Web 2.0

Die wahre Online-Revolution: Ungeduld

Hurra, auch die Ägypter haben Facebook-Accounts. Und, nein!, sie haben auch Twitter. Und sie haben diese Tools auch, Überraschung, genutzt, sogar noch während der ausbrechenden Proteste. Dass dort dann tagelang das Internet abgedreht wurde, hält die euphorisierten SMler und pflichtschuldige Zeitungsberichter nicht davon ab, wieder über eine $BeliebigeSocialMediaPlattform-Revolution zu jubilieren.  Das ist vor allem eines: Bemüht. Und fad. Und Themenverfehlung. Und zwar nicht nur in Hinblick auf die purzelnde Altherren-Riege im Nahen Osten.

Denn auch wir haben unsere ganz eigene Verkrustung. Die eigentlich spannende Frage ist: Warum hat das Web 2.0 so wenig Erneuerungs-, Entkrustungs-, ja zumindest Auflockerungs-Potenzial – vor allem im Land der Zwerge? Was hat uns denn, um mit Monty Python zu sprechen, das Web 2.0 wirklich gebracht? #unibrennt war genauso ein Strohfeuer wie die Grassermovies. Eh lustig, eh irgendwie heutig. Aber Österreich bleibt Österreich.

Wenn die österreichischen Politiker nicht so wären, wie sie sind, dann könnte man fast an ein perfides Spiel der Politik glauben: Überlasst der jungen Tech- und Fortschritt-Restelite im Web eine Feelgood-Spielwiese zur stillen Beschäftigung, dann gehen uns die nicht auf den Wecker mit diesen “Ideen” von Politik als Serviceeinrichtung, die sich vielleicht Gedanken über die längerfristige Zukunft machen könnte. Anstatt mit Altherren-Sicht auf die Welt Scheinprobleme totzudiskutieren.

Ohne jetzt den Wolfgang Lorenz geben zu wollen, aber: Guy Fawkes-Masken als Twitter-Bild haben noch nix verändert hierzulande. Es wird Zeit, dass das Web 2.0 sich auf reale Resultate fokussiert, es wird Zeit, dass die neue Online-Welt die alte Offline-Welt nicht nur mit Selbstbestärkungs-Dauergeschwätz begleitet, sondern wirklich demokratisch beeinflusst.

Zu lernen hätte die Politik viel von den Möglichkeiten der neuen Plattformen: die offene, schnelle  Diskussion aktueller Themen. Einen datenbasierten, vernetzten Zugang zu politischen Fragen ohne den an Geisteskrankheit grenzenden Tunnelblick  vererbter politischer Überzeugungen. Die spontane Bildung neuer Initiativen.

Ups. Da ist mir jetzt kurz der Idealismus durchgegangen. Eh sind die Online-Menschen um nix besser als die realen. Aber zumindest sind sie ungeduldiger. Wären wir auch so ungeduldig mit den endlos zähen Reformverzögerungen der heimischen Politiker, und würden sie das in jenen Kanälen spüren lassen, die die Politiker verstehen, dann wären auch  in Österreich eine Menge kleiner Schritte in Richtung Fortschritt möglich. Und dann, ja dann wäre das Geschwätz von der SM-Revolution nicht nur eine Online-Ente.

Gedankensammlung: PR und die Social Networks

Okay, morgen also diskutiere ich mit vielen jungen PR-Leuten im Radiokulturhaus zum Thema Social Networks – Fluch oder Segen für die PR?. Höchste Zeit, für eine Gedankensammlung mit Nine Inch Nails als Soundtrack (wer nicht weiß, warum: bitte hier gucken).

  • Das Wichtigste zuerst: Ja kein “Fashion Victim” von Online-Trends werden. Vor zwei Jahren hätten wir wohl diskutiert, ob Second Life Fluch oder Segen für PR ist, und das Resultat aus heutiger Sicht: Second Life ist irrelevant für PR. Genauso kann es mit Facebook, Twitter,Youtube und Co bald sein. Man sollte jedenfalls Trends rechtzeitig als tot erkennen. Aber nun zum Inhaltlichen:
  • Social Networks sind ein Fluch für langweilige PR und ein Segen für innovative PR. Wer glaubt, mit ungelenken und kaum verhohlenen Werbebotschaften und “Informationen” eine Marke propagieren zu können, hat schon verloren – da gehen die Filter beim Rezipienten sofort zu. Schöne Beispiele neben Trent Reznors Online-Puzzlespiel: Die Sommerkampagne der NBA auf Facebook. Während der basketballlosen Monate gab es einen ständigen Strom an Videos aus den Archiven im Facebook-Newsfeed, an die man sonst kaum herankommt – ein gefundenes Fressen für die Fans, und ein perfektes Mittel, Interesse aufrecht zu erhalten. Daraus lässt sich lernen:
  • Man muss den Rezipienten in einer Kampagne auf diesen Plattformen etwas geben, das sie wollen, und nicht krampfhaft versuchen, aktuelle Messages zu deponieren. Wer 95 Prozent der Zeit freihändig etwas hergibt, bringt dann 5 Prozent Botschaft viel leichter unter. Am Geschicktesten finde ich jene offiziellen Facebook-Feeds, die Links (ja, auch zur Konkurrenz), Infos zum Produktumfeld, Goodies – sprich: jene Sachen bieten, an denen der mögliche Rezipient wirklich interessiert ist. Ich als Kulturredakteur und als Privatperson friende ganz sicher kein Plattenlabel per se auf Facebook – aber wenn eine meiner Kontaktpersonen (=Pressebetreuer) aus den Labels sich dort mit der Situation des Tonträgerverkaufes, unbekannten Acts oder sonstigen Umgebungs-Informationen auseinandersetzt, dann les ich das gerne. Direkten Nutzen hat der Labelmensch von mir dann keinen, aber eine Aufmerksamkeit, die nicht entstehen würde, wenn ich den Eindruck habe, dass man mir was reinwürgen will.
  • PR-People haben mit gelungener Arbeit die Chance, uns Journalisten am falschen Fuß zu erwischen – im positiven Sinn. Facebook strebt nicht umsonst an, ein zum offenen Internet paralleles, semigeschlossenes Netz aufzubauen: Auf Facebook kommuniziere ich vorwiegend mit Leuten, die ich kenne und denen ich vertraue. Wenn die mir innerhalb dieses Trust Networks eine Info weiterschicken, dann gehe ich an die mit einer ungleich höheren Aufmerksamkeit heran als an die x-te Presseaussendungs-Email des Tages.
  • Wer es nicht schafft, sich online glaubwürdig zu bewegen, verliert mehr als er gewinnt. Pressetexte unverändert in Facebook “reinstellen” ist peinlich, genauso wie offensichtlich “dienstliche” Profile, die nur dazu dienen, immer wieder Marketing-Speak zu verbreiten. In den Social Networks muss PR vom Verbreiter persönlich gemeint sein. Die meisten Social Network-Benutzer bemerken die feinen Unterschiede zwischen einer Person und Kunstfiguren (Kampfposts bzw. Status-Änderungen nur zwischen 9.00 und 17.00 Uhr, und dann nach dem Motto: “Heute habe ich meinen Softdrink wieder wirklich genossen”) sofort.
  • Viel Unsicherheit begleitet den Kontrollverlust – Vorsicht, die Konsumenten können jetzt Kritik üben! Meine Meinung: Unternehmen machen sich endlos glaubwürdiger, wenn sie nicht Orwell imitieren. Propaganda-Blogs zu eigenen Produkten machen sich lächerlich und rufen scharfe Reaktionen von Auskennern hervor. Viel interessanter ist ein selbstkritischer und menschlicher Zugang – offensiv auf diverse Lapsi eingehen, die Diskussion suchen, versteckte Features/Aspekte/Ideen ans Licht holen, Kommunikation in beide Richtungen zulassen, auch schon in der Produktentwicklung. Niemand glaubt ernsthaft, das Produkt X die beste Erfindung seit geschnittenem Brot ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, auch in der PR aufzuhören so zu tun, als ob es das wäre. Das ist die große Chance für soziale PR, und sollte nicht die große Angst sein.
  • PR-Leute sollten sich eigentlich freuen: Wenn sie eine gelungene virale Kampagne starten, machen die Rezipienten für die PR-Leute die ganze Arbeit. Ist doch super! Dass auf einen gezündeten PR-Virus wohl 1.000 kommen, die in den Weiten von Facebook und YouTube versickern, ist halt die andere Seite. Herkömmliche PR hat viel mit der Macht der Kanäle zu tun, über die sie verbreitet wird. Bei viraler PR dagegen müssen die Zuständigen lernen, diese Macht aus den Händen zu geben und sich dann am meisten zu freuen, wenn sich eine Kampagne so entwickelt, dass ihre Erschaffer keinen Einfluss mehr auf sie haben.
  • Und, leider: Online-PR funktioniert am besten, wenn sie nicht von PR-Leuten gemacht wird. Wer wirkliche Info will, ist etwa mit dem Blog des Chefentwicklers oder dem Twitter-Feed eines Bandmusikers besser bedient als mit den Marketingphrasen, die vom PR-Department abgesegnet und dann publiziert wurden.
  • In Österreich herrscht eine verheerende Ignoranz darüber, wie tiefgreifend das Online-Leben in den menschlichen Alltag eingegriffen hat. Die Ars Electronica will heuer sogar zeigen, dass die Vernetzung eine von mehreren grundlegenden Veränderungen der menschlichen Natur ist. Ob das stimmt oder nicht – jedenfalls: Es erstaunt mich zutiefst, wie wenig und wie ungeschickt diese neuen Orte von österreichischen Unternehmen genützt werden.
  • Natürlich sind Social Networks eine Infoquelle, weil dort, simpel, ein großer Aspekt des Lebens abgeht. Gute Journalisten entdecken überall dort die besten Geschichten, wo Menschen interagieren.
  • Wäre ich PR-Mensch, würde ich in den Social Networks vor allem eine Chance sehen: Spaß zu haben und innovativ zu sein. PR muss sich in diesem Umfeld neu erfinden. Meine persönliche Meinung: Vieles von dem vergessen, was man gelehrt bekommt. Selber überlegen, was wirklich die Rezipienten interessieren könnte – und was glaubwürdig ist. Alles andere weglassen.