Europäische Zeitung

Zeitungen europäischen Maßstabs als einziger Hoffnungsschimmer im Zeitungssterben

Es gibt vieles, das ich – persönlich und beruflich – beunruhigend (einiges auch schlicht erschreckend) finde an der derzeitigen Krise, die die Digitalisierung und die Werbungseinbrüche in den Old Media ausgelöst haben. In einer speziellen Frage fehlt mir auch jene Hoffnung, die viele Analysten und Zeitungsmacher haben: Lokalisierung ist das Zauberwort, auf das vermehrt gesetzt wird – stark lokalisierte Nachrichten, bis in jeden Kuhstall hinein, sollen die Leser an die Zeitungen binde.

Es liegt sicher an mir, aber das ist genau das, was ich von einer Zeitung nicht will. Mit allen Vorbehalten (ich halte jede Zeitung, die aus Wirtschaftskrisengründen eingestellt wird, für einen schweren Verlust mit fatalen Folgewirkungen): Vielleicht ist das der einzige blasse Lichtblick im Zeitungssterben – dass es irgendwann weniger lokalen Schmus (und damit meine ich insbesondere auch politische Kasperliaden in unserem lieben Heimatland) in der Berichterstattung gibt, und vielleicht irgendwann einmal ein, zwei echte europäische Zeitungen. Die eine viel höhere Schwelle dafür haben, was berichterstattenswert ist. Und damit lokalpolitischen Hickhack in all seiner Lächerlichkeit einfach ignorieren. Damit meine ich nicht irgendwelche Bezirkskaiser, die über Hundstrümmerln streiten. Sondern jene unprofessionelle Kaste an Dauerstreitern, die das wenige Wichtige, das in Österreich noch entschieden wird, durch Verbohrtheit, Trägheit und Rücksichtnahme auf Parteibefindlichkeiten nicht auf die Reihe kriegen.

Vielleicht müsste die Taktik so sein wie bei einem pubertierenden Kind: Wenn gewisse ewig pubertäre österreichische Verhaltensmuster weniger mediale Aufmerksamkeit bekommen, vielleicht wird es dann auch den Ausübenden zu blöd. Und vielleicht wird dann Politik gemacht, wo es nicht um Befindlichkeiten von Ewiggestrigen, von veralteten Stände-Vertretern, der Modernisierungsverlierer, von Ausgrenzern, Raunzern, Giftversprühern geht, sondern um jene Angelegenheiten, um die sich die Bevölkerung in einem Staat des 21. Jahrhunderts wirklich kümmern sollte. In Kooperation mit den Nachbarländern, ohne Rücksicht auf nationale Mythen und Feindseligkeiten, ohne internationalem DSW.

So eine europäische Zeitung, die ohne Verortung in einem bestimmten Land soetwas wie eine überregionale Zeitung der EU ist, würde ich sofort abonnieren. Von Österreich will ich nur wissen, was sein muss. Aber ich will auch keine französische, deutsche, britische Perspektive. Ich will eine europäische Perspektive. Oder, im Idealfall, mehrere Perspektiven. Mehrere Zeitungen, die in der ganzen EU gleichberechtigt erscheinen. Wo internationale Politik jene Aufmerksamkeit findet, die ihr gebührt, und nationale jene Ignorierung, die ihr zusteht. Wo EU-Angelegenheiten nicht als Außenpolitik gelten.

Und es ist eine Schande, das jenes Blatt, das dieser Hoffnung am nächsten kommt, ein US-amerikanisches ist.