IT und Kultur

Resümee: Ein Jahr mit dem E-Reader

Vor einem Jahr hab ich die Matura geschafft. Zwar nicht meine. Aber ich habe trotzdem ein Maturageschenk bekommen: Einen E-Reader. Welchen, tut eigentlich nichts zur Sache, einen mit E-Ink-Display und ohne Wireless/3g-Modul. Sprich: Eine Lesemaschine.

Mein Resümee nach einem Jahr E-Books: Durchwegs positiv.

Prinzipiell: Man kommt immer zu wenig zum Lesen. Und: Ja, ich hab auch “nebenher” Papierbücher gelesen, mit Freude.

Am E-Reader hab ich in dem Jahr rund 40 Bücher, also im Durchschnitt etwas mehr als drei pro Monat, konsumiert. Das ist insofern gut, weil das Gerät derzeit pure Freizeitlektüre beinhaltet, was dazu führt, dass ich ihn mit positiven Assoziationen gerne in die Hand nehme. Sci-Fi-Trash findet sich da ebenso drauf wie Klassiker der englischsprachigen Literatur. Und in letzter Zeit tut sich was im deutschsprachigen Angebot: Seit kurzem werden auch endlich (zumindest im Ansatz) Klassiker des 20. Jahrhunderts (Thomas Mann) in ansprechender Qualität geboten.

Aufgefallen ist mir, dass ich häufiger Bücher wechsle als bei Papierbüchern, die ich eher in einem durchlese. Bei E-Books lese ich meist zwei oder drei parallel – wohl, weil es einfacher ist, da man alle immer mithat.

Ich würde das Schwarz-weiß-Display nie gegen einen hinterleuchteten Bildschirm eintauschen wollen: Insbesondere im Sonnenschein ist das Leseerlebnis hervorragend. Dünn ist das Ding, in der U-Bahn schnell bei der Hand. Gut ist, dass das Gerät wenig kann und offline ist: Ein Bollwerk gegen Online-Ablenkungen. Soll so bleiben – ich will keinen Browser auf meinem E-Reader (und auch keinen ferngesteuerten, geschlossenen  Kindle).

Zum häufigsten Einwand: Die Papier-Buch-Haptik weiß ich schon zu schätzen. Aber zum Glück bin ich nicht abhängig davon: Mir geht es um die Texte, nicht um bedrucktes Papier. Daher: Ich kann mir blendend vorstellen, letztlich vollständig umzusteigen, wenn das Angebot stimmt. Derzeit muss man Papierbücher kaufen. Aber ich bin schon jetzt froh, dass ich 40 Bücher weniger im Regal stehen habe.

Internetdefensive

Da darf man sich gar keine Illusionen machen; Österreich hat sich in unguter stillschweigender Übereinstimmung von Politik und Lobbys für Strukturbewahrung statt Strukturwandel entschieden. Das ist insofern schade, als die Chancen, die Weichen für die kommenden Jahrzehnte neu zu stellen, gerade enden.

Paradebeispiel: Die einstige Internetoffensive. Die bisherige Halbherzigkeit, mit der die Bekenntnise zur digitalen Gegenwart über die Politikerlippen kamen, ist endgültig einer ablehnenden, desinteressierten, verkrampften Wurschtigkeit gewichen. Unwissen gepaart mit Ignoranz und Selbstbelügung: Willkommen im Land der Internetdefensive.

Das Digitale erleidet ironischerweise das selbe Schicksal wie die Kultur in Österreich: es wird nur dort gepflegt und ernst genommen, wo es bestehenden Strukturen – insbesondere dem Tourismus – nützt. Zimmerbuchung und Wetterdienst statt Innovation. Der Rest wird missträuisch beäugt, höchstens toleriert oder auch schnell mal als Spinnerei abgetan.

Die Bequemlichkeit diktiert: Österreich bleibt das Land der Wirte und der Hotelklötze, das Land der Tourismusabhängigkeit und der aufgesetzten Gastfreundlichkeit. Das Land der förderabhängigen Bauern und der hochpreisigen Restindustrie.

Und ein Land, das noch nichteinmal in der Gegenwart angekommen ist. Geschweigedenn der Zukunft.

Die Medienlücke 2.0

Ein kleiner Tipp zur Unterhaltung: Bei Mediengeschichten über IT-Themen immer “Handy” statt dem derzeitigen Schlagwort (Facebook, Google, Twitter…) einsetzen – und die absurden Ergebnisse genießen. An der Lächerlichkeit und Biederheit, die die Beitrags-Themen dann gleich bekommen, merkt man schnell: Der allergrößte Teil stellt die völlig falschen Fragen und erzählt die völlig falschen Geschichten.

Trotzdem mache ich mir eigentlich keine Sorgen um den Journalismus, auch nicht angesichts der geballten Ladung Unsinn, die derzeit über die Zukunft der Branche kursiert. Denn es gibt eine ganz eindeutige Marktlücke.

Der Crowd Journalismus auf Twitter und Co ist im konstanten Kommentarmodus gefangen und hat daraus kein Entkommen: Wer nicht polarisiert, wird ignoriert. Also gut geeignet für Boulevard 2.0. Hingegen: Gefühlte 99,9 Prozent der News, die mir über Twitter bekannt werden und die mich wirklich interessieren, verweisen auf Old Media-Webseiten.

Aber die gemeinte Marktlücke ist eine andere: Wir Journalisten (insbesondere die heimischen) müssen an der Verführungskraft arbeiten, die gut erzählte, originelle Geschichten haben. Deswegen ärgert mich das eingangs erwähnte Phänomen so: Wenn Stories entweder so bieder, banal und übersimpel erzählt werden, wie man sonst nur mit der leicht dementen Oma redet, oder man andererseits zwischen den Zeilen davon bedrängt wird, dass der Autor die Welt permanent auf sein kleines Experten-Ego reduziert, dann schafft sich die Medienlandschaft selbst ab. Und es ist dann auch kaum schade darum.

Wenn wirkliche Medien aber Geschichten über die digitale Welt von Heute erzählen, klingt das ganz anders. Dann steht die Geschichte im Vordergrund, wird der Leser mitgenommen und ihm klar gemacht, warum es ihn etwa interessieren sollte, dass die Parallel-Strukturen von Facebook ein Problem sein könnten.

Auf den Punkt gebracht: Es geht längst nicht mehr darum, einen staunenden Reporter-Blick des Unwissens auf unverständliche neue Welten zu werfen. Und ebensowenig darum, der größte unter den Auskenner-Zwergen zu sein. Es geht um die Basics des Journalismus: Geschichte so zu erzählen, dass sie verstanden werden und berühren. Und genau darin muss Journalismus nichts mit dem Zusatz “2.0”, nichts “Soziales” und keine Werbungskrise fürchten.

Derzeit hat Linz wohl Österreichs höchste iPad-Dichte

Nokias N900: Zwischen iPhone und Android wird die Zukunft übersehen

Dem zurückhaltenden Urteil von Volker Weber über Nokias N900 (“do you want an N900? Probably not. Not yet.”) könnte man auch vier Monate später noch vorbehaltlos zustimmen. Wer will schon ein Smartphone mit einem Betriebssystem (Maemo), das “permanent beta” (copyright Martin Leyrer) ist und noch dazu von Nokia selbst bald durch ein anderes ersetzt wird, ohne bisherige fixe Zusage, dass das dann auch am N900 läuft? Wo viele essentielle Sachen nur über Umwege funktionieren und es kaum Anreize für Fremdhersteller gibt, Apps zu schreiben? Das dreimal so dick ist wie ein iPhone und dessen Akku dennoch genauso schnell leer ist?

Die Antwort ist eindeutig: Ich.

Denn Nokia macht hier als einziges Unternehmen etwas sehr Grundlegendes richtig und bekommt dafür viel zu wenig Anerkennung. In der Aufmerksamkeitsökonomie zwischen iPhone und Android in die Bedeutungslosigkeit zerrieben, ist das N900 dennoch das einzige “free phone”. Nein, damit meine ich nicht gratis (Disclaimer: Ganz im Gegenteil, ich habe echt viel Geld dafür gezahlt; sprich: ich habe kein Testgerät von Nokia bekommen). Sondern es ist das einzige Handy, wo man als Besitzer alle Freiheiten hat. Während Apple beginnt, sich mit seinem geschlossenen Software-System lächerlich zu machen, und man wahrlich genug gute Gründe finden kann, sich Google (=Android) nicht auch noch am Handy einzutreten, bin ich am N900 “root”. Wo jede Funktion, die man benützen darf, anderswo einen Gnadenakt darstellt, vertraut Nokia dem Benutzer.

Dabei ist es ja gar kein Telefon. Sondern ein tragbarer Linux-Minicomputer, was ich durchaus als die Zukunft des mobilen Computings sehe.Wenn man diesen Gedanken wirklich mitlebt, dann dürfen Akku-Laufzeiten bei heavy use (Dauersurfen, Programme Installieren, Spielen, WLAN) von 4 oder 5 Stunden nicht verwundern: Die meisten Laptops laufen nicht länger. Denkt man ein bisschen mit (WLAN abdrehen, wenn nicht in Gebrauch, Refresh-Zeiten für Email und RSS auf vernünftige Intervalle stellen), kommt man locker über eineinhalb Tage, ohne neu aufzuladen, ein ziemlich typischer Wert für Smartphones. Zu den Standard-Fragen: Das N900 ist sauschnell und responsive, es lässt beim Multitasking erstaunliche Muskeln spielen, es fungiert als Radio-Sender für lange Autofahrten und lässt sich ganz einfach an Fernseher anschließen, es hat einen umwerfenden Bildschirm und  ausreichende Telefoniefunktionen.

Dennoch: Der Kanten sind viele. Umwege zum Bearbeiten von Kontakten, handgestrickte Sync mit Exchange-Servern, ein – freundlich gesagt – nicht ganz lückenfreies Software-Angebot (für das eben die Community verantwortlich ist und kein Konzern), nur zwei Ringtone-Profile… – man kann genügend Fehler finden, die dem Kauf widersprechen. Und ich bin bis jetzt nicht draufgekommen, wie ich das Menü umordnen kann.

Wer den Kauf eines N900 überlegt, muss  ganz, ganz genau wissen, was er will. Vieltelefonierer sind ebenso falsch wie Angeber (die tausend Apps und überdesignte Benutzeroberflächen herzeigen wollen) und jene Businesskunden, die nahtlose Integration mit bestehenden IT-Ökologien brauchen. Wer aber einen Computer mit vollwertigem Browser immer dabei haben will, wer viele Medien konsumieren will (das N900 kann Flash, viele Audio-und Videoformate, Video-Streaming vom Heim-Server auf den TV oder auch Web-Radio unterwegs), sein Telefon nach den eigenen Vorstellungen nutzen will, Fern-Zugriff auf andere Computer verwenden will und auch Emulatoren (C64) laufen lassen will, ist hier goldrichtig.

Vor allem aber alle, die sich nicht von Mobiltelefon-Herstellern bevormunden lassen wollen. Dieses Telefon ist meines, ohne Einschränkungen. Und das alleine ist ein ausreichender Grund, mit dem Börsel abzustimmen: Dorthin soll die Entwicklung gehen.

In drei Jahren sind Laptops irrelevant

Von ganzem Herzen nicht zustimmen kann ich dem Google-Europa-Chef John Herlihy und seiner Prognose, dass in drei Jahren “Desktops irrelevant” werden. Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass in naher Zukunft Laptops und die vielgehypten Netbooks stark an Bedeutung verlieren werden, zugunsten von Smartphones.

Und ich wage jetzt dann mal das Experiment (das in Teilen Asiens ohnehin schon Mainstream ist): Laptopfrei zu leben und die digitale Existenz über ein Handy abzuwickeln, und zwar auf dem Nokia N900 (full disclosure: ich kriege kein Geld und auch kein Gerät von Nokia; ich bin aber überzeugt, dass Nokia zu wenig Credit dafür kriegt, seit Jahren Linux-basierte und damit offene Internet-Tablets zu erzeugen). Und ich bin sicher: Das geht jetzt schon, und wird immer leichter.

Meine Haupt-Tätigkeiten am Laptop: Surfen, Medien Konsumieren, Kommunizieren. Das geht alles auch am Handy, und zwar überall und ohne Gerätewechsel. Daten transportiere ich auf einer tragbaren Festplatte, zum Spielen fehlt mir leider oft die Zeit.

Das einzige Problem mittlerweile: Produktion großer Textmengen. Dafür sind aber auch die wirklich praktischen, ergo kleinen Laptops, meist ungeeignet, und Netbooks überhaupt. Sei’s drum, lange Texte schreibe ich weiter am Stand-PC, den ich übrigens kaum jemals durch einen Laptop ersetzen werde. Stand-PCs haben einen klaren Kosten- und Leistungsvorteil gegenüber Laptops, das sollte man nicht vergessen, ebenso kann mit Backup-Einrichtung eine gewisse Verlässlichkeit geschaffen werden, sie sind ergonomischer und durch größere Displays auch besser für die Arbeitsleistung. Meist werden nur einzelne Teile kaputt, die leicht ersetzbar sind.

Was ist also im Zwischenfeld zwischen PCs und Smartphones der einzigartige Nutzen, den mir ein Laptop bietet und der die Kosten und auch die Größe rechtfertigt? Mir fällt schon jetzt kaum etwas ein. Und je besser Smartphones werden, desto schwieriger wird die Antwort.

Warum können PCs nicht sein wie… Rollenspiele

Nicht erst seit dem Blogpost der New York Times ist es ein hübscher Volkssport geworden,die Bedienbarkeit von PCs mit jener von iPhone, Mac OS oder auch einem Toaster zu vergleichen. Meine 2 Cent: Ein Betriebssystem der Zukunft für Arbeits- bzw. Privat-PCs (im Gegensatz zu Medienkonsum-Maschinen wie iPad, Netbooks, etc) sollte sein wie ein Rollenspiel. Und ich hielte es für eine Selbstverständlichkeit, dass Betriebssysteme endlich lernen, mit ihren Usern umzugehen, nicht umgekehrt.

Gemeint ist damit: User sollten anfangs nichts tun dürfen, das sie nicht verstehen, und sich erst nach und nach das Recht dazu erwerben, abstraktere Dinge mit dem Computer anzustellen. Und, ebenso wichtig: Das Betriebssystem sollte aktiv je nach Skillset nur jene Optionen anbieten, die der User meinen könnte.

Also kein komplizierter Formwandelzauber anfangs, sondern eher nur Kerzenanzünden mit Feuer-Spell. Oder, auf den Computer umgelegt: Wer Level 1 hat und das Partitions-Tool von Windows 7 aufruft, sollte nicht am Ende (nach allerlei magischen Vorgängen) mit einer 100 MB-Partition enden, die vor der Systempartition liegt und in die dann originellerweise auch noch versucht wird, hineinzubooten. Gerade eben erst gesehen, und es war kein Spaß das zu richten.

Die Frage bleibt: Wieso funktioniert das überhaupt? Welcher Anwender kann das jemals brauchen? Diese Option sollte erst bei Level 150 auftauchen. (Und übrigens: Dass das BIOS dann beim Booten zwar penetrant melden kann, dass der Bootmanager fehlt, aber nicht gleich ein kleines Tool gestartet wird, das selbiges Problem behebt, ist ein Witz.)

Ich plädiere für einen Character Sheet für jeden User, den man bei Computermigrationen mitnimmt (der also idealerweise irgendwo in der Cloud gespeichert wird). Der sich nach und nach nach oben hin adaptiert und damit immer mehr Optionen freischaltet. Die superguten Computerauskenner dürfen natürlich gleich alles. Ein derartiges System sollte idealerweise auch nichts mit der Benutzerverwaltung bei Windows und Linux zu tun haben. Denn es geht nicht darum, DAUs zu fragen, ob sie etwas jetzt wirklich machen wollen. Darauf haben die meisten keine Antwort, weil sie schlicht die Frage nicht verstehen. Sondern es geht darum, unterstützend und pädagogisch an den User angepasst das Betriebssystem für alle auf deren höchsten Niveau verwendbar zu machen.

Eine extreme Peinlichkeit für die ganze Branche ist übrigens das Unvermögen, auf den User zuzugehen. Ja, zugestanden: Viele Menschen sind unerträglich denkfaul und stur. Dennoch: Betriebssysteme sind eine Serviceeinrichtung und haben sich an den User anzupassen. Wenn dieser zehnmal das Netzwerktool in der Systemsteuerung aufruft, dann sollte das Betriebssystem fähig sein zu erkennen: Es gibt ein Netzwerkproblem, das der User offensichtlich nicht beheben kann. Wie schwer kann es sein, dass das Betriebssystem dann selbstätig erkennt, was das Problem ist? Bei einem Bekannten war kürzlich im Browser ein Proxy eingestellt, der ins Nichts führte. Niemand kann mir sagen, dass nach einem Vierteljahrhundert Entwicklungszeit Windows 7 einen nicht genau darauf hinweisen könnte.

Der Rollenspielcharakter von Betriebssystemen hätte übrigens noch einen Vorteil: Es würde Motivation geben, sich zu verbessern und sich mit Kollegen/Mitschülern/Pensionistenclubmitgliedern zu vergleichen. Etwa: “Ich darf schon 100 Mb-Partitionen erstellen, wann und wo ich will. Aber ich bin zu gescheit es zu tun.”

Danke, Dante: Hochkultur als billiges Branding für Computergames

Ich wage mal eine Wette: Bald werden mehr Menschen das eben erschienene Computerspiel “Dante’s Inferno” spielen als Dantes “Göttliche Komödie” lesen. Einen klaren Vorteil hat das Game gegenüber dem Buch: Es ist weit weniger zäh zu konsumieren. Andererseits: Dass ein großer Spielehersteller aus einem derart reichhaltigen und vielschichtigen Text nicht mehr machen kann als ein dümmliches Hack and Slash-Game, zeigt deutlich wie sonst kaum etwas: Games leiden immer noch daran, dass die Macher nur eine enge Zielgruppe bedienen wollen. Ich bin mir sicher: So falsch wie die Konzentration der Werbewelt auf die jungen Menschen ist, so falsch ist die weitgehende Selbstbeschränkung der Games-Industrie auf Pflichtschulabsolventen. Macht mal gescheite Games für gescheite Menschen. Bis dahin liefert Dante für sein “Inferno” nur einen bekannten Namen. Danke, Dante, für das billige Branding.

Das wird nichts mehr: Zu spät, zu spät für hochkarätige Computerspielkritik

Es wird sich nicht mehr ausgehen: Der derzeitige Um- und Einbruch in der Medienbranche wird dafür sorgen, dass sich niemals eine hochkarätige Computerspielkritik herauskristallisieren wird. Damit meine ich eine wohlformulierte Auseinandersetzung mit Games, die wie jedes andere Kulturprodukt (Musik, Literatur, Theater, Film…) auch mit Ästhetik-Geschichte im Hinterkopf, fundiertem Urteil und geschliffener Sprache zu messen sind an den herausragendsten Erzeugnissen der Pop- und Hochkultur. Games sind nah dran, auf künstlerische Augenhöhe zumindest mit dem Mainstream-Film zu gelangen; einzelne haben es geschafft.

Doch während sich Heerscharen von Uni-geschulten Filmkritikern an Seichtigkeiten wie “Avatar” abarbeiten und die Popmusik-Kritik immer verschwurbelter wird, schreiben über Games hauptsächlich die Zusammenfasser internationaler Newsfeeds aus den Online-Redaktionen.

Ich bin überzeugt davon, dass die Hochkultur ohne klassische Kritiker-Persönlichkeiten nicht so rasch vorangeschritten wäre. Selbiges würde den Computerspielen gut tun: So müsste jemand mal deutlich argumentieren, wo ästhetischer Wert, wo hochklassiges Design, wo sprachliche Kraft Games bestimmt, und wo andererseits Schrott und Plattheit herrscht.

Dazu bräuchte es: Profi-Journalisten, die

  • an der Hochkultur-Kritik geschult sind uns die Games als vollwertiges Kulturerzeugnis ansehen
  • wissen, was zeitgenössische Literatur und/oder gutes Drehbuchschreiben ausmacht und die daher platte Storys von differenzierter Erzählung, Schlagsatz-Dialog von sprachlichem Feingefühl zu unterscheiden wissen
  • schauspielerische Leistungen bewerten können
  • musikalische Alltagsware von hörenswerten Kompositionen und originellem Soundscaping differenzieren können
  • wissen, was gelungene Regie bedeutet
  • und die derartige Urteile lesenswert transportieren können.

Doch weit gefehlt: In den Mainstream-Medien wandert die Auseinandersetzung mit Computerspielen zwischen Chronik-, Medien-, Unterhaltungs- und LifeStyle-Seiten, anstatt dass die Kulturkritik sich zu ihrem neuesten Zweig bekennt. Wo arbeiten junge Musiker, Drehbuchautoren, Texter, Designer der Zukunft? Bei Computergames.

Auffallend und schade ist, dass ausgerechnet das Geek-goes-Lifestyle-Magazin Wired keine Games rezensiert. Die hätten zumindest den Sprachwitz und das kulturelle Referenzsystem.

MIDEM in Cannes: Musik im digitalen Zeitalter

Also, bei der MIDEM in Cannes kann man der Musikbranche wirklich nicht mehr den Vorwurf machen, das Internet nur als Bedrohung zu sehen: Hier dreht sich so gut wie alles um die neuen Chancen des Digitalen. Zumindest steht’s so im Programm, in wenigen Minuten geht’s los.

Einen Schritt weiter ist man heuer jedenfalls auf die Onlinewelt zugegangen: Im Gegensatz zum Vorjahr gibt’s heuer auch während der Vorträge freies WIFI. Danke, liebe Musikindustrie!