Journalismus

Google soll für Nachrichten zahlen

Okay, ich hätte auch nicht geglaubt, dass ich das jemals schreiben werde.

Aber ich tu’s: Google soll für Nachrichten zahlen.
Und zwar so viel wie möglich.

Das hat nichts mit Printler sein, Fortschrittsfeindlichkeit, Subventionsempfängertum, Alterung oder sonstwas zu tun. Ich lebe mehr online als viele Meinungsfachkräfte des Internets.

Die Diskussion aber, die um news.google.$$$, “Leistungsschutzrecht” und VÖZ geführt wird, ist von so einer fassungslos machenden Kurzsichtigkeit, dass mir das Schaudern kommt. Ein in seiner schamlosen Offensichtlichkeit betrüblicher Kampf einzig und alleine um Kanalhoheit, der zur absurden Situation führt, dass sogar eine große Gruppe an Journalisten abseits aller wirtschaftlichen Zusammenhänge ungefiltert Großkonzernpropaganda nachbetet und sich dabei auch noch im Recht fühlt.

Ein Trauerspiel.

Ja, ich weiß: Google schaltet keine Werbung zu den Nachrichten.
Ja, ich weiß: Mit einem Stückchen Code kann man Google davon abhalten, Nachrichtenportale zu listen.
Ja, ich weiß: Google stiehlt keine Nachrichten.
Ja, ich weiß: Die Medien profitieren von den Links.

Na und?
Die Diskussion ist eine ganz andere, und Google selbst hat nun die einzig wichtigen Argumente geliefert. Denn Google stiehlt zwar keine Nachrichten, aber Google ist auch nicht im Recht.

Denn Google handelt bei den Nachrichten durchaus parallel zu seinen Steuergeschichten. Auch hier tut Google nichts Unrechtes, im Gegenteil: Die zuletzt bekannt gewordene und viel kritisierte Konstruktion ist völlig rechtmäßig. Und trotzdem für mich jener Moment, an dem Google allen Wohlwollen verspielt hat.

Die BBC berichtet ausführlich: Google macht Millardenumsätze und zahlt, nach einem Spinnennetz an Geldtransferen, einen lächerlichen Steuersatz. Ein paar Auszüge: “Amazon, which had sales in the UK of £3.35bn in 2011, only reported a “tax expense” of £1.8m. And Google’s UK unit paid just £6m to the Treasury in 2011 on UK turnover of £395m.” Das Geld wird über Irland, Bermuda und die Niederlande verschoben, intern gegenverrechnet. Eine Briefkastenfirma in den Niederlanden hat keinen Mitarbeiter – und setzt Hunderte Millionen um.

Business as usual für internationale Konzerne? Klar. Konzerne müssen ja eigenartigerweise nicht zurücktreten, wenn Steuertricksereien auftauchen. Im Gegenteil: Das gehört so. Aber Hauptsache, über das Bankgeheimnis wird debattiert.

Aber Google zeigt sich als Konzern, der sich ohne Skrupel hunderte Millionen aus Ländern als Gewinn absaugt. Und hier sind wir beim Punkt: Google saugt ab. Steuergelder, sprich letztlich: sozialen Zusammenhalt hier, Fremdleistungen da.

Denn das Argument funktioniert natürlich auch in die andere Richtung: Warum schmeißt Google die Nachrichten, die so viel Ärger machen, nicht einfach aus dem Index? Die Antwort ist banal: Weil Google mindestens ebenso viel von den Nachrichten profitiert wie die Portale von den Links. Hier wird der Index um hochwertigen Content erweitert, den sich Google zu produzieren erspart. Genauso übrigens, wie bei den eingescannten, natürlich durchwegs mit öffentlichen Geldern gesammelten Nationalbibliotheken.

Google transferiert öffentliche Leistungen in Gewinn. Und das gehört geändert. Ich habe überhaupt kein Problem damit, hier bei den Nachrichten anzufangen: Google soll zahlen. Ich bin sicher, man kann einen Gesetzestext schreiben, der nicht das Internet ruiniert und der trotzdem dafür sorgt, dass Google für Nachrichten zahlt. Von mir aus sollen die eingehobenen Gelder nicht dem VÖZ, sondern einer Stiftung für Qualitätsjournalismus zugeführt werden. Das wäre dann ein kleiner Ausgleich dafür, dass Google öffentliche Leistungen der Vergangenheit und Gegenwart zu seinen macht – und letztlich natürlich damit Geld verdient.

Eins noch: Die Verlogenheit der Debatte in Österreich ist erschreckend. Im postpubertären Eifer sitzen da die “Onliner” und pochen auf ihr gefühltes Recht, Nachrichten gratis zu konsumieren. Wie gut diese Ökonomie funktioniert, sieht man längst in der Kultur: Auch hier wurde in einem fehlgeleiteten Klassenkampf ein Unsympathlerhaufen gegen einen anderen getauscht. Die bösen Lables wurden durch heroisches Musikkopieren niedergerungen. Und jetzt verkaufen halt Apple und Google Musik. Was das besser macht, entzieht sich mir. Genauso bei den Nachrichten: Böser VÖZ, fortschrittfeindliche Zeitungsmenschen! Was es aber besser macht, wenn die Nachrichten zwar frei verbreitet, die Nachrichtenproduktion nicht mehr finanzierbar ist (wer jetzt Flattr sagt, soll mich bitte vergessen), entzieht sich mir auch.

Und dann gibt es noch den eigentlichen Kern der Medien-Debatte: Es ist, wie oben erwähnt, nichts anderes als ein Diskurs über Kanalhoheit. Die vehement ausgerufene Medienzukunft nützt jenen, die sich im Mediengefüge sozial übervorteilt fühlen. Eigentlich pocht in dieser Diskussion jeder – alte Journalisten-Schule (VÖZ), neue J-Schule und Googlejünger – nur auf die Entmachtung der anderen. Und das ist der eigentliche Grund, warum man an der Zukunft des Medienwesens (ver)zweifeln kann.

Du musst nicht eifersüchtig sein

Lieber Blog,

ich mag dich immer noch! Ich werd dich auch weiter befüllen.

Aber ich habe auch einen neuen Blog gestartet, drüben, beim Kurier. Über Kulturrevolution. Schau doch mal vorbei!
bussi
g

How to: Erstellen klugscheißerischer Popbestenlisten für Anfänger

Platz eins: die Königsdisziplin. Kriterien: CD ist nicht im Handel erhältlich, bisher nur auf Pitchfork in einem Nebensatz erwähnt. dafür unanhörbar. “die beste platte des neo-$genre”, wobei $genre vorzugsweise erfunden ist. textlich nach zwei Kriterien abzuhandeln: arrogant (“ein muss”) und exkludierend (“nichts für Ö3-Hörer “)

Platz zwei: ironisches Zugeständnis an den Mainstream. “Das eigentlich beste Album des Jahres kam von Lady Gaga, weil sie so ekelerregend kommerziell ist, dass es eine Faszination des Schreckens hervorruft”

Platz drei: unbekannte österreichische Band, vorzugsweise mit dem Autor befreundet.

Platz vier: siehe Platz eins.

Platz fünf : Aus internationalem Musikmagazin abgeschrieben.

Livetickerbuchkritik oder: Wie der Journalismus abgeschafft wird

Kinder, nennt mich humorlos, aber dass der Spiegel einen Liveticker zur Redakteurserstlektüre des neuen Rowling-Buches (http://m.spiegel.de/kultur/literatur/a-858087.html) macht, zeigt erschreckend, was im Onlinejournalismus falsch läuft: Die Diktatur der Page Impressions frisst nun auch die Literaturkritik, wo ohne Gelegenheit zum kontemplativen Urteil jedweder journalistische Mehrwert flöten geht. Ich prangere das an.

Grundlegende ökonomische Absurditäten des Onlinejournalismus sind immer noch ungelöste, aber wesentliche Fragen. Da hilft auch kein Schönreden: ein ökonomisch echtzeitüberwachtes Klickgeneratorfließband ist nicht die Art von Journalismus, die im Internet überbleiben darf.

Immer noch underwhelmed

Ich habe wirklich versucht, ein braver Onlinebürger zu sein, aber ich bin gescheitert: entgegen dem Avantgarde-Mainstream der Hauruck-Revolutionsfreude bin ich immer noch voll nicht dafür, den Journalismus noch abhängiger von der Werbewirtschaft zu machen. Das ist aber leider, was online im wesentlichen passiert: statt Journalismus von pösen Zwischenhändlern zu befreien (RIP Music Labels) wird der Journalismus nach der derzeitigen Onlinemarktlogik noch fester an die Werbung verkauft. Einnahmengenerierende Klickhurerei und gesellschaftlich relevantes Reporting sind, hüstel, nur ganz selten das selbe.

Onlinejournalismus ist die einzige Zukunft für die Branche. Geschichten müssen online leben, sonst leben sie gar nicht. Aber wenn sich ausnahmslos alle Onlinemedien gezwungen sehen, einen Berichtwirbelsturm über das iPhone 5 (bis hin zum Liveticker, unglaublich eigentlich) loszulassen, um die inhaltlich irrelevanten Page Impressions abzugreifen, und gleichzeitig wichtige, aufwendige Geschichten sterben gehen, weil sie online verhungern, dann läuft was falsch. Sehr falsch.

“Unwissentlich” oder nicht – das ist nicht die Frage

Jö, ist das schön – ich kann sagen “Ich hab’s gewusst”. Das mach ich doch gerne. Noch dazu zwei Monate vor Profil. Ha!

Jetzt erschien am Wochenende dieser Profil-Artikel, ein sehr schöner Text, völlig richtig, ganz viele Wörter zum selben Inhalt. Bemerkenswert der Spin, der dem Artikel gegeben wurde – in diesem OTS wurde der Hinweis ergänzt, dass die Künstler “unwissentlich” für umsonst gearbeitet hätten (was im Text, soviel ich sehe, nicht steht).

Die Online-Reaktion war erwartungsgemäß schadenfroh, nicht ganz zu unrecht.

Nur: eigentlich gehts wieder am Problem vorbei. Es ist zwar gefundenes Polemik-Fressen für die Gegenspieler von “Kunst hat Recht” – Gratiskunst online gratis posten passt ja wirklich nicht zur Initiative, harharhar.

Doch das Problem ist nicht, dass die Künstler gratis gearbeitet haben, auch nicht, dass Kunst hat Recht nichts für den Abruf der polemisch-peinlichen Videos verlangt (was zugleich ein Eigentor ist, weil es deutlich zeigt, wo die Stärken der verbissen bekämpften Gratiskultur liegen).

Das Problem ist, dass die beteiligten Künstler in den Anliegen der Initiative einen Good Cause sehen, sprich: dass sie sich am Ende einer Diskussion sehen und nicht am Anfang.

Natürlich würden Künstler nichts verlangen, wenn sie auf einer Veranstaltung gegen irgendwelche Krankheiten oder bei politischen Lichtermeeren auftreten. Das würde niemanden wundern. Auch dass eine Agentur bezahlt wird, die derartige Benefiz-Sachen verwaltet, finde ich das Gegenteil von überraschend – deswegen heißt es immer so schön “der Reingewinn fließt an..”, sprich die Einnahmen minus der Kosten für Verwaltung. Benefiz ist oft ein gutes Geschäft.

Die schiefe Optik hier liegt woanders: Durch die Gratisarbeit für Kunst hat Recht setzen Künstler das Anliegen der Lobbyinginitiative mit einem derartigen Good Cause gleich. Das hat ein bisserl was Peinliches: Benefiz im Eigeninteresse ist keine moralische Auszeichnung, schon gar nicht, wenn ein Geldgeber (=Verwertungsgesellschaften) dazu aufruft.

Doch das eigentliche Alarmsignal ist: Benefiz-Status wird gemeinhin nur jenen Good Causes verliehen, bei denen es Konsens ist, dass sie in den allerweitesten gesellschaftlichen Kreisen als “richtig” anerkannt werden. Die für Kunst hat Recht arbeitenden Künstler sehen die Sicht der Initiative auf das Internet offenbar als Konsens an. Etwas Schlechteres könnte der dringend notwendigen Debatte über die Künstlerentlohnung nicht passieren als Künstler, die sich mit einer derart problembehafteten Sicht in Diskussionsstellung verschanzen.

SOPA, PIPA, ACTA, LMAA

Liebe Leute, wappnet euch – ich habe Unliebsames zu verkünden: An der kommenden Zensur des WWW sind wir alle selber schuld. Denn abseits des hyperempörten Twitterns, Bloggens, Souppens geben wir den Amok laufenden Lobbyisten und den nichtsahnenden, aber instinktiv die Chance auf Kontrollzuwachs witternden Politikern täglich die Macht dazu in die Hand, das Web zu ruinieren. Und es ist höchste Zeit, dass wir damit aufhören.

Die Banalitäten vorweg, damit es zu keinen Unklarheiten kommt: Nein, die Medienunternehmen haben nicht das Recht dazu, die Rechte aller zu beschneiden, und ja, die drohenden Zensurabkommen sind die größte Einschränkung der Bürgerrechte, die wir uns seit ever gefallen lassen haben werden. Dass demnächst im Namen der Kultur die Zensur in Österreich Einzug halten wird, ist schlichtweg zum Speiben. Und ja, die Politiker wissen letztlich ganz genau, was sie tun.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: SPÖ, ÖVP und alle anderen mitstimmenden Parteien werden das Leitmedium des 21. Jahrhunderts zensieren, indem sie ACTA zustimmen werden.

Man lasse sich dies auf der Zunge zergehen: Wochenlang brüllen alle Medien wegen des Dann-doch-nicht-Büroleiters eines in der Bedeutung rasant abnehmenden Medienhauses. Die andere, wirklich verheerende Entwicklung bleibt fast unbemerkt.

Jedenfalls: Die Politiker freuen sich, sie haben nur keine Ahnung, warum sie in der glücklichen Lage dazu sind, plötzlich derart und ohne Medienwirbel in die Medienfreiheit eingreifen zu können. Ist auch egal: Die Zensur ist argumentierbar. Denn mit jenem (kleinen) Teil ihrer Argumente für SOPA, PIPA, ACTA, den Politiker so gerade noch verstehen können, haben die Film- und Musiklobbyisten schlicht und ergreifend Recht – es wird in gewaltigem Ausmaß kopiert.

Ja, ich kenne all die guten Argumente dafür, warum Kopieren von Kulturgut gut ist. Und ich finde, die sind alle richtig. Bis auf eines: Wenn Kopieren nur dazu da ist, aktuellen und eigentlich leicht über offizielle Kanäle verfügbaren medialen Mainstreamscheißdreck gratis zu konsumieren, dann wird es argumentativ eng. Das hat nichts mit Kulturfreiheit oder Social Media Revolution oder sonstwas zu tun – das ist kleingeistige Kostenvermeidung und, im schlechtesten Fall, Pseudorevoluzzertum. Denn einerseits Hollywood und die großen Musiklabels für das Grundübel der Kulturwelt zu halten, aber gleichzeitig wie der elendste Süchtige dauernd deren Produkte konsumieren zu müssen, ist, nun ja, kein Zeichen für persönlichen Reifegrad.

Es gibt kein gutes Argument dafür, Filme herunterzuladen, die eh gerade im Kino laufen oder sechs Monate später auf DVD 9.90 Euro kosten. Denn wer “den Bonzen kein Geld zukommen lassen will”, soll dann aber auch die Größe haben, deren Dreck nicht zu konsumieren.

Also, machen wir es kurz: Die Umsetzung von ACTA in österreichisches Recht muss, so es noch irgendwie möglich ist, verhindert werden.

Aber gleichzeitig ist es an der Zeit, damit aufzuhören, Mainstreamkulturprodukte zu kopieren, die – sagen wir mal – jünger als 3 Jahre sind. Denn die sind leicht gegen ein wenig Geld zu bekommen, und das kann und sollte es einem auch Wert sein.

Und vor allem: Wir sollten nicht für jene 10 Euro, die “Puss in Boots”, “Verblendung” oder “Die Muppets” im Kino kosten, den Zensurargumenten die Türe öffnen.

Wenn etwas wirklich nicht (oder nicht mehr) auf legalem Weg zu bekommen ist, dann sind die Rechteanbieter selber schuld, wenn kopiert wird. Damit meine ich auch insbesondere alle die tollen TV-Serien, die es derzeit gibt – und die immer Monate, manchmal auch Jahre (!!) später ins europäische Fernsehen kommen. Noch dazu durch Synchronisierung ruiniert. Die sind auf legalem Weg nicht zu bekommen. Aber selbst da kann man dann (später) die DVD-Boxen nachkaufen – ich will, dass die Macher von “Big Bang Theory” oder “Lost” oder “Weeds” auch wissen, dass ich ihr Zeug mag.

Noch besser wäre allerdings etwas anderes: Den Produkten all dener, die für die Zensurabkommen eintreten, nie wieder auch nur ein Gramm Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Weder gegen Geld noch gratis. All jenen, die für ACTA, SOPA, PIPA eintreten, ein herzliches LMAA.

Warum ich gegen die Haushaltsabgabe, aber für eine pauschale Rechtevergütung bin

Ja, ich weiß eh: die Haushaltsabgabe wird kommen, egal, wie sehr ich mich aufrege. Schätzungsweise nach dem Wahljahr 2013 werden wir keine GIS-Gebühr mehr zahlen. Sondern pro Haushalt fürs Fernsehen zur Kassa gebeten werden. Das hat nur einen Sinn: Leute wie mich zu melken.

Hab ich schon mal erwähnt, dass ich keine Fernsehgebühr zahle? Obwohl ich einen Fernseher habe? Ja, das geht, kein Empfang möglich, weil alter Fernseher und SAT ohne ORF-Karte. Die GIS war extrem freundlich und professionell dabei. (Lustig ist, dass man zwar kein Fernsehentgelt, aber eine “Fernsehgebühr” von 1,16 Euro zahlt. Irgendwie lol.)

Jedenfalls: Da könnten ja noch mehr Leute draufkommen. Etwa jetzt, beim notwendigen Smartcard-Tausch. Denn was passiert, wenn man einfach keine neue holt (und keinen DVB-Empfänger hat)? Nicht viel. ORF kann man halt nicht schauen. Oje! Oder man schaut DVDs und anderen (Festplatten- und Online-)Content am Monitor via Media Player-Kastl und verzichtet auf den Fernseher. Auch das: Schlecht für den ORF. Beziehungsweise für die Argumentation für Gebühren. Ich glaube auch, dass das Pay-TV-Urteil aus GB wegweisend für die Gebührenfrage werden könnte.

Voila: Enter Haushaltsabgabe. Die – siehe Deutschland –  hängt nicht mehr am Fernseher bzw. an der Empfangsmöglichkeit von TV-Programm. Irgendwer im ORF ist draufgekommen, dass das vielleicht irgendwann doch überholt ist. Schließlich bemüht sich der ORF ja auch seit Jahren, das Programm online zu bringen. Derzeit machen sie eine Machbarkeitsstudie, ob man TV-Programm streamen kann. Ernsthaft! 2011.

Jedenfalls Nummer 2: Haushaltsabgabe fürs Fernsehen wird kommen. Ich wiederhole: Fürs Fernsehen. Und das ist extrem ärgerlich.  Mir ist wurscht, ob die privaten TV-Sender dann was davon kriegen oder nicht. Ich bin dagegen. Denn der ORF hat im September 2011 genau noch 34,1 Prozent Marktanteil in Österreich. 34,1!

Das ist fast nur noch ein Drittel der österreichischen Haushalte. Und zahlen sollen alle österreichischen Haushalte. Das ist absurd. 34,1 Prozent. Jetzt ernsthaft!

Und ich wette hiermit öffentlich: Damit hat der ORF weniger Marktanteil als Online-Medien. Aber das passt nicht in die Köpfe der Politiker hinein. Die glauben: Fernsehen=wahlentscheidende Medienplattform=wichtig. Ich sage dazu: Schmecks. Das hat vor 10 Jahren noch gestimmt, jetzt gilt es nur noch für die Parteien, die die Pensionisten zum Überleben brauche. Nur die Politiker wissen noch nicht, dass sich die Medienwelt gerade völlig ändert.

Ich bin für ORF-Pay-Per-View, und sonst soll mich das in Ruhe lassen. Nicht, weil ich mir zu geizig bin. Sondern weil Fernsehen jetzt 40 Jahre lang das Leitmedium war, und so lange war es gut und wichtig, dass es öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegeben hat. Das ist nun zu Ende.

Umso wichtiger ist, dass sich jemand was anderes überlegt: Nämlich, wie man einen fairen Deal zwischen Konsumenten und Medienproduzenten erzielt. Ich will hochklassigen Online-Content schauen können und denen, die den erstellen, etwas zahlen, ohne dass ich mich groß drum kümmern muss. Für mich zählt etwa US-Fernsehen mittlerweile zum Online-Content, den ich im Original schauen können will, zeitnah zur dortigen Ausstrahlung. Und ich will, verdammt nochmal, dafür bezahlen können.

Ich will, dass die, die Serien wie Big Bang Theory, Community und Lost machen, was von mir haben. Auch für Musik, die ich über Internet höre, möchte ich Geld verteilen. Ich finde gerade im Kulturbereich Geiz extrem ungeil.  Ich will für Medienkonsum Geld zahlen. Und sei es von mir aus eine monatliche Pauschale, die über Verwertungsgesellschaften verteilt wird. Oder die ich im Idealfall selber verteile. Von mir aus auch Pay-Per-Download-Modelle. Aber ohne künstliche Grenzen (“This content is available in your area”). Das würde um ein Vielfaches mehr der heutigen Medienrealität entsprechen, als die verzweifelten und peinlichen Versuche, irgendwie doch an Geld für das österreichische Kindergarten-Fernsehen zu kommen.

Medien-Utopie (2) – Senf ist der neue Spam

Also gut, zweiter Teil. Wenn Medien jetzt neu erfunden würden, dann würden sie sich in einer Sache negativ definieren, mit der sie sich auch jetzt negativ definieren: Medien würden sich dadurch von (Micro-)Blogs unterscheiden, dass sie nicht nur aus Senf bestehen.

So im Sinne der schlechten alten Blogger-Weisheit: “Ich blase zu jedem Thema möglichst viel Senf ins Internet”. Ohne, dass ich da jetzt mal nachrecherchiere. Sondern einfach, weil ich so gescheit bin.

Medien wären die Ent-Senfung. Denn Senf ist der neue Spam.

Medien wären Senf-Destillate oder auch jene Zutaten, aus denen die Blogger dann den Senf anrühren. Und damit gar nicht anders als jetzt: Medien wären die Orte, wo recherchiert wird. Ob gegen Geld oder gratis, ist da egal.

Und das ist ein so wesentlicher Unterschied, dass hier jetzt mal nichts hinzuzufügen ist.

Medien-Utopie (1) – Reboot

Klischee: Journalisten schreiben gerne in abgelutschten Metaphern. Also, hier eine von mir: Das mit der Medienrevolution ist ein zweischneidiges Schwert (brrrr). Eh sind wir nicht mehr zeitgemäße Dinosaurier, aussterben, Evolution, Gratisinternet, Social Media, blabla.

Nur: Schade ist es halt um die wohlerkämpfte Pressefreiheit. Die hat nämlich nicht so viel mit der allgemeinen Meinungsfreiheit zu tun. Sondern mit rechtlichem Schutz vor den Großkopferten, die unliebsame Aufdecker etc. gerne mundtot machen. Wo jeder Blogger in die Knie geht, haben Zeitungen etc. doch noch mehr Handhabe gegen gerichtliche Versuche der Mundtotmachung. Und diese Pressefreiheit lässt sich nicht so leicht auf die heutige Medienlandschaft ausweiten.

Sie ist damit soetwas wie der traurige Zwilling des Urheberrechts: Eine veraltete Rechtsstruktur, deren Anwendung sich an allen Ecken und Enden nicht mehr wirklich ausgeht. Im Gegensatz zum Urheberrecht wär es aber um die Pressefreiheit schad. Ein Kollateralschaden der selbstertwitterten Pseudo-Mündigkeit, wenn alle Zeitungen mal eingegangen sind und sich auch anderswo mit der bedrohten Spezies Qualitätsjournalismus nicht genug Geld machen lässt, um große Institutionen zu erhalten. Das tut mir im Herz weh.

Egal. Aber hier mal ein ungewöhnlicher Ansatz von mir: Ich verschreibe mich hiermit in einer losen Serie der Medien-Utopie. Thema: Wie würden Medien ausschauen, wenn sie sich nicht in der derzeitigen Devolutions-Spirale neu erfinden müssten, sondern jetzt gerade entstehen würden, ganz ohne die bisherigen Ausformungen zu beachten. Wenn quasi die Medienlandschaft einen Reboot machen würde.

Ein erster Gedanke: Es braucht eine rechtlich geschützte Form der Äußerung für Content-Ersteller, eine Art Leo für Kontroversielles, wo Klagen oder auch gezielter Druck von Mächtigen abprallt. Der Preis, der vom Content-Ersteller für dieses Gütesiegel zu zahlen ist, darf aber nicht trivial sein. Ich denke da etwa an den Einsatz von mühsam erarbeitetem sozialen Kapital (Reputation), das man für die Geschichte einsetzen muss (wie Chips im Casino) und dessen Verlust schmerzhaft ist. Vielleicht ein Kampf um limitierte Slots auf hoch reputierten Medien-Portalen: Wer wiederholt auf gute Geschichten setzt bzw. diese selber erstellt, bekommt eine Aufmacher-Story.

Ein Problem: Blogger haben, wenn sie Glück haben, einmal alle heiligen Zeiten eine wirklich gute Story. Mhm.