Film

Schlechte Nachrichten für die Botox-Industrie

Also eines war “Tron Legacy” sicher nicht: Unterdiskutiert. Überraschend dabei war nicht der heiße Geek-Eifer. Sondern dass (zumindest meiner Medienwahrnehmung nach) ein extrem spannender Aspekt völlig unterbeleuchtet blieb: der computergenerierte junge Jeff Bridges.

Der war nämlich extrem glaubwürdig. Und ein proof of concept: demnächst dürften computeraninmierte Schauspieler wirklich glaubwürdig sein. Mit weitreichenden Folgen.

Der erste Einsatzbereich: alternde Diven. Statt sich mit Botox das Gesicht zur Monster-Maske zu spritzen, werden Meg Ryan und Co künftig wohl ewig Mitte 20 sein. Das Rezept dafür hat Tron vorgezeigt.

Und dann werden wohl bald einige alte Hollywood-Stars wieder auferstehen: Völlig computeranimiert spielen Monroe, Bogart, Grant wieder auf. Da klingelt die Kinokassa.

Ja, der Computer-Jeff war ein bissi gesichtslahm. Aber, mal ehrlich, das sind viele Schauspieler sonst auch. Der Harry-Potter-Typ etwa.

Jedenfalls: Hollywood-Agenten werden bald wohl um Rechte an virtuellen Lebensaltern von Stars verhandeln. “Julia Roberts” von 21 bis 30, vertreten durch Agent XYZ, spielt in “Pretty Woman 7” mit Humphrey Bogart. Dann übrigens hör ich auf, Kinofilme zu schauen.

Hollywood, wir haben ein Problem

Mehr Amerikaner spielen Video- und Computerspiele als ins Kino gehen, zeigt laut diesem Bericht eine neue Studie (via Martin). Das ist sicher eine spannende Kennzahl. Aber ich bin überzeugt: Würde man die Zeit untersuchen, die die Unter-30-Jährigen in verschiedene Unterhaltungsformen investieren, haben Games schon seit Jahren dem Kinofilm den Rang abgelaufen. Denn der dauert circa 2 Stunden. Wie lange man an ausgewählten Computergames Spaß hat, ist schwer zu sagen – aber es ist ein vielfaches dieser Dauer.

Und es ist ebenso überhaupt keine Frage, dass man pro investiertem Euro oder Dollar von einem Computerspiel mehr hat. Da wundert es nicht, dass Games gerade in Zeiten der Krise boomen. Daher bin ich sicher: Sollte der Filmmarkt bald beginnen, ebenso zu schrumpfen wie der weltweite Musikverkauf, werden sie es ebenso auf die Raubkopierer schieben. Aber anders als in der Musik glaube ich wird das Interesse an Film auch wirklich zurückgehen – zu Gunsten von Games.

“Monsters vs. Aliens”: Game schlägt Film dort, wo es weh tut

Eher unauffällig hat Wired in einer Game-Review etwas geschrieben, das ich persönlich mit Spannung erwartet habe: “Monsters vs. Aliens: The Videogame Outdoes the Movie for Fun“, also dass das Wii-Spiel zum neuen Animations-Film lustiger ist als der Streifen selbst. Wenn’s stimmt, dann sollte dies nicht unterschätzt werden: Hier steht nicht weniger als die letzte Bastion auf dem Spiel, die Filmproduzenten im Wettstreit der Unterhaltungs-Genres noch halten konnten, nämlich die Vorherrschaft in der Regie: Bis jetzt schien es schwer, den emotionalen Ablauf (also Humor, Gefühle, Tränendrücker) eines Filmes überzeugend in die doch durchaus andersartigen medialen Umgebungsvariablen eines Games zu übertragen. Oder, anders gesagt, Spiele zu Filmen waren meistens soetwas wie die hässlichen, doofen Cousins der Filme.

Den Journalisten prognostiziert man immer, dass sie in Zukunft gleichberechtigt für alle medialen Verwertungsformen (Video, Ton, Text) arbeiten können müssen (und dies auch gleichzeitig machen werden). Ich glaube, dass ähnliches auch im Filmmetier passieren wird: Irgendwann werden Film und Game gleichzeitig und gleichberechtigt entstehen, und auf gleichem Niveau.

Games für jene, die zu sehr Snob sind zum Computerspielen

Das Gute am Kinogehen ist, dass man nicht nur unterhalten wird, sondern danach auch gescheite Sachen sagen kann. Kaum jemand zweifelt noch an, dass (zumindest gewisse) Filme Hochkultur sind. Wenn Computerspiele wirklich mit dem Medium Film als ernst genommenes kulturelles Produkt konkurrieren wollen, dann müssen sie daher den Spieler auf hohem Niveau und vielen Ebenen – emotional, ästhetisch und auch hirnmäßig  – fordern. Mal abgesehen von den Simulationsspielen (Civilization, Sim City etc), die schon vom Prinzip her an die Intelligenz appellieren, haben nur wenige Games das bisher in vollem Umfang geschafft. Dazu zähle ich:

  • Planescape: Torment“: Alt, aber von unübertroffener narrativer Tiefe. AD&D-Rollenspiel über den passend benannten Hauptcharakter Nameless One, der zwar unsterblich ist, aber keine Erinnerung daran hat, wer er ist. Seine Reise in die eigene Biografie zeigt nach und nach, dass er das Gegenteil eines Helden war. Moralische Ambivalenz, die keine falsche Heldenhaftigkeit aufkommen lässt, berührend, intelligente Dialoge, fantastisches Finale.
  • Infocom-Adventures: Noch älter, mindestens genausogut. Leider ausgestorbene Form des völlig grafikfreien Computerspielens, bei der der Spieler gleichsam in ein interaktives Buch eintaucht und über Texteingaben das Fortschreiten beeinflusst. Klassiker der Klassiker: “The Hitchhiker’s Guide To The Galaxy“, eines der witzigsten Spiele bisher. Heutzutage perfekt für Handys mit Volltastatur.
  • Eve Online“: Intelligenzherausforderung selbst für den arrogantesten Gscheiti. MMORPG, das die wohl steilste Lernkurve aller Spiele hat, die ich kenne: Wer das hochkomplexe Wirtschaftssystem des aus Island stammenden Spieles mal verstanden hat, wird dafür mit einem außergewöhnlichen Ansatz für Online-Games belohnt. Die Entwickler haben mit Soziologen und Wirtschaftsexperten zusammengearbeitet (Info via 3sat), die Spieler müssen sich ihre eigene Nische im Handelsystem suchen und Diplomatie betreiben. Soetwas wie der große, schöne Bruder des Uralt-Klassikers “Elite“.

Ergänzungen folgen und sind auch als Kommentar herzlich willkommen – potenzielle Kandidaten, die ich nicht gespielt habe, gibt es genug.

Liebe Musikindustrie: Yes, somebody else can

Während seit Jahren die Musikindustrie jammert, dass ihr die Verkäufe wegbrechen, hat eine andere Unterhaltungsform offenbar keine Probleme mit der Kundschaft der Marktentwicklung: Und das, obwohl schon in den guten alten 80er Jahren Computerspiele heftig raubkopiert wurden. Liebe Musikindustrie, was macht ihr falsch? Über die Misere beim Online-Musikmarkt braucht nichts mehr gesagt werden. Nur ein Apercu:

Die CD-Verkäufe, die als Vergleichswert für die derzeitigen Rückgänge gelten, waren immer größer als der tatsächliche Musikmarkt. Ja, wir alle haben uns unsere alten Lieblingsplatten auf CD nochmal gekauft. Das hat gute Verkaufszahlen suggeriert, die es nie wieder geben wird – noch einen Medienwechsel spielen die finanzstarken erwachsenen Musikfans nicht mit. Und mittlerweile schnallen auch die Kids, wie sie sich ihre Lieblingsmusik als Klingelton aufs Handy holen, ohne dafür Wucherpreise zu bezahlen. Die Musikverkäufe gehen nun auf ein realistisches Maß zurück. Zeit, sich daran zu gewöhnen.

Ein Outing noch: Ich halte Computerspiele für Kultur. Auch Ballerspiele. Was fehlt? Ein Haufen Intellektueller, die ein paar Gescheitheiten über Games sagen, so wie die Filme in den 60er Jahren plötzlich das Liebkind der Intellektuellen waren. Ein paar Jahrzehnte später darf nun ein Gutteil der Studenten irgendeine Diplomarbeit über Film schreiben.

Prognose: In 20 Jahren gibt’s die Game-Viennale, und dort laufen genauso viele Vielschwätzer rum wie bei den derzeitigen Filmfestivals.