Urheberrecht

Google soll für Nachrichten zahlen

Okay, ich hätte auch nicht geglaubt, dass ich das jemals schreiben werde.

Aber ich tu’s: Google soll für Nachrichten zahlen.
Und zwar so viel wie möglich.

Das hat nichts mit Printler sein, Fortschrittsfeindlichkeit, Subventionsempfängertum, Alterung oder sonstwas zu tun. Ich lebe mehr online als viele Meinungsfachkräfte des Internets.

Die Diskussion aber, die um news.google.$$$, “Leistungsschutzrecht” und VÖZ geführt wird, ist von so einer fassungslos machenden Kurzsichtigkeit, dass mir das Schaudern kommt. Ein in seiner schamlosen Offensichtlichkeit betrüblicher Kampf einzig und alleine um Kanalhoheit, der zur absurden Situation führt, dass sogar eine große Gruppe an Journalisten abseits aller wirtschaftlichen Zusammenhänge ungefiltert Großkonzernpropaganda nachbetet und sich dabei auch noch im Recht fühlt.

Ein Trauerspiel.

Ja, ich weiß: Google schaltet keine Werbung zu den Nachrichten.
Ja, ich weiß: Mit einem Stückchen Code kann man Google davon abhalten, Nachrichtenportale zu listen.
Ja, ich weiß: Google stiehlt keine Nachrichten.
Ja, ich weiß: Die Medien profitieren von den Links.

Na und?
Die Diskussion ist eine ganz andere, und Google selbst hat nun die einzig wichtigen Argumente geliefert. Denn Google stiehlt zwar keine Nachrichten, aber Google ist auch nicht im Recht.

Denn Google handelt bei den Nachrichten durchaus parallel zu seinen Steuergeschichten. Auch hier tut Google nichts Unrechtes, im Gegenteil: Die zuletzt bekannt gewordene und viel kritisierte Konstruktion ist völlig rechtmäßig. Und trotzdem für mich jener Moment, an dem Google allen Wohlwollen verspielt hat.

Die BBC berichtet ausführlich: Google macht Millardenumsätze und zahlt, nach einem Spinnennetz an Geldtransferen, einen lächerlichen Steuersatz. Ein paar Auszüge: “Amazon, which had sales in the UK of £3.35bn in 2011, only reported a “tax expense” of £1.8m. And Google’s UK unit paid just £6m to the Treasury in 2011 on UK turnover of £395m.” Das Geld wird über Irland, Bermuda und die Niederlande verschoben, intern gegenverrechnet. Eine Briefkastenfirma in den Niederlanden hat keinen Mitarbeiter – und setzt Hunderte Millionen um.

Business as usual für internationale Konzerne? Klar. Konzerne müssen ja eigenartigerweise nicht zurücktreten, wenn Steuertricksereien auftauchen. Im Gegenteil: Das gehört so. Aber Hauptsache, über das Bankgeheimnis wird debattiert.

Aber Google zeigt sich als Konzern, der sich ohne Skrupel hunderte Millionen aus Ländern als Gewinn absaugt. Und hier sind wir beim Punkt: Google saugt ab. Steuergelder, sprich letztlich: sozialen Zusammenhalt hier, Fremdleistungen da.

Denn das Argument funktioniert natürlich auch in die andere Richtung: Warum schmeißt Google die Nachrichten, die so viel Ärger machen, nicht einfach aus dem Index? Die Antwort ist banal: Weil Google mindestens ebenso viel von den Nachrichten profitiert wie die Portale von den Links. Hier wird der Index um hochwertigen Content erweitert, den sich Google zu produzieren erspart. Genauso übrigens, wie bei den eingescannten, natürlich durchwegs mit öffentlichen Geldern gesammelten Nationalbibliotheken.

Google transferiert öffentliche Leistungen in Gewinn. Und das gehört geändert. Ich habe überhaupt kein Problem damit, hier bei den Nachrichten anzufangen: Google soll zahlen. Ich bin sicher, man kann einen Gesetzestext schreiben, der nicht das Internet ruiniert und der trotzdem dafür sorgt, dass Google für Nachrichten zahlt. Von mir aus sollen die eingehobenen Gelder nicht dem VÖZ, sondern einer Stiftung für Qualitätsjournalismus zugeführt werden. Das wäre dann ein kleiner Ausgleich dafür, dass Google öffentliche Leistungen der Vergangenheit und Gegenwart zu seinen macht – und letztlich natürlich damit Geld verdient.

Eins noch: Die Verlogenheit der Debatte in Österreich ist erschreckend. Im postpubertären Eifer sitzen da die “Onliner” und pochen auf ihr gefühltes Recht, Nachrichten gratis zu konsumieren. Wie gut diese Ökonomie funktioniert, sieht man längst in der Kultur: Auch hier wurde in einem fehlgeleiteten Klassenkampf ein Unsympathlerhaufen gegen einen anderen getauscht. Die bösen Lables wurden durch heroisches Musikkopieren niedergerungen. Und jetzt verkaufen halt Apple und Google Musik. Was das besser macht, entzieht sich mir. Genauso bei den Nachrichten: Böser VÖZ, fortschrittfeindliche Zeitungsmenschen! Was es aber besser macht, wenn die Nachrichten zwar frei verbreitet, die Nachrichtenproduktion nicht mehr finanzierbar ist (wer jetzt Flattr sagt, soll mich bitte vergessen), entzieht sich mir auch.

Und dann gibt es noch den eigentlichen Kern der Medien-Debatte: Es ist, wie oben erwähnt, nichts anderes als ein Diskurs über Kanalhoheit. Die vehement ausgerufene Medienzukunft nützt jenen, die sich im Mediengefüge sozial übervorteilt fühlen. Eigentlich pocht in dieser Diskussion jeder – alte Journalisten-Schule (VÖZ), neue J-Schule und Googlejünger – nur auf die Entmachtung der anderen. Und das ist der eigentliche Grund, warum man an der Zukunft des Medienwesens (ver)zweifeln kann.

Die Kulturrevolution ist gescheitert

We were promised unicorns, and all we got is Gangnam style.

Oder, in anderen Worten: Die Online-Kulturrevolution, von der wir uns alle so viel versprochen haben, ist großflächig gescheitert.

Ja, das tut mir auch weh. Es hat alles so gut geklungen. Aber nüchtern betrachtet hat sich keine der großen Versprechungen der revolutionären Kampfrhetorik (ja, ich bin an der mitschuldig) bewahrheitet. Im Gegenteil.

Was hätte nicht alles passieren sollen mit der Kultur im Internet, in den sozialen Medien. Geld kommt direkt zu den Künstlern, der direkte Draht zum Publikum macht es guten Acts leichter, Kommunikation und nicht Geld macht künftig Karriere.

Bollocks.

Die Realität ist eine ganz andere.

Was hat die Verfügbarkeit von Kulturprodukten an der Kultur besser gemacht?

Den meisten Künstlern geht es finanziell weiter dreckig. Ja, Verlage in jeder Hinsicht – CD-Labels, Film- und TV-Studios, Buchverlage – wurden durch legale und nicht so legale Onlineangebote recht großflächig entmachtet, Kündigungswellen inklusive. Zu einer kulturellen Blüte – „die bösen Konzerne nützen die Künstler aus, in direktem Kontakt zum Publikum wird die Kunst freier“ – hat dies nicht geführt. Wo sind die tollen jungen Acts, die jetzt plötzlich von uns allen entdeckt werden? Wer von uns hat schon in nennenswertem Ausmaß Indie -Musik geflattert, gekickstarted, wer hat neue Autoren entdeckt, auch nur irgendeinen Kunstschaffenden irgendwie unterstützt, wie es früher nicht möglich gewesen wäre?

Wer von uns hat die freiwerdenden Mittel aus dem nicht mehr nötigen Kulturkauf wieder in Kultur investiert? Wer von uns hat kreativen Umgang mit Kultur gepflegt, der früher nicht möglich gewesen wäre? Nein, wir sind nicht alle DJs, Videokünstler oder sonstwas geworden. Die meisten hören Musik – und aus.

Warum, weiters, sind in der offenen neuen Internetkulturwelt „Gangnam Style“ und Justin Bieber-Irgendwas die meistgesehenen Videos?

Wenn überhaupt irgendwas, ist Pop noch feiger geworden. Investitionen müssen sich in der Krise noch sicherer auszahlen, und das heißt: Anbiederung an die Hörer, die noch Musik kaufen, und Anbiederung ans Werbeumfeld. Die besten Voraussetzungen für mutigen Pop.

Bei der Literatur – das selbe Spiel. Jeder kann nun Texte veröffentlichen und verlegen lassen – größter Hit bei Amazon? „50 Shades of Grey“. Na danke.

Ausnahmen bestätigen etc. Natürlich gibt’s eine Amanda Palmer, einen Cory Doctorow, einen (hüstel) Paulo Coelho, die das neue Umfeld für sich nützen. Ausreichende Gegenbeispiele sind die noch keine.

Was hat die Verfügbarkeit von Kulturprodukten an der Kultur besser gemacht?

Und bitte hörts jetzt auf mit „es fehlt an legalen Onlineangeboten, wenn es das zu beziehen gebe, zahlat ich eh dafür“. Einen Scheiß tun wir. Es gibt wahrlich keinen großen Engpass bei DVDs, die kann man sich sogar aus USA schicken lassen; und trotzdem kauft’s keiner. „Weil das nur den großen Konzernen nützt!“, twittern die Leute vom Apple-Computer. Geh bitte.

All you can eat-Streamingdienste kosten Peanuts, kauft trotzdem keiner.

Genützt hat all das bisher nur dem Konsumenten. Der spart sich wahnsinnig viel Geld dadurch, dass alles gratis zu bekommen ist. Das ist auch echt super so. Nur die Mär eines kulturellen Aufbruches brauchen wir nicht mehr erzählen. Den hat es nicht gegeben.

Ganz ähnliches gilt übrigens für die Medien. Mehr dazu ein andermal.

In Österreich ist Fortschritt immer ein Problem

Jö, der Herbst ist da, und nein, ich freue mich nicht auf die kommende Kunstentlohnungsdebatte. Der Auftakt wird wohl am 17. Oktober sein: Künstler wollen für die Festplattenabgabe demonstrieren.

Das ist ungefähr so sexy wie Journalisten, die für das Leistungsschutzrecht auf die Straße gehen. Auch wenn ich prinzipiell für die Festplattenabgabe – überhaupt für gescheite Pauschalmodelle – bin: das kann doch nicht die Art sein, wie die Kunstentlohnungsdebatte geführt wird. Einen diffizilen, im Wesentlichen noch überhaupt nicht begonnenen, aber dringend notwendigen Dialog über Entlohnungsformen für Kunstschaffende mit einer Demo für einen emotional aufgeheizten Nebenaspekt zu konterkarieren – das betrübt mich, denn so werden die Fronten verhärtet, und das ewige Hickhack ist eh schon kaum auszuhalten.

Es passiert derzeit ein weit wesentlicherer Kulturwandel als die Frage, ob Festplatten jetzt 10 Euro mehr oder weniger Kosten. Mit Konzepten von vor 25 Jahren wird man dem nicht beikommen. Darauf das öffentliche Hauptaugenmerk zu richten wird die von beiden Seiten auf erbärmlichem Niveau geführte Diskussion keinen Schritt weiter bringen.

Fortschritt dürfte aber eh nicht das äußerste Ziel aller Beteiligten sein: Die IG Autorinnen Autoren fordert den Rücktritt der Nationalbibliotheksdirektorin. Weil diese irgendwann einmal nur noch Ebooks sammeln will.

Wie unglaublich österreichisch: Die Zukunft muss genauso bleiben wie das Heute, Veränderungen sind böse und wer für noch so zarten Fortschritt steht – auch wenn es erst um 2025 geht – ist suspekt, ja muss ausgetauscht werden.

Genau darum schaut es in unserem Land so aus, wie es aussieht.

Künstler haben eigentlich – so glaube ich immer noch – die vulgärkonservative Gesellschaft vor sich herzutreiben. In der Kunstentlohnungsdebatte ist das Gegenteil der Fall.

Und nein, die Gegenseite hat auch nicht Recht. Die Kunst darf nicht dem Onlinedarwinismus ausgeliefert werden, auch wenn der noch so glänzt. Die Bringschuld von uns Onlinern: Es gilt, Chancen für das finanzielle Überleben von Künstlern in mindestens dem Ausmaß zu schaffen, dass der Ausfall der zerschlagenen Strukturen mindestens kompensiert wird, im Idealfall  aber mehr Geld in die Kultur fließt. Da gibt es noch gewaltigen Nachholbedarf. Und eine Festplattenabgabe, auch eine Internetpauschale ist eine jeweils ausreichend geeignete Übergangslösung, die niemanden umbringt.

Und dann wird das Urheberrecht halt reformiert worden sein

Jahrelang freut man sich darauf, dass die Kombination von Kunst und Internet endlich als hochpolitisches Thema erkannt wird, und dann ist es so weit – und man hält es kaum im Kopf aus, auf welchem Niveau diskutiert wird.

Künstler und Kommentatoren, die 15 Jahre Urheberrechtsrevolution verpennt haben und jetzt auf Experten tun. Ein politischer Apparat, dem als Reaktion auf eine offenbar in eine politische Lücke einfahrende Partei nur das Wort Protestwähler einfällt (warum hatten die Yogiflieger, die Autofahrerpartei, der Lugner, die Kommunisten nie diesen plötzlichen Zulauf?); ein politischer Apparat eben, der die Brisanz abtut und, selber am Boden liegend, die Chuzpe hat, auf Snob zu machen (die Piraten sind eine Chaostruppe, okay. GANZ im Gegensatz natürlich zu den anderen Parteien!). Internet-Meinungsbildner, die in der ewigpubertären Anti-Bonzen-Propaganda von vor 10 Jahren verharren. Lobbyisten, Apparatschniks, Weiterbildungsunwillige, Beleidigte, Selbstgerechte auf allen Seiten.

Und dann beißen sich auch alle gemeinsam im Urheberrecht fest. Ausgerechnet im unwichtigsten Teil der Debatte. Was da für Ressourcen verschwendet werden, für Energien gebündelt, die in einem großen Dialog über Künstlerentlohnung weit, weit, weit besser aufgehoben wären.

Na bitte, dann halt ein kurzes Fast Forward in die Zukunft, die – hurra, hurra – ein neues, reformiertes, glitzerndes Urheberrecht hat. Kunst hat (neues) Recht bekommen. Und dann?

Dann wird es, zu Recht, ein bisserl mehr pauschales Geld für Künstler geben, Festplatten werden eine Spur teurer, die Provider dürfen ein bisserl überwachen (aber! nur! die! Uploader!). Die Verwertungsgesellschaften haben ein neues Einnahmengebiet (zusätzlich zu Radio, Fernsehen,Fernsehgebühren, Tonträgerverkäufen, Konzerten, Lesungen, Friseurläden, Gasthäusern, Kopierern, Satellitenschüsseln, Faxgeräten (haha, genau die) and whatnot).

Und dann ist alles gut?

Schmecks.

Es wird im Großen und Ganzen genauso schwierig sein, als Künstler zu überleben, wie jetzt. Es wird weiter keine Vielfalt an legalen Angeboten zum Kulturkauf geben, insbesondere nicht für österreichische Musik oder Filme.Es wird immer noch pro Land unzählige Verwertungsgesellschaften geben, statt ein paar europaweit arbeitende, und damit immer noch nicht die Möglichkeit, paneuropäische innovative Kulturangebote zu errichten. Es wird weiter keine einheitliche Rechteabklärung in Europa geben und damit kein europäisches Hulu, kein europäisches Netflix, kein europäisches iTunes, nur kleinstaatliche Lösungen.

Folgerichtig werden die mit Kultur ermöglichten (Werbe-)Einnahmenanteile weiter in die Taschen von Google, Facebook und Co fließen, empörend, dass die jetzt für ihre Innovationen belohnt werden, nicht? Das neue Urheberrecht wird ermöglichen, sich gegen diese großen Player zu stellen – Alternativen (und damit Geld aus dem Internet) gibt es deshalb noch lange nicht. Künstler werden durch das neue Urheberrecht keinen Cent mehr aus dem Internet bekommen, als jetzt auch schon möglich wäre (etwa durch zielführende Verhandlungen vom GEMA/AKM mit Google (YouTube)).

Die Menschen werden  (rechtlich ein bisschen besser abgesichert) weiter kopieren, denn der einst unumstößliche Akt des Kulturkaufens ist unwiederbringlich dahin. Man wird sich trotz neuem Urheberrecht daran gewöhnen müssen, dass Kulturschaffen ab sofort, nein seit Jahren mischfinanziert werden muss, das wird sich durch ein Recht nicht ändern. Die Künstler, die jetzt schon gut mit dem Internet leben, werden dies weiter tun; jene, die sich schon derzeit ins Gesicht gepinkelt fühlen, werden auch das weiter tun.

Dass die legalen Download-Angebote wachsen, wird man als Erfolg des neuen Rechts argumentieren – und nicht mit der ohnehin längst zu spürenden Verschiebung zum Online-Kauf (wo dies halt möglich ist).

Recht rasch wird man draufkommen, dass die pösen kommerziellen Uploader gar nicht in Österreich sitzen, so hinterlistig sind die, dass denen das österreichische Urheberrecht wurscht ist. Vielleicht könnte man ja doch bei den Downloads…? Ein paar werden sich dann vom Download abschrecken lassen, werden einen Bruchteil dessen, was sie jetzt downloaden, kaufen, und insgesamt mit weniger Kultur auskommen. Ziel erreicht, liebe Künstler!

Der kreative Online-Umgang mit Kultur wird rechtlich ein bisschen besser abgesichert sein – was auch wurscht ist, denn der läuft soundso. Künstler können erwartungsgemäß ihre Werke dem neuen Urheberrechtsgesetz nach für bestimmte Formen der Nutzung im Internet freigeben oder sperren (a la creative commons), und immer mehr werden sie völlig freigeben, weil ihre Kunst sonst nur bei alten Menschen stattfindet. Stimmt aber auch nicht, denn selbst wer die Kunst für das Internet sperrt, findet trotzdem statt – denn auch diese Regelung wird ignoriert werden. Viel Spaß mit der Durchsetzung des neuen Rechts – Klagen gegen Teenager werden nicht bessere Publicity, wenn sie sich auf ein neues Recht beziehen.

Einzelne Künstler werden voller Erstaunen feststellen, dass trotz allem ihre Werke nicht (mehr) gekauft werden, und dann ganz ohne  Schuldigen dastehen – immerhin wurde ja das Urheberrecht reformiert! Die Urheberrechtsreform wird aber ohnehin bei der Festschreibung der technischen Entwicklung schon wieder hinterherhinken, der große Urheberrechtsdialog von vorne anfangen.

Und dann?

“Unwissentlich” oder nicht – das ist nicht die Frage

Jö, ist das schön – ich kann sagen “Ich hab’s gewusst”. Das mach ich doch gerne. Noch dazu zwei Monate vor Profil. Ha!

Jetzt erschien am Wochenende dieser Profil-Artikel, ein sehr schöner Text, völlig richtig, ganz viele Wörter zum selben Inhalt. Bemerkenswert der Spin, der dem Artikel gegeben wurde – in diesem OTS wurde der Hinweis ergänzt, dass die Künstler “unwissentlich” für umsonst gearbeitet hätten (was im Text, soviel ich sehe, nicht steht).

Die Online-Reaktion war erwartungsgemäß schadenfroh, nicht ganz zu unrecht.

Nur: eigentlich gehts wieder am Problem vorbei. Es ist zwar gefundenes Polemik-Fressen für die Gegenspieler von “Kunst hat Recht” – Gratiskunst online gratis posten passt ja wirklich nicht zur Initiative, harharhar.

Doch das Problem ist nicht, dass die Künstler gratis gearbeitet haben, auch nicht, dass Kunst hat Recht nichts für den Abruf der polemisch-peinlichen Videos verlangt (was zugleich ein Eigentor ist, weil es deutlich zeigt, wo die Stärken der verbissen bekämpften Gratiskultur liegen).

Das Problem ist, dass die beteiligten Künstler in den Anliegen der Initiative einen Good Cause sehen, sprich: dass sie sich am Ende einer Diskussion sehen und nicht am Anfang.

Natürlich würden Künstler nichts verlangen, wenn sie auf einer Veranstaltung gegen irgendwelche Krankheiten oder bei politischen Lichtermeeren auftreten. Das würde niemanden wundern. Auch dass eine Agentur bezahlt wird, die derartige Benefiz-Sachen verwaltet, finde ich das Gegenteil von überraschend – deswegen heißt es immer so schön “der Reingewinn fließt an..”, sprich die Einnahmen minus der Kosten für Verwaltung. Benefiz ist oft ein gutes Geschäft.

Die schiefe Optik hier liegt woanders: Durch die Gratisarbeit für Kunst hat Recht setzen Künstler das Anliegen der Lobbyinginitiative mit einem derartigen Good Cause gleich. Das hat ein bisserl was Peinliches: Benefiz im Eigeninteresse ist keine moralische Auszeichnung, schon gar nicht, wenn ein Geldgeber (=Verwertungsgesellschaften) dazu aufruft.

Doch das eigentliche Alarmsignal ist: Benefiz-Status wird gemeinhin nur jenen Good Causes verliehen, bei denen es Konsens ist, dass sie in den allerweitesten gesellschaftlichen Kreisen als “richtig” anerkannt werden. Die für Kunst hat Recht arbeitenden Künstler sehen die Sicht der Initiative auf das Internet offenbar als Konsens an. Etwas Schlechteres könnte der dringend notwendigen Debatte über die Künstlerentlohnung nicht passieren als Künstler, die sich mit einer derart problembehafteten Sicht in Diskussionsstellung verschanzen.

Wo Kunst nicht völlig Unrecht hat

Ja, das ist mal ein Schocker-Titel, gell? Aber es stimmt, ich habe uns Netzmenschen schon wieder Unliebsames von der Schnittstelle Technologie und Kultur zu verkünden.

Denn so sehr “Kunst hat Recht” auch daneben ist, so schlechte Berater die haben, so wenig Ahnung von Internetüberwachungsbestrebungen, so katastrophal die offenbar untereinander kommunizieren, so weit sie hinter dem aktuellen Diskurs über Sharing und Kulturkompensation hinterherhinken, so wenig Einblick sie in  ihr eigenes Marktumfeld haben, so vehement, wie sie sich immer weiter selbst reinreiten – in einem haben sie wirklich Recht: es ist Zeit für einen Dialog.

Nicht über rechtliche Mittel gegen Online-Urheberrechtsverstöße. Nicht über Providerhaftung. Nicht über das Scheiß-Internet, wo den Künstlern alles geklaut wird. Diese Diskussionen sind alle durch, und es wird allerhöchste Zeit, dass das auch von einer Mehrheit der Künstler überrissen wird. Ich habe kein Mitleid mit jenen Kunstschaffenden und Verbänden, die jetzt im Zuge von “Kunst hat Recht” erst draufkommen, was alles an diversen Online-Forderungen problematisch sein könnte. Die haben ihren Job nicht getan.

Eigentlich ist gerade das zentrale Thema von “Kunst hat Recht”, das Urheberrecht, ausdiskutiert.

Aber eine Diskussion hat noch nicht einmal begonnen. Ich habe beruflich jeden Tag mit Künstlern zu tun, und um das Banale festzuhalten: das ist eine unglaublich heterogene Gruppe an Menschen. Einige davon sind vehement online, andere gar nicht, ich würde mal schätzen: im Durchschnitt ähnlich wie die Gesamtbevölkerung.

Aber auf eines muss die geschätzte Aufmerksamkeit gelenkt werden: wir alle lieben Kunst von Menschen, die völlig ungeeignet sind, unter den derzeitigen Web-Dogmen zu agieren. Und es ist ebenfalls allerhöchste Zeit, dass wir Netzmenschen vom hohen Ross runtersteigen und diesen Künstlern wieder entgegenkommen.

Mei, was hatten wir alle für einen Spaß bei der Revolte unserer Generation: dem Entdecken der Sharing-Kultur. Ich meine das ganz ernst: im letzten Jahrzehnt fand soetwas ein Erweckungserlebnis statt, vor allem bei jenen, die Popkultur fanatisch lieben. Kunst wurde frei, gewollt oder nicht, und die früher unberührbaren Stars mussten sich zu uns normalen Menschen herabbücken und von gleich zu gleich mit uns kommunizieren. Es steht außer Frage, dass die Sharing-Kultur eine der grundlegendsten kulturellen Revolutionen seit langem ist.

Aber genau deshalb darf sie nicht zum Dogma werden. Es ist nun an der Zeit, den pubertären Impetus abzustellen, mit dem die Trotzrevolte gegen die Pop-Labels unterfüttert war. Nicht alle Zwischenhändler sind böse, nicht alle Künstler hassen ihre Labels, nicht alle Kunstschaffenden wollen sich um den wirtschaftlichen Aspekt ihrer Arbeit selber kümmern.

Und das sollen sie auch leben können: Wir Netzmenschen sind gefragt, uns gewissen Kompensationsmechanismen zu öffnen. Ich schreibe jetzt absichtlich keines der Reizwörter hin, aber: ich finde es ganz allgemein mindestens genauso ärgerlich, wenn sich Kunst von Werbung bezahlen lassen muss, wenn wir die Liebe zu Popmusik in Geld für Google und nicht Geld für die Kunst umwandeln, wenn alte Strukturen zerhauen werden und die Bonzen von früher durch mindestens ebenso bonzenhafte Gecken – nunmehr aus dem Silicon Valley – ersetzt werden. Ich verehre Innovation, ich bin vehement für die Freiheit von Kultur im Web – aber die Diskussion, wie es damit weitergehen soll, ist keineswegs beendet. Es braucht eine Pluralität an Ansätzen, wie Kunst entlohnt werden kann. Und nachdem viele Künstler genau davon leider wenig Ahnung haben, wird es Zeit, sie zu unterstützen.

Eines hat “Kunst hat Recht” wieder gezeigt: One Size Fits None. Aus der Initiative dringt ein auf Konsens zusammengedämpftes Stimmengewirr unterschiedlichster Interessen. Verwertungsgesellschaften, die gerne neue Geschäftsfelder eröffnen würden (denn, man darf nicht vergessen, viele der Geldquellen – etwa Radiolizenzen, Aufführungsvergütung, Print-Vervielfältigung – sind völlig unberührt bzw. profitieren vom Internet). Künstler, die ihre Verkaufskarriere längst so gut wie beendet haben und nun um das Einkommen früherer Leistungen bangen (ich möchte nicht mit ihnen tauschen). Junge Neo-Stars, die noch kurz zuvor für eine Lockerung des Urheberrechts hätten sein müssen, um bekannt zu werden, wenig später aber dann für eine Verschärfung sind, um nicht unterzugehen. Es gibt nach menschlichem Ermessen keine Form von Urheberrecht, die all diesen Bedürfnissen entspricht, und möge es noch so scharf sein.

Aber es gibt unermessliches kreatives Potenzial im Web. Dies ist nun in den Dienst der Künstler zu stellen. Wegen der Liebe zur Popkultur, die wir alle teilen. Denn Künstler, die etwas unmittelbar verdienen wollen, werden allzugerne ins böse Eck gestellt. Und das ist eigentlich lächerlich. Daher ist ein Dialog zu beginnen: Wie wäre es, wenn wir einmal die Künstler fragen, wie sie künftig zu ihrem Geld kommen wollen? Ich wette, in so einem Dialog kommen gescheitere Antworten zu Stande, als beide Seiten derzeit zu liefern vermögen.

 

SOPA, PIPA, ACTA, LMAA

Liebe Leute, wappnet euch – ich habe Unliebsames zu verkünden: An der kommenden Zensur des WWW sind wir alle selber schuld. Denn abseits des hyperempörten Twitterns, Bloggens, Souppens geben wir den Amok laufenden Lobbyisten und den nichtsahnenden, aber instinktiv die Chance auf Kontrollzuwachs witternden Politikern täglich die Macht dazu in die Hand, das Web zu ruinieren. Und es ist höchste Zeit, dass wir damit aufhören.

Die Banalitäten vorweg, damit es zu keinen Unklarheiten kommt: Nein, die Medienunternehmen haben nicht das Recht dazu, die Rechte aller zu beschneiden, und ja, die drohenden Zensurabkommen sind die größte Einschränkung der Bürgerrechte, die wir uns seit ever gefallen lassen haben werden. Dass demnächst im Namen der Kultur die Zensur in Österreich Einzug halten wird, ist schlichtweg zum Speiben. Und ja, die Politiker wissen letztlich ganz genau, was sie tun.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: SPÖ, ÖVP und alle anderen mitstimmenden Parteien werden das Leitmedium des 21. Jahrhunderts zensieren, indem sie ACTA zustimmen werden.

Man lasse sich dies auf der Zunge zergehen: Wochenlang brüllen alle Medien wegen des Dann-doch-nicht-Büroleiters eines in der Bedeutung rasant abnehmenden Medienhauses. Die andere, wirklich verheerende Entwicklung bleibt fast unbemerkt.

Jedenfalls: Die Politiker freuen sich, sie haben nur keine Ahnung, warum sie in der glücklichen Lage dazu sind, plötzlich derart und ohne Medienwirbel in die Medienfreiheit eingreifen zu können. Ist auch egal: Die Zensur ist argumentierbar. Denn mit jenem (kleinen) Teil ihrer Argumente für SOPA, PIPA, ACTA, den Politiker so gerade noch verstehen können, haben die Film- und Musiklobbyisten schlicht und ergreifend Recht – es wird in gewaltigem Ausmaß kopiert.

Ja, ich kenne all die guten Argumente dafür, warum Kopieren von Kulturgut gut ist. Und ich finde, die sind alle richtig. Bis auf eines: Wenn Kopieren nur dazu da ist, aktuellen und eigentlich leicht über offizielle Kanäle verfügbaren medialen Mainstreamscheißdreck gratis zu konsumieren, dann wird es argumentativ eng. Das hat nichts mit Kulturfreiheit oder Social Media Revolution oder sonstwas zu tun – das ist kleingeistige Kostenvermeidung und, im schlechtesten Fall, Pseudorevoluzzertum. Denn einerseits Hollywood und die großen Musiklabels für das Grundübel der Kulturwelt zu halten, aber gleichzeitig wie der elendste Süchtige dauernd deren Produkte konsumieren zu müssen, ist, nun ja, kein Zeichen für persönlichen Reifegrad.

Es gibt kein gutes Argument dafür, Filme herunterzuladen, die eh gerade im Kino laufen oder sechs Monate später auf DVD 9.90 Euro kosten. Denn wer “den Bonzen kein Geld zukommen lassen will”, soll dann aber auch die Größe haben, deren Dreck nicht zu konsumieren.

Also, machen wir es kurz: Die Umsetzung von ACTA in österreichisches Recht muss, so es noch irgendwie möglich ist, verhindert werden.

Aber gleichzeitig ist es an der Zeit, damit aufzuhören, Mainstreamkulturprodukte zu kopieren, die – sagen wir mal – jünger als 3 Jahre sind. Denn die sind leicht gegen ein wenig Geld zu bekommen, und das kann und sollte es einem auch Wert sein.

Und vor allem: Wir sollten nicht für jene 10 Euro, die “Puss in Boots”, “Verblendung” oder “Die Muppets” im Kino kosten, den Zensurargumenten die Türe öffnen.

Wenn etwas wirklich nicht (oder nicht mehr) auf legalem Weg zu bekommen ist, dann sind die Rechteanbieter selber schuld, wenn kopiert wird. Damit meine ich auch insbesondere alle die tollen TV-Serien, die es derzeit gibt – und die immer Monate, manchmal auch Jahre (!!) später ins europäische Fernsehen kommen. Noch dazu durch Synchronisierung ruiniert. Die sind auf legalem Weg nicht zu bekommen. Aber selbst da kann man dann (später) die DVD-Boxen nachkaufen – ich will, dass die Macher von “Big Bang Theory” oder “Lost” oder “Weeds” auch wissen, dass ich ihr Zeug mag.

Noch besser wäre allerdings etwas anderes: Den Produkten all dener, die für die Zensurabkommen eintreten, nie wieder auch nur ein Gramm Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Weder gegen Geld noch gratis. All jenen, die für ACTA, SOPA, PIPA eintreten, ein herzliches LMAA.

Fremdschämen gibt’s gratis: Online-Content darf etwas kosten

Okay, okay, “fremdschämen” zu sagen ist auch schon lange wieder Grund für selbiges. Dennoch: Ein besseres Wort gibt es nicht für jenes Gefühl, das mich im immer skurriler werdenden Online-Diskurs um Gratisinhalte im Netz beschleicht.

Denn wenn man die beiderseitige Propaganda beiseite räumt, die in der Diskussion freihändig und mit peinlicher Selbstgerechtigkeit versprüht wird, bleibt eine Frage für mich völlig ungeklärt (und auch eigentlich auffällig unbeachtet): Was denn eigentlich so schlimm daran ist, für Information zu zahlen?

5 Dollar im Monat – das ist jener Betrag, den die New York Times laut Bloomberg offenbar als Gebühr für ihren Online-Auftritt einführen will. Und schon geht das Geheule wieder los, das sich um freien Informationsfluss, Zensur und ähnliche Schlagworte wickelt, die durch die unreflektierte Anwendung nicht eben an Gewicht gewinnen.

Doch halt, Überraschung: Wenn man genau hinsieht, gibt es auch eine Staunen machend große Anzahl an Blogs, die der Idee der New York Times zustimmen. Auch von mir gibt es völlige Zustimmung zu den Plänen der Zeitung – und darüber hinaus auch zum NiemanJournalismLab, das (mit vielen anderen Webites, die einen wortidenten Text veröffentlichen) die richtige Forderung aufwirft: Der Zugang sollte nicht gratis und nicht billiger, sondern teurer sein als 5 Dollar. Denn das ist absurd wenig.

5 Dollar gibt man für einen Kaffee bei einer US-Kette aus, für ein Zehntel eines Autotanks, ein Burger-Menü oder auch ein Packerl Tschick (glaub ich zumindest, bin rauchfrei). Aber wenige sind bereit, das im Monat (!) in die eigene Sicht der Welt zu investieren – immerhin das, was einen als Mensch, Weltbürger, Nicht-Vollidiot auszeichnet.

Und nein, wenn Information kostenpflichtig ist, hat das nichts mit Zensur zu tun. Zensur macht es unmöglich, an gewisse Informationen heranzukommen, Informationsfreiheit ist im Gegenteil dazu das Recht, sich jede Information zu holen. Aber mit Kosten hat das nichts zu tun, ganz im Gegenteil: Zensur hat geschichtlich immer mehr jene Informationsquellen (Zeitungen, Verlage) getroffen, die ihre Produkte gegen Geld weitergegeben haben. It goes to show: Dort kommt auch die wirklich wertvolle Info her, und nicht aus der Gerüchteküche.