Old Media

Mitten im Gelsenschwarm: Der Geldwert von Journalismus

Meine Güte, wiedereinmal daneben gegriffen. Ich habe mich anstecken lassen vom Glauben an die Informationsgesellschaft, davon, dass aktuelles Wissen das ist, was künftig zählen wird, dass es unerlässlich ist, Information zu haben und vielleicht auch noch damit umgehen zu können. Dass es einen Wert hat, genau jene Information öffentlich zu machen, die sonst vielleicht verborgen bliebe. Kurz: Ich bin Journalist geworden, was offenbar eine blöde Idee war. Denn eigentlich verdiene ich es offenbar, wenig Geld zu verdienen.

Journalismus kreiere so gut wie keinen Geldwert, schreibt ein Medien-Uniprofessor (was ja an und für sich schon eine gewisse Ironie birgt) im renommierten “Christian Science Monitor”. Jeder hat heute selbst Zugriff auf Quellen, kann die darin gefundene Information bewerten und auch weiterverbreiten. Und entwertet damit meine Arbeit so sehr, dass jedes Gehalt zum Gnadenakt wird.

Fundamentaler können Irrtümer nicht sein.

5 Milliarden Dollar hat Google 2008 über sein Ad-Sense-Programm an die Medien weitergegeben. Und das Suchmaschinenunternehmen tut gerade so, als müssten sich die Medien dafür bedanken. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Google schneidet an der Arbeit anderer mit und nimmt damit eigentlich die klassische Verlegerrolle ein – nur ohne jene inhaltliche Auseinandersetzung, jene Liebe zum Gedanken, die die besten Verleger ausgezeichnet hat. Und oft auch ohne Einverständnis derjeniger, die den Content erstellen. Der pikierte Hinweis, dass man doch eh den Zeitungen Werbung bringe, während man selbst Geld verdient, mutet an wie ein Trafikant, der glaubt, dass die Zeitungen ohne ihn kein Geschäft machen würden – das Gegenteil ist der Fall.

Ohne den professionellen Content, den Journalisten erstellen und in der Vergangenheit erstellt haben, wäre das WWW eine viel weniger allwissende Müllhalde, hätten die Blogger nichts, worüber sie x-mal das selbe schreiben könnten, hätten Suchmaschinen weit weniger hochwertige Daten zum Durchsuchen.

Das Problem ist eher: Den Geldwert, den Journalisten erstellen, streifen zunehmend andere ein. Neben Google sind das auch die Blogger, die Old Media als “Inspiration” für die Posts verwenden und dann über Google-Ads mit den Zugriffen Geld verdienen. Ebenso unzählige Portale, die Nachrichten aus aller Welt zusammenstehlenstellen, um Clicks anzulocken. Jeder Text, der von Journalisten erstellt und in einem Medium publiziert wird, ist wie ein unbedarfter Ausflügler im Gelsenschwarm: Eine warme Instant-Mahlzeit für Nutznießer, die nichts zurücklassen außer vielleicht ein unangenehmes Jucken.

Wer glaubt, dass Content nur dann Wert hat, wenn er direkt Geld bringt, hat übrigens auch das Prinzip hinter User Generated Content nicht verstanden. Nur weil jeder einzelne fleißig – manchmal auch: dumm – genug ist, gratis Content zu erstellen, heißt das ja noch lange nicht, dass niemand was daran verdient. Siehe Myspace, Facebook, Last.fm, YouTube etc. – nein, die speichern nicht aus Gutmütigkeit oder sozialem Gewissen eure Fotos, Beziehungsstatus-Meldungen, Videos, Shopping-Vorlieben, Geburtsdaten, Musikempfehlungen… Dass die Business-Modelle oft noch nicht ausgereift sind, ist ein anderes Problem.

Ich bin sicher, dass so mancher Uni-Professor vielleicht genug Zeit hat, sich täglich seine Nachrichten zu erstellen, in dem er Originalquallen durchschmökert, sie gegen andere abwägt, vielleicht auch noch deren Inhalt überprüft, ein, zwei Recherche-Telefonate macht, das Ergebnis von einem Experten im jeweiligen Gebiet einschätzen lässt, daraus einen Text mit Video macht und das dann online stellt. Hurra!

Aber auch in der schönen neuen Online-Welt kann und will nicht jeder diesen Aufwand investieren. So, wie nicht jeder Musik machen oder Videos drehen will, wollen nicht alle Nachrichten generieren. Sondern konsumieren. Die Gesellschaft hat diese Funktion nicht zu Unrecht schon einem Outsourcing unterzogen, als dieser Begriff noch ein Jahrhundert lang nicht die Globalisierungsdebatte geprägt hat. Ich bin überzeugt: Nach dem Ende der RSS-Goldgräberstimmung werden viele aus den endlosen Weiten der Überinformation zurückkehren und den Wert von Gatekeepern erst so richtig schätzen.

Journalismus kostet Zeit, Geld, Penetranz, Durchhaltevermögen. Es ist ein verfassungsmäßiges Recht damit verbunden. Und wirkliche journalistische Arbeit braucht das Renomee einer Institution: Niemand, der nicht ein wichtiges Medium im Rücken hat, kann Politiker, Firmenchefs, Wissenschafter, Sportstars sprechen. Diese Exklusivität des Zugangs zu den Entscheidungsträgern haben nur Old Media.

Es ist ein bisschen lächerlich, wenn auch oft wiederholt (u.a. auch im oben verlinkten Artikel), den Journalisten abzusprechen, dass sie einzigartige Fähigkeiten haben – oder auch nur was gescheites gelernt. Journalisten sind ja keine Elektriker oder Professoren, ätzt der Medienprofessor (und reitet sich damit selber wieder einen Schritt in die Selbst-Satire hinein), haben also keine abgestempelte Ausbildung zum Journalisten. Das ist nur eine Facette im derzeitigen Bashing der Journaille, die oft mit dem Verve des Beleidigtseins geführt wird, insbesondere von jenen, die selber gerne Journalist geworden wären, und jenen, die offenbar postödipale Probleme mit eingebildeten Autoritäten haben. Nein, es gibt keine Ausbildung, die jemandem zu einem guten Journalisten macht. Für die meisten wirklich spannenden Berufe gibt es das nicht. Gebraucht wird eigentlich das Gegenteil einer Fachidioten-Ausbildung: Ein Mix an Talenten, die Fähigkeit, über jeden Tellerrand hinauszusehen. Mal abgesehen von Belastbarkeit und Schnelligkeit.

Dass aber immer weniger Menschen dazu bereit sind, für Qualitätsjournalismus zu zahlen, ist Zeichen der Digitalisierung, sagt sehr wenig über die Qualität eines Produktes aus (liebe Grüße an die Musik- und Filmschaffenden) und hat Vor- und Nachteile. Von einem bin ich überzeugt: Je mehr Information es gibt und desto zeitaufwendiger es wird, sich ein umfassendes Bild zu machen, desto wertvoller werden Anlaufstellen, werden Angebote statt Nachfrage. Nicht zuletzt, weil man hin und wieder auch mal gerne etwas findet, das man nicht gesucht hat.

Old-Media-Bashing ist noch kein Online-Journalismus

Als Reaktion auf Sonjas Kommentar:

Die Reaktion auf den Lorenz-Sager ist ein gutes Beispiel gerade auch für jene Feedbackschleifen, die mich stören. Und der Aufruhr, der darum entstanden ist, hat auch gezeigt, wie stark der Konsenswattebausch ist, mit dem sich die Blogger selbst wieder umgeben.

Die heftige Reaktion hat viel Angerührtsein und viel Boulevard-Leserbriefhaftes an sich – und vor allem: eine ziemlich unheimliche Konsensbildung. Ja eh ist das Internet kein “Scheiß”. Aber Beleidigtsein und sich mit anderen Beleidigten zu verbünden ist als Reaktion auf ein bisschen Provokation ziemlich mager. Und inwiefern ist es besser, gemeinsam auf den ORF zu schimpfen, als dass ein TV-Macher aufs Internet schimpft?

Ausgerechnet da, wo es darum ging, Blogs, Webseiten, Twitterfeeds et al als nennenswertes Medium zu zeigen, haben die Proponenten kaum mehr zusammengebracht als Empörungsgestus und Boulevard-Meinungsmache. Argumente, warum das Internet kein Scheiß ist, und fundierte, zornfreie Medienkritik habe ich kaum gefunden (freue mich über Linkhinweise).

Was mir auch fehlt: Das Bewusstsein, dass “Old” und “New” Media nicht gegeneinander arbeiten. Es gibt zig Kriterien, die Medien erfüllen müssen, und weder Fernsehen noch Radio noch Print noch Online erfüllen sie alle – es gibt keinen klaren Sieger. Tief durchatmen, und alle Kanäle nützen.