Urheberrecht

Und dann wird das Urheberrecht halt reformiert worden sein

Jahrelang freut man sich darauf, dass die Kombination von Kunst und Internet endlich als hochpolitisches Thema erkannt wird, und dann ist es so weit – und man hält es kaum im Kopf aus, auf welchem Niveau diskutiert wird.

Künstler und Kommentatoren, die 15 Jahre Urheberrechtsrevolution verpennt haben und jetzt auf Experten tun. Ein politischer Apparat, dem als Reaktion auf eine offenbar in eine politische Lücke einfahrende Partei nur das Wort Protestwähler einfällt (warum hatten die Yogiflieger, die Autofahrerpartei, der Lugner, die Kommunisten nie diesen plötzlichen Zulauf?); ein politischer Apparat eben, der die Brisanz abtut und, selber am Boden liegend, die Chuzpe hat, auf Snob zu machen (die Piraten sind eine Chaostruppe, okay. GANZ im Gegensatz natürlich zu den anderen Parteien!). Internet-Meinungsbildner, die in der ewigpubertären Anti-Bonzen-Propaganda von vor 10 Jahren verharren. Lobbyisten, Apparatschniks, Weiterbildungsunwillige, Beleidigte, Selbstgerechte auf allen Seiten.

Und dann beißen sich auch alle gemeinsam im Urheberrecht fest. Ausgerechnet im unwichtigsten Teil der Debatte. Was da für Ressourcen verschwendet werden, für Energien gebündelt, die in einem großen Dialog über Künstlerentlohnung weit, weit, weit besser aufgehoben wären.

Na bitte, dann halt ein kurzes Fast Forward in die Zukunft, die – hurra, hurra – ein neues, reformiertes, glitzerndes Urheberrecht hat. Kunst hat (neues) Recht bekommen. Und dann?

Dann wird es, zu Recht, ein bisserl mehr pauschales Geld für Künstler geben, Festplatten werden eine Spur teurer, die Provider dürfen ein bisserl überwachen (aber! nur! die! Uploader!). Die Verwertungsgesellschaften haben ein neues Einnahmengebiet (zusätzlich zu Radio, Fernsehen,Fernsehgebühren, Tonträgerverkäufen, Konzerten, Lesungen, Friseurläden, Gasthäusern, Kopierern, Satellitenschüsseln, Faxgeräten (haha, genau die) and whatnot).

Und dann ist alles gut?

Schmecks.

Es wird im Großen und Ganzen genauso schwierig sein, als Künstler zu überleben, wie jetzt. Es wird weiter keine Vielfalt an legalen Angeboten zum Kulturkauf geben, insbesondere nicht für österreichische Musik oder Filme.Es wird immer noch pro Land unzählige Verwertungsgesellschaften geben, statt ein paar europaweit arbeitende, und damit immer noch nicht die Möglichkeit, paneuropäische innovative Kulturangebote zu errichten. Es wird weiter keine einheitliche Rechteabklärung in Europa geben und damit kein europäisches Hulu, kein europäisches Netflix, kein europäisches iTunes, nur kleinstaatliche Lösungen.

Folgerichtig werden die mit Kultur ermöglichten (Werbe-)Einnahmenanteile weiter in die Taschen von Google, Facebook und Co fließen, empörend, dass die jetzt für ihre Innovationen belohnt werden, nicht? Das neue Urheberrecht wird ermöglichen, sich gegen diese großen Player zu stellen – Alternativen (und damit Geld aus dem Internet) gibt es deshalb noch lange nicht. Künstler werden durch das neue Urheberrecht keinen Cent mehr aus dem Internet bekommen, als jetzt auch schon möglich wäre (etwa durch zielführende Verhandlungen vom GEMA/AKM mit Google (YouTube)).

Die Menschen werden  (rechtlich ein bisschen besser abgesichert) weiter kopieren, denn der einst unumstößliche Akt des Kulturkaufens ist unwiederbringlich dahin. Man wird sich trotz neuem Urheberrecht daran gewöhnen müssen, dass Kulturschaffen ab sofort, nein seit Jahren mischfinanziert werden muss, das wird sich durch ein Recht nicht ändern. Die Künstler, die jetzt schon gut mit dem Internet leben, werden dies weiter tun; jene, die sich schon derzeit ins Gesicht gepinkelt fühlen, werden auch das weiter tun.

Dass die legalen Download-Angebote wachsen, wird man als Erfolg des neuen Rechts argumentieren – und nicht mit der ohnehin längst zu spürenden Verschiebung zum Online-Kauf (wo dies halt möglich ist).

Recht rasch wird man draufkommen, dass die pösen kommerziellen Uploader gar nicht in Österreich sitzen, so hinterlistig sind die, dass denen das österreichische Urheberrecht wurscht ist. Vielleicht könnte man ja doch bei den Downloads…? Ein paar werden sich dann vom Download abschrecken lassen, werden einen Bruchteil dessen, was sie jetzt downloaden, kaufen, und insgesamt mit weniger Kultur auskommen. Ziel erreicht, liebe Künstler!

Der kreative Online-Umgang mit Kultur wird rechtlich ein bisschen besser abgesichert sein – was auch wurscht ist, denn der läuft soundso. Künstler können erwartungsgemäß ihre Werke dem neuen Urheberrechtsgesetz nach für bestimmte Formen der Nutzung im Internet freigeben oder sperren (a la creative commons), und immer mehr werden sie völlig freigeben, weil ihre Kunst sonst nur bei alten Menschen stattfindet. Stimmt aber auch nicht, denn selbst wer die Kunst für das Internet sperrt, findet trotzdem statt – denn auch diese Regelung wird ignoriert werden. Viel Spaß mit der Durchsetzung des neuen Rechts – Klagen gegen Teenager werden nicht bessere Publicity, wenn sie sich auf ein neues Recht beziehen.

Einzelne Künstler werden voller Erstaunen feststellen, dass trotz allem ihre Werke nicht (mehr) gekauft werden, und dann ganz ohne  Schuldigen dastehen – immerhin wurde ja das Urheberrecht reformiert! Die Urheberrechtsreform wird aber ohnehin bei der Festschreibung der technischen Entwicklung schon wieder hinterherhinken, der große Urheberrechtsdialog von vorne anfangen.

Und dann?

Wo Kunst nicht völlig Unrecht hat

Ja, das ist mal ein Schocker-Titel, gell? Aber es stimmt, ich habe uns Netzmenschen schon wieder Unliebsames von der Schnittstelle Technologie und Kultur zu verkünden.

Denn so sehr “Kunst hat Recht” auch daneben ist, so schlechte Berater die haben, so wenig Ahnung von Internetüberwachungsbestrebungen, so katastrophal die offenbar untereinander kommunizieren, so weit sie hinter dem aktuellen Diskurs über Sharing und Kulturkompensation hinterherhinken, so wenig Einblick sie in  ihr eigenes Marktumfeld haben, so vehement, wie sie sich immer weiter selbst reinreiten – in einem haben sie wirklich Recht: es ist Zeit für einen Dialog.

Nicht über rechtliche Mittel gegen Online-Urheberrechtsverstöße. Nicht über Providerhaftung. Nicht über das Scheiß-Internet, wo den Künstlern alles geklaut wird. Diese Diskussionen sind alle durch, und es wird allerhöchste Zeit, dass das auch von einer Mehrheit der Künstler überrissen wird. Ich habe kein Mitleid mit jenen Kunstschaffenden und Verbänden, die jetzt im Zuge von “Kunst hat Recht” erst draufkommen, was alles an diversen Online-Forderungen problematisch sein könnte. Die haben ihren Job nicht getan.

Eigentlich ist gerade das zentrale Thema von “Kunst hat Recht”, das Urheberrecht, ausdiskutiert.

Aber eine Diskussion hat noch nicht einmal begonnen. Ich habe beruflich jeden Tag mit Künstlern zu tun, und um das Banale festzuhalten: das ist eine unglaublich heterogene Gruppe an Menschen. Einige davon sind vehement online, andere gar nicht, ich würde mal schätzen: im Durchschnitt ähnlich wie die Gesamtbevölkerung.

Aber auf eines muss die geschätzte Aufmerksamkeit gelenkt werden: wir alle lieben Kunst von Menschen, die völlig ungeeignet sind, unter den derzeitigen Web-Dogmen zu agieren. Und es ist ebenfalls allerhöchste Zeit, dass wir Netzmenschen vom hohen Ross runtersteigen und diesen Künstlern wieder entgegenkommen.

Mei, was hatten wir alle für einen Spaß bei der Revolte unserer Generation: dem Entdecken der Sharing-Kultur. Ich meine das ganz ernst: im letzten Jahrzehnt fand soetwas ein Erweckungserlebnis statt, vor allem bei jenen, die Popkultur fanatisch lieben. Kunst wurde frei, gewollt oder nicht, und die früher unberührbaren Stars mussten sich zu uns normalen Menschen herabbücken und von gleich zu gleich mit uns kommunizieren. Es steht außer Frage, dass die Sharing-Kultur eine der grundlegendsten kulturellen Revolutionen seit langem ist.

Aber genau deshalb darf sie nicht zum Dogma werden. Es ist nun an der Zeit, den pubertären Impetus abzustellen, mit dem die Trotzrevolte gegen die Pop-Labels unterfüttert war. Nicht alle Zwischenhändler sind böse, nicht alle Künstler hassen ihre Labels, nicht alle Kunstschaffenden wollen sich um den wirtschaftlichen Aspekt ihrer Arbeit selber kümmern.

Und das sollen sie auch leben können: Wir Netzmenschen sind gefragt, uns gewissen Kompensationsmechanismen zu öffnen. Ich schreibe jetzt absichtlich keines der Reizwörter hin, aber: ich finde es ganz allgemein mindestens genauso ärgerlich, wenn sich Kunst von Werbung bezahlen lassen muss, wenn wir die Liebe zu Popmusik in Geld für Google und nicht Geld für die Kunst umwandeln, wenn alte Strukturen zerhauen werden und die Bonzen von früher durch mindestens ebenso bonzenhafte Gecken – nunmehr aus dem Silicon Valley – ersetzt werden. Ich verehre Innovation, ich bin vehement für die Freiheit von Kultur im Web – aber die Diskussion, wie es damit weitergehen soll, ist keineswegs beendet. Es braucht eine Pluralität an Ansätzen, wie Kunst entlohnt werden kann. Und nachdem viele Künstler genau davon leider wenig Ahnung haben, wird es Zeit, sie zu unterstützen.

Eines hat “Kunst hat Recht” wieder gezeigt: One Size Fits None. Aus der Initiative dringt ein auf Konsens zusammengedämpftes Stimmengewirr unterschiedlichster Interessen. Verwertungsgesellschaften, die gerne neue Geschäftsfelder eröffnen würden (denn, man darf nicht vergessen, viele der Geldquellen – etwa Radiolizenzen, Aufführungsvergütung, Print-Vervielfältigung – sind völlig unberührt bzw. profitieren vom Internet). Künstler, die ihre Verkaufskarriere längst so gut wie beendet haben und nun um das Einkommen früherer Leistungen bangen (ich möchte nicht mit ihnen tauschen). Junge Neo-Stars, die noch kurz zuvor für eine Lockerung des Urheberrechts hätten sein müssen, um bekannt zu werden, wenig später aber dann für eine Verschärfung sind, um nicht unterzugehen. Es gibt nach menschlichem Ermessen keine Form von Urheberrecht, die all diesen Bedürfnissen entspricht, und möge es noch so scharf sein.

Aber es gibt unermessliches kreatives Potenzial im Web. Dies ist nun in den Dienst der Künstler zu stellen. Wegen der Liebe zur Popkultur, die wir alle teilen. Denn Künstler, die etwas unmittelbar verdienen wollen, werden allzugerne ins böse Eck gestellt. Und das ist eigentlich lächerlich. Daher ist ein Dialog zu beginnen: Wie wäre es, wenn wir einmal die Künstler fragen, wie sie künftig zu ihrem Geld kommen wollen? Ich wette, in so einem Dialog kommen gescheitere Antworten zu Stande, als beide Seiten derzeit zu liefern vermögen.

 

Hysterie pur: Filmdownloads als Argument gegen Breitbandausbau

Illegales Downloaden im Internet verursacht den Klimawandel, die sexuelle Revolution und die Explosion der Sonne – könnte man meinen, wenn man die aufgeregte und (von allen Seiten) wenig zielführend geführte  Diskussion über Urheberrecht und das Internet verfolgt. Neu ist mir, dass illegales Kopieren auch als Grund dafür herangezogen wird, dass der Breitbandausbau in Europa großteils so erbärmlich ist.

Vivendi Frankreich hat da den Vogel abgeschossen: “Fiber serves no purpose”, sagt der Finanzchef des französischen Konzerens in einem Bericht der Herald Tribune, der sich mit dem Ausbau von Breitbandnetzen als Gegen-Investition zur Finanzkrise beschäftigt. “All that it does is to encourage the illegal downloading of films.”

Also bei allem Verständnis für Rechteinhaber – da wird’s dann lächerlich. Wer glaubt, einen berstenden Damm mit Pflaster reparieren zu können, wird schnell überflutet. Bitte, liebe Filmindustrie, macht nicht den selben Blödsinn wie das Musikbusiness.

Im übrigen glaube ich, dass nur eine Pauschallizenz auf Online-Kulturkonsum eine tragende Lösung ist. Breitbandzugang muss selbstverständlich wie die Versorgung mit Wasser und Strom werden, heißt es immer. Dann aber bitte auch die selbe Abrechnung: Billige (!) Grund-Netzkosten, und eine Gebühr für den Verbrauch. Bei Wasser, Strom und Gas ist klar, was genutzt wird. Im Internet sind es zu einem näher zu bestimmenden Anteil eben Kulturprodukte. Und dass das bezahlt werden muss, ist eigentlich selbstverständlich.