Kraftwerk

Die gegenstandslose Welt und das dynamische Schweigen

Nein, mit Zitaten belegen kann ich es nicht, aber: Bei allen drei Konzerten der deutschen Band Kraftwerk, die ich bisher gesehen habe, fiel mir auf, dass die deutschen Herrschaften kräftig von Kasimir Malewitsch beeinflusst worden sind. Wer’s nicht kennt: Russe, hat Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Namen “Suprematismus” fantastische abstrakte Gemälde gemacht, die auf ungefähr eines hinauslaufen: Malewitsch wollte die Welt vom Ballast der Gegenständlichkeit befreien.

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. In starker Anlehnung an Arthur Schopenhauer hat Malewitsch durch etwa sein “Schwarzes Quadrat” (eine Ikone der abstrakten Kunst) ausgedrückt, dass die gegenständliche Welt soundso nur Täuschung ist, und dass der Kern der Sache nicht über die Abbildung von einzelnen Gegenständen erreicht werden kann, sondern nur, wenn man aufhört, sich mit derartigen Blendwerken zu beschäftigen. Kurz gesagt: Wenn ich mir Menschen, Obstkörbe oder röhrende Hirsche anschauen will, brauch ich kein Bild betrachten. Die Wahrheit über die Welt finde ich darin jedenfalls nicht.

Also hat Malewitsch die Malerei für eine zeitlang bewusst darauf reduziert, mit der Grundform des Quadrats (gedreht wird daraus ein Kreis, halbiert ein Dreieck) zu arbeiten und reine emotionale Aussagekraft über die Relationen zwischen diesen gemalten Quadratformen auf der Leinwand empfindbar zu machen.

Was das mit IT und Kultur zu tun hat? Sehr viel.

Nicht nur den Bezug zu Kraftwerk, siehe oben. Auch nicht nur seine utopischen Architekturentwürfe von Städten, die nicht bewohnbar sein sollen, sondern Räumlichkeit empfindbar machen (vergleiche hier).

Sondern auch, dass analog zur “gegenstandslosen Welt”, die Malewitsch hinter der realen empfindbar machen will, sich aus dem unaufhörlich rauschenden Quasselstrom im Internet wohl auch eine hinter die Individualität blickende Essenz des Menschlichen destillieren ließe.

WTF?

Soll heißen: Online rauscht und rauscht und rauscht ein Monolog des Menschen mit sich selbst. Jeder glaubt, etwas wichtiges zu sagen zu haben. Und jeder glaubt, dass die meisten anderen nichts wichtiges zu sagen haben. Wenn man ehrlich ist, ergibt sich daraus: Mit guter Wahrscheinlichkeit hat so gut wie niemand von uns wirklich etwas zu sagen, das wichtig ist. Wichtig im Sinne, dass es niemand anderer genausogut sagen könnte.

Menschen sind Meinungsmixe, wobei das Konglomerat an Meinungen zwar durchaus individuell ist, die einzelnen Ansichten aber höchst austauschbar. Auch wenn wir unsere eigenen Meinungen noch so ernst nehmen und noch so vehement ins Netz hinausblasen: Wir sind Klischee. Für jedes a, das ich mag, gibt es Millionen andere, die das auch mögen, jedes b, das ich blöd finde, finden Millionen andere auch blöd.

Daher macht es wenig Sinn, diesen Meinungen im einzelnen zu vertrauen, oder auch nur aufmerksam zuzuhören.

Sondern es ist einen Versuch wert, das Wortgewusel zum inneren Online-Monolog des Menschen zu abstrahieren: Also aufzuhören, den Meinungen per se zuzuhören, sondern auf diesen universellen Dick Size War gleichsam von außen zu schauen. Und so aus diesem ständigen Absondern von Gegenpositionen herauszudestillieren, was die Menschen essentiell verbindet. Denn Meinung und Gegenmeinung, die Individuen heftig vertreten, heben einander ohnehin auf. Was bleibt aber hinter diesen Zufälligkeiten über?

Crowdsourcing goes Philosophy.

Als Meditationsübung empfehle ich ein Kunstprojekt, das ich vor Jahren auf der Ars Electronica kennengelernt habe und das mich nicht mehr losgelassen hat: Den “Listening Post”. Der klinkt sich in Chaträume ein und liest mit, was die Menschen über sich schreiben. Seien wir ehrlich: Das ist zumeist zum Speiben stupide, von “I’m a hot girl” über “I’m proud of not being British” bis “I’m still used to Windows”. Aber der “Listening Post” greift diese Zitate auf und macht daraus großes minimalistisches Kunst-Kino, er gibt diesem Rauschen eine Stimme. Anhören:

Die erste Erkenntnis daraus: Malewitsch sagt, wenn die Gegenständlichkeit überwunden ist, dann wird der ganze Erdball eingehüllt “in den Rhythmus der kosmischen Unendlichkeit eines dynamischen Schweigens.” Das täte gerade dem Internet oft gut.

Daher: Over and out.

Die Menschmaschine spricht

Wie lange schon Technologie und Pop-Kultur ganz wunderbare Schnittstellen haben, dafür steht exemplarisch natürlich die deutsche Band Kraftwerk: Da trifft sich Popmusik, technophile Ästhetik und viel Hirnschmalz.  Und noch dazu verweigern sie jede Bewegung auf der Bühne, wofür alleine man sie schon lieben muss (sollte man zumindest glauben). Umso netter, wenn es dann wieder einmal neue Wortspenden gibt. Für Interessierte und solche, die es noch werden wollen: Frische Interviews im Guardian und im Telegraph. Schade, dass meine Interviewanfrage für’s Urban Art Forms nicht gefruchtet hat…

Und wer nicht weiß, was ihn an Kraftwerk interessieren sollte, der findet viel interessante Info genau hier.