Schweinegrippe

Selbstgewählte Mündigkeit – Jeder Leser hat das Medium, das er verdient

Die Süddeutsche Zeitung bietet online einen Vortrag an, in dem sich über die alarmistische Katastrophensensationsgier in den Medien echauffiert wird, die sich mal wieder bei der Schweinegrippe gezeigt hat: Lustvoll wird da jede Chance auf eine weltweite Pandemie ausgeweidet, werden maskierte Mexikaner gezeigt, Pandemie-Vorstufen minutengenau mitgefiebert, Grippemittelerfinder (die ja wahrlich nicht ganz interessenlos an der Sorge vor dieser Krankheit sind) interviewt. Und das für eine Krankheit, die offenbar weniger gefährlich ist als eine stinknormale Grippe.

Dass sich mit Hysterie Medienumsätze generieren lassen, ist wahrlich keine Neuigkeit – wer erinnert sich noch an BSE, Y2K, Vogelgrippe, SARS? Die Frage ist nur: Warum? Warum werden Ängste bedient, Nichtigkeiten zu Sensationen aufgeblasen, Unwichtigkeiten in den Vordergrund gestoßen? Die Süddeutsche knüpft daran Medien-, insbesondere Zeitungskritik: Redakteure wollen Nachrichtenwert suggerieren, und Zeitungen kämpfen gegen die fehlende Aktualität an.

Was fehlt, ist wieder einmal die Leser-Kritik. Medienhysterien werden ja nicht deshalb angezündet, weil den Journalisten fad ist. Sondern weil die Stimme der Vernunft bei den Lesern keine Chance hat gegen Boulevard-Hetze. Wer wollte, konnte auch bei der Schweinegrippe nach kurzer Zeit schon lesen, was Sache ist (durchaus auch mal mit satirischem Unterton). Nur: Die meisten wollen das nicht. “We love to be scared”, heißt es im Buch “Panicology“, und diese Lust an der Tragik in einem ansonsten wohl zu langweiligen Alltag ist nicht weit entfernt von selbstverschuldeter Unmündigkeit. Daher hat jeder Leser das Medium, das er verdient, und wohl auch jedes Land genau die Medienlandschaft. Wer Boulevard kauft, kriegt Boulevard, wer Qualitätsmedien mit Missachtung straft, wenn sie ruhig und differenziert bleiben, wenn sie Komplexität darstellen, wird über kurz oder lang auch von diesen mit der täglichen Dosis Alarmismus bedient.

Journalisten haben eine besondere Verantwortung – aber auch den wirtschaftlichen Druck und irgendwie wohl auch die Verpflichtung, dem Leser das zu geben, was dieser will. Wenn von Medien mit Ruhe, Besonnenheit, Informationsdichte aber dem entgegengesteuert wird, was die Leser offenbar zu ihrem eigenen Schaden gerne an Verkürzungen, Sensationalismus, Vorurteilsbestätigung am Frühstückstisch liegen haben, wird den Redakteuren wieder Arroganz und Abgehobenheit vorgeworfen. Der Journalist als Erzieher ist längst verschwunden, derzeit wird der Journalist als Meinungsbildner abgewählt. Das sorgt für mehr Meinungs-Freiheit bei den Lesern, keine Frage. Aber wozu wird diese genützt? Wenige suchen online mehr Qualität, viele neue Formen des Boulevard.

Viele Medienmacher werden von Quote und Verkaufszahlen bedrängt, und beugen sich dann dem Populismus. Daher, erneut, zum Nachdenken: Qualitätsmedien sollten über Stiftungen aus der Abhängigkeit von Werbung befreit werden.

Und die Leser haben eine Verantwortung, die sowohl in der Politik als auch im Medienkonsum eine neue Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung bedeuten würde: Sensoren dafür zu entwickeln, wo ihnen nicht nach dem Mund geredet wird. Wer überall nur den Spiegel des eigenen Weltbildes sucht, wird nie über sich hinauswachsen. Wer Konfrontation, Vielfalt, Komplexität aktiv sucht, wer es als Aufgabe sieht, den Wert anderer Meinungen zu erkennen und nicht immer nur seine eigene lesen will, gibt sich selbst die Chance auf Horizonterweiterung. Die Medien-Diät ist von weit größerer Bedeutung als die Ernährung. Selbstgewählte Mündigkeit gibt sich mit Schund nicht zufrieden.

Dem Leser nach dem Mund geredet wird übrigens genau dort am hemmungslosesten, wo dieses Nach-dem-Mund-Reden als neue Form des Journalismus gepriesen wird. Online “wütete die Schweinegrippe noch stärker als in den klassischen Medien“, schrieb die Berliner Zeitung laut SZ. Old Media und herkömmlicher Journalismus werden genau dann sterben, wenn sie dieses Niveau zu unterbieten versuchen. Das einzige Alleinstellungsmerkmal der Zukunft für echten Journalismus wird die Qualität sein.