Social Media

Mein Twitter, mein Space

Twitter macht wieder Spaß!

Was für eine großartige Sache. Ich habe Österreich in eine Liste verpackt. Alle Parteigänger, alle “Meinungsbildner” im Land der Zwerge, alle Proporzgläubige und politisch Festgezimmerten, alle jene, deren Horizont an den Alpen endet (und einige andere, die ich aus verschiedenen anderen Gründen nicht in der Timeline haben wollte).

Ich habe sie entfolgt und in eine Liste gesteckt, wo sie außerhalb meiner Timeline DSWs abhalten können, so viel sie wollen. Und dort schau ich nur noch rein, wenn die mentale Verfasstheit es zulässt. Wenn ich gerade über Österreich lachen kann, es nicht ernst nehme. Wenn im Fernsehen nicht gerade irgendeine Politdiskussion läuft, die dann auf Twitter überschwappt, wo man dann prompt mit dummdreister Politproporzpropaganda belästigt wird.

Und siehe da: Twitter (das bei mir schon am Punkt des Desinteresses angelangt war) atmet wieder, macht Spaß, die Timeline bietet Witz, Inspiration und dieses kohlensäureprickelnde Hirngefühl von ganz vielen kleinen bereichernden Gedankenblitzen.

Twitter ist mein.

Und übrigens social media: Auch Myspace hab ich mir zurückerobert, in der schönpolierten neuen Version. Dort geht es um Musik, nicht um wisecracking, self shots oder österreichische Proporzhahnenkämpfe. Eine Erleichterung. Wenn auch manches noch hatscht (etwa bei den Songs, an denen Myspace keine Rechte hat und die es nur in Snippets abspielt), das neue Myspace kann was.

Die wahre Online-Revolution: Ungeduld

Hurra, auch die Ägypter haben Facebook-Accounts. Und, nein!, sie haben auch Twitter. Und sie haben diese Tools auch, Überraschung, genutzt, sogar noch während der ausbrechenden Proteste. Dass dort dann tagelang das Internet abgedreht wurde, hält die euphorisierten SMler und pflichtschuldige Zeitungsberichter nicht davon ab, wieder über eine $BeliebigeSocialMediaPlattform-Revolution zu jubilieren.  Das ist vor allem eines: Bemüht. Und fad. Und Themenverfehlung. Und zwar nicht nur in Hinblick auf die purzelnde Altherren-Riege im Nahen Osten.

Denn auch wir haben unsere ganz eigene Verkrustung. Die eigentlich spannende Frage ist: Warum hat das Web 2.0 so wenig Erneuerungs-, Entkrustungs-, ja zumindest Auflockerungs-Potenzial – vor allem im Land der Zwerge? Was hat uns denn, um mit Monty Python zu sprechen, das Web 2.0 wirklich gebracht? #unibrennt war genauso ein Strohfeuer wie die Grassermovies. Eh lustig, eh irgendwie heutig. Aber Österreich bleibt Österreich.

Wenn die österreichischen Politiker nicht so wären, wie sie sind, dann könnte man fast an ein perfides Spiel der Politik glauben: Überlasst der jungen Tech- und Fortschritt-Restelite im Web eine Feelgood-Spielwiese zur stillen Beschäftigung, dann gehen uns die nicht auf den Wecker mit diesen “Ideen” von Politik als Serviceeinrichtung, die sich vielleicht Gedanken über die längerfristige Zukunft machen könnte. Anstatt mit Altherren-Sicht auf die Welt Scheinprobleme totzudiskutieren.

Ohne jetzt den Wolfgang Lorenz geben zu wollen, aber: Guy Fawkes-Masken als Twitter-Bild haben noch nix verändert hierzulande. Es wird Zeit, dass das Web 2.0 sich auf reale Resultate fokussiert, es wird Zeit, dass die neue Online-Welt die alte Offline-Welt nicht nur mit Selbstbestärkungs-Dauergeschwätz begleitet, sondern wirklich demokratisch beeinflusst.

Zu lernen hätte die Politik viel von den Möglichkeiten der neuen Plattformen: die offene, schnelle  Diskussion aktueller Themen. Einen datenbasierten, vernetzten Zugang zu politischen Fragen ohne den an Geisteskrankheit grenzenden Tunnelblick  vererbter politischer Überzeugungen. Die spontane Bildung neuer Initiativen.

Ups. Da ist mir jetzt kurz der Idealismus durchgegangen. Eh sind die Online-Menschen um nix besser als die realen. Aber zumindest sind sie ungeduldiger. Wären wir auch so ungeduldig mit den endlos zähen Reformverzögerungen der heimischen Politiker, und würden sie das in jenen Kanälen spüren lassen, die die Politiker verstehen, dann wären auch  in Österreich eine Menge kleiner Schritte in Richtung Fortschritt möglich. Und dann, ja dann wäre das Geschwätz von der SM-Revolution nicht nur eine Online-Ente.

Ich habe eine neue Spezies entdeckt – den Protestabonnierer

Gerade noch rechtzeitig, bevor das Darwin-Jahr aus ist: Ich habe eine neue Spezies entdeckt. Ich nenne sie mal nach mir, irgendwas mit leyreriennsis, muss noch überlegen. Aber zur Spezifikation: Der Protestabonnierer ist Facebook-“Fan” und Twitter-Follower jeder Protestbewegung, die Social Media-Plattformen verwendet. Dabei scheinen der Inhalt, die geografische Entfernung und auch eine etwaige Abstrusität der betreffenden Bewegung keine Rolle zu spielen, so lange sie gegen Obrigkeiten jedweder Art gerichtet ist. Der am stärksten ausgeprägte Charakterzug scheint die Aneignung fremder Konflikte zu sein, gepaart mit der Gewissheit, dass Protest per se immer angebracht ist. Sei es gegen böse Plattenlabels, Saufverbote, echte und empfundene Diktaturen oder Änderungen an Webpage-Designs.

In der Fülle der Protestabos herrscht dabei streng positiv rückkoppelnde Aufmerksamkeits-Ökonomie: Je aktiver der Online-Protest ohnehin ist, desto euphorischer steht der Protestabonnierer hinter diesem betreffenden Anliegen. Ist jedoch der Schwung der Bewegung stagnierend oder gar sinkend, wird rasch zum nächsten Protest-Potenzial übergewechselt. Jedenfalls ist der Protestabonnierer immer für dagegen und befindet sich in permanentem Plebiszit.

Bemerkenswert ist daran

  • dass der Protestabonnierer zunehmend Gehör findet. So wie früher (bzw. von manchen Nachzüglern leider auch heute noch) versucht wurde, die Relevanz eines Themas an der Anzahl der Google-Treffer abzulesen, wird heute recht unreflektiert die Anzahl an Fans bzw. Followern als Gradmesser für Protestrelevanz genommen. Dies scheint mir stark hinterfragenswert, denn nicht alles, was in den Social Media starke Unterstützung erfährt, ist auch ein wirklich gesellschaftlich relevantes Anliegen, und umgekehrt: Wirklich essentielle soziale Fragen schaffen es wegen ihrer Allgegenwärtigkeit nie, auf eine nennenswerte Online-Protestwucht zu kommen.
  • dass es daher eher die (derzeit schön zu beobachtende) Ausnahme ist, dass Online- und Offline-Protest Hand in Hand gehen. Sonst jedoch weist der Online-Protest oft einen ähnlichen Grad an Aufruhrpotenzial auf, wie es früher die an die Jeansjacke gepinnten Anti-Atom-Anstecker hatten: Mehr als ein paar alte Spießer schrecken ist schwierig. Allzuvieles bleibt gegenseitige Online-Bestätigung von Menschen, die ohnehin der gleichen Meinung sind, ohne dadurch etwas zu verändern. Oder, wie schon viel schöner, gesagt wurde: “This calls for immediate discussion.”

Wenn sich das Protestpotenzial der Social Media – das jeder weltoffene Mensch willkommen heißen muss und das keinesfalls unterschätzt werden darf – jedoch anhaltende Glaubwürdigkeit aufbauen will, sollte damit sorgsamer umgegangen werden. Sich mit allen Konflikten anderer solidarisch erklären, ist schön und gut. Doch wer auf jeden Zug aufspringt, sagt insgesamt recht wenig über die betreffenden Anliegen aus und mehr über sich selber. Damit macht man sich angreifbar.

Und damit verspielen wir u.U. die neue Chance, die Social Media-Protest bietet: Nämlich jenen Gehör zu schaffen, die früher keine Stimme hatten. Wenn alle jetzt bei jeder Gelegenheit online laut durcheinander schreien, werden ausgerechnet die Schwächsten und auch die tiefgreifendsten Anliegen untergehen. Der Protestabonnierer sollte die Evolution nicht scheuen – Online-Protest muss sich weiterentwickeln.