Online-Medien

Old-Media-Bashing ist noch kein Online-Journalismus

Als Reaktion auf Sonjas Kommentar:

Die Reaktion auf den Lorenz-Sager ist ein gutes Beispiel gerade auch für jene Feedbackschleifen, die mich stören. Und der Aufruhr, der darum entstanden ist, hat auch gezeigt, wie stark der Konsenswattebausch ist, mit dem sich die Blogger selbst wieder umgeben.

Die heftige Reaktion hat viel Angerührtsein und viel Boulevard-Leserbriefhaftes an sich – und vor allem: eine ziemlich unheimliche Konsensbildung. Ja eh ist das Internet kein “Scheiß”. Aber Beleidigtsein und sich mit anderen Beleidigten zu verbünden ist als Reaktion auf ein bisschen Provokation ziemlich mager. Und inwiefern ist es besser, gemeinsam auf den ORF zu schimpfen, als dass ein TV-Macher aufs Internet schimpft?

Ausgerechnet da, wo es darum ging, Blogs, Webseiten, Twitterfeeds et al als nennenswertes Medium zu zeigen, haben die Proponenten kaum mehr zusammengebracht als Empörungsgestus und Boulevard-Meinungsmache. Argumente, warum das Internet kein Scheiß ist, und fundierte, zornfreie Medienkritik habe ich kaum gefunden (freue mich über Linkhinweise).

Was mir auch fehlt: Das Bewusstsein, dass “Old” und “New” Media nicht gegeneinander arbeiten. Es gibt zig Kriterien, die Medien erfüllen müssen, und weder Fernsehen noch Radio noch Print noch Online erfüllen sie alle – es gibt keinen klaren Sieger. Tief durchatmen, und alle Kanäle nützen.

Individueller Online-Medienkonsum als Vorurteilsbeförderungsspirale

Dass das Internet als Medium nicht wirklich ernst zu nehmen sei, postuliert nun auch Armin Thurnher (bereits zum zweiten Mal in Folge) im Falter. Hauptargument: Die allgemeine gesellschaftliche Verständigung darüber, was wichtig ist, geht verloren. Ob das so richtig wichtig ist (und ob es diese Verständigung in der Form je gegeben hat), interessiert mich eigentlich weniger. Ich glaube, jenen hochinformierten und gepflegt verantwortlich-staatsbürgerlichen Medienkonsum, von dem ausgehend derzeit allerorten der Verfall der Medien beklagt wird, hat es in weiten Teilen der Bevölkerung nie gegeben, insbesondere nicht in Österreich. Und eigentlich sollte gerade aus dieser Argumentation heraus ein aktiver Medienkonsument, der sich nichts vorsetzen und aufzwingen lässt, doch eigentlich begrüßt werden.

Hoch problematisch ist für mich jedoch jene Feedbackschleife, die die fortschreitende Abwendung von Old Media auf der individuellen Ebene mit sich bringt: Medienkonsum erzeugt im Idealfall Reibungshitze – nichts ist so wichtig beim Nachrichtenlesen wie jenes Gefühl an Widerspruch, das sich dann regt, wenn das konsumierte Medium eine Sicht transportiert, die eben nicht der eigenen entspricht.

Was aber passiert nun, wenn ich mir über meinen Feed-Cocktail jenen Medienmix zusammenstelle, der meine Interessen, meine Meinungen und mein Weltbild möglichst ideal bedient? Vor allem eines: Die Sicht auf die Welt verengt sich, denn sie wird nicht mehr auf die Probe gestellt – es entsteht eine Vorurteilsbeförderungsspirale. Zuletzt geht es einem so wie jenen Politikern, die sich nur mit Ja-Sagern umgeben: Man sieht nur noch, was man sehen will, und ist zuletzt überrascht, wenn die Welt nicht mehr mit dem eigenen Bild zusammenpasst.

Insofern wäre jenes insbesondere bei fleißigen Forenkommentatoren ausgeprägte Gefühl, dass jeder alles besser weiß als wir Journalisten, den Massenmedien eigentlich als positiver Effekt zuzuschreiben: Wirklich aktiver Medienkonsument ist nicht jener, der sich die eigenen Vorurteile bestätigen lässt. Sondern jener, der aktiv danach sucht, sie widerlegen zu lassen.

Vorsatz für 2009: Mehr Medien, egal wie, konsumieren, die eigentlich jemanden anderen bedienen wollen als mich.