Games

Ich bin: arbeitssüchtig, schlafsüchtig, lesesüchtig

“Die Zeit” war auch schon mal progressiver und hat Stereotypen etwas intensiver hinterfragt: “Sechs bis sieben Stunden verbringen 15-Jährige am Tag vor Bildschirmen – anderthalb Stunden davon mit Computerspielen. Da bleibt kaum noch Zeit für das “echte” Leben”, heißt es in einem Artikel, der gleicheinmal mit “Die Sucht der Stubenhocker” betitelt ist. Und so ziemlich jede Denkfalle mitspielt, die in diesem Bereich lauern (nur die mit den Gewaltspielen nicht, soviel sei lobend erwähnt).

In meiner Schulzeit waren die Psychologuiestudentinnen in der Schule unterwegs und haben uns aufgeregt erklärt, dass wir fernsehsüchtig sind (ich habe ihnen schon damals nicht gesagt, dass ich mehr Zeit hinter dem Computer verbringe ;)… Jetzt schauen die Kids halt weniger fern und sind lieber aktiv am Computer als sich passiv berieseln zu lassen. Aber süchtig sind sie natürlich trotzdem…

14.300 Computersüchtige Kids soll es laut “Zeit” in Deutschland geben, und diese “Sucht” wird gleich mit Drogen und Alkohol in einen Topf geworfen. Die Kriterien? “Sie können selbst dann nicht aufhören, wenn sie erkennen, dass ihnen das Spielen schadet: Freunde werden vernachlässigt, in der Schule kommen sie nicht mehr mit oder es fehlt ihnen die Zeit für anderes”, heißt es in dem Artikel.

Also nach diesen Kriterien bin ich: Arbeitssüchtig (weit mehr als 7 Stunden am Tag, und manchmal kann ich nicht aufhören, auch wenn ich dafür anderes vernachlässige), schlafsüchtig (muss ich jeden Tag zwanghaft machen, sonst bekomme ich körperliche Entzugserscheinungen) und lesesüchtig (selbes Argument).

Von der “Zeit” hätte ich, ganz ehrlich, mehr erwartet als die unreflektierte Wiedergabe von offenbar einseitigen Studien. Vor allem die Gamer wieder als kontaktscheu hinzustellen, ist vergleichsweise einfältig.

“Fallout 3” ist ein großartiges Game – weil es depressiv macht

“Wired” weist richtig darauf hin: “Fallout 3” ist genau deswegen ein großartiges Spiel, weil es depressiv macht. “Many such games thrill me, but very few make me sad. That’s precisely what Fallout 3 achieved”, heißt es in der Rezension. Und damit wird ein wichtiger Punkt angesprochen: Viele Games unterfordern die emotionale Bandbreite von denjenigen, die mehr im Hirn haben als Ballern und Schnellfahren. Wenn sich das mal ändert, dann werden Computerspiele wohl endgültig als das gesehen, was sie sind: Kultur.

Marktlücke: Computerspiele für Erwachsene

Pink Floyd-Mastermind Roger Waters hat einmal etwas sehr Wahres über Popmusik gesagt: “The only thing that is important is whether it moves you or not”. Und das ist genau das, was 99 Prozent der Computerspiele noch abgeht: Die emotionale Bindung (nicht zu verwechseln mit der gerade in Games sehr starken Identifikation) des Spielers an die Handlung – eine gewisse Dramatik, Humor, vor allem aber: moralische Fragen, die schwer zu lösen sind und die nichts mit Feen, Drachen oder sonstigen Fantasy-Welten zu tun haben. Leider strotzen viele Games stattdessen vor Klischees, die bis zu einem gewissen persönlichen Entwicklungsgrad noch ganz lustig sind, aber dann nerven.

Ich finde es wird Zeit, dass mal ein paar Independent-Spieleschmieden Games für Erwachsene machen. Und zwar solche, die nicht deswegen über 18 sind, weil sie zuviel Gewalt oder ein paar spärlich bekleidete Pixelbräute zeigen, sondern die zusätzlich zu Spielspaß, Grafik und Motivation auch komplexe Emotionen transportieren können.

Games für jene, die zu sehr Snob sind zum Computerspielen

Das Gute am Kinogehen ist, dass man nicht nur unterhalten wird, sondern danach auch gescheite Sachen sagen kann. Kaum jemand zweifelt noch an, dass (zumindest gewisse) Filme Hochkultur sind. Wenn Computerspiele wirklich mit dem Medium Film als ernst genommenes kulturelles Produkt konkurrieren wollen, dann müssen sie daher den Spieler auf hohem Niveau und vielen Ebenen – emotional, ästhetisch und auch hirnmäßig  – fordern. Mal abgesehen von den Simulationsspielen (Civilization, Sim City etc), die schon vom Prinzip her an die Intelligenz appellieren, haben nur wenige Games das bisher in vollem Umfang geschafft. Dazu zähle ich:

  • Planescape: Torment“: Alt, aber von unübertroffener narrativer Tiefe. AD&D-Rollenspiel über den passend benannten Hauptcharakter Nameless One, der zwar unsterblich ist, aber keine Erinnerung daran hat, wer er ist. Seine Reise in die eigene Biografie zeigt nach und nach, dass er das Gegenteil eines Helden war. Moralische Ambivalenz, die keine falsche Heldenhaftigkeit aufkommen lässt, berührend, intelligente Dialoge, fantastisches Finale.
  • Infocom-Adventures: Noch älter, mindestens genausogut. Leider ausgestorbene Form des völlig grafikfreien Computerspielens, bei der der Spieler gleichsam in ein interaktives Buch eintaucht und über Texteingaben das Fortschreiten beeinflusst. Klassiker der Klassiker: “The Hitchhiker’s Guide To The Galaxy“, eines der witzigsten Spiele bisher. Heutzutage perfekt für Handys mit Volltastatur.
  • Eve Online“: Intelligenzherausforderung selbst für den arrogantesten Gscheiti. MMORPG, das die wohl steilste Lernkurve aller Spiele hat, die ich kenne: Wer das hochkomplexe Wirtschaftssystem des aus Island stammenden Spieles mal verstanden hat, wird dafür mit einem außergewöhnlichen Ansatz für Online-Games belohnt. Die Entwickler haben mit Soziologen und Wirtschaftsexperten zusammengearbeitet (Info via 3sat), die Spieler müssen sich ihre eigene Nische im Handelsystem suchen und Diplomatie betreiben. Soetwas wie der große, schöne Bruder des Uralt-Klassikers “Elite“.

Ergänzungen folgen und sind auch als Kommentar herzlich willkommen – potenzielle Kandidaten, die ich nicht gespielt habe, gibt es genug.

Liebe Musikindustrie: Yes, somebody else can

Während seit Jahren die Musikindustrie jammert, dass ihr die Verkäufe wegbrechen, hat eine andere Unterhaltungsform offenbar keine Probleme mit der Kundschaft der Marktentwicklung: Und das, obwohl schon in den guten alten 80er Jahren Computerspiele heftig raubkopiert wurden. Liebe Musikindustrie, was macht ihr falsch? Über die Misere beim Online-Musikmarkt braucht nichts mehr gesagt werden. Nur ein Apercu:

Die CD-Verkäufe, die als Vergleichswert für die derzeitigen Rückgänge gelten, waren immer größer als der tatsächliche Musikmarkt. Ja, wir alle haben uns unsere alten Lieblingsplatten auf CD nochmal gekauft. Das hat gute Verkaufszahlen suggeriert, die es nie wieder geben wird – noch einen Medienwechsel spielen die finanzstarken erwachsenen Musikfans nicht mit. Und mittlerweile schnallen auch die Kids, wie sie sich ihre Lieblingsmusik als Klingelton aufs Handy holen, ohne dafür Wucherpreise zu bezahlen. Die Musikverkäufe gehen nun auf ein realistisches Maß zurück. Zeit, sich daran zu gewöhnen.

Ein Outing noch: Ich halte Computerspiele für Kultur. Auch Ballerspiele. Was fehlt? Ein Haufen Intellektueller, die ein paar Gescheitheiten über Games sagen, so wie die Filme in den 60er Jahren plötzlich das Liebkind der Intellektuellen waren. Ein paar Jahrzehnte später darf nun ein Gutteil der Studenten irgendeine Diplomarbeit über Film schreiben.

Prognose: In 20 Jahren gibt’s die Game-Viennale, und dort laufen genauso viele Vielschwätzer rum wie bei den derzeitigen Filmfestivals.