empfindbar machen (vergleiche hier).

Sondern auch, dass analog zur “gegenstandslosen Welt”, die Malewitsch hinter der realen empfindbar machen will, sich aus dem unaufhörlich rauschenden Quasselstrom im Internet wohl auch eine hinter die Individualität blickende Essenz des Menschlichen destillieren ließe.

WTF?

Soll heißen: Online rauscht und rauscht und rauscht ein Monolog des Menschen mit sich selbst. Jeder glaubt, etwas wichtiges zu sagen zu haben. Und jeder glaubt, dass die meisten anderen nichts wichtiges zu sagen haben. Wenn man ehrlich ist, ergibt sich daraus: Mit guter Wahrscheinlichkeit hat so gut wie niemand von uns wirklich etwas zu sagen, das wichtig ist. Wichtig im Sinne, dass es niemand anderer genausogut sagen könnte.

Menschen sind Meinungsmixe, wobei das Konglomerat an Meinungen zwar durchaus individuell ist, die einzelnen Ansichten aber höchst austauschbar. Auch wenn wir unsere eigenen Meinungen noch so ernst nehmen und noch so vehement ins Netz hinausblasen: Wir sind Klischee. Für jedes a, das ich mag, gibt es Millionen andere, die das auch mögen, jedes b, das ich blöd finde, finden Millionen andere auch blöd.

Daher macht es wenig Sinn, diesen Meinungen im einzelnen zu vertrauen, oder auch nur aufmerksam zuzuhören.

Sondern es ist einen Versuch wert, das Wortgewusel zum inneren Online-Monolog des Menschen zu abstrahieren: Also aufzuhören, den Meinungen per se zuzuhören, sondern auf diesen universellen Dick Size War gleichsam von außen zu schauen. Und so aus diesem ständigen Absondern von Gegenpositionen herauszudestillieren, was die Menschen essentiell verbindet. Denn Meinung und Gegenmeinung, die Individuen heftig vertreten, heben einander ohnehin auf. Was bleibt aber hinter diesen Zufälligkeiten über?

Crowdsourcing goes Philosophy.

Als Meditationsübung empfehle ich ein Kunstprojekt, das ich vor Jahren auf der Ars Electronica kennengelernt habe und das mich nicht mehr losgelassen hat: Den “Listening Post”. Der klinkt sich in Chaträume ein und liest mit, was die Menschen über sich schreiben. Seien wir ehrlich: Das ist zumeist zum Speiben stupide, von “I’m a hot girl” über “I’m proud of not being British” bis “I’m still used to Windows”. Aber der “Listening Post” greift diese Zitate auf und macht daraus großes minimalistisches Kunst-Kino, er gibt diesem Rauschen eine Stimme. Anhören:

Die erste Erkenntnis daraus: Malewitsch sagt, wenn die Gegenständlichkeit überwunden ist, dann wird der ganze Erdball eingehüllt “in den Rhythmus der kosmischen Unendlichkeit eines dynamischen Schweigens.” Das täte gerade dem Internet oft gut.

Daher: Over and out.