IT und Kultur

Als ich jung war, gab es noch keine “Sims”

Da gab es das Little Computer People Art Project… Selbes Prinzip, Old-School-Grafik, und innovatives Interfaceverhalten: Denn wenn man die Texteingabe am oberen Bildschirm Rand mitliest, lässt sich nachvollziehen, dass der kleine Sch***kerl nur selten das gemacht hat, was man ihm aufgetragen hat. Sturer Hund. Aber wirklich unterhaltsam!

Die gegenstandslose Welt und das dynamische Schweigen

Nein, mit Zitaten belegen kann ich es nicht, aber: Bei allen drei Konzerten der deutschen Band Kraftwerk, die ich bisher gesehen habe, fiel mir auf, dass die deutschen Herrschaften kräftig von Kasimir Malewitsch beeinflusst worden sind. Wer’s nicht kennt: Russe, hat Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Namen “Suprematismus” fantastische abstrakte Gemälde gemacht, die auf ungefähr eines hinauslaufen: Malewitsch wollte die Welt vom Ballast der Gegenständlichkeit befreien.

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. In starker Anlehnung an Arthur Schopenhauer hat Malewitsch durch etwa sein “Schwarzes Quadrat” (eine Ikone der abstrakten Kunst) ausgedrückt, dass die gegenständliche Welt soundso nur Täuschung ist, und dass der Kern der Sache nicht über die Abbildung von einzelnen Gegenständen erreicht werden kann, sondern nur, wenn man aufhört, sich mit derartigen Blendwerken zu beschäftigen. Kurz gesagt: Wenn ich mir Menschen, Obstkörbe oder röhrende Hirsche anschauen will, brauch ich kein Bild betrachten. Die Wahrheit über die Welt finde ich darin jedenfalls nicht.

Also hat Malewitsch die Malerei für eine zeitlang bewusst darauf reduziert, mit der Grundform des Quadrats (gedreht wird daraus ein Kreis, halbiert ein Dreieck) zu arbeiten und reine emotionale Aussagekraft über die Relationen zwischen diesen gemalten Quadratformen auf der Leinwand empfindbar zu machen.

Was das mit IT und Kultur zu tun hat? Sehr viel.

Nicht nur den Bezug zu Kraftwerk, siehe oben. Auch nicht nur seine utopischen Architekturentwürfe von Städten, die nicht bewohnbar sein sollen, sondern Räumlichkeit empfindbar machen (vergleiche hier).

Sondern auch, dass analog zur “gegenstandslosen Welt”, die Malewitsch hinter der realen empfindbar machen will, sich aus dem unaufhörlich rauschenden Quasselstrom im Internet wohl auch eine hinter die Individualität blickende Essenz des Menschlichen destillieren ließe.

WTF?

Soll heißen: Online rauscht und rauscht und rauscht ein Monolog des Menschen mit sich selbst. Jeder glaubt, etwas wichtiges zu sagen zu haben. Und jeder glaubt, dass die meisten anderen nichts wichtiges zu sagen haben. Wenn man ehrlich ist, ergibt sich daraus: Mit guter Wahrscheinlichkeit hat so gut wie niemand von uns wirklich etwas zu sagen, das wichtig ist. Wichtig im Sinne, dass es niemand anderer genausogut sagen könnte.

Menschen sind Meinungsmixe, wobei das Konglomerat an Meinungen zwar durchaus individuell ist, die einzelnen Ansichten aber höchst austauschbar. Auch wenn wir unsere eigenen Meinungen noch so ernst nehmen und noch so vehement ins Netz hinausblasen: Wir sind Klischee. Für jedes a, das ich mag, gibt es Millionen andere, die das auch mögen, jedes b, das ich blöd finde, finden Millionen andere auch blöd.

Daher macht es wenig Sinn, diesen Meinungen im einzelnen zu vertrauen, oder auch nur aufmerksam zuzuhören.

Sondern es ist einen Versuch wert, das Wortgewusel zum inneren Online-Monolog des Menschen zu abstrahieren: Also aufzuhören, den Meinungen per se zuzuhören, sondern auf diesen universellen Dick Size War gleichsam von außen zu schauen. Und so aus diesem ständigen Absondern von Gegenpositionen herauszudestillieren, was die Menschen essentiell verbindet. Denn Meinung und Gegenmeinung, die Individuen heftig vertreten, heben einander ohnehin auf. Was bleibt aber hinter diesen Zufälligkeiten über?

Crowdsourcing goes Philosophy.

Als Meditationsübung empfehle ich ein Kunstprojekt, das ich vor Jahren auf der Ars Electronica kennengelernt habe und das mich nicht mehr losgelassen hat: Den “Listening Post”. Der klinkt sich in Chaträume ein und liest mit, was die Menschen über sich schreiben. Seien wir ehrlich: Das ist zumeist zum Speiben stupide, von “I’m a hot girl” über “I’m proud of not being British” bis “I’m still used to Windows”. Aber der “Listening Post” greift diese Zitate auf und macht daraus großes minimalistisches Kunst-Kino, er gibt diesem Rauschen eine Stimme. Anhören:

Die erste Erkenntnis daraus: Malewitsch sagt, wenn die Gegenständlichkeit überwunden ist, dann wird der ganze Erdball eingehüllt “in den Rhythmus der kosmischen Unendlichkeit eines dynamischen Schweigens.” Das täte gerade dem Internet oft gut.

Daher: Over and out.

Ich hab einen E-Reader zur Matura bekommen

Nein, nicht zu meiner Matura. Aber egal:Ich freu mich! Endlich ein eigenes E-Book-Lesegerät. Gadget +1.

Da war auch der Preis ein Grund zur Freude. Wenn auch mehr für mich (bzw. die liebe Beschenkende :) als für Thalia. Denn dort wurde Anfang April mit großem Getöse der Verkauf von Sonys E-Reader “PRS-505” gestartet – für heftige 299 Euro. Nicht einmal drei Monate später ist das Ding nun um ein Drittel (bzw. 100 Euro) billiger (zusätzlich zum Sommer-Aktionsverkaufspreis von 249 Euro gibt es auch einen 50 Euro Buchgutschein, de facto also gibt es das Gerät derzeit um 199 Euro).  Ein derartiger Nachlass ist dann doch eher ein untrügliches Zeichen, so lässt sich leicht spekulieren, dass sich das Ding nicht rasend gut verkauft. Mir egal – ich hab eines, und das freut mich. Erstes Leseobjekt: Cory Doctorows Little Brother.

Apropos Brother: Der große Bruder (ach wie passend zur Kindle-Geschichte) sieht in E-Books immer noch den direkten Weg in die Zensur. Daher eine kleine Replik:

Also die Amazon-Geschichte ist dermaßen großartig – Orwell hätte es nicht besser erfinden können. Die wird Amazon sicher auf Jahre hinaus vorgehalten, finde ich super!
Dass Amazon den Kindle so strikt unter Kontrolle hält, hat mit E-Books aber nix zu tun, und auch nix mit DRM, sondern mit Paranoia. Ein Gerät, auf das ich nichtmal meine eigenen Dateien kostenfrei spielen kann, ist kein Gerät, sondern ein Witz. Wer soetwas kauft, braucht sich über gar nichts wundern.

Trotzdem: Bedrucktes Papier ist nicht das selbe wie ein Buch, und ich kann immer noch nicht verstehen, warum Literatur der einzige Bereich sein soll, in dem man nicht stolz auf sein Gadget sein darf.

Und: Daran, dass es Rechte an geistigen Werken gibt, ist nicht zu rütteln. Geräte sollten offen sein, aber Künstler (und auch Nachrichtenersteller) sollten adäquat bezahlt werden. Sonst ist die ganze Propaganda über Informationsfreiheit bald Propaganda für die Freiheit (bzw. das Fehlen) von Information.

Fremdschämen gibt’s gratis: Online-Content darf etwas kosten

Okay, okay, “fremdschämen” zu sagen ist auch schon lange wieder Grund für selbiges. Dennoch: Ein besseres Wort gibt es nicht für jenes Gefühl, das mich im immer skurriler werdenden Online-Diskurs um Gratisinhalte im Netz beschleicht.

Denn wenn man die beiderseitige Propaganda beiseite räumt, die in der Diskussion freihändig und mit peinlicher Selbstgerechtigkeit versprüht wird, bleibt eine Frage für mich völlig ungeklärt (und auch eigentlich auffällig unbeachtet): Was denn eigentlich so schlimm daran ist, für Information zu zahlen?

5 Dollar im Monat – das ist jener Betrag, den die New York Times laut Bloomberg offenbar als Gebühr für ihren Online-Auftritt einführen will. Und schon geht das Geheule wieder los, das sich um freien Informationsfluss, Zensur und ähnliche Schlagworte wickelt, die durch die unreflektierte Anwendung nicht eben an Gewicht gewinnen.

Doch halt, Überraschung: Wenn man genau hinsieht, gibt es auch eine Staunen machend große Anzahl an Blogs, die der Idee der New York Times zustimmen. Auch von mir gibt es völlige Zustimmung zu den Plänen der Zeitung – und darüber hinaus auch zum NiemanJournalismLab, das (mit vielen anderen Webites, die einen wortidenten Text veröffentlichen) die richtige Forderung aufwirft: Der Zugang sollte nicht gratis und nicht billiger, sondern teurer sein als 5 Dollar. Denn das ist absurd wenig.

5 Dollar gibt man für einen Kaffee bei einer US-Kette aus, für ein Zehntel eines Autotanks, ein Burger-Menü oder auch ein Packerl Tschick (glaub ich zumindest, bin rauchfrei). Aber wenige sind bereit, das im Monat (!) in die eigene Sicht der Welt zu investieren – immerhin das, was einen als Mensch, Weltbürger, Nicht-Vollidiot auszeichnet.

Und nein, wenn Information kostenpflichtig ist, hat das nichts mit Zensur zu tun. Zensur macht es unmöglich, an gewisse Informationen heranzukommen, Informationsfreiheit ist im Gegenteil dazu das Recht, sich jede Information zu holen. Aber mit Kosten hat das nichts zu tun, ganz im Gegenteil: Zensur hat geschichtlich immer mehr jene Informationsquellen (Zeitungen, Verlage) getroffen, die ihre Produkte gegen Geld weitergegeben haben. It goes to show: Dort kommt auch die wirklich wertvolle Info her, und nicht aus der Gerüchteküche.

Die Menschmaschine spricht

Wie lange schon Technologie und Pop-Kultur ganz wunderbare Schnittstellen haben, dafür steht exemplarisch natürlich die deutsche Band Kraftwerk: Da trifft sich Popmusik, technophile Ästhetik und viel Hirnschmalz.  Und noch dazu verweigern sie jede Bewegung auf der Bühne, wofür alleine man sie schon lieben muss (sollte man zumindest glauben). Umso netter, wenn es dann wieder einmal neue Wortspenden gibt. Für Interessierte und solche, die es noch werden wollen: Frische Interviews im Guardian und im Telegraph. Schade, dass meine Interviewanfrage für’s Urban Art Forms nicht gefruchtet hat…

Und wer nicht weiß, was ihn an Kraftwerk interessieren sollte, der findet viel interessante Info genau hier.

Reminder: Towel Day!

Wer nicht weiß, was das ist, findet viel Wissenswertes und ein paar Goodies hier.

Mitten im Gelsenschwarm: Der Geldwert von Journalismus

Meine Güte, wiedereinmal daneben gegriffen. Ich habe mich anstecken lassen vom Glauben an die Informationsgesellschaft, davon, dass aktuelles Wissen das ist, was künftig zählen wird, dass es unerlässlich ist, Information zu haben und vielleicht auch noch damit umgehen zu können. Dass es einen Wert hat, genau jene Information öffentlich zu machen, die sonst vielleicht verborgen bliebe. Kurz: Ich bin Journalist geworden, was offenbar eine blöde Idee war. Denn eigentlich verdiene ich es offenbar, wenig Geld zu verdienen.

Journalismus kreiere so gut wie keinen Geldwert, schreibt ein Medien-Uniprofessor (was ja an und für sich schon eine gewisse Ironie birgt) im renommierten “Christian Science Monitor”. Jeder hat heute selbst Zugriff auf Quellen, kann die darin gefundene Information bewerten und auch weiterverbreiten. Und entwertet damit meine Arbeit so sehr, dass jedes Gehalt zum Gnadenakt wird.

Fundamentaler können Irrtümer nicht sein.

5 Milliarden Dollar hat Google 2008 über sein Ad-Sense-Programm an die Medien weitergegeben. Und das Suchmaschinenunternehmen tut gerade so, als müssten sich die Medien dafür bedanken. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Google schneidet an der Arbeit anderer mit und nimmt damit eigentlich die klassische Verlegerrolle ein – nur ohne jene inhaltliche Auseinandersetzung, jene Liebe zum Gedanken, die die besten Verleger ausgezeichnet hat. Und oft auch ohne Einverständnis derjeniger, die den Content erstellen. Der pikierte Hinweis, dass man doch eh den Zeitungen Werbung bringe, während man selbst Geld verdient, mutet an wie ein Trafikant, der glaubt, dass die Zeitungen ohne ihn kein Geschäft machen würden – das Gegenteil ist der Fall.

Ohne den professionellen Content, den Journalisten erstellen und in der Vergangenheit erstellt haben, wäre das WWW eine viel weniger allwissende Müllhalde, hätten die Blogger nichts, worüber sie x-mal das selbe schreiben könnten, hätten Suchmaschinen weit weniger hochwertige Daten zum Durchsuchen.

Das Problem ist eher: Den Geldwert, den Journalisten erstellen, streifen zunehmend andere ein. Neben Google sind das auch die Blogger, die Old Media als “Inspiration” für die Posts verwenden und dann über Google-Ads mit den Zugriffen Geld verdienen. Ebenso unzählige Portale, die Nachrichten aus aller Welt zusammenstehlenstellen, um Clicks anzulocken. Jeder Text, der von Journalisten erstellt und in einem Medium publiziert wird, ist wie ein unbedarfter Ausflügler im Gelsenschwarm: Eine warme Instant-Mahlzeit für Nutznießer, die nichts zurücklassen außer vielleicht ein unangenehmes Jucken.

Wer glaubt, dass Content nur dann Wert hat, wenn er direkt Geld bringt, hat übrigens auch das Prinzip hinter User Generated Content nicht verstanden. Nur weil jeder einzelne fleißig – manchmal auch: dumm – genug ist, gratis Content zu erstellen, heißt das ja noch lange nicht, dass niemand was daran verdient. Siehe Myspace, Facebook, Last.fm, YouTube etc. – nein, die speichern nicht aus Gutmütigkeit oder sozialem Gewissen eure Fotos, Beziehungsstatus-Meldungen, Videos, Shopping-Vorlieben, Geburtsdaten, Musikempfehlungen… Dass die Business-Modelle oft noch nicht ausgereift sind, ist ein anderes Problem.

Ich bin sicher, dass so mancher Uni-Professor vielleicht genug Zeit hat, sich täglich seine Nachrichten zu erstellen, in dem er Originalquallen durchschmökert, sie gegen andere abwägt, vielleicht auch noch deren Inhalt überprüft, ein, zwei Recherche-Telefonate macht, das Ergebnis von einem Experten im jeweiligen Gebiet einschätzen lässt, daraus einen Text mit Video macht und das dann online stellt. Hurra!

Aber auch in der schönen neuen Online-Welt kann und will nicht jeder diesen Aufwand investieren. So, wie nicht jeder Musik machen oder Videos drehen will, wollen nicht alle Nachrichten generieren. Sondern konsumieren. Die Gesellschaft hat diese Funktion nicht zu Unrecht schon einem Outsourcing unterzogen, als dieser Begriff noch ein Jahrhundert lang nicht die Globalisierungsdebatte geprägt hat. Ich bin überzeugt: Nach dem Ende der RSS-Goldgräberstimmung werden viele aus den endlosen Weiten der Überinformation zurückkehren und den Wert von Gatekeepern erst so richtig schätzen.

Journalismus kostet Zeit, Geld, Penetranz, Durchhaltevermögen. Es ist ein verfassungsmäßiges Recht damit verbunden. Und wirkliche journalistische Arbeit braucht das Renomee einer Institution: Niemand, der nicht ein wichtiges Medium im Rücken hat, kann Politiker, Firmenchefs, Wissenschafter, Sportstars sprechen. Diese Exklusivität des Zugangs zu den Entscheidungsträgern haben nur Old Media.

Es ist ein bisschen lächerlich, wenn auch oft wiederholt (u.a. auch im oben verlinkten Artikel), den Journalisten abzusprechen, dass sie einzigartige Fähigkeiten haben – oder auch nur was gescheites gelernt. Journalisten sind ja keine Elektriker oder Professoren, ätzt der Medienprofessor (und reitet sich damit selber wieder einen Schritt in die Selbst-Satire hinein), haben also keine abgestempelte Ausbildung zum Journalisten. Das ist nur eine Facette im derzeitigen Bashing der Journaille, die oft mit dem Verve des Beleidigtseins geführt wird, insbesondere von jenen, die selber gerne Journalist geworden wären, und jenen, die offenbar postödipale Probleme mit eingebildeten Autoritäten haben. Nein, es gibt keine Ausbildung, die jemandem zu einem guten Journalisten macht. Für die meisten wirklich spannenden Berufe gibt es das nicht. Gebraucht wird eigentlich das Gegenteil einer Fachidioten-Ausbildung: Ein Mix an Talenten, die Fähigkeit, über jeden Tellerrand hinauszusehen. Mal abgesehen von Belastbarkeit und Schnelligkeit.

Dass aber immer weniger Menschen dazu bereit sind, für Qualitätsjournalismus zu zahlen, ist Zeichen der Digitalisierung, sagt sehr wenig über die Qualität eines Produktes aus (liebe Grüße an die Musik- und Filmschaffenden) und hat Vor- und Nachteile. Von einem bin ich überzeugt: Je mehr Information es gibt und desto zeitaufwendiger es wird, sich ein umfassendes Bild zu machen, desto wertvoller werden Anlaufstellen, werden Angebote statt Nachfrage. Nicht zuletzt, weil man hin und wieder auch mal gerne etwas findet, das man nicht gesucht hat.

Selbstgewählte Mündigkeit – Jeder Leser hat das Medium, das er verdient

Die Süddeutsche Zeitung bietet online einen Vortrag an, in dem sich über die alarmistische Katastrophensensationsgier in den Medien echauffiert wird, die sich mal wieder bei der Schweinegrippe gezeigt hat: Lustvoll wird da jede Chance auf eine weltweite Pandemie ausgeweidet, werden maskierte Mexikaner gezeigt, Pandemie-Vorstufen minutengenau mitgefiebert, Grippemittelerfinder (die ja wahrlich nicht ganz interessenlos an der Sorge vor dieser Krankheit sind) interviewt. Und das für eine Krankheit, die offenbar weniger gefährlich ist als eine stinknormale Grippe.

Dass sich mit Hysterie Medienumsätze generieren lassen, ist wahrlich keine Neuigkeit – wer erinnert sich noch an BSE, Y2K, Vogelgrippe, SARS? Die Frage ist nur: Warum? Warum werden Ängste bedient, Nichtigkeiten zu Sensationen aufgeblasen, Unwichtigkeiten in den Vordergrund gestoßen? Die Süddeutsche knüpft daran Medien-, insbesondere Zeitungskritik: Redakteure wollen Nachrichtenwert suggerieren, und Zeitungen kämpfen gegen die fehlende Aktualität an.

Was fehlt, ist wieder einmal die Leser-Kritik. Medienhysterien werden ja nicht deshalb angezündet, weil den Journalisten fad ist. Sondern weil die Stimme der Vernunft bei den Lesern keine Chance hat gegen Boulevard-Hetze. Wer wollte, konnte auch bei der Schweinegrippe nach kurzer Zeit schon lesen, was Sache ist (durchaus auch mal mit satirischem Unterton). Nur: Die meisten wollen das nicht. “We love to be scared”, heißt es im Buch “Panicology“, und diese Lust an der Tragik in einem ansonsten wohl zu langweiligen Alltag ist nicht weit entfernt von selbstverschuldeter Unmündigkeit. Daher hat jeder Leser das Medium, das er verdient, und wohl auch jedes Land genau die Medienlandschaft. Wer Boulevard kauft, kriegt Boulevard, wer Qualitätsmedien mit Missachtung straft, wenn sie ruhig und differenziert bleiben, wenn sie Komplexität darstellen, wird über kurz oder lang auch von diesen mit der täglichen Dosis Alarmismus bedient.

Journalisten haben eine besondere Verantwortung – aber auch den wirtschaftlichen Druck und irgendwie wohl auch die Verpflichtung, dem Leser das zu geben, was dieser will. Wenn von Medien mit Ruhe, Besonnenheit, Informationsdichte aber dem entgegengesteuert wird, was die Leser offenbar zu ihrem eigenen Schaden gerne an Verkürzungen, Sensationalismus, Vorurteilsbestätigung am Frühstückstisch liegen haben, wird den Redakteuren wieder Arroganz und Abgehobenheit vorgeworfen. Der Journalist als Erzieher ist längst verschwunden, derzeit wird der Journalist als Meinungsbildner abgewählt. Das sorgt für mehr Meinungs-Freiheit bei den Lesern, keine Frage. Aber wozu wird diese genützt? Wenige suchen online mehr Qualität, viele neue Formen des Boulevard.

Viele Medienmacher werden von Quote und Verkaufszahlen bedrängt, und beugen sich dann dem Populismus. Daher, erneut, zum Nachdenken: Qualitätsmedien sollten über Stiftungen aus der Abhängigkeit von Werbung befreit werden.

Und die Leser haben eine Verantwortung, die sowohl in der Politik als auch im Medienkonsum eine neue Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung bedeuten würde: Sensoren dafür zu entwickeln, wo ihnen nicht nach dem Mund geredet wird. Wer überall nur den Spiegel des eigenen Weltbildes sucht, wird nie über sich hinauswachsen. Wer Konfrontation, Vielfalt, Komplexität aktiv sucht, wer es als Aufgabe sieht, den Wert anderer Meinungen zu erkennen und nicht immer nur seine eigene lesen will, gibt sich selbst die Chance auf Horizonterweiterung. Die Medien-Diät ist von weit größerer Bedeutung als die Ernährung. Selbstgewählte Mündigkeit gibt sich mit Schund nicht zufrieden.

Dem Leser nach dem Mund geredet wird übrigens genau dort am hemmungslosesten, wo dieses Nach-dem-Mund-Reden als neue Form des Journalismus gepriesen wird. Online “wütete die Schweinegrippe noch stärker als in den klassischen Medien“, schrieb die Berliner Zeitung laut SZ. Old Media und herkömmlicher Journalismus werden genau dann sterben, wenn sie dieses Niveau zu unterbieten versuchen. Das einzige Alleinstellungsmerkmal der Zukunft für echten Journalismus wird die Qualität sein.

Hollywood, wir haben ein Problem

Mehr Amerikaner spielen Video- und Computerspiele als ins Kino gehen, zeigt laut diesem Bericht eine neue Studie (via Martin). Das ist sicher eine spannende Kennzahl. Aber ich bin überzeugt: Würde man die Zeit untersuchen, die die Unter-30-Jährigen in verschiedene Unterhaltungsformen investieren, haben Games schon seit Jahren dem Kinofilm den Rang abgelaufen. Denn der dauert circa 2 Stunden. Wie lange man an ausgewählten Computergames Spaß hat, ist schwer zu sagen – aber es ist ein vielfaches dieser Dauer.

Und es ist ebenso überhaupt keine Frage, dass man pro investiertem Euro oder Dollar von einem Computerspiel mehr hat. Da wundert es nicht, dass Games gerade in Zeiten der Krise boomen. Daher bin ich sicher: Sollte der Filmmarkt bald beginnen, ebenso zu schrumpfen wie der weltweite Musikverkauf, werden sie es ebenso auf die Raubkopierer schieben. Aber anders als in der Musik glaube ich wird das Interesse an Film auch wirklich zurückgehen – zu Gunsten von Games.

Die Gerüchtemaschine: Spaßbremse für Web 2.0-Euphorie im Journalismus

Ha, ich erfülle zumindest eine jener Voraussetzungen, die Kollege Georg Holzer für die Journalisten der Gegenwart im Umfeld des Web 2.0 auflistet: Ich weiß, was RSS-Feeds sind, und lese sie auch! Dadurch bin ich für die großen Umwälzungen der Medienwelt offenbar zumindest teilweise gerüstet.

Meine Feed-Sammlung habe ich übrigens Gerüchtemaschine benannt, sozusagen als Spaßbremse in jener Euphorie, die technisch begabte Journalisten dadurch verspüren, dass sie sich in den Social Networks zu bewegen wissen und dies den unbedarften Kollegen unter die Nase reiben können. Denn (neben jenem Feed-Ordner, den ich “Real News” genannt habe und wo richtige Medien dahinterstecken): Echte Quelle für Nachrichten sind die meisten Sachen, die ich abonniert habe, natürlich keine.

Jüngstes Beispiel: Dank eines netten telefonischen Tipps konnte ich neben dem Warten auf die Salzburger Festspiel-Entscheidung monitoren, wie sich die falsche Nachricht vom Tod Patrick Swayzes durch Twitter etc. verbreitet. Ein US-Radiosender vergreift sich, kein nennenswertes Medium springt auf, aber die (Micro)-Blogs rennen heiß.

Man stelle sich das Gegenteil vor: Wenn ein großes Medienhaus eine Falschmeldung zum Tod des Schauspielers lanciert hätte und dann draufgekommen wäre, dass das nicht stimmt – die Online-Häme hätte keine Grenzen. Aber unter den nationalen und internationalen Medien-Websites, die ich während des kochenden Gerüchtes aufgesucht habe, ist nur eine aufgesprungen: die Bild-Zeitung. Auf dem Niveau möchte ich mich nicht einmal irrtümlich bewegen – daher nenne ich meine RSS-Feeds von Blogs weiter “Gerüchtemaschine”. Um mich permanent an die Vorbehalte zu erinnern, die man den selbst erstellten Info-Häppchen entgegenbringen muss.

Und ohne Vorbehalte konsumiere ich nur Medien, wo ich weiß, dass sie wie etwa die Deutsche Presseagentur agieren: Die hat in einer Nachricht an die Redaktionen geschrieben, dass sie das Gerücht vom Tod Swayzes erst überprüft, bevor es dazu möglicherweise Berichterstattung gibt. Und nicht umgekehrt.