Ich wage mal eine Wette: Bald werden mehr Menschen das eben erschienene Computerspiel “Dante’s Inferno” spielen als Dantes “Göttliche Komödie” lesen. Einen klaren Vorteil hat das Game gegenüber dem Buch: Es ist weit weniger zäh zu konsumieren. Andererseits: Dass ein großer Spielehersteller aus einem derart reichhaltigen und vielschichtigen Text nicht mehr machen kann als ein dümmliches Hack and Slash-Game, zeigt deutlich wie sonst kaum etwas: Games leiden immer noch daran, dass die Macher nur eine enge Zielgruppe bedienen wollen. Ich bin mir sicher: So falsch wie die Konzentration der Werbewelt auf die jungen Menschen ist, so falsch ist die weitgehende Selbstbeschränkung der Games-Industrie auf Pflichtschulabsolventen. Macht mal gescheite Games für gescheite Menschen. Bis dahin liefert Dante für sein “Inferno” nur einen bekannten Namen. Danke, Dante, für das billige Branding.
Das wird nichts mehr: Zu spät, zu spät für hochkarätige Computerspielkritik
Es wird sich nicht mehr ausgehen: Der derzeitige Um- und Einbruch in der Medienbranche wird dafür sorgen, dass sich niemals eine hochkarätige Computerspielkritik herauskristallisieren wird. Damit meine ich eine wohlformulierte Auseinandersetzung mit Games, die wie jedes andere Kulturprodukt (Musik, Literatur, Theater, Film…) auch mit Ästhetik-Geschichte im Hinterkopf, fundiertem Urteil und geschliffener Sprache zu messen sind an den herausragendsten Erzeugnissen der Pop- und Hochkultur. Games sind nah dran, auf künstlerische Augenhöhe zumindest mit dem Mainstream-Film zu gelangen; einzelne haben es geschafft.
Doch während sich Heerscharen von Uni-geschulten Filmkritikern an Seichtigkeiten wie “Avatar” abarbeiten und die Popmusik-Kritik immer verschwurbelter wird, schreiben über Games hauptsächlich die Zusammenfasser internationaler Newsfeeds aus den Online-Redaktionen.
Ich bin überzeugt davon, dass die Hochkultur ohne klassische Kritiker-Persönlichkeiten nicht so rasch vorangeschritten wäre. Selbiges würde den Computerspielen gut tun: So müsste jemand mal deutlich argumentieren, wo ästhetischer Wert, wo hochklassiges Design, wo sprachliche Kraft Games bestimmt, und wo andererseits Schrott und Plattheit herrscht.
Dazu bräuchte es: Profi-Journalisten, die
- an der Hochkultur-Kritik geschult sind uns die Games als vollwertiges Kulturerzeugnis ansehen
- wissen, was zeitgenössische Literatur und/oder gutes Drehbuchschreiben ausmacht und die daher platte Storys von differenzierter Erzählung, Schlagsatz-Dialog von sprachlichem Feingefühl zu unterscheiden wissen
- schauspielerische Leistungen bewerten können
- musikalische Alltagsware von hörenswerten Kompositionen und originellem Soundscaping differenzieren können
- wissen, was gelungene Regie bedeutet
- und die derartige Urteile lesenswert transportieren können.
Doch weit gefehlt: In den Mainstream-Medien wandert die Auseinandersetzung mit Computerspielen zwischen Chronik-, Medien-, Unterhaltungs- und LifeStyle-Seiten, anstatt dass die Kulturkritik sich zu ihrem neuesten Zweig bekennt. Wo arbeiten junge Musiker, Drehbuchautoren, Texter, Designer der Zukunft? Bei Computergames.
Auffallend und schade ist, dass ausgerechnet das Geek-goes-Lifestyle-Magazin Wired keine Games rezensiert. Die hätten zumindest den Sprachwitz und das kulturelle Referenzsystem.
MIDEM in Cannes: Musik im digitalen Zeitalter
Also, bei der MIDEM in Cannes kann man der Musikbranche wirklich nicht mehr den Vorwurf machen, das Internet nur als Bedrohung zu sehen: Hier dreht sich so gut wie alles um die neuen Chancen des Digitalen. Zumindest steht’s so im Programm, in wenigen Minuten geht’s los.
Einen Schritt weiter ist man heuer jedenfalls auf die Onlinewelt zugegangen: Im Gegensatz zum Vorjahr gibt’s heuer auch während der Vorträge freies WIFI. Danke, liebe Musikindustrie!
Was auch 2010 fehlt: Ein Betriebssystem, das jeder bedienen kann
Die Energie, mit der über die respektiven Vorzüge von Windows, Linux und MacOS gestritten wird, sollte lieber in etwas anderes gesteckt werden: In ein neues Betriebssystem, das wirklich jeder bedienen kann.
Kürzlich habe ich wieder deutlich vorgeführt bekommen, da braucht man nur Menschen über 50 Jahre vor einen Computer setzen: Alle drei genannten Betriebssysteme (und auch die erhältlichen Alternativen) sind einfach grottenschlecht und gehen absurd weit an den Bedürfnissen der User vorbei. Ja, die User sind unerträglich unfähig und zeitweise auch, scheint’s, absichtlich verbohrt.
Aber jetzt mal ehrlich – wie schwer kann es eigentlich sein, dass man eine Benutzeroberfläche erstellt, die problemlos zu bedienen ist, und dann auch noch fehlerfrei das macht, wofür sie da ist? Dazu muss man mit einigen Binsenweisheiten aufräumen: Benutzer wollen weniger Einfluss auf das System, nicht mehr, weniger Entscheidungen treffen, weniger Veränderungen, weniger Funktionen, weniger Fehlermöglichkeiten.
Auch wenn es einem bei diesen Vorstellungen die Zehennägel aufrollt: Es wird nach einem Vierteljahrhundert Fenster-basierter Betriebssystem mal Zeit, dass etwas Brauchbares auf den Markt kommt, etwas, wofür man keine Auskenner braucht, um es wie einen Intensivstations-Patienten, der immer knapp vor dem Exitus steht, durch das Drücken obskurer Knöpfchen am Leben zu halten.
Hierfür notwendig:
- Keine Fragen! Wer einen neuen Laptop aufdreht, wird über Wochen mit Fragen bombadiert, die völlig sinnfrei sind. Testversion-Verlängerungen, Firewall-Schutz, Java-Aktualisierungen, Bloatware – was diese aufpoppenden Fenster eigentlich sollen, ist ohne Computer-Vorbildung völlig unverständlich. Und eigentlich ist das auch völlig unnötig: Es sollte zumindest die Option geben, einem Computer zu sagen, dass er sich seinen Dreck selber überlegen soll. Auch wenn das alle möglichen Nachteile hat, es braucht einen “Don’t bug the user!”-Modus in Windows. Von mir aus so, dass sich das Ding seine Fragen merkt und beim Login als Admin dann gesammelt stellt.
- Keine blöden Meldungen! “Nicht identifziertes Netzwerk”, meldet Windows 7 beim Versuch, online zu gehen. WTF? Der Computer weiß zu diesem Punkt: Er ist per Kabel mit einem Router verbunden. Wie schwer ist es da, derartige Nonsens-Meldungen zu unterlassen und sich einfach mit dem Router zu verbinden? Ohne Fragen, ohne rote Kreuzerln im Netzwerk-Symbol, ohne Kryptisches wie “Künftige Netzwerke als öffentlich definieren?” zu vermelden. Problem war dann im Endeffekt eine ungültige Proxyeinstellung bei den Internetoptionen. Auch darauf sollte ein Betriebssystem einfach von selber kommen. Betriebssystem sollten viel weniger Entscheidungen den Usern überlassen, auch wenn das die Auskenner nervt.
- Nachdem mich mein Vista per Countdown erpresst hat, den Computer herunterzufahren, ohne Option auf Abbruch (ja, manchmal muss man arbeiten, und da ist ein Windows Update weniger wichtig), bin ich auf Ubuntu umgestiegen. Nett, schnell installiert. Aber als Computer-Ungebildeter ist auch Ubuntu völlig ungeeignet. Warum hat man zwei Paketmanagement-Optionen zugleich? Warum muss man bereits beim Mounten eines Netzlaufwerkes in die Kommandozeile? Warum sind manche Programme nach dem Entpacken zwar lauffähig, aber nicht installiert? Die Frage, ob Linux oder Windows besser ist, ist falsch gestellt – sie kann nur lauten, welches weniger nervt. Derzeit: Ubuntu, mal sehen.
- Auch das vielgerühmte Mac-OS ist eigentlich unbrauchbar. Obwohl ich ja doch Hoffnung pflege, dass das Apple-Tablet neue Wege geht: Es wird Zeit für Computer, die sich nach den Usern richten, und nicht umgekehrt. Und wenn man diese dafür noch so sehr nach unten korrigieren muss.
Dinge, die ich diese Woche gelernt habe
Ich habe eine neue Spezies entdeckt – den Protestabonnierer
Gerade noch rechtzeitig, bevor das Darwin-Jahr aus ist: Ich habe eine neue Spezies entdeckt. Ich nenne sie mal nach mir, irgendwas mit leyreriennsis, muss noch überlegen. Aber zur Spezifikation: Der Protestabonnierer ist Facebook-”Fan” und Twitter-Follower jeder Protestbewegung, die Social Media-Plattformen verwendet. Dabei scheinen der Inhalt, die geografische Entfernung und auch eine etwaige Abstrusität der betreffenden Bewegung keine Rolle zu spielen, so lange sie gegen Obrigkeiten jedweder Art gerichtet ist. Der am stärksten ausgeprägte Charakterzug scheint die Aneignung fremder Konflikte zu sein, gepaart mit der Gewissheit, dass Protest per se immer angebracht ist. Sei es gegen böse Plattenlabels, Saufverbote, echte und empfundene Diktaturen oder Änderungen an Webpage-Designs.
In der Fülle der Protestabos herrscht dabei streng positiv rückkoppelnde Aufmerksamkeits-Ökonomie: Je aktiver der Online-Protest ohnehin ist, desto euphorischer steht der Protestabonnierer hinter diesem betreffenden Anliegen. Ist jedoch der Schwung der Bewegung stagnierend oder gar sinkend, wird rasch zum nächsten Protest-Potenzial übergewechselt. Jedenfalls ist der Protestabonnierer immer für dagegen und befindet sich in permanentem Plebiszit.
Bemerkenswert ist daran
- dass der Protestabonnierer zunehmend Gehör findet. So wie früher (bzw. von manchen Nachzüglern leider auch heute noch) versucht wurde, die Relevanz eines Themas an der Anzahl der Google-Treffer abzulesen, wird heute recht unreflektiert die Anzahl an Fans bzw. Followern als Gradmesser für Protestrelevanz genommen. Dies scheint mir stark hinterfragenswert, denn nicht alles, was in den Social Media starke Unterstützung erfährt, ist auch ein wirklich gesellschaftlich relevantes Anliegen, und umgekehrt: Wirklich essentielle soziale Fragen schaffen es wegen ihrer Allgegenwärtigkeit nie, auf eine nennenswerte Online-Protestwucht zu kommen.
- dass es daher eher die (derzeit schön zu beobachtende) Ausnahme ist, dass Online- und Offline-Protest Hand in Hand gehen. Sonst jedoch weist der Online-Protest oft einen ähnlichen Grad an Aufruhrpotenzial auf, wie es früher die an die Jeansjacke gepinnten Anti-Atom-Anstecker hatten: Mehr als ein paar alte Spießer schrecken ist schwierig. Allzuvieles bleibt gegenseitige Online-Bestätigung von Menschen, die ohnehin der gleichen Meinung sind, ohne dadurch etwas zu verändern. Oder, wie schon viel schöner, gesagt wurde: “This calls for immediate discussion.”
Wenn sich das Protestpotenzial der Social Media – das jeder weltoffene Mensch willkommen heißen muss und das keinesfalls unterschätzt werden darf – jedoch anhaltende Glaubwürdigkeit aufbauen will, sollte damit sorgsamer umgegangen werden. Sich mit allen Konflikten anderer solidarisch erklären, ist schön und gut. Doch wer auf jeden Zug aufspringt, sagt insgesamt recht wenig über die betreffenden Anliegen aus und mehr über sich selber. Damit macht man sich angreifbar.
Und damit verspielen wir u.U. die neue Chance, die Social Media-Protest bietet: Nämlich jenen Gehör zu schaffen, die früher keine Stimme hatten. Wenn alle jetzt bei jeder Gelegenheit online laut durcheinander schreien, werden ausgerechnet die Schwächsten und auch die tiefgreifendsten Anliegen untergehen. Der Protestabonnierer sollte die Evolution nicht scheuen – Online-Protest muss sich weiterentwickeln.
Buchfetisch im Bilderrahmen: Neuer Einsatz für ein Gadget
So da, ich gebe es zu: ich lese derzeit ein Papierbuch, so ein echtes, kein E-Book. Übrigens durchaus empfehlenswert für alle jene, die die Kulturkampf-Hetze gegen Migranten schon nicht mehr hören können: Philippe Legrain- “Immigrants. Your Country Needs Them”. Das kommt bald ins Bücherregal.
Und ich überleg, dorthin noch etwas anderes zu stellen: Einen digitalen Bilderrahmen. Nicht für Fotos, sondern für Fetischisten, Buch-Fetischisten nämlich. Denn eigentlich stehen Papierbücher in der Hauptsache dafür rum, dass Besucher die Titel bewundernd lesen können. So mancher fühlt sich geistig entblößt, wenn man nicht auf den ersten Blick sieht, wie viele tolle Bücher er schon gelesen gekauft hat.
Daher mein Vorschlag für ein neues Einsatzgebiet für die digitalen Bilderrahmen: RSS-Feed-Anzeigedings installieren, und über den Bildschirm dann die Titel aus der E-Book-Bibliothek streamen.
Bildungsprotzen ganz ohne Bücherregal.
Nettes Konzept – mit einem kleinen Verbesserungsvorschlag
Eine nette Idee gibt’s hier: Kleine, baumähnliche Geräte mit Photovoltaik-Zellen, die man u.a. an den Strand mitnehmen kann, um dort Laptop, Mp3-Player etc. mit Sonnenenergie aufzuladen. Klingt ziemlich praktisch, wenn da mal wirklich die nötige Energie gewonnen werden kann und das richtig tragbar ist. Eine Zusatzidee hätte ich: Warum nicht gleich einen Sonnenschirm drauß machen, der PV-Zellen drauf hat und unten Schatten spendet. Ich bin sicher nicht der einzige in der Zielgruppe, der es hasst, in der Sonne zu liegen – und so schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe.