Journalismus

SOPA, PIPA, ACTA, LMAA

Liebe Leute, wappnet euch – ich habe Unliebsames zu verkünden: An der kommenden Zensur des WWW sind wir alle selber schuld. Denn abseits des hyperempörten Twitterns, Bloggens, Souppens geben wir den Amok laufenden Lobbyisten und den nichtsahnenden, aber instinktiv die Chance auf Kontrollzuwachs witternden Politikern täglich die Macht dazu in die Hand, das Web zu ruinieren. Und es ist höchste Zeit, dass wir damit aufhören.

Die Banalitäten vorweg, damit es zu keinen Unklarheiten kommt: Nein, die Medienunternehmen haben nicht das Recht dazu, die Rechte aller zu beschneiden, und ja, die drohenden Zensurabkommen sind die größte Einschränkung der Bürgerrechte, die wir uns seit ever gefallen lassen haben werden. Dass demnächst im Namen der Kultur die Zensur in Österreich Einzug halten wird, ist schlichtweg zum Speiben. Und ja, die Politiker wissen letztlich ganz genau, was sie tun.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: SPÖ, ÖVP und alle anderen mitstimmenden Parteien werden das Leitmedium des 21. Jahrhunderts zensieren, indem sie ACTA zustimmen werden.

Man lasse sich dies auf der Zunge zergehen: Wochenlang brüllen alle Medien wegen des Dann-doch-nicht-Büroleiters eines in der Bedeutung rasant abnehmenden Medienhauses. Die andere, wirklich verheerende Entwicklung bleibt fast unbemerkt.

Jedenfalls: Die Politiker freuen sich, sie haben nur keine Ahnung, warum sie in der glücklichen Lage dazu sind, plötzlich derart und ohne Medienwirbel in die Medienfreiheit eingreifen zu können. Ist auch egal: Die Zensur ist argumentierbar. Denn mit jenem (kleinen) Teil ihrer Argumente für SOPA, PIPA, ACTA, den Politiker so gerade noch verstehen können, haben die Film- und Musiklobbyisten schlicht und ergreifend Recht – es wird in gewaltigem Ausmaß kopiert.

Ja, ich kenne all die guten Argumente dafür, warum Kopieren von Kulturgut gut ist. Und ich finde, die sind alle richtig. Bis auf eines: Wenn Kopieren nur dazu da ist, aktuellen und eigentlich leicht über offizielle Kanäle verfügbaren medialen Mainstreamscheißdreck gratis zu konsumieren, dann wird es argumentativ eng. Das hat nichts mit Kulturfreiheit oder Social Media Revolution oder sonstwas zu tun – das ist kleingeistige Kostenvermeidung und, im schlechtesten Fall, Pseudorevoluzzertum. Denn einerseits Hollywood und die großen Musiklabels für das Grundübel der Kulturwelt zu halten, aber gleichzeitig wie der elendste Süchtige dauernd deren Produkte konsumieren zu müssen, ist, nun ja, kein Zeichen für persönlichen Reifegrad.

Es gibt kein gutes Argument dafür, Filme herunterzuladen, die eh gerade im Kino laufen oder sechs Monate später auf DVD 9.90 Euro kosten. Denn wer “den Bonzen kein Geld zukommen lassen will”, soll dann aber auch die Größe haben, deren Dreck nicht zu konsumieren.

Also, machen wir es kurz: Die Umsetzung von ACTA in österreichisches Recht muss, so es noch irgendwie möglich ist, verhindert werden.

Aber gleichzeitig ist es an der Zeit, damit aufzuhören, Mainstreamkulturprodukte zu kopieren, die – sagen wir mal – jünger als 3 Jahre sind. Denn die sind leicht gegen ein wenig Geld zu bekommen, und das kann und sollte es einem auch Wert sein.

Und vor allem: Wir sollten nicht für jene 10 Euro, die “Puss in Boots”, “Verblendung” oder “Die Muppets” im Kino kosten, den Zensurargumenten die Türe öffnen.

Wenn etwas wirklich nicht (oder nicht mehr) auf legalem Weg zu bekommen ist, dann sind die Rechteanbieter selber schuld, wenn kopiert wird. Damit meine ich auch insbesondere alle die tollen TV-Serien, die es derzeit gibt – und die immer Monate, manchmal auch Jahre (!!) später ins europäische Fernsehen kommen. Noch dazu durch Synchronisierung ruiniert. Die sind auf legalem Weg nicht zu bekommen. Aber selbst da kann man dann (später) die DVD-Boxen nachkaufen – ich will, dass die Macher von “Big Bang Theory” oder “Lost” oder “Weeds” auch wissen, dass ich ihr Zeug mag.

Noch besser wäre allerdings etwas anderes: Den Produkten all dener, die für die Zensurabkommen eintreten, nie wieder auch nur ein Gramm Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Weder gegen Geld noch gratis. All jenen, die für ACTA, SOPA, PIPA eintreten, ein herzliches LMAA.

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Warum ich gegen die Haushaltsabgabe, aber für eine pauschale Rechtevergütung bin

Ja, ich weiß eh: die Haushaltsabgabe wird kommen, egal, wie sehr ich mich aufrege. Schätzungsweise nach dem Wahljahr 2013 werden wir keine GIS-Gebühr mehr zahlen. Sondern pro Haushalt fürs Fernsehen zur Kassa gebeten werden. Das hat nur einen Sinn: Leute wie mich zu melken.

Hab ich schon mal erwähnt, dass ich keine Fernsehgebühr zahle? Obwohl ich einen Fernseher habe? Ja, das geht, kein Empfang möglich, weil alter Fernseher und SAT ohne ORF-Karte. Die GIS war extrem freundlich und professionell dabei. (Lustig ist, dass man zwar kein Fernsehentgelt, aber eine “Fernsehgebühr” von 1,16 Euro zahlt. Irgendwie lol.)

Jedenfalls: Da könnten ja noch mehr Leute draufkommen. Etwa jetzt, beim notwendigen Smartcard-Tausch. Denn was passiert, wenn man einfach keine neue holt (und keinen DVB-Empfänger hat)? Nicht viel. ORF kann man halt nicht schauen. Oje! Oder man schaut DVDs und anderen (Festplatten- und Online-)Content am Monitor via Media Player-Kastl und verzichtet auf den Fernseher. Auch das: Schlecht für den ORF. Beziehungsweise für die Argumentation für Gebühren. Ich glaube auch, dass das Pay-TV-Urteil aus GB wegweisend für die Gebührenfrage werden könnte.

Voila: Enter Haushaltsabgabe. Die – siehe Deutschland -  hängt nicht mehr am Fernseher bzw. an der Empfangsmöglichkeit von TV-Programm. Irgendwer im ORF ist draufgekommen, dass das vielleicht irgendwann doch überholt ist. Schließlich bemüht sich der ORF ja auch seit Jahren, das Programm online zu bringen. Derzeit machen sie eine Machbarkeitsstudie, ob man TV-Programm streamen kann. Ernsthaft! 2011.

Jedenfalls Nummer 2: Haushaltsabgabe fürs Fernsehen wird kommen. Ich wiederhole: Fürs Fernsehen. Und das ist extrem ärgerlich.  Mir ist wurscht, ob die privaten TV-Sender dann was davon kriegen oder nicht. Ich bin dagegen. Denn der ORF hat im September 2011 genau noch 34,1 Prozent Marktanteil in Österreich. 34,1!

Das ist fast nur noch ein Drittel der österreichischen Haushalte. Und zahlen sollen alle österreichischen Haushalte. Das ist absurd. 34,1 Prozent. Jetzt ernsthaft!

Und ich wette hiermit öffentlich: Damit hat der ORF weniger Marktanteil als Online-Medien. Aber das passt nicht in die Köpfe der Politiker hinein. Die glauben: Fernsehen=wahlentscheidende Medienplattform=wichtig. Ich sage dazu: Schmecks. Das hat vor 10 Jahren noch gestimmt, jetzt gilt es nur noch für die Parteien, die die Pensionisten zum Überleben brauche. Nur die Politiker wissen noch nicht, dass sich die Medienwelt gerade völlig ändert.

Ich bin für ORF-Pay-Per-View, und sonst soll mich das in Ruhe lassen. Nicht, weil ich mir zu geizig bin. Sondern weil Fernsehen jetzt 40 Jahre lang das Leitmedium war, und so lange war es gut und wichtig, dass es öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegeben hat. Das ist nun zu Ende.

Umso wichtiger ist, dass sich jemand was anderes überlegt: Nämlich, wie man einen fairen Deal zwischen Konsumenten und Medienproduzenten erzielt. Ich will hochklassigen Online-Content schauen können und denen, die den erstellen, etwas zahlen, ohne dass ich mich groß drum kümmern muss. Für mich zählt etwa US-Fernsehen mittlerweile zum Online-Content, den ich im Original schauen können will, zeitnah zur dortigen Ausstrahlung. Und ich will, verdammt nochmal, dafür bezahlen können.

Ich will, dass die, die Serien wie Big Bang Theory, Community und Lost machen, was von mir haben. Auch für Musik, die ich über Internet höre, möchte ich Geld verteilen. Ich finde gerade im Kulturbereich Geiz extrem ungeil.  Ich will für Medienkonsum Geld zahlen. Und sei es von mir aus eine monatliche Pauschale, die über Verwertungsgesellschaften verteilt wird. Oder die ich im Idealfall selber verteile. Von mir aus auch Pay-Per-Download-Modelle. Aber ohne künstliche Grenzen (“This content is available in your area”). Das würde um ein Vielfaches mehr der heutigen Medienrealität entsprechen, als die verzweifelten und peinlichen Versuche, irgendwie doch an Geld für das österreichische Kindergarten-Fernsehen zu kommen.

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Medien-Utopie (2) – Senf ist der neue Spam

Also gut, zweiter Teil. Wenn Medien jetzt neu erfunden würden, dann würden sie sich in einer Sache negativ definieren, mit der sie sich auch jetzt negativ definieren: Medien würden sich dadurch von (Micro-)Blogs unterscheiden, dass sie nicht nur aus Senf bestehen.

So im Sinne der schlechten alten Blogger-Weisheit: “Ich blase zu jedem Thema möglichst viel Senf ins Internet”. Ohne, dass ich da jetzt mal nachrecherchiere. Sondern einfach, weil ich so gescheit bin.

Medien wären die Ent-Senfung. Denn Senf ist der neue Spam.

Medien wären Senf-Destillate oder auch jene Zutaten, aus denen die Blogger dann den Senf anrühren. Und damit gar nicht anders als jetzt: Medien wären die Orte, wo recherchiert wird. Ob gegen Geld oder gratis, ist da egal.

Und das ist ein so wesentlicher Unterschied, dass hier jetzt mal nichts hinzuzufügen ist.

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Medien-Utopie (1) – Reboot

Klischee: Journalisten schreiben gerne in abgelutschten Metaphern. Also, hier eine von mir: Das mit der Medienrevolution ist ein zweischneidiges Schwert (brrrr). Eh sind wir nicht mehr zeitgemäße Dinosaurier, aussterben, Evolution, Gratisinternet, Social Media, blabla.

Nur: Schade ist es halt um die wohlerkämpfte Pressefreiheit. Die hat nämlich nicht so viel mit der allgemeinen Meinungsfreiheit zu tun. Sondern mit rechtlichem Schutz vor den Großkopferten, die unliebsame Aufdecker etc. gerne mundtot machen. Wo jeder Blogger in die Knie geht, haben Zeitungen etc. doch noch mehr Handhabe gegen gerichtliche Versuche der Mundtotmachung. Und diese Pressefreiheit lässt sich nicht so leicht auf die heutige Medienlandschaft ausweiten.

Sie ist damit soetwas wie der traurige Zwilling des Urheberrechts: Eine veraltete Rechtsstruktur, deren Anwendung sich an allen Ecken und Enden nicht mehr wirklich ausgeht. Im Gegensatz zum Urheberrecht wär es aber um die Pressefreiheit schad. Ein Kollateralschaden der selbstertwitterten Pseudo-Mündigkeit, wenn alle Zeitungen mal eingegangen sind und sich auch anderswo mit der bedrohten Spezies Qualitätsjournalismus nicht genug Geld machen lässt, um große Institutionen zu erhalten. Das tut mir im Herz weh.

Egal. Aber hier mal ein ungewöhnlicher Ansatz von mir: Ich verschreibe mich hiermit in einer losen Serie der Medien-Utopie. Thema: Wie würden Medien ausschauen, wenn sie sich nicht in der derzeitigen Devolutions-Spirale neu erfinden müssten, sondern jetzt gerade entstehen würden, ganz ohne die bisherigen Ausformungen zu beachten. Wenn quasi die Medienlandschaft einen Reboot machen würde.

Ein erster Gedanke: Es braucht eine rechtlich geschützte Form der Äußerung für Content-Ersteller, eine Art Leo für Kontroversielles, wo Klagen oder auch gezielter Druck von Mächtigen abprallt. Der Preis, der vom Content-Ersteller für dieses Gütesiegel zu zahlen ist, darf aber nicht trivial sein. Ich denke da etwa an den Einsatz von mühsam erarbeitetem sozialen Kapital (Reputation), das man für die Geschichte einsetzen muss (wie Chips im Casino) und dessen Verlust schmerzhaft ist. Vielleicht ein Kampf um limitierte Slots auf hoch reputierten Medien-Portalen: Wer wiederholt auf gute Geschichten setzt bzw. diese selber erstellt, bekommt eine Aufmacher-Story.

Ein Problem: Blogger haben, wenn sie Glück haben, einmal alle heiligen Zeiten eine wirklich gute Story. Mhm.

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Die Medienlücke 2.0

Ein kleiner Tipp zur Unterhaltung: Bei Mediengeschichten über IT-Themen immer “Handy” statt dem derzeitigen Schlagwort (Facebook, Google, Twitter…) einsetzen – und die absurden Ergebnisse genießen. An der Lächerlichkeit und Biederheit, die die Beitrags-Themen dann gleich bekommen, merkt man schnell: Der allergrößte Teil stellt die völlig falschen Fragen und erzählt die völlig falschen Geschichten.

Trotzdem mache ich mir eigentlich keine Sorgen um den Journalismus, auch nicht angesichts der geballten Ladung Unsinn, die derzeit über die Zukunft der Branche kursiert. Denn es gibt eine ganz eindeutige Marktlücke.

Der Crowd Journalismus auf Twitter und Co ist im konstanten Kommentarmodus gefangen und hat daraus kein Entkommen: Wer nicht polarisiert, wird ignoriert. Also gut geeignet für Boulevard 2.0. Hingegen: Gefühlte 99,9 Prozent der News, die mir über Twitter bekannt werden und die mich wirklich interessieren, verweisen auf Old Media-Webseiten.

Aber die gemeinte Marktlücke ist eine andere: Wir Journalisten (insbesondere die heimischen) müssen an der Verführungskraft arbeiten, die gut erzählte, originelle Geschichten haben. Deswegen ärgert mich das eingangs erwähnte Phänomen so: Wenn Stories entweder so bieder, banal und übersimpel erzählt werden, wie man sonst nur mit der leicht dementen Oma redet, oder man andererseits zwischen den Zeilen davon bedrängt wird, dass der Autor die Welt permanent auf sein kleines Experten-Ego reduziert, dann schafft sich die Medienlandschaft selbst ab. Und es ist dann auch kaum schade darum.

Wenn wirkliche Medien aber Geschichten über die digitale Welt von Heute erzählen, klingt das ganz anders. Dann steht die Geschichte im Vordergrund, wird der Leser mitgenommen und ihm klar gemacht, warum es ihn etwa interessieren sollte, dass die Parallel-Strukturen von Facebook ein Problem sein könnten.

Auf den Punkt gebracht: Es geht längst nicht mehr darum, einen staunenden Reporter-Blick des Unwissens auf unverständliche neue Welten zu werfen. Und ebensowenig darum, der größte unter den Auskenner-Zwergen zu sein. Es geht um die Basics des Journalismus: Geschichte so zu erzählen, dass sie verstanden werden und berühren. Und genau darin muss Journalismus nichts mit dem Zusatz “2.0″, nichts “Soziales” und keine Werbungskrise fürchten.

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Das Internet macht dumm… und klug

Was der Menschheit fehlt: Ein Wiki für Streitthemen, die alle paar Jahre wieder groß diskutiert werden und eigentlich schon längst geklärt sein müssten. Da könnte man dann etwa eintragen: Nein, die nächste Generation ist nicht dümmer/lauter/ungehobelter/unbelesener als die vorige; nein, vor (Zeitpunkt-20 Jahren) war nicht alles besser. Und nein, neue Medienformen machen nicht dümmer als alte.

Stating the obvious: Das Internet macht dumm. Da braucht man sich gar nicht drüber aufregen, wie es kürzlich die Twittergemeinschaft in selbstgerechter Empörung während einer Fernsehdiskussion getan hat (ernsthaft, Leute: das war eine Fernsehdiskussion, wen kümmert das?) Eine Woche Urlaub vom Datenstrom haben mir wieder klar gemacht: Im sozialen Online-Leben schüttet sich mit Stumpfsinn zu, hört unerträglich kleingeistigem Brustselbstgeklopfe zu, wird eingeengt von den Grenzen in den Köpfen der anderen.

Stating the obvious: Das Internet macht klug. Man kann den Wissenszuwachs, die Inspiration, den Lerneffekt der andauernden Auseinandersetzung mit Inhalten gar nicht überschätzen. Das merkt man in einer Woche Urlaub vom Datenstrom: Da kann man eben nicht mal schnell was nachschauen, und dann weiß man es eben nicht.

Wie man über derartige Offensichtlichkeiten so ausdauernd diskutieren kann, bleibt mir ein Rätsel, bzw. nein eigentlich nicht. Es ist dieselbe Mischung aus pubertärem Minderwertigkeitsgefühl und peinlichem Standesdünkel, die in allen Mediendiskussionen bisher vorherrschte.

Das Internet reiht sich nahtlos in die lange Liste an Medien ein, bei denen es genauso binär ist: Fernsehen macht dumm, sagten uns damals in den 80ern aufgeregt die Psychologen. Jetzt ist das Fernsehen mit den Konsumenten mitgealtert und macht plötzlich weniger dumm als das Internet, weil die 50plus-Generation es halt schon so gewöhnt ist. Bücher machen klug, keine Frage – zumindest manche. Das Ausmaß an strunzdummen Machwerken, die dennoch gelesen werden, ist genauso unermesslich. Zeitungen können ein Weltbild ausdifferenzieren und für Frischluft im Kopf sorgen. Die meisten wählen aber jene, die das nicht tun.

Was eigentlich gefragt sein sollte: Wie wird man mündiger Medienkonsument? Der wichtigste Ansatz: Nicht immer nur Bestätigung der eigenen Vorurteile suchen. Das Wertvolle ist die andere Meinung. Solange die nicht strunzdumm ist.

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Das wird nichts mehr: Zu spät, zu spät für hochkarätige Computerspielkritik

Es wird sich nicht mehr ausgehen: Der derzeitige Um- und Einbruch in der Medienbranche wird dafür sorgen, dass sich niemals eine hochkarätige Computerspielkritik herauskristallisieren wird. Damit meine ich eine wohlformulierte Auseinandersetzung mit Games, die wie jedes andere Kulturprodukt (Musik, Literatur, Theater, Film…) auch mit Ästhetik-Geschichte im Hinterkopf, fundiertem Urteil und geschliffener Sprache zu messen sind an den herausragendsten Erzeugnissen der Pop- und Hochkultur. Games sind nah dran, auf künstlerische Augenhöhe zumindest mit dem Mainstream-Film zu gelangen; einzelne haben es geschafft.

Doch während sich Heerscharen von Uni-geschulten Filmkritikern an Seichtigkeiten wie “Avatar” abarbeiten und die Popmusik-Kritik immer verschwurbelter wird, schreiben über Games hauptsächlich die Zusammenfasser internationaler Newsfeeds aus den Online-Redaktionen.

Ich bin überzeugt davon, dass die Hochkultur ohne klassische Kritiker-Persönlichkeiten nicht so rasch vorangeschritten wäre. Selbiges würde den Computerspielen gut tun: So müsste jemand mal deutlich argumentieren, wo ästhetischer Wert, wo hochklassiges Design, wo sprachliche Kraft Games bestimmt, und wo andererseits Schrott und Plattheit herrscht.

Dazu bräuchte es: Profi-Journalisten, die

  • an der Hochkultur-Kritik geschult sind uns die Games als vollwertiges Kulturerzeugnis ansehen
  • wissen, was zeitgenössische Literatur und/oder gutes Drehbuchschreiben ausmacht und die daher platte Storys von differenzierter Erzählung, Schlagsatz-Dialog von sprachlichem Feingefühl zu unterscheiden wissen
  • schauspielerische Leistungen bewerten können
  • musikalische Alltagsware von hörenswerten Kompositionen und originellem Soundscaping differenzieren können
  • wissen, was gelungene Regie bedeutet
  • und die derartige Urteile lesenswert transportieren können.

Doch weit gefehlt: In den Mainstream-Medien wandert die Auseinandersetzung mit Computerspielen zwischen Chronik-, Medien-, Unterhaltungs- und LifeStyle-Seiten, anstatt dass die Kulturkritik sich zu ihrem neuesten Zweig bekennt. Wo arbeiten junge Musiker, Drehbuchautoren, Texter, Designer der Zukunft? Bei Computergames.

Auffallend und schade ist, dass ausgerechnet das Geek-goes-Lifestyle-Magazin Wired keine Games rezensiert. Die hätten zumindest den Sprachwitz und das kulturelle Referenzsystem.

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Hohe Dosis IT und Kultur

Ab Donnerstag bei der Linzer Ars Electronica, heuer zum Thema “Human Nature”. Das wird das nebenstehende Arbeitsprotokoll tüchtig füllen.

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Ergebnis der Gedankensammlung: PR und die Social Networks

Die Diskussion bei OTSconnect gibt es hier nachzuhören.

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Gedankensammlung: PR und die Social Networks

Okay, morgen also diskutiere ich mit vielen jungen PR-Leuten im Radiokulturhaus zum Thema Social Networks – Fluch oder Segen für die PR?. Höchste Zeit, für eine Gedankensammlung mit Nine Inch Nails als Soundtrack (wer nicht weiß, warum: bitte hier gucken).

  • Das Wichtigste zuerst: Ja kein “Fashion Victim” von Online-Trends werden. Vor zwei Jahren hätten wir wohl diskutiert, ob Second Life Fluch oder Segen für PR ist, und das Resultat aus heutiger Sicht: Second Life ist irrelevant für PR. Genauso kann es mit Facebook, Twitter,Youtube und Co bald sein. Man sollte jedenfalls Trends rechtzeitig als tot erkennen. Aber nun zum Inhaltlichen:
  • Social Networks sind ein Fluch für langweilige PR und ein Segen für innovative PR. Wer glaubt, mit ungelenken und kaum verhohlenen Werbebotschaften und “Informationen” eine Marke propagieren zu können, hat schon verloren – da gehen die Filter beim Rezipienten sofort zu. Schöne Beispiele neben Trent Reznors Online-Puzzlespiel: Die Sommerkampagne der NBA auf Facebook. Während der basketballlosen Monate gab es einen ständigen Strom an Videos aus den Archiven im Facebook-Newsfeed, an die man sonst kaum herankommt – ein gefundenes Fressen für die Fans, und ein perfektes Mittel, Interesse aufrecht zu erhalten. Daraus lässt sich lernen:
  • Man muss den Rezipienten in einer Kampagne auf diesen Plattformen etwas geben, das sie wollen, und nicht krampfhaft versuchen, aktuelle Messages zu deponieren. Wer 95 Prozent der Zeit freihändig etwas hergibt, bringt dann 5 Prozent Botschaft viel leichter unter. Am Geschicktesten finde ich jene offiziellen Facebook-Feeds, die Links (ja, auch zur Konkurrenz), Infos zum Produktumfeld, Goodies – sprich: jene Sachen bieten, an denen der mögliche Rezipient wirklich interessiert ist. Ich als Kulturredakteur und als Privatperson friende ganz sicher kein Plattenlabel per se auf Facebook – aber wenn eine meiner Kontaktpersonen (=Pressebetreuer) aus den Labels sich dort mit der Situation des Tonträgerverkaufes, unbekannten Acts oder sonstigen Umgebungs-Informationen auseinandersetzt, dann les ich das gerne. Direkten Nutzen hat der Labelmensch von mir dann keinen, aber eine Aufmerksamkeit, die nicht entstehen würde, wenn ich den Eindruck habe, dass man mir was reinwürgen will.
  • PR-People haben mit gelungener Arbeit die Chance, uns Journalisten am falschen Fuß zu erwischen – im positiven Sinn. Facebook strebt nicht umsonst an, ein zum offenen Internet paralleles, semigeschlossenes Netz aufzubauen: Auf Facebook kommuniziere ich vorwiegend mit Leuten, die ich kenne und denen ich vertraue. Wenn die mir innerhalb dieses Trust Networks eine Info weiterschicken, dann gehe ich an die mit einer ungleich höheren Aufmerksamkeit heran als an die x-te Presseaussendungs-Email des Tages.
  • Wer es nicht schafft, sich online glaubwürdig zu bewegen, verliert mehr als er gewinnt. Pressetexte unverändert in Facebook “reinstellen” ist peinlich, genauso wie offensichtlich “dienstliche” Profile, die nur dazu dienen, immer wieder Marketing-Speak zu verbreiten. In den Social Networks muss PR vom Verbreiter persönlich gemeint sein. Die meisten Social Network-Benutzer bemerken die feinen Unterschiede zwischen einer Person und Kunstfiguren (Kampfposts bzw. Status-Änderungen nur zwischen 9.00 und 17.00 Uhr, und dann nach dem Motto: “Heute habe ich meinen Softdrink wieder wirklich genossen”) sofort.
  • Viel Unsicherheit begleitet den Kontrollverlust – Vorsicht, die Konsumenten können jetzt Kritik üben! Meine Meinung: Unternehmen machen sich endlos glaubwürdiger, wenn sie nicht Orwell imitieren. Propaganda-Blogs zu eigenen Produkten machen sich lächerlich und rufen scharfe Reaktionen von Auskennern hervor. Viel interessanter ist ein selbstkritischer und menschlicher Zugang – offensiv auf diverse Lapsi eingehen, die Diskussion suchen, versteckte Features/Aspekte/Ideen ans Licht holen, Kommunikation in beide Richtungen zulassen, auch schon in der Produktentwicklung. Niemand glaubt ernsthaft, das Produkt X die beste Erfindung seit geschnittenem Brot ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, auch in der PR aufzuhören so zu tun, als ob es das wäre. Das ist die große Chance für soziale PR, und sollte nicht die große Angst sein.
  • PR-Leute sollten sich eigentlich freuen: Wenn sie eine gelungene virale Kampagne starten, machen die Rezipienten für die PR-Leute die ganze Arbeit. Ist doch super! Dass auf einen gezündeten PR-Virus wohl 1.000 kommen, die in den Weiten von Facebook und YouTube versickern, ist halt die andere Seite. Herkömmliche PR hat viel mit der Macht der Kanäle zu tun, über die sie verbreitet wird. Bei viraler PR dagegen müssen die Zuständigen lernen, diese Macht aus den Händen zu geben und sich dann am meisten zu freuen, wenn sich eine Kampagne so entwickelt, dass ihre Erschaffer keinen Einfluss mehr auf sie haben.
  • Und, leider: Online-PR funktioniert am besten, wenn sie nicht von PR-Leuten gemacht wird. Wer wirkliche Info will, ist etwa mit dem Blog des Chefentwicklers oder dem Twitter-Feed eines Bandmusikers besser bedient als mit den Marketingphrasen, die vom PR-Department abgesegnet und dann publiziert wurden.
  • In Österreich herrscht eine verheerende Ignoranz darüber, wie tiefgreifend das Online-Leben in den menschlichen Alltag eingegriffen hat. Die Ars Electronica will heuer sogar zeigen, dass die Vernetzung eine von mehreren grundlegenden Veränderungen der menschlichen Natur ist. Ob das stimmt oder nicht – jedenfalls: Es erstaunt mich zutiefst, wie wenig und wie ungeschickt diese neuen Orte von österreichischen Unternehmen genützt werden.
  • Natürlich sind Social Networks eine Infoquelle, weil dort, simpel, ein großer Aspekt des Lebens abgeht. Gute Journalisten entdecken überall dort die besten Geschichten, wo Menschen interagieren.
  • Wäre ich PR-Mensch, würde ich in den Social Networks vor allem eine Chance sehen: Spaß zu haben und innovativ zu sein. PR muss sich in diesem Umfeld neu erfinden. Meine persönliche Meinung: Vieles von dem vergessen, was man gelehrt bekommt. Selber überlegen, was wirklich die Rezipienten interessieren könnte – und was glaubwürdig ist. Alles andere weglassen.
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