Journalismus

Fremdschämen gibt’s gratis: Online-Content darf etwas kosten

Okay, okay, “fremdschämen” zu sagen ist auch schon lange wieder Grund für selbiges. Dennoch: Ein besseres Wort gibt es nicht für jenes Gefühl, das mich im immer skurriler werdenden Online-Diskurs um Gratisinhalte im Netz beschleicht.

Denn wenn man die beiderseitige Propaganda beiseite räumt, die in der Diskussion freihändig und mit peinlicher Selbstgerechtigkeit versprüht wird, bleibt eine Frage für mich völlig ungeklärt (und auch eigentlich auffällig unbeachtet): Was denn eigentlich so schlimm daran ist, für Information zu zahlen?

5 Dollar im Monat – das ist jener Betrag, den die New York Times laut Bloomberg offenbar als Gebühr für ihren Online-Auftritt einführen will. Und schon geht das Geheule wieder los, das sich um freien Informationsfluss, Zensur und ähnliche Schlagworte wickelt, die durch die unreflektierte Anwendung nicht eben an Gewicht gewinnen.

Doch halt, Überraschung: Wenn man genau hinsieht, gibt es auch eine Staunen machend große Anzahl an Blogs, die der Idee der New York Times zustimmen. Auch von mir gibt es völlige Zustimmung zu den Plänen der Zeitung – und darüber hinaus auch zum NiemanJournalismLab, das (mit vielen anderen Webites, die einen wortidenten Text veröffentlichen) die richtige Forderung aufwirft: Der Zugang sollte nicht gratis und nicht billiger, sondern teurer sein als 5 Dollar. Denn das ist absurd wenig.

5 Dollar gibt man für einen Kaffee bei einer US-Kette aus, für ein Zehntel eines Autotanks, ein Burger-Menü oder auch ein Packerl Tschick (glaub ich zumindest, bin rauchfrei). Aber wenige sind bereit, das im Monat (!) in die eigene Sicht der Welt zu investieren – immerhin das, was einen als Mensch, Weltbürger, Nicht-Vollidiot auszeichnet.

Und nein, wenn Information kostenpflichtig ist, hat das nichts mit Zensur zu tun. Zensur macht es unmöglich, an gewisse Informationen heranzukommen, Informationsfreiheit ist im Gegenteil dazu das Recht, sich jede Information zu holen. Aber mit Kosten hat das nichts zu tun, ganz im Gegenteil: Zensur hat geschichtlich immer mehr jene Informationsquellen (Zeitungen, Verlage) getroffen, die ihre Produkte gegen Geld weitergegeben haben. It goes to show: Dort kommt auch die wirklich wertvolle Info her, und nicht aus der Gerüchteküche.

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Vielfalt statt Einfalt: Differenzierte Mediensicht auf die EU

Für alle die, die trotz EU-Wahlkampf nicht glauben, dass die EU an allem schuld ist, die keine Sündenböcke in Brüssel brauchen, um lokale Probleme ignorieren zu können, die kein einfältiger Hass auf den Rest von Europa treibt, die keine Minderwertigkeits-Komplexe haben, weil nicht die ganze Welt nach Österreichs Pfeife tanzt, und die mit der Komplexität eines vielfältigen Europas umgehen können: “Presseurop” versammelt Artikel von Zeitungen aus fast der ganzen EU, übersetzt diese und zeichnet so ein differenziertes Bild Europas.

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Mitten im Gelsenschwarm: Der Geldwert von Journalismus

Meine Güte, wiedereinmal daneben gegriffen. Ich habe mich anstecken lassen vom Glauben an die Informationsgesellschaft, davon, dass aktuelles Wissen das ist, was künftig zählen wird, dass es unerlässlich ist, Information zu haben und vielleicht auch noch damit umgehen zu können. Dass es einen Wert hat, genau jene Information öffentlich zu machen, die sonst vielleicht verborgen bliebe. Kurz: Ich bin Journalist geworden, was offenbar eine blöde Idee war. Denn eigentlich verdiene ich es offenbar, wenig Geld zu verdienen.

Journalismus kreiere so gut wie keinen Geldwert, schreibt ein Medien-Uniprofessor (was ja an und für sich schon eine gewisse Ironie birgt) im renommierten “Christian Science Monitor”. Jeder hat heute selbst Zugriff auf Quellen, kann die darin gefundene Information bewerten und auch weiterverbreiten. Und entwertet damit meine Arbeit so sehr, dass jedes Gehalt zum Gnadenakt wird.

Fundamentaler können Irrtümer nicht sein.

5 Milliarden Dollar hat Google 2008 über sein Ad-Sense-Programm an die Medien weitergegeben. Und das Suchmaschinenunternehmen tut gerade so, als müssten sich die Medien dafür bedanken. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Google schneidet an der Arbeit anderer mit und nimmt damit eigentlich die klassische Verlegerrolle ein – nur ohne jene inhaltliche Auseinandersetzung, jene Liebe zum Gedanken, die die besten Verleger ausgezeichnet hat. Und oft auch ohne Einverständnis derjeniger, die den Content erstellen. Der pikierte Hinweis, dass man doch eh den Zeitungen Werbung bringe, während man selbst Geld verdient, mutet an wie ein Trafikant, der glaubt, dass die Zeitungen ohne ihn kein Geschäft machen würden – das Gegenteil ist der Fall.

Ohne den professionellen Content, den Journalisten erstellen und in der Vergangenheit erstellt haben, wäre das WWW eine viel weniger allwissende Müllhalde, hätten die Blogger nichts, worüber sie x-mal das selbe schreiben könnten, hätten Suchmaschinen weit weniger hochwertige Daten zum Durchsuchen.

Das Problem ist eher: Den Geldwert, den Journalisten erstellen, streifen zunehmend andere ein. Neben Google sind das auch die Blogger, die Old Media als “Inspiration” für die Posts verwenden und dann über Google-Ads mit den Zugriffen Geld verdienen. Ebenso unzählige Portale, die Nachrichten aus aller Welt zusammenstehlenstellen, um Clicks anzulocken. Jeder Text, der von Journalisten erstellt und in einem Medium publiziert wird, ist wie ein unbedarfter Ausflügler im Gelsenschwarm: Eine warme Instant-Mahlzeit für Nutznießer, die nichts zurücklassen außer vielleicht ein unangenehmes Jucken.

Wer glaubt, dass Content nur dann Wert hat, wenn er direkt Geld bringt, hat übrigens auch das Prinzip hinter User Generated Content nicht verstanden. Nur weil jeder einzelne fleißig – manchmal auch: dumm – genug ist, gratis Content zu erstellen, heißt das ja noch lange nicht, dass niemand was daran verdient. Siehe Myspace, Facebook, Last.fm, YouTube etc. – nein, die speichern nicht aus Gutmütigkeit oder sozialem Gewissen eure Fotos, Beziehungsstatus-Meldungen, Videos, Shopping-Vorlieben, Geburtsdaten, Musikempfehlungen… Dass die Business-Modelle oft noch nicht ausgereift sind, ist ein anderes Problem.

Ich bin sicher, dass so mancher Uni-Professor vielleicht genug Zeit hat, sich täglich seine Nachrichten zu erstellen, in dem er Originalquallen durchschmökert, sie gegen andere abwägt, vielleicht auch noch deren Inhalt überprüft, ein, zwei Recherche-Telefonate macht, das Ergebnis von einem Experten im jeweiligen Gebiet einschätzen lässt, daraus einen Text mit Video macht und das dann online stellt. Hurra!

Aber auch in der schönen neuen Online-Welt kann und will nicht jeder diesen Aufwand investieren. So, wie nicht jeder Musik machen oder Videos drehen will, wollen nicht alle Nachrichten generieren. Sondern konsumieren. Die Gesellschaft hat diese Funktion nicht zu Unrecht schon einem Outsourcing unterzogen, als dieser Begriff noch ein Jahrhundert lang nicht die Globalisierungsdebatte geprägt hat. Ich bin überzeugt: Nach dem Ende der RSS-Goldgräberstimmung werden viele aus den endlosen Weiten der Überinformation zurückkehren und den Wert von Gatekeepern erst so richtig schätzen.

Journalismus kostet Zeit, Geld, Penetranz, Durchhaltevermögen. Es ist ein verfassungsmäßiges Recht damit verbunden. Und wirkliche journalistische Arbeit braucht das Renomee einer Institution: Niemand, der nicht ein wichtiges Medium im Rücken hat, kann Politiker, Firmenchefs, Wissenschafter, Sportstars sprechen. Diese Exklusivität des Zugangs zu den Entscheidungsträgern haben nur Old Media.

Es ist ein bisschen lächerlich, wenn auch oft wiederholt (u.a. auch im oben verlinkten Artikel), den Journalisten abzusprechen, dass sie einzigartige Fähigkeiten haben – oder auch nur was gescheites gelernt. Journalisten sind ja keine Elektriker oder Professoren, ätzt der Medienprofessor (und reitet sich damit selber wieder einen Schritt in die Selbst-Satire hinein), haben also keine abgestempelte Ausbildung zum Journalisten. Das ist nur eine Facette im derzeitigen Bashing der Journaille, die oft mit dem Verve des Beleidigtseins geführt wird, insbesondere von jenen, die selber gerne Journalist geworden wären, und jenen, die offenbar postödipale Probleme mit eingebildeten Autoritäten haben. Nein, es gibt keine Ausbildung, die jemandem zu einem guten Journalisten macht. Für die meisten wirklich spannenden Berufe gibt es das nicht. Gebraucht wird eigentlich das Gegenteil einer Fachidioten-Ausbildung: Ein Mix an Talenten, die Fähigkeit, über jeden Tellerrand hinauszusehen. Mal abgesehen von Belastbarkeit und Schnelligkeit.

Dass aber immer weniger Menschen dazu bereit sind, für Qualitätsjournalismus zu zahlen, ist Zeichen der Digitalisierung, sagt sehr wenig über die Qualität eines Produktes aus (liebe Grüße an die Musik- und Filmschaffenden) und hat Vor- und Nachteile. Von einem bin ich überzeugt: Je mehr Information es gibt und desto zeitaufwendiger es wird, sich ein umfassendes Bild zu machen, desto wertvoller werden Anlaufstellen, werden Angebote statt Nachfrage. Nicht zuletzt, weil man hin und wieder auch mal gerne etwas findet, das man nicht gesucht hat.

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Selbstgewählte Mündigkeit – Jeder Leser hat das Medium, das er verdient

Die Süddeutsche Zeitung bietet online einen Vortrag an, in dem sich über die alarmistische Katastrophensensationsgier in den Medien echauffiert wird, die sich mal wieder bei der Schweinegrippe gezeigt hat: Lustvoll wird da jede Chance auf eine weltweite Pandemie ausgeweidet, werden maskierte Mexikaner gezeigt, Pandemie-Vorstufen minutengenau mitgefiebert, Grippemittelerfinder (die ja wahrlich nicht ganz interessenlos an der Sorge vor dieser Krankheit sind) interviewt. Und das für eine Krankheit, die offenbar weniger gefährlich ist als eine stinknormale Grippe.

Dass sich mit Hysterie Medienumsätze generieren lassen, ist wahrlich keine Neuigkeit – wer erinnert sich noch an BSE, Y2K, Vogelgrippe, SARS? Die Frage ist nur: Warum? Warum werden Ängste bedient, Nichtigkeiten zu Sensationen aufgeblasen, Unwichtigkeiten in den Vordergrund gestoßen? Die Süddeutsche knüpft daran Medien-, insbesondere Zeitungskritik: Redakteure wollen Nachrichtenwert suggerieren, und Zeitungen kämpfen gegen die fehlende Aktualität an.

Was fehlt, ist wieder einmal die Leser-Kritik. Medienhysterien werden ja nicht deshalb angezündet, weil den Journalisten fad ist. Sondern weil die Stimme der Vernunft bei den Lesern keine Chance hat gegen Boulevard-Hetze. Wer wollte, konnte auch bei der Schweinegrippe nach kurzer Zeit schon lesen, was Sache ist (durchaus auch mal mit satirischem Unterton). Nur: Die meisten wollen das nicht. “We love to be scared”, heißt es im Buch “Panicology“, und diese Lust an der Tragik in einem ansonsten wohl zu langweiligen Alltag ist nicht weit entfernt von selbstverschuldeter Unmündigkeit. Daher hat jeder Leser das Medium, das er verdient, und wohl auch jedes Land genau die Medienlandschaft. Wer Boulevard kauft, kriegt Boulevard, wer Qualitätsmedien mit Missachtung straft, wenn sie ruhig und differenziert bleiben, wenn sie Komplexität darstellen, wird über kurz oder lang auch von diesen mit der täglichen Dosis Alarmismus bedient.

Journalisten haben eine besondere Verantwortung – aber auch den wirtschaftlichen Druck und irgendwie wohl auch die Verpflichtung, dem Leser das zu geben, was dieser will. Wenn von Medien mit Ruhe, Besonnenheit, Informationsdichte aber dem entgegengesteuert wird, was die Leser offenbar zu ihrem eigenen Schaden gerne an Verkürzungen, Sensationalismus, Vorurteilsbestätigung am Frühstückstisch liegen haben, wird den Redakteuren wieder Arroganz und Abgehobenheit vorgeworfen. Der Journalist als Erzieher ist längst verschwunden, derzeit wird der Journalist als Meinungsbildner abgewählt. Das sorgt für mehr Meinungs-Freiheit bei den Lesern, keine Frage. Aber wozu wird diese genützt? Wenige suchen online mehr Qualität, viele neue Formen des Boulevard.

Viele Medienmacher werden von Quote und Verkaufszahlen bedrängt, und beugen sich dann dem Populismus. Daher, erneut, zum Nachdenken: Qualitätsmedien sollten über Stiftungen aus der Abhängigkeit von Werbung befreit werden.

Und die Leser haben eine Verantwortung, die sowohl in der Politik als auch im Medienkonsum eine neue Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung bedeuten würde: Sensoren dafür zu entwickeln, wo ihnen nicht nach dem Mund geredet wird. Wer überall nur den Spiegel des eigenen Weltbildes sucht, wird nie über sich hinauswachsen. Wer Konfrontation, Vielfalt, Komplexität aktiv sucht, wer es als Aufgabe sieht, den Wert anderer Meinungen zu erkennen und nicht immer nur seine eigene lesen will, gibt sich selbst die Chance auf Horizonterweiterung. Die Medien-Diät ist von weit größerer Bedeutung als die Ernährung. Selbstgewählte Mündigkeit gibt sich mit Schund nicht zufrieden.

Dem Leser nach dem Mund geredet wird übrigens genau dort am hemmungslosesten, wo dieses Nach-dem-Mund-Reden als neue Form des Journalismus gepriesen wird. Online “wütete die Schweinegrippe noch stärker als in den klassischen Medien“, schrieb die Berliner Zeitung laut SZ. Old Media und herkömmlicher Journalismus werden genau dann sterben, wenn sie dieses Niveau zu unterbieten versuchen. Das einzige Alleinstellungsmerkmal der Zukunft für echten Journalismus wird die Qualität sein.

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Die Gerüchtemaschine: Spaßbremse für Web 2.0-Euphorie im Journalismus

Ha, ich erfülle zumindest eine jener Voraussetzungen, die Kollege Georg Holzer für die Journalisten der Gegenwart im Umfeld des Web 2.0 auflistet: Ich weiß, was RSS-Feeds sind, und lese sie auch! Dadurch bin ich für die großen Umwälzungen der Medienwelt offenbar zumindest teilweise gerüstet.

Meine Feed-Sammlung habe ich übrigens Gerüchtemaschine benannt, sozusagen als Spaßbremse in jener Euphorie, die technisch begabte Journalisten dadurch verspüren, dass sie sich in den Social Networks zu bewegen wissen und dies den unbedarften Kollegen unter die Nase reiben können. Denn (neben jenem Feed-Ordner, den ich “Real News” genannt habe und wo richtige Medien dahinterstecken): Echte Quelle für Nachrichten sind die meisten Sachen, die ich abonniert habe, natürlich keine.

Jüngstes Beispiel: Dank eines netten telefonischen Tipps konnte ich neben dem Warten auf die Salzburger Festspiel-Entscheidung monitoren, wie sich die falsche Nachricht vom Tod Patrick Swayzes durch Twitter etc. verbreitet. Ein US-Radiosender vergreift sich, kein nennenswertes Medium springt auf, aber die (Micro)-Blogs rennen heiß.

Man stelle sich das Gegenteil vor: Wenn ein großes Medienhaus eine Falschmeldung zum Tod des Schauspielers lanciert hätte und dann draufgekommen wäre, dass das nicht stimmt – die Online-Häme hätte keine Grenzen. Aber unter den nationalen und internationalen Medien-Websites, die ich während des kochenden Gerüchtes aufgesucht habe, ist nur eine aufgesprungen: die Bild-Zeitung. Auf dem Niveau möchte ich mich nicht einmal irrtümlich bewegen – daher nenne ich meine RSS-Feeds von Blogs weiter “Gerüchtemaschine”. Um mich permanent an die Vorbehalte zu erinnern, die man den selbst erstellten Info-Häppchen entgegenbringen muss.

Und ohne Vorbehalte konsumiere ich nur Medien, wo ich weiß, dass sie wie etwa die Deutsche Presseagentur agieren: Die hat in einer Nachricht an die Redaktionen geschrieben, dass sie das Gerücht vom Tod Swayzes erst überprüft, bevor es dazu möglicherweise Berichterstattung gibt. Und nicht umgekehrt.

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Bashing Back: Bessere Medienkonsumenten braucht das Land

Jetzt haben wir’s wieder abgekriegt, wir Journalisten. Mit fast unheimlicher Freude hauen die Poster drauf, wenn es darum geht, die Journaille als unfähig hinzustellen, und ebensolcher unheimlicher Kitzel begleitet die Prognose, dass Journalisten sich als Online-Marke etablieren müssen, denn künftig wird deren Arbeit “höchstens die Lebenskosten zahlen”. Journalisten-Bashing produziert offenbar Glücksgefühle. Daher bin ich jetzt mal tapfer, und bashe zurück.

Ja, das österreichische Medienwesen hat viele Probleme, die jeder kennt, politischen Einfluss etwa, verkrustete Netzwerke, Geldgeber mit gesellschaftspolitischen Missionierungstendenzen. Was niemand gerne sagt: Eines der Probleme ist sicher auch der Leser. Man macht es sich viel zu leicht, sich auf das schlechte Angebot an Zeitungen und Fernsehen auszureden – denn es gibt, zum Geier nochmal, auch eine Bringschuld des Sich-Bildens, die staatsbürgerliche Pflicht, sich nicht mit voller Wucht in den Dreck einzugraben, den es in Österreich, wie in jeder Medienlandschaft weltweit, gibt. Sondern Qualität zu suchen, zu verlangen, zu fordern.

Aber die Österreicher schimpfen lieber auf TV-Gebühren und schlingen allmorgendlich Gratiszeitungen herunter, denn sie sind kaum bereit, ein paar Euro in ein differenziertes Bild der Welt zu investieren. Aus Gründen der Ausgewogenheit vielleicht zwei, drei Zeitungen zu lesen? Eine internationale gar? Eine, die mehr Zeichen pro Seite hat als das durchschnittliche Comic-Heft? Oder vielleicht ohne politische Linie auskommt? Fehlanzeige. Lieber die tägliche Dosis Vorurteilsbestätigung. Anstatt eine bessere Medienlandschaft zu verlangen, fallen immer mehr auf die dümmsten Wahlplakate der Welt herein, und auf Medien, die die selben Inhalte transportieren, wann immer es ihnen in den Kram passt. Und an diesem Problem ändert sich auch nichts, wenn die Zeitungen eingehen. Wer Medienkonsum nur betreibt, um vorgefasste Meinungen bestätigt zu sehen und sich durch geschürten Hass stärker zu fühlen, wird nicht plötzlich im WWW zum hochintelligenten Medienkritiker.

Aber dann, kaum wittert man Probleme in der Journaille, wird kräftig draufgehaut. Und da, leider, gibt es einen – hoffentlich unwillentlichen – Schulterschluss zwischen denen, die es besser wissen sollten, und jenen, die es nicht besser wissen wollen. Zwischen jenen erzreaktionären, von Angst und Neid getriebenen Geistesverschließern, die am liebsten überhaupt keine Bemühungen in den Medien hätten, unabhängig, ausgewogen, desinteressiert an den österreichichen Klientelgruppen zu berichten. Und jenen eigentlich weltoffenen, zumindest im Umgang mit dem WWW geschulten und daher Zugang zu aller Information der Welt habenden jungen Männern, die glauben, dass Old-School-Journalisten von jedem Blogger mit einer Meinung und einem zu großen Ego ersetzt werden können.

Beide rufen das Ende des Journalismus in seiner bisherigen Form aus, beide freuen sich ganz unheimlich darüber, und beide haben keine Ahnung davon, was das eigentlich ist. Wer an den völlig außerhalb aller Zwänge agierenden, heldenhaften Reporter glaubt, der bei einer Pressekonferenz nur die richtige Frage stellen muss, und schon stürzen Politiker oder fiese Unternehmen in sich zusammen, kann genausogut an den Weihnachtsmann das Christkind glauben. Ebenso weltfremd sind die, die überzeugt sind: Wenn wir alle online unseren Senf abgeben, dann kommt im Endeffekt Journalismus heraus. Journalismus ist kein George Clooney-Streifen und auch kein endloses Ranten in meinungsdurchtränkten Miniansichten der Welt, sondern, in einem Karl Popper’schen Sinne, kleinteilige Arbeit: Ein tägliches Drücken, Schieben, Zerren in Richtung einer offenen Gesellschaft, mit herben Rückschlägen, viel Routine und seltenen Glücksmomenten. Journalismus ist ein ganz realer Job, für den man ganz bestimmte Talente braucht, die – wie beim Nationalmannschaftstrainerposten – jeder Österreicher für sich in vermehrten Ausmaß in Anspruch nimmt. Nein, nicht jeder kann das. Journalismus ist nicht an Print gebunden, aber an Professionalität, an die Chance, Tag für Tag nichts anderes zu machen, es ist keine Nebenbeschäftigung und keine Plattform für Eitelkeiten. Journalismus ist eine Notwendigkeit, und hat eines notwendig: Einen Leser, der unterscheiden kann zwischen Information und Verkürzung, zwischen Berichterstattung und Vorurteilsbestätigung, zwischen Medien, die es wert sind gelesen zu werden, und solchen, die es nicht sind.

Eins noch: Nun, da es unheimlich leicht ist, die qualitätsvollsten Medien der Welt online gratis zu konsumieren, was tun die Österreicher? Man braucht sich nur die Webseiten-Nutzungsstatistiken anschauen.

“Traurige Tropen”, titelt der Online-Standard im oben verlinkten Artikel. Wenn schon Claude Lévi-Strauss, dann fällt mir eigentlich ein anderer Titel ein: Es wird Zeit, dass auch hierzuland “Das Wilde Denken” ersetzt wird. Vielleicht sogar durch verantwortungsbewussten Medienkonsum.

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Zeitungen europäischen Maßstabs als einziger Hoffnungsschimmer im Zeitungssterben

Es gibt vieles, das ich – persönlich und beruflich – beunruhigend (einiges auch schlicht erschreckend) finde an der derzeitigen Krise, die die Digitalisierung und die Werbungseinbrüche in den Old Media ausgelöst haben. In einer speziellen Frage fehlt mir auch jene Hoffnung, die viele Analysten und Zeitungsmacher haben: Lokalisierung ist das Zauberwort, auf das vermehrt gesetzt wird – stark lokalisierte Nachrichten, bis in jeden Kuhstall hinein, sollen die Leser an die Zeitungen binde.

Es liegt sicher an mir, aber das ist genau das, was ich von einer Zeitung nicht will. Mit allen Vorbehalten (ich halte jede Zeitung, die aus Wirtschaftskrisengründen eingestellt wird, für einen schweren Verlust mit fatalen Folgewirkungen): Vielleicht ist das der einzige blasse Lichtblick im Zeitungssterben – dass es irgendwann weniger lokalen Schmus (und damit meine ich insbesondere auch politische Kasperliaden in unserem lieben Heimatland) in der Berichterstattung gibt, und vielleicht irgendwann einmal ein, zwei echte europäische Zeitungen. Die eine viel höhere Schwelle dafür haben, was berichterstattenswert ist. Und damit lokalpolitischen Hickhack in all seiner Lächerlichkeit einfach ignorieren. Damit meine ich nicht irgendwelche Bezirkskaiser, die über Hundstrümmerln streiten. Sondern jene unprofessionelle Kaste an Dauerstreitern, die das wenige Wichtige, das in Österreich noch entschieden wird, durch Verbohrtheit, Trägheit und Rücksichtnahme auf Parteibefindlichkeiten nicht auf die Reihe kriegen.

Vielleicht müsste die Taktik so sein wie bei einem pubertierenden Kind: Wenn gewisse ewig pubertäre österreichische Verhaltensmuster weniger mediale Aufmerksamkeit bekommen, vielleicht wird es dann auch den Ausübenden zu blöd. Und vielleicht wird dann Politik gemacht, wo es nicht um Befindlichkeiten von Ewiggestrigen, von veralteten Stände-Vertretern, der Modernisierungsverlierer, von Ausgrenzern, Raunzern, Giftversprühern geht, sondern um jene Angelegenheiten, um die sich die Bevölkerung in einem Staat des 21. Jahrhunderts wirklich kümmern sollte. In Kooperation mit den Nachbarländern, ohne Rücksicht auf nationale Mythen und Feindseligkeiten, ohne internationalem DSW.

So eine europäische Zeitung, die ohne Verortung in einem bestimmten Land soetwas wie eine überregionale Zeitung der EU ist, würde ich sofort abonnieren. Von Österreich will ich nur wissen, was sein muss. Aber ich will auch keine französische, deutsche, britische Perspektive. Ich will eine europäische Perspektive. Oder, im Idealfall, mehrere Perspektiven. Mehrere Zeitungen, die in der ganzen EU gleichberechtigt erscheinen. Wo internationale Politik jene Aufmerksamkeit findet, die ihr gebührt, und nationale jene Ignorierung, die ihr zusteht. Wo EU-Angelegenheiten nicht als Außenpolitik gelten.

Und es ist eine Schande, das jenes Blatt, das dieser Hoffnung am nächsten kommt, ein US-amerikanisches ist.

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Welt ohne Presse – Auf die Online-Community wartet ein Monty-Python-Moment

“Was haben uns die Römer gebracht?” An diese Monty Python-Szene aus “Das Leben des Brian” erinnert mich die so selbstgerechte wie kurzsichtige Kritik von Bloggern und Twitterern an den den alten Medienkolossen. Natürlich geht manchmal manches schief in den Agenturmeldungen, natürlich entwickeln sich große TV-Stationen zuweilen zu unbeweglichen Medien-Tankern, natürlich gibt es mittlerweile schnellere und bürgernähere Dienste.

Aber jetzt, wo die textbasierten Medien in Existenz bedrohende Situationen kommen und “Eine Welt ohne Presse” durchaus in den Bereich des möglichen rückt, sollte man sich diese Frage neu stellen: Was haben die Zeitungen (egal ob gedruckt oder online) uns gebracht? Die Antwort: Einen unverzichtbaren und nicht ersetzbaren gesellschaftlichen Kontrollmechanismus. Den Stoff, über den andere bloggen und twittern. Und vor allem: Die Macht und die finanzielle und ressourcenmäßige Ausstattung, mit denen man langwierige, heikle Recherchen bestreiten kann.

Es ist höchste Zeit dafür, dass die Onlinecommunity sich nicht mehr wie der Retter der Welt vor den Old Media aufspielt. Besserwissen ist leicht, zu leicht. Aber geprügelt wird das Falsche: Medien und die neuen Formen des sozialen Journalismus ziehen am gleichen Strang, und beide haben eigene Stärken. Das zu sehen benötigt gar nicht so viel Verständnis für das Mediensystem.

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Medien als unabhängige Stiftungen – Denkanstoß zur Werbungskrise

Warum eigentlich sollte eine so wichtige wie notwendige Säule der Gesellschaft von Werbung abhängig sein? Nein, damit ist nicht die Polizei gemeint (die ja auch keine Werbung an der Uniform tragen muss), und auch keine Verpflichtung für Abgeordnete, wie die heimischen Sportler Firmenlogos auf dem Anzugrevers zu tragen.

Sondern die Medien, (zumindest in vielen Ländern) Kontrollinstanz der Mächtigen und mit verfassungsmäßigen Rechten ausgestattet. Die New York Times veröffentlichte jüngst einen Denkansatz, der sowohl das Zeitungssterben aufhalten als auch die Medien vom Gängelband der Politik (Medienförderung als Gnade) und der Wirtschafts-Versager (die jetzt draufkommen, dass sie sich Werbung nicht mehr leisten können) unabhängig machen könnte:

Demnach sollen Medien in unabhängige Stiftungen umgewandelt werden. Diese Stiftungen sollen einmal mit genügend Geld ausgestattet werden, dass der Betrieb (plus Zinsen zum Inflationsausgleich und für finanziellen Spielraum) gesichert ist und dann völlig unabhängig agieren. Ein faszinierender Ansatz, mit ein paar Problemen.

Das Geld sollte in Zeiten des milliardenschweren Bailouts von unfähigen Bankmanagern ja aufzutreiben sein, bedenkt man, dass für die riesige New York Times-Redaktion laut Berechnung 5 Mrd. Dollar Stiftungsbudget ausreichen. Problematischer wird es dann bei der Kontrollinstanz (wer überprüft, ob die Medien ihre Aufgabe erfüllen) und bei der Auswahl jener Medien, die es “verdienen”, durch die Überführung in einer Stiftung in die finanzielle Unabhängigkeit entlassen zu werden.

Doch lässt sich das wohl lösen. Ich bin dafür – Medien müssen die Mächtigen überwachen. Aber Geld verdienen müssen sie eigentlich ebensowenig wie Exekutive und Legislative.

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Es gibt keine Zeitungskrise

Bei aller Betroffenheit von den Schwierigkeiten, in denen sich auch hochwertige internationale Zeitungen im Umfeld der Wirtschaftskrise und der zunehmenden Online-Konsumation von Nachrichten befinden – eines darf nicht vergessen werden: Es gibt keine Zeitungskrise, sondern eine Werbungskrise.

Die lieben Werbemenschen haben lange Jahrzehnte Anzeigen in Printmedien geschalten, ohne zu wissen, wer diese wie lange anschaut. “In the absence of hard data on how many people actually saw an ad in predigital times, advertisers were willing to give print media the benefit of the doubt. That’s no longer the case”, schreibt die International Herald Tribune.

Aber eigentlich heißt das: Das Werbesystem an und für sich hat jahrzehntelang nicht funktioniert. Dass derzeit die Gelder aus den Printmedien abgezogen werden, heißt nicht, dass diese schlechtere Werbeträger sind als früher. Und auch nicht, dass TV und Webseiten bessere Werbeträger sind. Sondern einzig, dass online und im TV die Konsumenten viel besser überwacht werden können.

Ein Grund mehr, Zeitungen auf Papier zu lesen.

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