Kunst hat Recht

In Österreich ist Fortschritt immer ein Problem

Jö, der Herbst ist da, und nein, ich freue mich nicht auf die kommende Kunstentlohnungsdebatte. Der Auftakt wird wohl am 17. Oktober sein: Künstler wollen für die Festplattenabgabe demonstrieren.

Das ist ungefähr so sexy wie Journalisten, die für das Leistungsschutzrecht auf die Straße gehen. Auch wenn ich prinzipiell für die Festplattenabgabe – überhaupt für gescheite Pauschalmodelle – bin: das kann doch nicht die Art sein, wie die Kunstentlohnungsdebatte geführt wird. Einen diffizilen, im Wesentlichen noch überhaupt nicht begonnenen, aber dringend notwendigen Dialog über Entlohnungsformen für Kunstschaffende mit einer Demo für einen emotional aufgeheizten Nebenaspekt zu konterkarieren – das betrübt mich, denn so werden die Fronten verhärtet, und das ewige Hickhack ist eh schon kaum auszuhalten.

Es passiert derzeit ein weit wesentlicherer Kulturwandel als die Frage, ob Festplatten jetzt 10 Euro mehr oder weniger Kosten. Mit Konzepten von vor 25 Jahren wird man dem nicht beikommen. Darauf das öffentliche Hauptaugenmerk zu richten wird die von beiden Seiten auf erbärmlichem Niveau geführte Diskussion keinen Schritt weiter bringen.

Fortschritt dürfte aber eh nicht das äußerste Ziel aller Beteiligten sein: Die IG Autorinnen Autoren fordert den Rücktritt der Nationalbibliotheksdirektorin. Weil diese irgendwann einmal nur noch Ebooks sammeln will.

Wie unglaublich österreichisch: Die Zukunft muss genauso bleiben wie das Heute, Veränderungen sind böse und wer für noch so zarten Fortschritt steht – auch wenn es erst um 2025 geht – ist suspekt, ja muss ausgetauscht werden.

Genau darum schaut es in unserem Land so aus, wie es aussieht.

Künstler haben eigentlich – so glaube ich immer noch – die vulgärkonservative Gesellschaft vor sich herzutreiben. In der Kunstentlohnungsdebatte ist das Gegenteil der Fall.

Und nein, die Gegenseite hat auch nicht Recht. Die Kunst darf nicht dem Onlinedarwinismus ausgeliefert werden, auch wenn der noch so glänzt. Die Bringschuld von uns Onlinern: Es gilt, Chancen für das finanzielle Überleben von Künstlern in mindestens dem Ausmaß zu schaffen, dass der Ausfall der zerschlagenen Strukturen mindestens kompensiert wird, im Idealfall  aber mehr Geld in die Kultur fließt. Da gibt es noch gewaltigen Nachholbedarf. Und eine Festplattenabgabe, auch eine Internetpauschale ist eine jeweils ausreichend geeignete Übergangslösung, die niemanden umbringt.

Und dann wird das Urheberrecht halt reformiert worden sein

Jahrelang freut man sich darauf, dass die Kombination von Kunst und Internet endlich als hochpolitisches Thema erkannt wird, und dann ist es so weit – und man hält es kaum im Kopf aus, auf welchem Niveau diskutiert wird.

Künstler und Kommentatoren, die 15 Jahre Urheberrechtsrevolution verpennt haben und jetzt auf Experten tun. Ein politischer Apparat, dem als Reaktion auf eine offenbar in eine politische Lücke einfahrende Partei nur das Wort Protestwähler einfällt (warum hatten die Yogiflieger, die Autofahrerpartei, der Lugner, die Kommunisten nie diesen plötzlichen Zulauf?); ein politischer Apparat eben, der die Brisanz abtut und, selber am Boden liegend, die Chuzpe hat, auf Snob zu machen (die Piraten sind eine Chaostruppe, okay. GANZ im Gegensatz natürlich zu den anderen Parteien!). Internet-Meinungsbildner, die in der ewigpubertären Anti-Bonzen-Propaganda von vor 10 Jahren verharren. Lobbyisten, Apparatschniks, Weiterbildungsunwillige, Beleidigte, Selbstgerechte auf allen Seiten.

Und dann beißen sich auch alle gemeinsam im Urheberrecht fest. Ausgerechnet im unwichtigsten Teil der Debatte. Was da für Ressourcen verschwendet werden, für Energien gebündelt, die in einem großen Dialog über Künstlerentlohnung weit, weit, weit besser aufgehoben wären.

Na bitte, dann halt ein kurzes Fast Forward in die Zukunft, die – hurra, hurra – ein neues, reformiertes, glitzerndes Urheberrecht hat. Kunst hat (neues) Recht bekommen. Und dann?

Dann wird es, zu Recht, ein bisserl mehr pauschales Geld für Künstler geben, Festplatten werden eine Spur teurer, die Provider dürfen ein bisserl überwachen (aber! nur! die! Uploader!). Die Verwertungsgesellschaften haben ein neues Einnahmengebiet (zusätzlich zu Radio, Fernsehen,Fernsehgebühren, Tonträgerverkäufen, Konzerten, Lesungen, Friseurläden, Gasthäusern, Kopierern, Satellitenschüsseln, Faxgeräten (haha, genau die) and whatnot).

Und dann ist alles gut?

Schmecks.

Es wird im Großen und Ganzen genauso schwierig sein, als Künstler zu überleben, wie jetzt. Es wird weiter keine Vielfalt an legalen Angeboten zum Kulturkauf geben, insbesondere nicht für österreichische Musik oder Filme.Es wird immer noch pro Land unzählige Verwertungsgesellschaften geben, statt ein paar europaweit arbeitende, und damit immer noch nicht die Möglichkeit, paneuropäische innovative Kulturangebote zu errichten. Es wird weiter keine einheitliche Rechteabklärung in Europa geben und damit kein europäisches Hulu, kein europäisches Netflix, kein europäisches iTunes, nur kleinstaatliche Lösungen.

Folgerichtig werden die mit Kultur ermöglichten (Werbe-)Einnahmenanteile weiter in die Taschen von Google, Facebook und Co fließen, empörend, dass die jetzt für ihre Innovationen belohnt werden, nicht? Das neue Urheberrecht wird ermöglichen, sich gegen diese großen Player zu stellen – Alternativen (und damit Geld aus dem Internet) gibt es deshalb noch lange nicht. Künstler werden durch das neue Urheberrecht keinen Cent mehr aus dem Internet bekommen, als jetzt auch schon möglich wäre (etwa durch zielführende Verhandlungen vom GEMA/AKM mit Google (YouTube)).

Die Menschen werden  (rechtlich ein bisschen besser abgesichert) weiter kopieren, denn der einst unumstößliche Akt des Kulturkaufens ist unwiederbringlich dahin. Man wird sich trotz neuem Urheberrecht daran gewöhnen müssen, dass Kulturschaffen ab sofort, nein seit Jahren mischfinanziert werden muss, das wird sich durch ein Recht nicht ändern. Die Künstler, die jetzt schon gut mit dem Internet leben, werden dies weiter tun; jene, die sich schon derzeit ins Gesicht gepinkelt fühlen, werden auch das weiter tun.

Dass die legalen Download-Angebote wachsen, wird man als Erfolg des neuen Rechts argumentieren – und nicht mit der ohnehin längst zu spürenden Verschiebung zum Online-Kauf (wo dies halt möglich ist).

Recht rasch wird man draufkommen, dass die pösen kommerziellen Uploader gar nicht in Österreich sitzen, so hinterlistig sind die, dass denen das österreichische Urheberrecht wurscht ist. Vielleicht könnte man ja doch bei den Downloads…? Ein paar werden sich dann vom Download abschrecken lassen, werden einen Bruchteil dessen, was sie jetzt downloaden, kaufen, und insgesamt mit weniger Kultur auskommen. Ziel erreicht, liebe Künstler!

Der kreative Online-Umgang mit Kultur wird rechtlich ein bisschen besser abgesichert sein – was auch wurscht ist, denn der läuft soundso. Künstler können erwartungsgemäß ihre Werke dem neuen Urheberrechtsgesetz nach für bestimmte Formen der Nutzung im Internet freigeben oder sperren (a la creative commons), und immer mehr werden sie völlig freigeben, weil ihre Kunst sonst nur bei alten Menschen stattfindet. Stimmt aber auch nicht, denn selbst wer die Kunst für das Internet sperrt, findet trotzdem statt – denn auch diese Regelung wird ignoriert werden. Viel Spaß mit der Durchsetzung des neuen Rechts – Klagen gegen Teenager werden nicht bessere Publicity, wenn sie sich auf ein neues Recht beziehen.

Einzelne Künstler werden voller Erstaunen feststellen, dass trotz allem ihre Werke nicht (mehr) gekauft werden, und dann ganz ohne  Schuldigen dastehen – immerhin wurde ja das Urheberrecht reformiert! Die Urheberrechtsreform wird aber ohnehin bei der Festschreibung der technischen Entwicklung schon wieder hinterherhinken, der große Urheberrechtsdialog von vorne anfangen.

Und dann?

“Unwissentlich” oder nicht – das ist nicht die Frage

Jö, ist das schön – ich kann sagen “Ich hab’s gewusst”. Das mach ich doch gerne. Noch dazu zwei Monate vor Profil. Ha!

Jetzt erschien am Wochenende dieser Profil-Artikel, ein sehr schöner Text, völlig richtig, ganz viele Wörter zum selben Inhalt. Bemerkenswert der Spin, der dem Artikel gegeben wurde – in diesem OTS wurde der Hinweis ergänzt, dass die Künstler “unwissentlich” für umsonst gearbeitet hätten (was im Text, soviel ich sehe, nicht steht).

Die Online-Reaktion war erwartungsgemäß schadenfroh, nicht ganz zu unrecht.

Nur: eigentlich gehts wieder am Problem vorbei. Es ist zwar gefundenes Polemik-Fressen für die Gegenspieler von “Kunst hat Recht” – Gratiskunst online gratis posten passt ja wirklich nicht zur Initiative, harharhar.

Doch das Problem ist nicht, dass die Künstler gratis gearbeitet haben, auch nicht, dass Kunst hat Recht nichts für den Abruf der polemisch-peinlichen Videos verlangt (was zugleich ein Eigentor ist, weil es deutlich zeigt, wo die Stärken der verbissen bekämpften Gratiskultur liegen).

Das Problem ist, dass die beteiligten Künstler in den Anliegen der Initiative einen Good Cause sehen, sprich: dass sie sich am Ende einer Diskussion sehen und nicht am Anfang.

Natürlich würden Künstler nichts verlangen, wenn sie auf einer Veranstaltung gegen irgendwelche Krankheiten oder bei politischen Lichtermeeren auftreten. Das würde niemanden wundern. Auch dass eine Agentur bezahlt wird, die derartige Benefiz-Sachen verwaltet, finde ich das Gegenteil von überraschend – deswegen heißt es immer so schön “der Reingewinn fließt an..”, sprich die Einnahmen minus der Kosten für Verwaltung. Benefiz ist oft ein gutes Geschäft.

Die schiefe Optik hier liegt woanders: Durch die Gratisarbeit für Kunst hat Recht setzen Künstler das Anliegen der Lobbyinginitiative mit einem derartigen Good Cause gleich. Das hat ein bisserl was Peinliches: Benefiz im Eigeninteresse ist keine moralische Auszeichnung, schon gar nicht, wenn ein Geldgeber (=Verwertungsgesellschaften) dazu aufruft.

Doch das eigentliche Alarmsignal ist: Benefiz-Status wird gemeinhin nur jenen Good Causes verliehen, bei denen es Konsens ist, dass sie in den allerweitesten gesellschaftlichen Kreisen als “richtig” anerkannt werden. Die für Kunst hat Recht arbeitenden Künstler sehen die Sicht der Initiative auf das Internet offenbar als Konsens an. Etwas Schlechteres könnte der dringend notwendigen Debatte über die Künstlerentlohnung nicht passieren als Künstler, die sich mit einer derart problembehafteten Sicht in Diskussionsstellung verschanzen.