Österreich

Mein Twitter, mein Space

Twitter macht wieder Spaß!

Was für eine großartige Sache. Ich habe Österreich in eine Liste verpackt. Alle Parteigänger, alle “Meinungsbildner” im Land der Zwerge, alle Proporzgläubige und politisch Festgezimmerten, alle jene, deren Horizont an den Alpen endet (und einige andere, die ich aus verschiedenen anderen Gründen nicht in der Timeline haben wollte).

Ich habe sie entfolgt und in eine Liste gesteckt, wo sie außerhalb meiner Timeline DSWs abhalten können, so viel sie wollen. Und dort schau ich nur noch rein, wenn die mentale Verfasstheit es zulässt. Wenn ich gerade über Österreich lachen kann, es nicht ernst nehme. Wenn im Fernsehen nicht gerade irgendeine Politdiskussion läuft, die dann auf Twitter überschwappt, wo man dann prompt mit dummdreister Politproporzpropaganda belästigt wird.

Und siehe da: Twitter (das bei mir schon am Punkt des Desinteresses angelangt war) atmet wieder, macht Spaß, die Timeline bietet Witz, Inspiration und dieses kohlensäureprickelnde Hirngefühl von ganz vielen kleinen bereichernden Gedankenblitzen.

Twitter ist mein.

Und übrigens social media: Auch Myspace hab ich mir zurückerobert, in der schönpolierten neuen Version. Dort geht es um Musik, nicht um wisecracking, self shots oder österreichische Proporzhahnenkämpfe. Eine Erleichterung. Wenn auch manches noch hatscht (etwa bei den Songs, an denen Myspace keine Rechte hat und die es nur in Snippets abspielt), das neue Myspace kann was.

Und dann wird das Urheberrecht halt reformiert worden sein

Jahrelang freut man sich darauf, dass die Kombination von Kunst und Internet endlich als hochpolitisches Thema erkannt wird, und dann ist es so weit – und man hält es kaum im Kopf aus, auf welchem Niveau diskutiert wird.

Künstler und Kommentatoren, die 15 Jahre Urheberrechtsrevolution verpennt haben und jetzt auf Experten tun. Ein politischer Apparat, dem als Reaktion auf eine offenbar in eine politische Lücke einfahrende Partei nur das Wort Protestwähler einfällt (warum hatten die Yogiflieger, die Autofahrerpartei, der Lugner, die Kommunisten nie diesen plötzlichen Zulauf?); ein politischer Apparat eben, der die Brisanz abtut und, selber am Boden liegend, die Chuzpe hat, auf Snob zu machen (die Piraten sind eine Chaostruppe, okay. GANZ im Gegensatz natürlich zu den anderen Parteien!). Internet-Meinungsbildner, die in der ewigpubertären Anti-Bonzen-Propaganda von vor 10 Jahren verharren. Lobbyisten, Apparatschniks, Weiterbildungsunwillige, Beleidigte, Selbstgerechte auf allen Seiten.

Und dann beißen sich auch alle gemeinsam im Urheberrecht fest. Ausgerechnet im unwichtigsten Teil der Debatte. Was da für Ressourcen verschwendet werden, für Energien gebündelt, die in einem großen Dialog über Künstlerentlohnung weit, weit, weit besser aufgehoben wären.

Na bitte, dann halt ein kurzes Fast Forward in die Zukunft, die – hurra, hurra – ein neues, reformiertes, glitzerndes Urheberrecht hat. Kunst hat (neues) Recht bekommen. Und dann?

Dann wird es, zu Recht, ein bisserl mehr pauschales Geld für Künstler geben, Festplatten werden eine Spur teurer, die Provider dürfen ein bisserl überwachen (aber! nur! die! Uploader!). Die Verwertungsgesellschaften haben ein neues Einnahmengebiet (zusätzlich zu Radio, Fernsehen,Fernsehgebühren, Tonträgerverkäufen, Konzerten, Lesungen, Friseurläden, Gasthäusern, Kopierern, Satellitenschüsseln, Faxgeräten (haha, genau die) and whatnot).

Und dann ist alles gut?

Schmecks.

Es wird im Großen und Ganzen genauso schwierig sein, als Künstler zu überleben, wie jetzt. Es wird weiter keine Vielfalt an legalen Angeboten zum Kulturkauf geben, insbesondere nicht für österreichische Musik oder Filme.Es wird immer noch pro Land unzählige Verwertungsgesellschaften geben, statt ein paar europaweit arbeitende, und damit immer noch nicht die Möglichkeit, paneuropäische innovative Kulturangebote zu errichten. Es wird weiter keine einheitliche Rechteabklärung in Europa geben und damit kein europäisches Hulu, kein europäisches Netflix, kein europäisches iTunes, nur kleinstaatliche Lösungen.

Folgerichtig werden die mit Kultur ermöglichten (Werbe-)Einnahmenanteile weiter in die Taschen von Google, Facebook und Co fließen, empörend, dass die jetzt für ihre Innovationen belohnt werden, nicht? Das neue Urheberrecht wird ermöglichen, sich gegen diese großen Player zu stellen – Alternativen (und damit Geld aus dem Internet) gibt es deshalb noch lange nicht. Künstler werden durch das neue Urheberrecht keinen Cent mehr aus dem Internet bekommen, als jetzt auch schon möglich wäre (etwa durch zielführende Verhandlungen vom GEMA/AKM mit Google (YouTube)).

Die Menschen werden  (rechtlich ein bisschen besser abgesichert) weiter kopieren, denn der einst unumstößliche Akt des Kulturkaufens ist unwiederbringlich dahin. Man wird sich trotz neuem Urheberrecht daran gewöhnen müssen, dass Kulturschaffen ab sofort, nein seit Jahren mischfinanziert werden muss, das wird sich durch ein Recht nicht ändern. Die Künstler, die jetzt schon gut mit dem Internet leben, werden dies weiter tun; jene, die sich schon derzeit ins Gesicht gepinkelt fühlen, werden auch das weiter tun.

Dass die legalen Download-Angebote wachsen, wird man als Erfolg des neuen Rechts argumentieren – und nicht mit der ohnehin längst zu spürenden Verschiebung zum Online-Kauf (wo dies halt möglich ist).

Recht rasch wird man draufkommen, dass die pösen kommerziellen Uploader gar nicht in Österreich sitzen, so hinterlistig sind die, dass denen das österreichische Urheberrecht wurscht ist. Vielleicht könnte man ja doch bei den Downloads…? Ein paar werden sich dann vom Download abschrecken lassen, werden einen Bruchteil dessen, was sie jetzt downloaden, kaufen, und insgesamt mit weniger Kultur auskommen. Ziel erreicht, liebe Künstler!

Der kreative Online-Umgang mit Kultur wird rechtlich ein bisschen besser abgesichert sein – was auch wurscht ist, denn der läuft soundso. Künstler können erwartungsgemäß ihre Werke dem neuen Urheberrechtsgesetz nach für bestimmte Formen der Nutzung im Internet freigeben oder sperren (a la creative commons), und immer mehr werden sie völlig freigeben, weil ihre Kunst sonst nur bei alten Menschen stattfindet. Stimmt aber auch nicht, denn selbst wer die Kunst für das Internet sperrt, findet trotzdem statt – denn auch diese Regelung wird ignoriert werden. Viel Spaß mit der Durchsetzung des neuen Rechts – Klagen gegen Teenager werden nicht bessere Publicity, wenn sie sich auf ein neues Recht beziehen.

Einzelne Künstler werden voller Erstaunen feststellen, dass trotz allem ihre Werke nicht (mehr) gekauft werden, und dann ganz ohne  Schuldigen dastehen – immerhin wurde ja das Urheberrecht reformiert! Die Urheberrechtsreform wird aber ohnehin bei der Festschreibung der technischen Entwicklung schon wieder hinterherhinken, der große Urheberrechtsdialog von vorne anfangen.

Und dann?

Die Piraten: Treffer und (nicht) versenkt

Ich geb’s gerne zu – ich bin fasziniert, auf latent gruselige Weise, so ein bisserl wie beim “Alien”-Schauen: Wunderschön zu beobachten ist derzeit die stille Effizienz, mit der das politische Establishment (ja, ich meine auch euch Grüne) zum Gegenschlag gegen einen Eindringling ausholt.

Der Ausgang scheint mir klar zu sein: Die Piraten werden von den Alliierten des Proporzgleichgewichtes versenkt werden. Politiker und die mindestens ebenso vorgestrigen Meinungsforscher wissen genau, wie man die Neuankömmlinge, die (noch) außerhalb der einzementierten Verwertungszusammenhänge von Politik stehen, kaputtschießt.

Vor allem, wenn diese Neuankömmlinge auch noch ziemlich alles tun, um sich selber zu versenken.

Fire at will:

  • Die Piraten sind doch nur eine Sammelpartei für politikverdrossene junge Männer. Treffer.
  • Die Piraten kennen sich doch nur mit einem Thema aus, im Gegensatz zu den anderen Parteien, die – wie die Politik der vergangenen 50 Jahre ja eindringlich gezeigt hat – Experten für eh alles sind. Treffer.
  • Die Piraten haben keine Struktur und sind basisdemokratische Träumer. Treffer.
  • Die Piraten haben – im! Gegensatz! zu! den! anderen! Parteien! – ein Problem mit dem rechten Rand. Treffer plus Eigentor.

Man kann gar nicht anfangen zu beschreiben, was für ein trübes Signal es für die Parteien und auch manche Kommentatoren ist, dass nicht einmal jetzt erkannt wird, dass das Internet vielleicht doch auch ein Thema ist, bei dem man versuchen könnte, eigene Kompetenzen zu entwickeln. Da schießt man lieber gemeinsam auf jene, die das aufzeigen – und gleich auch noch beweisen, dass man damit Wähler ansprechen kann.

Nur: auch wenn die Piraten nicht (mehr) da sind, das Thema Internet bleibt. Und ebenso der gewaltige, fast unermessliche, jedenfalls groteske Aufholbedarf, den die österreichische Politik in diesem Bereich hat.

Einspruch: Ein Foul in der Bildungsdebatte

Zugegeben, bei all’ dem Uni- und Studenten-Bashing kann man schon mal den Überblick verlieren. Dennoch erstaunt mich, dass sich die Studenten, ja überhaupt alle jungen Leute permanent und widerspruchslos ein Foul gefallen lassen, das derzeit immer wieder hinterrücks über die Bande gespielt und dann mit voller Wucht an ihnen verübt wird: Denn der Bildungsdebatte inhärent ist eine kontinuierliche Beleidung der derzeit jungen Generation. Und zwar von jenen, die ihr Rederecht eigentlich verwirkt haben sollten.

Es lässt sich summieren als die ewige alte Leier: das Niveau der heutigen Studenten sinkt und es studieren viele, die es nicht sollten, weil sie nicht gescheit genug sind. Das ist kurz gefasst der Subtext von Eingangsprüfungen und anderen Auslesesystemen für Studenten, die als Allheilmittel der Unimisere dargestellt werden. Darauf noch ein bisschen reaktionären Nonsens gegen Computer-Sucht gepackt, und wenn man als Intellektueller völlig daneben ist, konstantiert man schlussendlich noch einen Geburtenüberschuss bei den Dummen und kommt zum Ergebnis: das intellektuelle Niveau Österreichs wird immer schlechter.

Wie wir Briten sagen: Bollocks.

Liebe junge Menschen, lasst euch doch nicht so beleidigen. Sondern fragt zurück: Wo, bitte, sind denn die ganzen Super-Intellektuellen der Generation 60+? Damals, als die studierten, gab es noch Studiengebühren. Ergo muss damals an den Unis alles in Ordnung gewesen sein. Und? Wo sind in Österreich die wegweisenden Denker? Wo die Ausnahme-Politiker? Wo die kultivierten Bürger? Wo die moralischen Instanzen? Wo selbst die Facharbeiter? Mit welchem Recht sagt jene Generation der Österreicher, die dieses Land gegen die Wand gefahren hat, den heutigen Jungen, dass sie dumm sind?

Lasst euch nichts sagen. Ignoriert die ideologischen Scheingefechte um Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen. Studiert nicht nur das, was am Arbeitsmarkt verwertbar ist. Denn die Unis sind keine Stätte der Berufsausbildung, dafür sind – mehr recht als schlecht – die FHs da.

Und die Unis haben kein Budgetproblem. Sondern die Politik hat ein Problem mit dem Unibudget. Es gibt kein Naturgesetz und keine EU-Richtlinie, die verhindern, dass die Unis das Geld vom Staat kriegen, das sie brauchen. So, wie das Bundesheer, der Verwaltungsapparat und die Schulen. Das wäre sofort herzustellen. Wenn, ja wenn die Unis von der Politik als lebensnotwendig für Österreich erkannt würden. Nur das spielt’s halt nicht. Denn das Wohlergehen der Unis ist nicht nötig für das Wohlergehen irgendeiner Partei.