Reboot

Die Kulturrevolution ist gescheitert

We were promised unicorns, and all we got is Gangnam style.

Oder, in anderen Worten: Die Online-Kulturrevolution, von der wir uns alle so viel versprochen haben, ist großflächig gescheitert.

Ja, das tut mir auch weh. Es hat alles so gut geklungen. Aber nüchtern betrachtet hat sich keine der großen Versprechungen der revolutionären Kampfrhetorik (ja, ich bin an der mitschuldig) bewahrheitet. Im Gegenteil.

Was hätte nicht alles passieren sollen mit der Kultur im Internet, in den sozialen Medien. Geld kommt direkt zu den Künstlern, der direkte Draht zum Publikum macht es guten Acts leichter, Kommunikation und nicht Geld macht künftig Karriere.

Bollocks.

Die Realität ist eine ganz andere.

Was hat die Verfügbarkeit von Kulturprodukten an der Kultur besser gemacht?

Den meisten Künstlern geht es finanziell weiter dreckig. Ja, Verlage in jeder Hinsicht – CD-Labels, Film- und TV-Studios, Buchverlage – wurden durch legale und nicht so legale Onlineangebote recht großflächig entmachtet, Kündigungswellen inklusive. Zu einer kulturellen Blüte – „die bösen Konzerne nützen die Künstler aus, in direktem Kontakt zum Publikum wird die Kunst freier“ – hat dies nicht geführt. Wo sind die tollen jungen Acts, die jetzt plötzlich von uns allen entdeckt werden? Wer von uns hat schon in nennenswertem Ausmaß Indie -Musik geflattert, gekickstarted, wer hat neue Autoren entdeckt, auch nur irgendeinen Kunstschaffenden irgendwie unterstützt, wie es früher nicht möglich gewesen wäre?

Wer von uns hat die freiwerdenden Mittel aus dem nicht mehr nötigen Kulturkauf wieder in Kultur investiert? Wer von uns hat kreativen Umgang mit Kultur gepflegt, der früher nicht möglich gewesen wäre? Nein, wir sind nicht alle DJs, Videokünstler oder sonstwas geworden. Die meisten hören Musik – und aus.

Warum, weiters, sind in der offenen neuen Internetkulturwelt „Gangnam Style“ und Justin Bieber-Irgendwas die meistgesehenen Videos?

Wenn überhaupt irgendwas, ist Pop noch feiger geworden. Investitionen müssen sich in der Krise noch sicherer auszahlen, und das heißt: Anbiederung an die Hörer, die noch Musik kaufen, und Anbiederung ans Werbeumfeld. Die besten Voraussetzungen für mutigen Pop.

Bei der Literatur – das selbe Spiel. Jeder kann nun Texte veröffentlichen und verlegen lassen – größter Hit bei Amazon? „50 Shades of Grey“. Na danke.

Ausnahmen bestätigen etc. Natürlich gibt’s eine Amanda Palmer, einen Cory Doctorow, einen (hüstel) Paulo Coelho, die das neue Umfeld für sich nützen. Ausreichende Gegenbeispiele sind die noch keine.

Was hat die Verfügbarkeit von Kulturprodukten an der Kultur besser gemacht?

Und bitte hörts jetzt auf mit „es fehlt an legalen Onlineangeboten, wenn es das zu beziehen gebe, zahlat ich eh dafür“. Einen Scheiß tun wir. Es gibt wahrlich keinen großen Engpass bei DVDs, die kann man sich sogar aus USA schicken lassen; und trotzdem kauft’s keiner. „Weil das nur den großen Konzernen nützt!“, twittern die Leute vom Apple-Computer. Geh bitte.

All you can eat-Streamingdienste kosten Peanuts, kauft trotzdem keiner.

Genützt hat all das bisher nur dem Konsumenten. Der spart sich wahnsinnig viel Geld dadurch, dass alles gratis zu bekommen ist. Das ist auch echt super so. Nur die Mär eines kulturellen Aufbruches brauchen wir nicht mehr erzählen. Den hat es nicht gegeben.

Ganz ähnliches gilt übrigens für die Medien. Mehr dazu ein andermal.

In Österreich ist Fortschritt immer ein Problem

Jö, der Herbst ist da, und nein, ich freue mich nicht auf die kommende Kunstentlohnungsdebatte. Der Auftakt wird wohl am 17. Oktober sein: Künstler wollen für die Festplattenabgabe demonstrieren.

Das ist ungefähr so sexy wie Journalisten, die für das Leistungsschutzrecht auf die Straße gehen. Auch wenn ich prinzipiell für die Festplattenabgabe – überhaupt für gescheite Pauschalmodelle – bin: das kann doch nicht die Art sein, wie die Kunstentlohnungsdebatte geführt wird. Einen diffizilen, im Wesentlichen noch überhaupt nicht begonnenen, aber dringend notwendigen Dialog über Entlohnungsformen für Kunstschaffende mit einer Demo für einen emotional aufgeheizten Nebenaspekt zu konterkarieren – das betrübt mich, denn so werden die Fronten verhärtet, und das ewige Hickhack ist eh schon kaum auszuhalten.

Es passiert derzeit ein weit wesentlicherer Kulturwandel als die Frage, ob Festplatten jetzt 10 Euro mehr oder weniger Kosten. Mit Konzepten von vor 25 Jahren wird man dem nicht beikommen. Darauf das öffentliche Hauptaugenmerk zu richten wird die von beiden Seiten auf erbärmlichem Niveau geführte Diskussion keinen Schritt weiter bringen.

Fortschritt dürfte aber eh nicht das äußerste Ziel aller Beteiligten sein: Die IG Autorinnen Autoren fordert den Rücktritt der Nationalbibliotheksdirektorin. Weil diese irgendwann einmal nur noch Ebooks sammeln will.

Wie unglaublich österreichisch: Die Zukunft muss genauso bleiben wie das Heute, Veränderungen sind böse und wer für noch so zarten Fortschritt steht – auch wenn es erst um 2025 geht – ist suspekt, ja muss ausgetauscht werden.

Genau darum schaut es in unserem Land so aus, wie es aussieht.

Künstler haben eigentlich – so glaube ich immer noch – die vulgärkonservative Gesellschaft vor sich herzutreiben. In der Kunstentlohnungsdebatte ist das Gegenteil der Fall.

Und nein, die Gegenseite hat auch nicht Recht. Die Kunst darf nicht dem Onlinedarwinismus ausgeliefert werden, auch wenn der noch so glänzt. Die Bringschuld von uns Onlinern: Es gilt, Chancen für das finanzielle Überleben von Künstlern in mindestens dem Ausmaß zu schaffen, dass der Ausfall der zerschlagenen Strukturen mindestens kompensiert wird, im Idealfall  aber mehr Geld in die Kultur fließt. Da gibt es noch gewaltigen Nachholbedarf. Und eine Festplattenabgabe, auch eine Internetpauschale ist eine jeweils ausreichend geeignete Übergangslösung, die niemanden umbringt.

Livetickerbuchkritik oder: Wie der Journalismus abgeschafft wird

Kinder, nennt mich humorlos, aber dass der Spiegel einen Liveticker zur Redakteurserstlektüre des neuen Rowling-Buches (http://m.spiegel.de/kultur/literatur/a-858087.html) macht, zeigt erschreckend, was im Onlinejournalismus falsch läuft: Die Diktatur der Page Impressions frisst nun auch die Literaturkritik, wo ohne Gelegenheit zum kontemplativen Urteil jedweder journalistische Mehrwert flöten geht. Ich prangere das an.

Grundlegende ökonomische Absurditäten des Onlinejournalismus sind immer noch ungelöste, aber wesentliche Fragen. Da hilft auch kein Schönreden: ein ökonomisch echtzeitüberwachtes Klickgeneratorfließband ist nicht die Art von Journalismus, die im Internet überbleiben darf.

Die Informationsverlierer

Was sich in der Uausschuss-Debatte niemand so recht zu sagen traut: das ganze unwürdige Schauspiel ist nicht nur eine Ansammlung von Skandalen und die Selbstabschaffung der Parteien, sondern ein Einblick in ein dunkles Eck der heimischen Realitäten: Wahlen werden in Österreich von den Informationsverlierern entschieden. Wer heute noch ORF, Heute, Österreich und die Krone als einzige Medien konsumiert und sich davon das Weltbild formen lässt, ist der Extremfall eines Fortschrittsverlierers – er nimmt nicht Teil an der Informationsgesellschaft.

Dass von dieser Gruppe aber das Land regiert wird, ist raschestmöglich zu ändern, wenn Österreich nicht den Ubahnslogan “zurückbleiben, bitte” endgültig zur Staatsräson machen will. Natürlich haben die Parteien daran kein Interesse. Dennoch: die heutige politische Bruchlinie zieht sich längst nicht mehr zwischen Arbeitern und Bürgerlichen, zwischen reich und arm – sondern zwischen Informationsverlierern und denen, die im Internet-Zeitalter angekommen sind. Diese beiden Seiten beäugen einander mit jenem unüberbrückbaren Unverständnis, das früher Arbeiter und Bürger trennte. Es wird Zeit, dass die Generation Online das Land regiert. Dann erledigt sich dieser Inseratennonsens von selbst. Fehlt nur noch eine Partei.

Liebe Wutbürger, bitte lasst die Heugabeln im Schuppen

Okay, eine Woche häppchenweises Dauer-Fernsehen (weil krankheitsbedingt zu nichts anderem fähig) ist schon eine besondere Prüfung. Beim Bingo glaubt eine Kandidatin, in Österreich herrscht “Monarchie”, und das war bei weitem nicht der Tiefpunkt an Dummheiten, an empörenden Beispielen der Minimalverbalisierung, an himmelschreienden Begrenztheiten, die ernsthaft als Meinung diskutiert werden.

Den Vogel abgeschossen aber hat, leider, Roland Düringer.

Nichts gegen Düringer, und ich neide auch niemandem das persönliche Erweckungserlebnis. So sympathisch er ist, so lustig seine Filme und so gut seine Kabaretts sind: Seine Wutbürger-Rede zum Abschluss des Donnerstalks hat alles verkörpert, was dieses Land so klein macht, wie es ist.

Denn was Österreich genau nicht braucht, ist Wut, sind Bürger, die ihren Zorn zur politischen Bewegung erklären.

Seit Jahrzehnten ist Österreich das Land der Dauerbeleidigten, gelähmt im gegenseitigen Proporz-Hass der Roten und Schwarzen. Jeder Anhauch der Bewegung wird vom Gegenüber niedergegiftet. Die Österreicher sind wütend auf “die EU”, die Besserverdienenden, die Armen, die Reichen, die Zuwanderer, die Arbeitslosigkeit, den Sozialschmarotzer, den Rot- bzw. Schwarzfunk, die anderen Medien, den Nachbarn, die Nachbarländer, die lärmenden Kinder, die Erbtante, den Fortschritt – das Zorngefühl des Dauer-Zukurzgekommenseins, des Dauer-Übervorteilten ist in Österreich die politische Währung.

Und genauso wird sie auch verwendet: Österreich positioniert sich immer wieder gerne als das Schmuddelkind der EU, stellt sich mit Inbrunst gegen die EU-Annäherung der Türkei, und auch im Inneren kann man sich über ein reines Zornprogramm ganz offenbar zum Kanzler schreien. Kein Wunder, dass bei Düringers Rede der Applaus aus der falschen Ecke kommt: Die FPÖ lebt alleine und ausschließlich vom Wutbürger.

Denn leider grenzt Wut auch immer an vormoderne Impulse, an das Einschwören auf eine vermeintliche Ur-Gemeinschaft, die es dank der durchgelüfteten Komplexität des heutigen Lebens – zum Glück – nicht mehr gibt.  Da hat die Krone ausnahmsweise mal Recht, wenn sie ihre Leserbreifschreiber als Vorläufer des Wutbürgers lobpreist: Wer wütend ist, ist irrational, reduziert Komplexität (der größte Schaden für eine Gesellschaft), nimmt seine unerfüllten Partikularinteressen zum Anlass, an den ohnehin tönernen demokratischen Institutionen in Österreich zu rütteln. Noch dazu an der falschen Stelle.

Pauschalisierung (“Hamsterrad”) ist die Einstiegsdroge zur Verschwörungstheorie, und irgendwelche Systeme für beendet zu erklären, klingt revolutionär – viel Substanz hat das nicht. Gerade in demokratischen Systemen hat Protest immer auch einen Erklärungsbedarf, den weder die Occupy-Bewegung (mit Absicht) noch die Wutbürger (wegen mangelnder Verkürzbarkeit) erfüllen: Dabei geht es einerseits um eine (nicht ausformulierte) gesellschaftliche Alternative, über die immanente Einigkeit suggeriert wird – die aber letztlich unbestimmt bleibt. Düringer und viele am revolutionären Stammtisch reden vom Weißwählen – das umstürzlerische Potenzial ist beschränkt, und außerhalb des demokratischen Spektrums will man sich hoffentlich nicht bewegen. Andererseits fehlt den Wutbürgern auch eine Perspektive: Was macht Wut besser? Wut sorgt für Konfrontation. Danke, davon haben wir in Österreich schon mehr als genug.

Und wenn dann noch der Begriff Philosophie ins Spiel geworfen wird, dann stellts mir schon ein bisschen die Zehennägel auf.

Bitte, liebe gutmeinende Österreicher, lasst die Heugabeln im Schuppen. Nicht jeder internationale Trend ist übertragbar. Wut tut dem arabischen Frühling gut, auch der Grande Nation oder dem verspießerten Deutschland.

Was Österreich braucht, ist eine innere Abkühlung. Das ist kein Plädoyer gegen Protest, ganz im Gegenteil: Gerade Datenpolitik, Social Mining, gutes Vergleichsmaterial mit anderen Ländern geben uns nun erstmals die Tools in die Hand, eine faktenorientierte Politik an die Stelle des Geschreies zu setzen.

Österreich muss sich auf politischer und gesellschaftlicher Ebene endlich die Wut abgewöhnen, muss aus dem pubertären Fußgestampfe herauskommen. Da nützt es niemandem, wenn jetzt auch noch jeder Kleingartenbesitzer sich zum Wutbürger umdefiniert. Gerade wer wütend ist, ist hierzulande ein Systemtrottel. Lasst uns lieber Datenbürger werden.

(Sorry, dass ich so spät über das eh schon gut abgehangene Thema blogge – wie gesagt, krank. Und sorry, dass ich außer Niko Alm und stadtbekannt niemanden verlinke, habe keine Blogrecherche gemacht)

Warum ich gegen die Haushaltsabgabe, aber für eine pauschale Rechtevergütung bin

Ja, ich weiß eh: die Haushaltsabgabe wird kommen, egal, wie sehr ich mich aufrege. Schätzungsweise nach dem Wahljahr 2013 werden wir keine GIS-Gebühr mehr zahlen. Sondern pro Haushalt fürs Fernsehen zur Kassa gebeten werden. Das hat nur einen Sinn: Leute wie mich zu melken.

Hab ich schon mal erwähnt, dass ich keine Fernsehgebühr zahle? Obwohl ich einen Fernseher habe? Ja, das geht, kein Empfang möglich, weil alter Fernseher und SAT ohne ORF-Karte. Die GIS war extrem freundlich und professionell dabei. (Lustig ist, dass man zwar kein Fernsehentgelt, aber eine “Fernsehgebühr” von 1,16 Euro zahlt. Irgendwie lol.)

Jedenfalls: Da könnten ja noch mehr Leute draufkommen. Etwa jetzt, beim notwendigen Smartcard-Tausch. Denn was passiert, wenn man einfach keine neue holt (und keinen DVB-Empfänger hat)? Nicht viel. ORF kann man halt nicht schauen. Oje! Oder man schaut DVDs und anderen (Festplatten- und Online-)Content am Monitor via Media Player-Kastl und verzichtet auf den Fernseher. Auch das: Schlecht für den ORF. Beziehungsweise für die Argumentation für Gebühren. Ich glaube auch, dass das Pay-TV-Urteil aus GB wegweisend für die Gebührenfrage werden könnte.

Voila: Enter Haushaltsabgabe. Die – siehe Deutschland –  hängt nicht mehr am Fernseher bzw. an der Empfangsmöglichkeit von TV-Programm. Irgendwer im ORF ist draufgekommen, dass das vielleicht irgendwann doch überholt ist. Schließlich bemüht sich der ORF ja auch seit Jahren, das Programm online zu bringen. Derzeit machen sie eine Machbarkeitsstudie, ob man TV-Programm streamen kann. Ernsthaft! 2011.

Jedenfalls Nummer 2: Haushaltsabgabe fürs Fernsehen wird kommen. Ich wiederhole: Fürs Fernsehen. Und das ist extrem ärgerlich.  Mir ist wurscht, ob die privaten TV-Sender dann was davon kriegen oder nicht. Ich bin dagegen. Denn der ORF hat im September 2011 genau noch 34,1 Prozent Marktanteil in Österreich. 34,1!

Das ist fast nur noch ein Drittel der österreichischen Haushalte. Und zahlen sollen alle österreichischen Haushalte. Das ist absurd. 34,1 Prozent. Jetzt ernsthaft!

Und ich wette hiermit öffentlich: Damit hat der ORF weniger Marktanteil als Online-Medien. Aber das passt nicht in die Köpfe der Politiker hinein. Die glauben: Fernsehen=wahlentscheidende Medienplattform=wichtig. Ich sage dazu: Schmecks. Das hat vor 10 Jahren noch gestimmt, jetzt gilt es nur noch für die Parteien, die die Pensionisten zum Überleben brauche. Nur die Politiker wissen noch nicht, dass sich die Medienwelt gerade völlig ändert.

Ich bin für ORF-Pay-Per-View, und sonst soll mich das in Ruhe lassen. Nicht, weil ich mir zu geizig bin. Sondern weil Fernsehen jetzt 40 Jahre lang das Leitmedium war, und so lange war es gut und wichtig, dass es öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegeben hat. Das ist nun zu Ende.

Umso wichtiger ist, dass sich jemand was anderes überlegt: Nämlich, wie man einen fairen Deal zwischen Konsumenten und Medienproduzenten erzielt. Ich will hochklassigen Online-Content schauen können und denen, die den erstellen, etwas zahlen, ohne dass ich mich groß drum kümmern muss. Für mich zählt etwa US-Fernsehen mittlerweile zum Online-Content, den ich im Original schauen können will, zeitnah zur dortigen Ausstrahlung. Und ich will, verdammt nochmal, dafür bezahlen können.

Ich will, dass die, die Serien wie Big Bang Theory, Community und Lost machen, was von mir haben. Auch für Musik, die ich über Internet höre, möchte ich Geld verteilen. Ich finde gerade im Kulturbereich Geiz extrem ungeil.  Ich will für Medienkonsum Geld zahlen. Und sei es von mir aus eine monatliche Pauschale, die über Verwertungsgesellschaften verteilt wird. Oder die ich im Idealfall selber verteile. Von mir aus auch Pay-Per-Download-Modelle. Aber ohne künstliche Grenzen (“This content is available in your area”). Das würde um ein Vielfaches mehr der heutigen Medienrealität entsprechen, als die verzweifelten und peinlichen Versuche, irgendwie doch an Geld für das österreichische Kindergarten-Fernsehen zu kommen.

Medien-Utopie (2) – Senf ist der neue Spam

Also gut, zweiter Teil. Wenn Medien jetzt neu erfunden würden, dann würden sie sich in einer Sache negativ definieren, mit der sie sich auch jetzt negativ definieren: Medien würden sich dadurch von (Micro-)Blogs unterscheiden, dass sie nicht nur aus Senf bestehen.

So im Sinne der schlechten alten Blogger-Weisheit: “Ich blase zu jedem Thema möglichst viel Senf ins Internet”. Ohne, dass ich da jetzt mal nachrecherchiere. Sondern einfach, weil ich so gescheit bin.

Medien wären die Ent-Senfung. Denn Senf ist der neue Spam.

Medien wären Senf-Destillate oder auch jene Zutaten, aus denen die Blogger dann den Senf anrühren. Und damit gar nicht anders als jetzt: Medien wären die Orte, wo recherchiert wird. Ob gegen Geld oder gratis, ist da egal.

Und das ist ein so wesentlicher Unterschied, dass hier jetzt mal nichts hinzuzufügen ist.

Medien-Utopie (1) – Reboot

Klischee: Journalisten schreiben gerne in abgelutschten Metaphern. Also, hier eine von mir: Das mit der Medienrevolution ist ein zweischneidiges Schwert (brrrr). Eh sind wir nicht mehr zeitgemäße Dinosaurier, aussterben, Evolution, Gratisinternet, Social Media, blabla.

Nur: Schade ist es halt um die wohlerkämpfte Pressefreiheit. Die hat nämlich nicht so viel mit der allgemeinen Meinungsfreiheit zu tun. Sondern mit rechtlichem Schutz vor den Großkopferten, die unliebsame Aufdecker etc. gerne mundtot machen. Wo jeder Blogger in die Knie geht, haben Zeitungen etc. doch noch mehr Handhabe gegen gerichtliche Versuche der Mundtotmachung. Und diese Pressefreiheit lässt sich nicht so leicht auf die heutige Medienlandschaft ausweiten.

Sie ist damit soetwas wie der traurige Zwilling des Urheberrechts: Eine veraltete Rechtsstruktur, deren Anwendung sich an allen Ecken und Enden nicht mehr wirklich ausgeht. Im Gegensatz zum Urheberrecht wär es aber um die Pressefreiheit schad. Ein Kollateralschaden der selbstertwitterten Pseudo-Mündigkeit, wenn alle Zeitungen mal eingegangen sind und sich auch anderswo mit der bedrohten Spezies Qualitätsjournalismus nicht genug Geld machen lässt, um große Institutionen zu erhalten. Das tut mir im Herz weh.

Egal. Aber hier mal ein ungewöhnlicher Ansatz von mir: Ich verschreibe mich hiermit in einer losen Serie der Medien-Utopie. Thema: Wie würden Medien ausschauen, wenn sie sich nicht in der derzeitigen Devolutions-Spirale neu erfinden müssten, sondern jetzt gerade entstehen würden, ganz ohne die bisherigen Ausformungen zu beachten. Wenn quasi die Medienlandschaft einen Reboot machen würde.

Ein erster Gedanke: Es braucht eine rechtlich geschützte Form der Äußerung für Content-Ersteller, eine Art Leo für Kontroversielles, wo Klagen oder auch gezielter Druck von Mächtigen abprallt. Der Preis, der vom Content-Ersteller für dieses Gütesiegel zu zahlen ist, darf aber nicht trivial sein. Ich denke da etwa an den Einsatz von mühsam erarbeitetem sozialen Kapital (Reputation), das man für die Geschichte einsetzen muss (wie Chips im Casino) und dessen Verlust schmerzhaft ist. Vielleicht ein Kampf um limitierte Slots auf hoch reputierten Medien-Portalen: Wer wiederholt auf gute Geschichten setzt bzw. diese selber erstellt, bekommt eine Aufmacher-Story.

Ein Problem: Blogger haben, wenn sie Glück haben, einmal alle heiligen Zeiten eine wirklich gute Story. Mhm.