IT und Kultur

Was auch 2010 fehlt: Ein Betriebssystem, das jeder bedienen kann

Die Energie, mit der über die respektiven Vorzüge von Windows, Linux und MacOS gestritten wird, sollte lieber in etwas anderes gesteckt werden: In ein neues Betriebssystem, das wirklich jeder bedienen kann.

Kürzlich habe ich wieder deutlich vorgeführt bekommen, da braucht man nur Menschen über 50 Jahre vor einen Computer setzen: Alle drei genannten Betriebssysteme (und auch die erhältlichen Alternativen) sind einfach grottenschlecht und gehen absurd weit an den Bedürfnissen der User vorbei. Ja, die User sind unerträglich unfähig und zeitweise auch, scheint’s, absichtlich verbohrt.

Aber jetzt mal ehrlich – wie schwer kann es eigentlich sein, dass man eine Benutzeroberfläche erstellt, die problemlos zu bedienen ist, und dann auch noch fehlerfrei das macht, wofür sie da ist? Dazu muss man mit einigen Binsenweisheiten aufräumen: Benutzer wollen weniger Einfluss auf das System, nicht mehr, weniger Entscheidungen treffen, weniger Veränderungen, weniger Funktionen, weniger Fehlermöglichkeiten.

Auch wenn es einem bei diesen Vorstellungen die Zehennägel aufrollt: Es wird nach einem Vierteljahrhundert Fenster-basierter Betriebssystem mal Zeit, dass etwas Brauchbares auf den Markt kommt, etwas, wofür man keine Auskenner braucht, um es wie einen Intensivstations-Patienten, der immer knapp vor dem Exitus steht, durch das Drücken obskurer Knöpfchen am Leben zu halten.

Hierfür notwendig:

– Keine Fragen! Wer einen neuen Laptop aufdreht, wird über Wochen mit Fragen bombadiert, die völlig sinnfrei sind. Testversion-Verlängerungen, Firewall-Schutz, Java-Aktualisierungen, Bloatware – was diese aufpoppenden Fenster eigentlich sollen, ist ohne Computer-Vorbildung völlig unverständlich. Und eigentlich ist das auch völlig unnötig: Es sollte zumindest die Option geben, einem Computer zu sagen, dass er sich seinen Dreck selber überlegen soll. Auch wenn das alle möglichen Nachteile hat, es braucht einen “Don’t bug the user!”-Modus in Windows. Von mir aus so, dass sich das Ding seine Fragen merkt und beim Login als Admin dann gesammelt stellt.

– Keine blöden Meldungen! “Nicht identifziertes Netzwerk”, meldet Windows 7 beim Versuch, online zu gehen. WTF? Der Computer weiß zu diesem Punkt: Er ist per Kabel mit einem Router verbunden. Wie schwer ist es da, derartige Nonsens-Meldungen zu unterlassen und sich einfach mit dem Router zu verbinden? Ohne Fragen, ohne rote Kreuzerln im Netzwerk-Symbol, ohne Kryptisches wie “Künftige Netzwerke als öffentlich definieren?” zu vermelden. Problem war dann im Endeffekt eine ungültige Proxyeinstellung bei den Internetoptionen. Auch darauf sollte ein Betriebssystem einfach von selber kommen. Betriebssystem sollten viel weniger Entscheidungen den Usern überlassen, auch wenn das die Auskenner nervt.

– Nachdem mich mein Vista per Countdown erpresst hat, den Computer herunterzufahren, ohne Option auf Abbruch (ja, manchmal muss man arbeiten, und da ist ein Windows Update weniger wichtig), bin ich auf Ubuntu umgestiegen. Nett, schnell installiert. Aber als Computer-Ungebildeter ist auch Ubuntu völlig ungeeignet. Warum hat man zwei Paketmanagement-Optionen zugleich? Warum muss man bereits beim Mounten eines Netzlaufwerkes in die Kommandozeile? Warum sind manche Programme nach dem Entpacken zwar lauffähig, aber nicht installiert? Die Frage, ob Linux oder Windows besser ist, ist falsch gestellt – sie kann nur lauten, welches weniger nervt. Derzeit: Ubuntu, mal sehen.

– Auch das vielgerühmte Mac-OS ist eigentlich unbrauchbar. Obwohl ich ja doch Hoffnung pflege, dass das Apple-Tablet neue Wege geht: Es wird Zeit für Computer, die sich nach den Usern richten, und nicht umgekehrt. Und wenn man diese dafür noch so sehr nach unten korrigieren muss.

Dinge, die ich diese Woche gelernt habe

  • Dass es eine “Birds of a Feather”-Session gibt und was das ist
  • Dass man einen ganzen Blogpost in einem Wort (“Slacktivism“) zusammenfassen kann, mit Dank an cycus
  • Und dass jene Flüssigkeit, die bei Heizkörpern den Verbrauch misst, ziemlich nach Chemie stinkt wenn diese Messeinheit zerbricht
  • Buchfetisch im Bilderrahmen: Neuer Einsatz für ein Gadget

    So da, ich gebe es zu: ich lese derzeit ein Papierbuch, so ein echtes, kein E-Book. Übrigens durchaus empfehlenswert für alle jene, die die Kulturkampf-Hetze gegen Migranten schon nicht mehr hören können: Philippe Legrain- “Immigrants. Your Country Needs Them”. Das kommt bald ins Bücherregal.

    Und ich überleg, dorthin noch etwas anderes zu stellen: Einen digitalen Bilderrahmen. Nicht für Fotos, sondern für Fetischisten, Buch-Fetischisten nämlich. Denn eigentlich stehen Papierbücher in der Hauptsache dafür rum, dass Besucher die Titel bewundernd lesen können. So mancher fühlt sich geistig entblößt, wenn man nicht auf den ersten Blick sieht, wie viele tolle Bücher er schon gelesen gekauft hat.

    Daher mein Vorschlag für ein neues Einsatzgebiet für die digitalen Bilderrahmen: RSS-Feed-Anzeigedings installieren, und über den Bildschirm dann die Titel aus der E-Book-Bibliothek streamen.

    Bildungsprotzen ganz ohne Bücherregal.

    Pure bliss – Antony and the Johnsons, Knocking on Heaven’s Door

    Nettes Konzept – mit einem kleinen Verbesserungsvorschlag

    Eine nette Idee gibt’s hier: Kleine, baumähnliche Geräte mit Photovoltaik-Zellen, die man u.a. an den Strand mitnehmen kann, um dort Laptop, Mp3-Player etc. mit Sonnenenergie aufzuladen. Klingt ziemlich praktisch, wenn da mal wirklich die nötige Energie gewonnen werden kann und das richtig tragbar ist. Eine Zusatzidee hätte ich: Warum nicht gleich einen Sonnenschirm drauß machen, der PV-Zellen drauf hat und unten Schatten spendet. Ich bin sicher nicht der einzige in der Zielgruppe, der es hasst, in der Sonne zu liegen – und so schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe.

    Hohe Dosis IT und Kultur

    Ab Donnerstag bei der Linzer Ars Electronica, heuer zum Thema “Human Nature”. Das wird das nebenstehende Arbeitsprotokoll tüchtig füllen.

    Computerspiele und Barrierefreiheit

    Ein schöner Artikel über Zugänglichkeit von Games für blinde Menschen findet sich hier (via Martin)

    Ergebnis der Gedankensammlung: PR und die Social Networks

    Die Diskussion bei OTSconnect gibt es hier nachzuhören.

    Gedankensammlung: PR und die Social Networks

    Okay, morgen also diskutiere ich mit vielen jungen PR-Leuten im Radiokulturhaus zum Thema Social Networks – Fluch oder Segen für die PR?. Höchste Zeit, für eine Gedankensammlung mit Nine Inch Nails als Soundtrack (wer nicht weiß, warum: bitte hier gucken).

    • Das Wichtigste zuerst: Ja kein “Fashion Victim” von Online-Trends werden. Vor zwei Jahren hätten wir wohl diskutiert, ob Second Life Fluch oder Segen für PR ist, und das Resultat aus heutiger Sicht: Second Life ist irrelevant für PR. Genauso kann es mit Facebook, Twitter,Youtube und Co bald sein. Man sollte jedenfalls Trends rechtzeitig als tot erkennen. Aber nun zum Inhaltlichen:
    • Social Networks sind ein Fluch für langweilige PR und ein Segen für innovative PR. Wer glaubt, mit ungelenken und kaum verhohlenen Werbebotschaften und “Informationen” eine Marke propagieren zu können, hat schon verloren – da gehen die Filter beim Rezipienten sofort zu. Schöne Beispiele neben Trent Reznors Online-Puzzlespiel: Die Sommerkampagne der NBA auf Facebook. Während der basketballlosen Monate gab es einen ständigen Strom an Videos aus den Archiven im Facebook-Newsfeed, an die man sonst kaum herankommt – ein gefundenes Fressen für die Fans, und ein perfektes Mittel, Interesse aufrecht zu erhalten. Daraus lässt sich lernen:
    • Man muss den Rezipienten in einer Kampagne auf diesen Plattformen etwas geben, das sie wollen, und nicht krampfhaft versuchen, aktuelle Messages zu deponieren. Wer 95 Prozent der Zeit freihändig etwas hergibt, bringt dann 5 Prozent Botschaft viel leichter unter. Am Geschicktesten finde ich jene offiziellen Facebook-Feeds, die Links (ja, auch zur Konkurrenz), Infos zum Produktumfeld, Goodies – sprich: jene Sachen bieten, an denen der mögliche Rezipient wirklich interessiert ist. Ich als Kulturredakteur und als Privatperson friende ganz sicher kein Plattenlabel per se auf Facebook – aber wenn eine meiner Kontaktpersonen (=Pressebetreuer) aus den Labels sich dort mit der Situation des Tonträgerverkaufes, unbekannten Acts oder sonstigen Umgebungs-Informationen auseinandersetzt, dann les ich das gerne. Direkten Nutzen hat der Labelmensch von mir dann keinen, aber eine Aufmerksamkeit, die nicht entstehen würde, wenn ich den Eindruck habe, dass man mir was reinwürgen will.
    • PR-People haben mit gelungener Arbeit die Chance, uns Journalisten am falschen Fuß zu erwischen – im positiven Sinn. Facebook strebt nicht umsonst an, ein zum offenen Internet paralleles, semigeschlossenes Netz aufzubauen: Auf Facebook kommuniziere ich vorwiegend mit Leuten, die ich kenne und denen ich vertraue. Wenn die mir innerhalb dieses Trust Networks eine Info weiterschicken, dann gehe ich an die mit einer ungleich höheren Aufmerksamkeit heran als an die x-te Presseaussendungs-Email des Tages.
    • Wer es nicht schafft, sich online glaubwürdig zu bewegen, verliert mehr als er gewinnt. Pressetexte unverändert in Facebook “reinstellen” ist peinlich, genauso wie offensichtlich “dienstliche” Profile, die nur dazu dienen, immer wieder Marketing-Speak zu verbreiten. In den Social Networks muss PR vom Verbreiter persönlich gemeint sein. Die meisten Social Network-Benutzer bemerken die feinen Unterschiede zwischen einer Person und Kunstfiguren (Kampfposts bzw. Status-Änderungen nur zwischen 9.00 und 17.00 Uhr, und dann nach dem Motto: “Heute habe ich meinen Softdrink wieder wirklich genossen”) sofort.
    • Viel Unsicherheit begleitet den Kontrollverlust – Vorsicht, die Konsumenten können jetzt Kritik üben! Meine Meinung: Unternehmen machen sich endlos glaubwürdiger, wenn sie nicht Orwell imitieren. Propaganda-Blogs zu eigenen Produkten machen sich lächerlich und rufen scharfe Reaktionen von Auskennern hervor. Viel interessanter ist ein selbstkritischer und menschlicher Zugang – offensiv auf diverse Lapsi eingehen, die Diskussion suchen, versteckte Features/Aspekte/Ideen ans Licht holen, Kommunikation in beide Richtungen zulassen, auch schon in der Produktentwicklung. Niemand glaubt ernsthaft, das Produkt X die beste Erfindung seit geschnittenem Brot ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, auch in der PR aufzuhören so zu tun, als ob es das wäre. Das ist die große Chance für soziale PR, und sollte nicht die große Angst sein.
    • PR-Leute sollten sich eigentlich freuen: Wenn sie eine gelungene virale Kampagne starten, machen die Rezipienten für die PR-Leute die ganze Arbeit. Ist doch super! Dass auf einen gezündeten PR-Virus wohl 1.000 kommen, die in den Weiten von Facebook und YouTube versickern, ist halt die andere Seite. Herkömmliche PR hat viel mit der Macht der Kanäle zu tun, über die sie verbreitet wird. Bei viraler PR dagegen müssen die Zuständigen lernen, diese Macht aus den Händen zu geben und sich dann am meisten zu freuen, wenn sich eine Kampagne so entwickelt, dass ihre Erschaffer keinen Einfluss mehr auf sie haben.
    • Und, leider: Online-PR funktioniert am besten, wenn sie nicht von PR-Leuten gemacht wird. Wer wirkliche Info will, ist etwa mit dem Blog des Chefentwicklers oder dem Twitter-Feed eines Bandmusikers besser bedient als mit den Marketingphrasen, die vom PR-Department abgesegnet und dann publiziert wurden.
    • In Österreich herrscht eine verheerende Ignoranz darüber, wie tiefgreifend das Online-Leben in den menschlichen Alltag eingegriffen hat. Die Ars Electronica will heuer sogar zeigen, dass die Vernetzung eine von mehreren grundlegenden Veränderungen der menschlichen Natur ist. Ob das stimmt oder nicht – jedenfalls: Es erstaunt mich zutiefst, wie wenig und wie ungeschickt diese neuen Orte von österreichischen Unternehmen genützt werden.
    • Natürlich sind Social Networks eine Infoquelle, weil dort, simpel, ein großer Aspekt des Lebens abgeht. Gute Journalisten entdecken überall dort die besten Geschichten, wo Menschen interagieren.
    • Wäre ich PR-Mensch, würde ich in den Social Networks vor allem eine Chance sehen: Spaß zu haben und innovativ zu sein. PR muss sich in diesem Umfeld neu erfinden. Meine persönliche Meinung: Vieles von dem vergessen, was man gelehrt bekommt. Selber überlegen, was wirklich die Rezipienten interessieren könnte – und was glaubwürdig ist. Alles andere weglassen.

    Das (verteilte) Wissen der Welt

    Gerichtsakte, parlamentarisches Geschehen, Momentaufnahmen aus dem Privatleben: Immer mehr Daten entstehen nur noch digital. Und analoge Daten werden zunehmend digitalisiert (siehe Google Book Search und die Digitalisierungsbestrebungen der Bibliotheken). Ein Problem ist jedoch ungelöst – das der Langzeitarchivierung. So recht weiß keiner, wie die digitalen Daten aufbewahrt werden sollen (Festplatten geben allzu gerne den Geist auf, DVDs sind überhaupt nur ein paar Jahre haltbar etc).

    Da kam mir doch bitte eine Idee: Was spricht dagegen, die Digitalisierungs-Daten öffentlicher Bibliotheken auf den PCs der Welt nach dem (lange bekannten) Prinzip der verteilten Datenspeicherung dezentral zu verteilen? So in einem peer-to-peer-Verfahren als kleine, verschlüsselte Dateneinheiten von ein, zwei Megabyte, die an und für sich keinen Sinn ergeben und nicht nutzbar sind (wegen Privacy- und Urheberrechts-Bedenken), aber zusammengefügt wieder zB das Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek ergeben.

    Wenn von jeder dieser Dateneinheiten ein paar hundert idente Kopien auf verschiedenen Privatrechnern liegen, dann lässt sich sicher ausrechnen, wieviele derartige Kopien nötig sind, um einen Totalausfall statistisch ausreichend unwahrscheinlich machen. Wenn eine Kopie verschwindet (Platte kaputt etc), dann erstellt die zentrale Verwaltung der Daten eine neue Kopie auf einem anderen Rechner. So werden reduntante Kopien auf vielen, vielen Harddisks gespeichert, und diese Kopien migrieren auf immer wieder aktuellste Hardware, ohne dass die Bibliotheken ihr knappes Geld investieren müssen.

    Ich glaube, die Computernutzer sehen dabei den gesellschaftlichen Mehrwert leicht ein, und stellen in ausreichender Zahl ein paar Megabyte auf der Platte zur Verfügung. Und jeder PC-Nutzer kann bestimmen, wieviel Speicherplatz er dem verteilten Wissen der Welt zugesteht.

    Vielleicht wird das in den betreffenden Forscherkreisen eh schon angedacht, das weiß ich nicht. Als Idee find ich’s mal eigentlich ganz einleuchtend. Ein anderes Problem wird damit aber nicht gelöst: Wie diese Daten dann lesbar gehalten werden, sprich, wie die Daten selbst immer wieder für neuere Software-Versionen verständlich bleiben.